Posts mit dem Label Carpenter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Carpenter werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Filmkritik: It Follows

 © Weltkino
Machen wir uns nichts vor, wir werden seit ein paar Jahren von schlechten und durchschnittlichen Horrorfilmen nach Schema F überflutet. Entweder gibt es Torture Porn im Stile von Saw 1 bis 836, oder wir kriegen die Jumpscares im Dutzend um die Ohren geworfen. Andere Herangehensweisen gibt es, doch sie sind selten. Zuletzt nahm sich beispielsweise "The Babadook" der Sache an, und unter der Regie von Jennifer Kent entstand ein Psychodrama mit Horrorelementen, dass es in sich hatte. Und nun steht Nachschub in den Startlöchern. Mit "It Follows" verfilmt David Robert Mitchell vor allem einen persönlichen Alptraum, doch neben einem der besten Horrorfilme der letzten Jahre serviert er, so ganz nebenbei, noch ein beeindruckendes Coming of Age Drama, welches die Schattenseiten des Erwachsenwerden so deutlich und unbeschönt darlegt wie es selten der Fall ist. Ihr merkt schon, ich fand den Film extrem gut. Findet nachfolgend heraus, wieso genau das so ist. 



 © Weltkino
Story: Eigentlich sollte es etwas besonderes werden: Die 19 Jahre alte Jay hat zum ersten Mal Sex mit ihrem Freund Hugh. Doch danach offenbart er ihr etwas schreckliches. Ein Fluch liegt auf ihm, und er hat diesen durch den Geschlechtsverkehr auf Jay übertragen. Ab sofort wird sie von einem für andere unsichtbaren Wesen verfolgt. Um es loszuwerden muss sie es ebenfalls durch Sex weitergeben. Ihre Freunde wollen ihr währenddessen bei der Flucht helfen. Doch gibt es überhaupt eine Möglichkeit, zu entkommen?

Kritik: Die Idee ist so genial wie sie einfach ist: etwas, dass für andere unsichtbar ist, verfolgt die Protagonistin auf Schritt und Tritt. Es ist langsam, aber es bleibt niemals stehen. Übertragen wird es durch Sex. Du kannst es nur sehen, wenn du selbst infiziert bist oder infiziert warst. Und es kann jede Gestalt annehmen, auch die von Personen, die du kennst und denen du vertraust. Entweder kriegt es dich, oder du gibst es vorher an eine andere Person weiter. So simpel wie das klingt, so effektiv ist es. Es sind ureigenste Ängste, die hier bedient werden, und das mit einer ungeahnten Effektivität. Der Suspense ist von der ersten Minute an greifbar, man könnte die Luft im Film mit einem Messer zerteilen. Dass während des ganzen Films beinahe ohne Jumpscares ausgekommen wird ist ebenfalls löblich. Natürlich hat die ganze Sache mit dem Wesen noch weitere Haken, aber die müssen selbst entdeckt werden.

Denn "It Follows" braucht dieses Geheische um die Nerven des Zuschauers nicht. Laut muss nich immer gruselig bedeuten, und wenn einem nicht andauernd etwas ins Gesicht springt, dann sind die wenigen Ausnahmen in denen dies doch passiert umso effektiver. Schaut man sich im japanischen Horrorfilm um, so wird schnell klar dass Dinge, die einfach auf die Kamera zulaufen völlig ausreichen um die Nerven in Anspannung zu bringen. Und David Robert Mitchell spielt auf diesen angespannten Nerven dann Geige: schräg, dissonant und verstörend. Jede Figur im Hintergrund verkommt zu einer potentiellen Bedrohung, nichts ist mehr sicher. Als Zuschauer kann man sich davon nicht loslösen, und so sucht man verzweifelt das Bild ab, versucht das Monster zu finden bevor es die Protagonistin erwischt.
 © Weltkino
Die Diversität, mit welcher die Kamera hier agiert ist mindestens mitreissend. Mal taucht etwas verschwommenes im Hintergrund auf, mal begleitet man die Protagonistin bei einem Spaziergang, der scheinbar ohne Schnitte auskommt. Mal dreht sich das Bild um sich selbst und der Schrecken kommt mit jeder Einstellung ein bisschen näher. Anhänger von John Carpenter's frühen Werken werden sich hier wohlfühlen, denn die Kamera suhlt sich geradezu in ihrer Funktion als Beobachter. Besonders zu Beginn, wenn wir als Zuschauer nicht sehen wovon das Mädchen verfolgt wird, aber sofort deutlich wird dass "etwas" hinter ihr her ist, wird der Effekt dieser Vorgehensweise deutlich: man ist mittendrin, ob man nun will oder nicht, man ist gezwungen mitzufiebern. Die sichere Umgebung, mit warmen Farben ausgeleuchtet, verliert zunehmend an Sicherheit, sie wird im Verlauf des Films kühl und wirkt beängstigend. Die ach so friedlichen Straßen, die schönen Häuser, sie sind nur Fassade für den Horror, der darunter lauert. Unterlegt wird diese Dekonstruktion der Vorstadt mit dem nervenzerfetzenden Soundtrack von Rich Vreeland, der hier eine wahre Symphonie der schrägen Töne heraufbeschwört. Detroit muss so oft als Stellvertreter für den bröckelnden Zerfall des American Dream herhalten, und auch hier verkommt die 8 Mile zum Sinnbild für den Übertritt in eine andere Welt.

Doch "It Follows" nur als reinen Horrorfilm zu betrachten würde ihm nicht gerecht werden. Denn es geht um so viel mehr. Coming of Age ist ein Thema, und so unglaublich es auch ist, aber: "It Follows" liefert ein recht akkurates Bild von Teenagern. Wir sind ja alle immer darin versucht, zu verstehen wie Teenager "funktionieren", wir wollen analysieren was sie mögen, was sie interessiert, wollen daraus relevante Aussagen ziehen, Werbung und Inhalte liefern um diese ach so mysteriöse Schicht der Gesellschaft noch irgendwie erreichen zu können. Den Teenagern in diesem Film ist all das egal. Sie leben ihr Leben, ein Tag vergeht, ein Tag mehr den man sich auf das Erwachsenenleben zubewegt hat ohne dass man dazu wirklich Lust hatte. Alle Figuren sind miteinander befreundet, weil man das eben so ist. Man hilft einander, weil...ja, weil man das für Freunde so macht. Wirklich große, emotionale Gesten finden nicht statt, doch die Verbundenheit liegt in der Tiefe. Das Leben als Teenager ist halbwegs sorgenfrei, und es ist im Begriff, Jay und ihren Freunden davonzurennen. Zu einem Schatten zu verkommen, der einen noch verfolgt, der aber niemals wirklich präsent ist. Maika Monroe verkörpert die ziellose und vom Etwas verfolgte junge Frau auf ergreifende Weise, mit ihr nicht mitzufühlen dürfte selbst einem Stein schwerfallen. Dies ist umso eindrucksvoller, als dass wir niemals wirklich in Jays Innerstes hineinblicken. Sie redet über ihre Erwartungen, erzählt ihren Freunden Dinge, doch als Zuschauer wird man auf Mindestabstand gehalten.
 © Weltkino
Wer nun erwartet hätte dass "It Follows" aufgrund seiner Prämisse zu einem Lehrstück über die Gefahren von Sex in jeder Form verkommt, der irrt ebenfalls. Sex beschäftigt die Teenager, ist etwas das ergründet werden muss. Etwas, bei dem die Erwartungen mit dem Ergebnis kollidieren. Doch auch wenn es primär der Auslöser für die Verfolgung durch ein übernatürliches Wesen ist, so fühlt es sich viel eher an, als wäre es der Verlust der Kindheit, der verblassende Schatten der Unbekümmertheit und die Ungewissheit über die eigene Zukunft, die Jay auf so erschreckende Art verfolgt.

Fazit:Undurchdringliche Atmosphäre trifft auf nervenzerfetzenden Soundtrack. "It Follows" macht keinen Hehl daraus, sich in Sachen Kinematografie und Erzählweise bei den Großmeistern zu bedienen. Und doch ist der Film wundervoll eigenständig und lädt auch zum mehrmaligen Anschauen ein. Für die Ersichtung dürfte die größte Aufgabe wohl sein, sich nicht zu sehr zu gruseln. Doch darunter befinden sich so zahlreiche andere Strömungen, die "It Follows" mal zu einem reinen Coming of Age Drama machen, mal Bodyhorror in Reinstform präsentieren und uns im nächsten Bild schon wieder etwas ganz Anderes präsentieren. Ein Befreiungsschlag für das eingeschlafene Mainstream-Horrorkino der letzten Jahre und ein uneingeschränkt empfehlenswertes Filmerlebnis.

Infos zum Film
Originaltitel: It Follows
Genre: Horror
FSK: 12
Laufzeit: 107 Minuten
Regie: David Robert Mitchell
Darsteller: Maika Monroe, Jake Weary, Lili Sepe, Debbie Williams, Keir Gilchrist, Olivia Luccardi
Trailer