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"Noirvember" - Eine Einleitung in den Film Noir

Beleuchtungswunder: Das Milchglas in Hitchcocks "Suspicion" © RKO Radio Pictures

Eben hatten wir erst den Horrorctober, dessen Rückstau an zu kritisierenden Filmen mich mittlerweile in den Wahnsinn treibt, da ist es auch schon November. Draußen wird es ein wenig trist, es ist schneller dunkel, alles bereitet sich auf den Winterschlaf vor. Das nehme ich zum Anlass um euch ein schwer zu definierendes, aber sehr belohnendes Filmgenre näher zu bringen: den Film Noir. Und weil Wortspiele toll sind machen wir daraus doch glatt Noirvember. Bevor wir uns also alle mit Weihnachtsspecials die Zeit vertreiben werfen wir einen Blick zurück in eine Zeit, in der in Hollywood noch ganz andere Gesetze galten als heute. Der Artikel ist dabei keinesfalls als allumfassend anzusehen, aber ich hoffe ihr werdet am Ende ein bisschen schlauer sein als am Anfang, dann hat sich die Sache schon gelohnt ;)

Historische Einordnung

 

Ja, ich weiß, die meisten von euch finden Geschichte vermutlich recht trocken. Um den Film Noir zu verstehen ist es allerdings notwendig sich wenigstens kurz in der Geschichte umzuschauen. Ich verspreche ich halte mich kurz und verpacke die Infos so lesbar wie möglich.  

Die Wirtschaft bricht zusammen


Wir befinden uns im Amerika der 1930er Jahre. Die 20er waren ein gutes Jahrzehnt, die Wirtschaft boomte, es wurde konsumiert und produziert. Gleichzeitig hatte ein Großteil der Bevölkerung nicht genug Geld um sich all die Dinge zu leisten, die auf dem Markt waren. Also wurden fleißig Kredite aufgenommen, und vermutlich hat einfach niemand so richtig aufgepasst. Es wurde spekuliert, mit Aktien gehandelt, Bilanzen wurden gefälscht. Doch am 24.10.1929 crashte die amerikanische Börse, der Tag ging als "Schwarzer Donnerstag" in die Geschichte ein. Banken meldeten Insolvenz an, da sie zu leichtfertig Kredite vergeben hatten. Die Kunden horteten ihr Geld, es wurde weniger gekauft und natürlich sank so die Nachfrage. Kurzum: die Wirtschaft ging vor die Hunde, es folgte eine weltweite Wirtschaftskrise. Die Welt erholte sich davon auch erst im Zweiten Weltkrieg wieder.

Kino als Flucht vor dem Alltag

"Frau ohne Gewissen" © Paramount
Eine Möglichkeit diesem tristen Alltag zu entkommen war das Kino. Während praktisch fast alle Wirtschaftszweige brach lagen hatte das Kino seine Blütezeit. In den 20ern wurde der Ton besser, der Kontrast zwischen schwarzer und weißer Farbe besserte sich. Die so genannten "Big 5" Studios in Hollywood (MGM, Paramount, Fox, RKO und Warner Bros.) zelebrierten ihren Höhepunkt in beinahe verschwenderischem Ausmaß. 1939 gab es 15.000 Kinos in den USA. Anfang der 30er kam dann Technicolor auf und Filme wie "The Wizard of Oz" entstanden. Solche Filme waren aber aufwändig und teuer, und so überlegte man sich ein Verkaufssystem. Kinos kauften sozusagen die Katze im Sack: Pakete mit bis zu 100 Filmen, bei denen einige wenige Hochkaräter dabei waren, aber der Großteil waren schnell produzierte Filmchen die man spät abends als zweite Hälfte eines Double Features zeigen konnte. So hatten die Kinos um die 100 Filme pro Jahr, während die Studios garantiert Gewinn machen würden. Beide Seiten konnten sich als Gewinner sehen.

Der Einfluss der Nazis auf den Film Noir


Als die Nazis in Europa wüteten kamen immer mehr Regisseure in die USA. Einige kehrten nach dem Krieg in die Heimat zurück, andere waren schlicht auf der Flucht. So oder so, das Gesehene, die Gräueltaten des Krieges mussten verarbeitet werden. Da die Studios ja sowieso mit ihren Filmen Gewinn machten war es bis zu einem gewissen Rahmen möglich zu experimentieren. Der so genannte "Hayes Code" verbot allerdings die Darstellung tabuisierter Dinge wie beispielsweise Sexszenen. Man verlegte solche Szenen also einfach in die Dunkelheit, den weniger ausgeleuchteten Teil des Bildes. Gleichzeitig wurde die Technik mobiler und man konnte auch außerhalb der Studios drehen. So wurde der Film Noir geboren.

Der Untergang des klassischen Film Noir

 

1948 beendete der Supreme Court das blockweise Verkaufen von Filmen. Günstige B-Movies zu produzieren lohnte sich plötzlich nicht mehr. Viele der Regisseure flüchteten vor der Arbeitslosigkeit, und zwar ins Fernsehen. Hier änderte sich die Beleuchtung, Szenen wurden vollständig ausgeleuchtet, also das komplette Gegenteil von Film Noir. Diese gleichmäßige Beleuchtung hält sich bis heute. Gleichzeitig wurde es immer leichter auch mit Farben zu arbeiten, man war also nicht mehr auf die Dunkelheit im Bild angewiesen um beispielsweise Tiefe zu erschaffen. Im Film veränderte sich ebenfalls vieles, unter anderem wurden auch riskantere Themen immer wieder dargestellt, so dass der Hayes Code Ende der 60er abgeschafft wurde.

Schön und gut, aber jetzt nenn doch mal Beispiele!

 
"Tote schlafen fest" © Neue Visionen Filmverleih

Und da stehen wir dann auch schon vor einem massiven Problem. Denken wir an Genres wie... nehmen wir mal Western. Da ist vorher schon klar was als Western klassifiziert wird und man weiß schon bevor man das Drehbuch schreibt dass man einen Western mit seinen typischen Elementen drehen will. Mit dem Film Noir verhält es sich anders. Einige Filmwissenschaftler sind sich sogar einig dass es das Genre "Noir" eigentlich gar nicht gibt und es sich um eine anderweitige Art der Klassifikation handelt, die durch Stimmungen und Motive erzeugt wird. Die Frage ist also: Stil, oder doch eher Genre? Schauen wir uns an was verschiedene Autoren dazu zu sagen haben. 

  • die beiden französischen Kritiker Raymond Borde und Etienne Chaumeton hielten 1955 in "Panorama du film noir américain 1941–1953" stark vereinfachte Kriterien fest: seltsam, erotisch, ambivalent, grausam und mit traumhaften Elementen versehen. Diese müssen aber nicht alle, und auch nicht zu gleichen Teilen vorhanden sein.
  • Die Britannica definiert Film Noir als Genre mit folgenden wichtigen Elementen: zynische Helden, besonderer Beleuchtung, häufig vorkommende Flashbacks, verschachtelte Geschichten und unterschwellige existentialistische philosophische Tendenzen. 
  • Der Filmwissenschaftler Chris Fujiwara betont dass die damaligen Regisseure nicht behauptet haben einen Film Noir zu drehen, sondern davon ausgingen dass sie Kriminalgeschichten oder romantische Melodramen auf die Leinwand bringen. Das Fehlen einer Produktionskategorie zu einer Zeit in der diese Kategorie ihren Höhepunkt erlebte spräche also dafür dass Noir nicht unbedingt ein eigenes Genre, sondern eher ein Stil wäre. 
  • Raymond Durgnat, ein britischer Kritiker, stellte 1970 in Paint It Black: The Family Tree of the Film Noir fest: Der ‚Film Noir‘ ist kein Genre wie der Western oder der Gangsterfilm, und er führt uns in den Bereich der Klassifizierung durch Motiv und Stimmung

Man sieht also: vier Leute, vier Meinungen, die alle unterschiedlich ausfallen. Fassen wir zusammen was wir bisher über den Film Noir wissen:

Wir haben düstere Charaktere. Frauen treten meist als Femme Fatale auf, die Männer sind zynisch, verbittert und abgehalftert. Die Dialoge sind sehr auf das Wesentliche reduziert, der Grundton ist pessimistisch. Die Kamera arbeitet ruhig, Flashbacks werden großzügig verwendet. Einen besonderen Stellenwert hat auch die Beleuchtung, so wie das visuelle generell hier sehr eigen ist. Schauen wir uns diese beiden Schwerpunkte mal genauer an. 

Die Beleuchtung und das Visuelle im Film Noir


Dreht man einen Film, dann verwendet man typischerweise drei Arten von Licht: Key Light (das hellste und dominanteste Licht), das Fill Light (gegenüber dem Key Light um Schatten aufzufüllen) und das Back Light (welches Konturen schafft die zB einen Darsteller vom Hintergrund abheben). Für den Film Noir ist das Key Light elementar, außerdem ist das Back Light als Gegenstück dazu wichtig. Für den Film Noir ergibt sich aus diesen beiden Anteilen das Low-Key Lighting. Seinen Ursprung findet diese Form in der Renaissance, dort nannte man diese Art der Beleuchtung Chiaroscuro. Hier werden gleichzeitig zB Figuren überbelichtet und Schatten verstärkt, um die Figuren durch verstärkte Kontraste noch deutlicher hervortreten zu lassen. Hier ein Beispiel von Caravaggio: 

Der Ungläubige Thomas von Caravaggio
Auch im Film Noir wird mit dieser Art des Kontrastes gearbeitet. Oft bleiben große Teile des Bildes schwarz, auch Schatten spielen eine große Rolle. Durch das Setzen von weißen Punkten im Bild, oft Reflexionen, wird verhindert dass sich die Augen des Zuschauers an die Dunkelheit gewöhnen. Dadurch wirkt das Bild gleichbleibend finster, während man sich mit dem Ausbleiben eines solchen Referenzpunktes irgendwann auch in der Dunkelheit zurecht finden würde. 

Dadurch dass die meisten Zuschauer mit Dunkelheit automatisch auch Negatives assoziieren dient die Beleuchtung durchaus unterstützend zur Narrative. Sie kann bedrohlich wirken, sie kann für Verbrecher aber auch Schutz bieten, um nur zwei verschiedene Beispiele zu nennen. Verstärkt werden können diese Eindrücke durch die Kameraperspektive. So wird oft schräg gefilmt, die Figuren werden von weit oben oder sehr weit unten abgefilmt um sie beispielsweise bedrohlicher oder auch kleiner aussehen zu lassen. Weitwinkelobjektive spielen häufig eine Rolle, ebenso wird gerne durch Glas oder anderes, verzerrendes Material hindurchgefilmt. Viele, wenn nicht die meisten Filme sind in Schwarzweiß gedreht, es gibt aber zahlreiche Ausnahmen. Auch Filme die überwiegend im hellen gefilmt wurden können dem Genre zugeordnet werden, das visuelle reicht als Identifikationspunkt also kaum aus.

Das Licht ist verhältnismäßig hart, dementsprechend sind die Schatten klar umrissen und nicht aufgeweicht oder verschwommen. Hartes Licht kommt von einer einzigen Lichtquelle, stellt euch vor ihr richtet einen Scheinwerfer auf eine Person. Würde das Licht aus mehreren Quellen kommen, so würde das Licht weicher wirken. Verschiedene Blenden oder auch Objekte vor der Lichtquelle erzeugen beispielsweise die Fensterläden-Optik die so typisch für den Film Noir ist. Die Frauenfiguren werden hingegen oft mit weichem Licht beleuchtet, um das sie umgebende Mysteriöse zu verstärken.

Ein so genannter "Venetian Blinds Shot" aus "Killer's Shadow"


Meinetwegen. Aber wo bleiben die verdammten Beispiele? 

Ok, ihr wollt Beispiele. Filmfutter, das ihr verschlingen könnt. Vielleicht auch ein paar Comics? Alles kein Thema, ich hab euch ein paar Leckerbissen herausgesucht.

Klassischer Film Noir

Hier eine Vielzahl von Filmen aufzuzählen würde den Artikel vermutlich sprengen, deswegen mache ich es kurz und bringe euch drei Filme näher, die man gesehen haben sollte um eine vernünftige Grundlage für Gespräche zu haben. Alle drei Filme zusammen sollten eine feste Grundlage bilden, auf der man bei Interesse dann aufbauen kann, aber wenn ihr die drei kennt, dann habt ihr eure Hausaufgaben vorerst gemacht. 

  • "Frau ohne Gewissen" (Double Indemnity), Billy Wilder 1944: Laut Woody Allen der beste Film der je gedreht wurde, verfilmt nach dem Roman von James M. Cain. Ein Versicherungsvertreter, durch und durch harmlos, wird von einer Frau dazu verführt ihren Mann ums Leben zu bringen, um eine Versicherung auszahlen zu lassen. Vielleicht die Mutter aller Femme Fatales und sicher einer der besten, wenn nicht sogar wirklich der beste Film Noir.
  • "Im Zeichen des Bösen" (A Touch of Evil), Orson Welles 1958: Auch hier liegt ein Roman als Grundlage vor, nämlich "Badge of Evil" von Whit Masterson. Welles hat die Charaktere sozusagen vertauscht und erzählt mehr als 50 Jahre vor unserer Zeit ein Drama rund um die mexikanisch-amerikanische Grenze. Ein Thema das auch heute noch nichts an Aktualität eingebüßt hat. 
  • "Tote schlafen fest" (The Big Sleep), Howard Hawks 1946: Grundlage hier ist der Roman von Raymond Chandler. Lauren Bacall und Humphrey Bogart, zwei der damals (und heute noch) größten Darsteller überhaupt, suchen nach einem verschwundenen Mann. Doch die Story ist hier nur nebensächlich, wird zwar am Ende aufgelöst und ist typisch für den Film Noir, die Bühne gehört aber den Darstellern. Beide waren miteinander verheiratet und in der fertigen Fassung wurden einzige Szenen herausgeschnitten um die Beziehung zwischen den Figuren zu betonen. So wird die Geschichte immer mehr zu einer Art Labyrinth, dessen Besuch sich aber ganz klar lohnt. 
 Im Zeichen des Bösen © Universal

Neo-Noir

Neo-Noir verfolgt die gleichen Grundprinzipien wie der klassische Film Noir, wartet aber mit neuen technischen Spielereien oder anderen, aktuelleren Themen auf. Sozusagen ein Update. Relevante und bekannte Vertreter sind relativ zahlreich vertreten. Wie auch beim klassischen Film Noir sind die Grenzen hier recht weit gesteckt und über die Zuordnung einiger Filme in dieses Genre kann man sicher streiten, was ihr in den Kommentaren auch gerne tun dürft. Nachfolgend soll nur eine minimale Auswahl getroffen werden, die aber dennoch eindeutig aufzeigt wie vielseitig diese Art von Film sein kann. Wie immer gilt: wenn ihr eine Empfehlung loswerden wollt hinterlasst einen Kommentar, macht die Leser auf eure Favoriten aufmerksam!

-David Cronenbergs "A history of violence" von 2005
- Mary Harrons "American Psycho" von 2000 nach dem gleichnamigen Buch von Bret Easton Ellis
- Paul Verhoevens "Basic Instinct" von 1992
- Die Coen-Brüder drehten "The Big Lebowski" 1998
- Ridley Scotts "Blade Runner" von 1982
- David Lynchs "Mulholland Drive" von 2001
- John Boormans "Point Blank" von 1976

 
Noir-Comics

Szene aus "Sin City" © Buena Vista
Auch Comics bedienen sich Noir-typischer Elemente. Den Auftakt machte seinerzeit "The Spirit" von Will Eisner. Alan Moores "Watchmen" folgte, Stan Lee zeichnete "Daredevil". Auch "Batman" lässt sich hier einordnen. In der jüngeren Comicgeschichte wäre Frank Millers "Sin City" zu nennen. Ihr merkt schon, die hier genannten Comics wurden alle auch verfilmt, teils mehrfach.

Abschließende Worte

Lässt sich der Film Noir jetzt so richtig schön eingrenzen und klar von anderen Genres abheben? Ich würde sagen nein. Man ist sich ja nicht einmal sicher ob es sich nun tatsächlich um ein Genre handelt oder doch eher um wiederkehrende Elemente. Ist auch fraglich ob man nun immer alles klar benennen muss. Ich hoffe jedenfalls dass ihr etwas gelernt habt, so wie ich beim Schreiben. Wenn ihr Filmtipps habt lasst sie doch in den Kommentaren. Wenn ihr unbedingt mal ein Genre auf diese Art hier behandelt sehen wollt gilt das gleiche, vielleicht wird ja eine wiederkehrende Sache draus.