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Gelesen: Winter is Coming - Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones

© Theiss Verlag

Eventuell ist es dem einen oder der anderen beim lesen hier schon aufgefallen. Dem Rest sei verkündet: Ich mag "Game of Thrones". Sehr sogar. Die Serie, die Bücher, you name it. Groß war dementsprechend die Freude, als "Winter is Coming" von einem besonders fleissigen Raben in meinen Briefkasten gelegt wurde. Zeit für eine ausführliche Besprechung. 

Das sagt die Inhaltsangabe: Game of Thrones‹ ist Gegenstand heftiger Diskussionen in den Medien und für Millionen von Fans in aller Welt, die zahllose Theorien entwickeln, wie die Geschichte wohl weitergehen wird. Doch trotz all dem hat bisher kein Buch verraten, wie George R. R. Martin sein erstaunliches Universum geschaffen hat. Während Carolyne Larrington Romane und Fernsehserie zugleich im Blick hält, erkundet sie jene mittelalterliche Welt aus Rivalitäten und Krieg, Liebe und Verrat, Gier und Macht, deren Inbegriff die Rosenkriege in England bilden. Außerdem vertieft sie sich unter anderem in die Themen Wappen, Riesen, Drachen und Schattenwölfe in Texten des Mittelalters, Raben, alte Götter und Wehrholz in den nordischen Mythen sowie in den bizarren, exotischen Orient auf dem Ostkontinent Essos. Von den Weißen Wanderern bis zur Roten Frau, von Casterlystein bis zum Zitternden Meer ist dieses Buch ein unentbehrlicher Reiseführer in die bedeutendste Schöpfung der Fantasyliteratur des 21. Jahrhunderts.

Kritik: Wie schreibt man ein Sachbuch über eine Reihe wie "Game of Thrones"? Aktuell sind es sechs Serienstaffeln und fünf veröffentlichte Romane, wenn man nach der englischen Zählung geht. Wer auf Deutsch liest, wird doppelt zur Kasse gebeten (und muss sich mehr Buchnamen merken). Unzählige Charaktere und zahlreiche Handlungsorte zeichnen die Geschichte aus. George R.R. Martin bediente sich ausgiebig an historischen Ereignissen und Erzählungen und schuf daraus seine ganz eigene Welt. Da ist der Durchblick nicht immer ganz so leicht.

Das dachte sich wohl auch Carolyne Larrington. Sie arbeitet als Professorin an der Uni in Oxford und beschäftigt sich dort viel mit mittelalterlicher Literatur, Sagen aus Skandinavien sowie den einzelnen Ländern des Vereinigten Königreiches und legt nebenbei noch ein Augenmerk auf die Geschichte der Frauen in diesen Kontexten. Kurzum, die Dame rockt ziemlich. Ihre Begeisterung für "Game of Thrones" wird dann auch beim lesen spürbar. Nach einer Einleitung, in der kurz darüber informiert wird, dass die Inhalte bis zum Ende der fünften Staffel / dem fünften Buch (A Dance with Dragons) besprochen werden, geht es dann auch schon los. Wobei, ein Spoilersystem mit verschiedenfarbigen Raben am Rand einzelner Seiten wird ebenfalls vorgestellt. Eine schöne Idee, so können auch diejenigen, welche in der Handlung noch nicht so weit vorangeschritten sind, mitlesen.

Thematisch ist das Buch in fünf Kapitel unterteilt. Als Leser wird man auf eine Reise von Norden nach Süden geschickt. Persönlich empfinde ich das als willkommene Abwechslung, allein die Vorstellung, jemand würde chronologisch zur Geschichte alles aufdröseln... reden wir lieber nicht drüber, da würde wohl ein Wälzer mit 2000 Seiten entstehen. Die einzelnen Kapitel befassen sich dann ausgiebig mit Elementen der verschiedenen Gesellschaften. Larrington zieht jeweils Parallelen zu historischen oder sagenhaften Ereignissen. Dabei verzichtet sie auf hochgestochene Phrasen, ihre Texte sind gut verständlich und wirklich informativ gehalten. Ich fand die teils eingedeutschten Namen gewöhnungsbedürftig, meine bisherigen Kontakte mit Büchern und Serie waren allesamt auf englisch. Da hatte ich zwischenzeitlich ein bisschen Orientierungsprobleme, die sich aber meistens im Kontext lösen ließen. Wer gemischt oder aber auch nur die deutschen Fassungen konsumiert, kommt aber sicher gut zurecht.

Für diejenigen, die bisher weder mit den Büchern noch der Serie Kontakt hatten, dürfte das Buch wohl zuviel des Guten sein. Ein gewisser Grad an Vorwissen ist schon erforderlich. Larrington erklärt aber dennoch viele Zusammenhänge, und man muss nicht beide Formate in- und auswendig kennen, um sich zurechtzufinden. Da möglichst viele Leser angesprochen werden sollen, handelt sie die einzelnen Themenpunkte zwischenzeitlich etwas knapp bemessen ab. Am Ende des Buches wartet dann aber ein wirklich umfassendes Literaturverzeichnis. Wer sich dann für einzelne Themenschwerpunkte ausgiebiger interessiert, findet hier sicherlich die passende Lektüre. Als Begleittext für Serie und Bücher und als Überbrückung für die lange Wartezeit auf neue Staffeln und neues Lesefutter sind Fans hier aber wirklich gut bedient.

Fazit: "Winter is Coming" schafft die Gratwanderung zwischen zugänglich und wissenschaftlich nahezu perfekt. Für mich, mit immerhin drei Semestern Geschichtsstudium auf dem Buckel hätte es gerne noch ein bisschen mehr in die Tiefe gehen können. Doch da schafft das umfassende Literaturverzeichnis am Ende Abhilfe. Carolyne Larrington vermittelt eine Vielzahl von Themen, jede Menge Hintergrundwissen und wirklich spannende Querverweise auf lockere Art. Bücher und Serie werden miteinander verbunden, und am Ende ist man garantiert schlauer. Eine klare Leseempfehlung für all diejenigen, die sich tiefergehend für die Hintergründe des Liedes von Eis und Feuer interessieren.

Fakten zum Buch 

Winter is Coming - Die mittelalterliche Welt von Game of Thrones von Carolyne Larrington | Verlag: Theiss | erschienen am 12.09.2016 | Übersetzer: Jörg Fündling | Softcover | 320 Seiten | 19,95€

Gelesen: Harry Potter and the Cursed Child Parts I + II

© Little, Brown Book Group

Story: Es war nie leicht, Harry Potter zu sein – und jetzt, als überarbeiteter Angestellter des Zaubereiministeriums, Ehemann und Vater von drei Schulkindern, ist sein Leben nicht gerade einfacher geworden. Während Harrys Vergangenheit ihn immer wieder einholt, kämpft sein Sohn Albus mit dem gewaltigen Vermächtnis seiner Familie, mit dem er nichts zu tun haben will. Als Vergangenheit und Gegenwart auf unheilvolle Weise miteinander verschmelzen, gelangen Harry und Albus zu einer bitteren Erkenntnis: Das Dunkle kommt oft von dort, wo man es am wenigsten erwartet.

Kritik: Alternativ hätte man das Script zum Theaterstück, um das es sich hier handelt, auch "Das beinahe völlige Verschwinden der Magie" nennen können. Denn eines ist sicher: mit den ursprünglichen Büchern hat "Harry Potter and the cursed Child" beinahe nichts mehr zu tun. Die deutsche Fassung erscheint übrigens am 24. September und wird den Titel "Harry Potter und das verwunschene Kind" tragen. Das Englisch in diesem Buch ist aber sehr einfach gehalten, bedingt natürlich auch durch die Drehbuchform. Wer also nicht warten will und halbwegs fit ist, kann sich hier ruhig dran versuchen.
Die erste Seite ist immer das aufregendste, oder?
Das sich so eine Lücke zu den anderen Büchern auftut, liegt einerseits natürlich an der Form. Es handelt sich um die niedergeschriebenen Dialoge zum entsprechenden Theaterstück. Einige werden die Form vermutlich aus zahlreichen Schullektüren kennen. Sie ist nicht jedermanns Favorit, ich finde es ziemlich entspannt zum lesen. Es ist auf das Wesentliche reduziert und man kann sich viel mehr Dinge einfach vorstellen. Bühnenanweisungen sind ebenfalls enthalten. Wer die liebevollen Details der ersten sieben Bücher großartig fand, wird hier vermutlich schwere Zeiten vor sich haben J.K. Rowling hat das Buch nicht geschrieben, sondern nur die Idee zur Verfügung gestellt. John Tiffany und Jack Thorne zeigen sich in weiten Teilen für die Ausformung der Geschichte verantwortlich. Falls ihr übrigens Tickets für die Aufführung am Londoner Westend ergattern wollt: viel Erfolg, nach aktuellem Stand ist es bis in den kommenden Sommer ausverkauft.

Und dann sind natürlich die Figuren aus den ersten sieben Büchern nun erwachsen. Und wie das so ist, wenn man erwachsen wird: vieles wird langweiliger. Harry Potter hat, genau wie Hermine, einen Job im Magisterium, nach wie vor sind alle miteinander verheiratet, neu sind die Kinder. Und um die geht es in erster Linie. Albus Severus Potter ist in etwa so weit von dem entfernt, was man sich unter einem Potter vorstellt, wie es nur möglich ist. Harry kann die Enttäuschung darüber oft nicht verbergen, und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn erweist sich zügig als angeknackst. Im Hause Malfoy sieht es ganz ähnlich aus, und so freunden sich die beiden Jungs an. Hätte ich übrigens nie gedacht, aber das Skript schafft es, Draco Malfoy auf ein ganz neues Level an Sympathie zu heben. Dafür erleben wir aber auch ganz neue Ausmaße einer trotteligen Version von Ron, die unerträglich zu lesen ist. Älter werden bedeutet nicht immer automatisch, dass man unausstehlich wird. Aber zumindest mit den Kindern hätten sich unendlich viele Möglichkeiten für spannende Geschichten rund um Freundschaft und Abenteuer ergeben.
Ein schöner Rücken kann ja auch entzücken.
Stattdessen gibt es eine kurzweilige Story, die oberflächlich betrachtet eigentlich recht gut ist. Zeitreisen, der Dunkle Lord, die Vergangenheit, alternative Zeitlinien: alles kommt irgendwie vor. Doch statt neue Figuren einzuführen werden der Reihe nach alte Bekannte abgeklappert. Was weniger schlimm wäre, wenn nicht viele von ihnen plötzlich ganz andere Wesenszüge aufweisen würden, als es in den sieben anderen Büchern der Fall war. Ohne jetzt hier spoilern zu wollen, aber hier passieren Dinge, die selbst für schlechte Fanfiction noch undenkbar wären. Dinge, die auf so großer Ebene relevant sind, dass mir unbegreiflich ist, wie das als Buch durchgehen kann, und dann noch quasi offizieller Kanon ist. Wenn ich auf einem 300 Seiten kurzen Buch alle 30 Seiten innehalten muss, um mich zu fragen was zur Hölle ich da eben gelesen habe, dann stimmt irgendetwas nicht. Wenn ich eine fortlaufende Geschichte schreibe, dann muss ich doch darauf achten, dass es sowas wie Kontinuität gibt, dass sich an von mir selbst aufgestellte Regeln gehalten wird. Dies ist hier leider nicht der Fall.

Fazit: Für einen kurzen, oberflächlichen Trip in die Nostalgie-Schublade mag das Buch sich bestimmt gut eignen. Doch die liebgewonnenen Figuren, die mich durch das Erwachsenwerden hindurch begleitet haben, sind hier nur noch Schatten ihrer selbst. Aufgestellte Regeln für das Potter-Universum gelten auf einmal nicht mehr. Die Geschichte steckt voller Logiklöcher, über die nicht mal mit viel Wohlwollen hinweggesehen werden kann. Widersprüche zu den anderen sieben Büchern machen sich überall bemerkbar. Nein, da kann man gut und gerne drauf verzichten, bei Bedarf findet man sicherlich im Internet besser (und sinnvoller!) geschriebene Fanfiction.