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Filmkritik: Zoomania

© Disney
Story: Zoomania ist eine Metropole wie keine andere, eine Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und Schmelztiegel der unterschiedlichsten Tierarten aus aller Welt: Wüstenbewohner leben in Sahara-Wolkenkratzern neben Eisbären in coolen Iglu-Appartements. Hier scheint für jeden einfach alles möglich, egal ob Spitzmaus oder Elefant. Doch als Polizistin Judy Hopps – jung, ehrgeizig, erster Hase bei der Polizei überhaupt – nach Zoomania kommt , stellt sie schnell fest, dass es gar nicht so einfach ist, sich als einziges Nagetier in einer Truppe aus knallharten und vor allem großen Tieren durchzubeißen. Eben noch dazu verdonnert, Knöllchen zu schreiben, erhält die aufgeweckte Hasendame vom Polizeichef ihren ersten großen Auftrag: Sie soll eine zwielichtige Verschwörung aufdecken, die ganz Zoomania in Atem hält. Ihr erster richtiger Fall erweist sich bald als eine Nummer größer als gedacht, doch Hopps ist fest entschlossen, allen zu zeigen, was sie drauf hat! Auch wenn sie dafür notgedrungen mit dem großmäuligen und ziemlich ausgefuchsten Trickbetrüger Nick Wilde zusammenarbeiten muss…

Kritik: Disney erforscht sich, so scheint es jedenfalls, aktuell immer wieder selbst. "Tangled" brachte eine moderne Version von Rapunzel, "Frozen", "Big Hero 6" und "Wreck it Ralph" bewegten sich in dem Spannungsfeld zwischen traditioneller Disney-Erzählung und moderner Herangehensweise. "Zoomania", oder wie er im Original (und deutlich sinnvoller) heißt, Zootopia, ist dabei zuerst einmal wunderschön anzuschauen. Spätestens wenn Judy mit dem Zug in die große Stadt fährt und wir als Zuschauer alle Bereiche zu sehen bekommen (eisige Welten gleich neben der Sahara und einem saftigen, satten Dschungel), macht sich staunen breit. Auch der Aufbau der Welt ist gewohnt liebevoll bis in die kleinsten Details durchdacht. Es mag sich um eine Welt handeln, in der nur Tiere leben, aber alles wirkt so, als ob dieser Ort tatsächlich existieren könnte. Hier finden sich dann auch schon die ersten Seitenhiebe auf unsere Gesellschaft, die für den einen oder anderen Lacher sorgen. Ebenso unterhaltsam sind zahlreiche Anspielungen seitens Disney auf aktuelles, popkulturelles Geschehen.
© Disney
Neu, oder zumindest relativ neu für Disney, ist der überdeutliche Bezug zu aktuellen Themen. An die immer wiederkehrende "Du kannst alles sein, was du willst" Botschaft haben wir uns bereits gewöhnt, und eine Armee von einzigartigen, speziellen Schneeflocken bevölkert momentan die Welt, nur um zu lernen, dass sie alle nicht so besonders sind wie ihre Eltern ihnen das eingeredet haben. Doch hier wirkt das alles ein wenig eindringlicher, und vor allem wird es dank der tierischen Protagonisten erfolgreich auf weitere Themengebiete ausgeweitet. Und genau hier begibt sich der Film auf eine Gratwanderung, die ihm nicht immer gelingt.

Denn es wird rasch deutlich, dass auch hier die Tiere stellvertretend für Menschen stehen. Und während die Kernaussagen des Films, nämlich dass Stereotype schlecht sind, dass jedem alle Möglichkeiten offen stehen und so weiter, innerhalb der geschlossenen (Tier-)Welt des Filmes noch angehen mögen, wird der Vergleich mit den Menschen kompliziert. Denn der Film nutzt schlicht die falschen Beispiele. Dass Hasen sich beispielsweise recht zügig vermehren, wenn das Umfeld es zulässt, dass Raubtiere niemals ganz gezähmt werden können und unberechenbar bleiben, sind Tatsachen, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Und "Zoomania" liefert genügend Beispiele für beide Richtungen und spart sich die Differenzierung. Würde man hier zwei Menschen mit komplett unterschiedlicher Gesinnung ins Kino schicken, sie beide würden sich am Ende in ihrer komplett entgegensetzten Meinung bestätigt fühlen. Doch vordergründig ist die Botschaft des Films natürlich wunderbar umgesetzt und auch wichtig.
© Disney
Ansonsten gibt es hier für Disney doch eher untypische Kost, "Zoomania" entwickelt sich nämlich über seine Laufzeit hinweg durchaus zu einem Krimi mit Noir-Elementen. Ich will nichts verraten, aber wer sich für das Genre interessiert wird sich über ein paar witzige Anspielungen freuen. Ansonsten ist die Geschichte um Freundschaft und den Glauben an sich selbst schön erzählt, toll animiert und randvoll mit Anspielungen in alle Richtungen. Kurz gesagt: Kurzweilig, lustig, nachdenklich und mal wieder ein Volltreffer aus dem Haus mit der Maus.

Fazit:"Zoomania" hat ganz klar das Herz am rechten Fleck und thematisiert aktuelle Geschehnisse. Da wird anhand von Hasen und Füchsen die ganze Bandbreite von Sexismus, Rassismus, Benachteiligung und Stereotypen abgearbeitet, und das oftmals ziemlich eindeutig. Das ist, vor allem für Disneyverhältnisse, neu, wertet den Film aber ungemein auf. Dass er sich dann am Ende selbst wenigstens ein bisschen in die Pfanne haut, weil die angeführten Beispiele im Bezug auf Menschen mal so gar nicht funktionieren, ist zu verschmerzen. Darüber hinaus sieht "Zoomania" atemberaubend schön aus, steckt randvoll mit popkulturellen Hinweisen und weiß, wie man sein Publikum bei Laune hält, egal wie alt es ist.

Infos zum Film

Originaltitel: Zootopia
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Animation, Krimi, Drama, Komödie
FSK: 0
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston
Sprecher (englisch): Ginnifer Goodwin, Jason Bateman, Idris Elba, Jenny Slate, J.K. Simmons, Alan Tudyk, Bonnie Hunt u.a.

Trailer


Filmkritik: Kung Fu Panda 3


© Twentieth Century Fox of Germany GmbH
Story: Nachdem Panda Po sich damit arrangiert hat, der auserwählte Drachenkrieger zu sein, steht er vor neuen Aufgaben. Aus dem Schüler soll ein Lehrer werden. Als plötzlich sein leiblicher Vater auftaucht und ihm von einem Dorf voller Pandas erzählt ist die Freude zunächst groß. Doch der legendäre Ochsenkrieger Kai kehrt aus der Geisterwelt zurück und sammelt das Chi der anderen großen Meister ein, um stärker zu werden. Po muss seine Aufgabe als Lehrmeister erfüllen, wenn er seine Freunde und das Tal retten will.

Kritik: Auch das dritte Wiedersehen mit dem knuffigen Panda sorgt für eine Menge Spaß. Mit dem sympathischen Vielfraß mitzufiebern ist leicht, denn ganz klar hat der pelzige Geselle das Herz am rechten Fleck. Das altbekannte Team mit Tigress, Viper, Mantis und wie sie alle heissen ist ebenfalls vollzählig vertreten. Und auch wenn es sich um Nebenrollen handelt, so hat doch jeder seinen kleinen Moment und liefert einen wichtigen Beitrag. Die Wertevermittlung, die sich natürlich vornehmlich an ein jüngeres Publikum richtet, ist dezent, aber vorhanden. Freundschaft, Mut, der Glaube an sich selbst, sie alle spielen eine zentrale Rolle. Denn Po ist nicht mehr länger nur Schüler, er soll nun auch unterrichten. Und das ist leichter gesagt als getan. Dabei bleibt der Humor aber keinesfalls auf der Strecke, und wie in den vorherigen Teilen richtet er sich gleichzeitig an die Jüngsten im Saal, und an die Erwachsenen. Bei den Animationen wurde auch nochmals eine Schippe draufgelegt, jede Szene sieht fantastisch aus und macht Lust auf mehr.  
© Twentieth Century Fox
Der vermutlich größte Coup gelingt "Kung Fu Panda 3" aber dort, wo auf den ersten Blick wohl fast niemand hinschaut. Denn im dritten Teil taucht Pos leiblicher Vater auf. Mit immer mehr Patchworkfamilien und vielen Adoptiveltern und offenen Adoptionen sicher ein Thema, das Fingerspitzengefühl verlangt. Und genau das beweisen die Autoren. Zwar lügen beide Väter ihren Sohn in manchen Situationen an, und ich hätte mir eine andere Lösung für diese kleinen Lügen gewünscht. Im großen und ganzen entstehen aber alle Konflikte aus der simplen Tatsache, dass beide Väter das beste für Po wollen. Mr. Ping ist dazu noch extrem unsicher, denn mit Pos leiblichem Vater hat er wohl einfach nicht gerechnet. Po wird aus diesen Streitereien aber weitestgehend herausgehalten. Er wird auch niemals vor die Wahl gestellt, ohne viel Aufheben arbeiten Ziehvater und leiblicher Vater zusammen, um Po so gut es geht zu helfen. In schön miteinander verflochtenen Szenen entdeckt Po seine Gemeinsamkeiten mit all den anderen Pandas. Und Mr. Ping, sein Ziehvater, erkennt dass die anderen Pandakinder sind wie Po und somit sein eigener Sohn. Ein kleiner, aber wichtiger Beitrag in Sachen Interkulturalität.
© Twentieth Century Fox
Da stresst es auch kaum, dass die Geschichte stellenweise doch sehr vorhersehbar ist. Unvorhersehbares und überraschende Wendungen bleiben komplett aus. Pos Vater ist in seiner Handlung ein besonders extremes Beispiel für diese Vorhersehbarkeit. Aber da sich die Reihe nach wie vor in erster Linie an Kinder richtet ist dies wohl zu verschmerzen. Mit Kai hat man einen zunächst eindrucksvollen Gegenspieler entworfen, der dann aber doch in der endlosen Masse an farblosen, schnell vergessenen Bösewichten untergeht.

Fazit: Auch im dritten Teil bewegt sich Panda Po auf zuverlässigem Gebiet. Die Witze zünden, die Story ist zwar nicht neu, mit dem sympathischen Panda fiebert man aber natürlich trotzdem mit. Und im dritten Teil sind die Animationen, das muss festgehalten werden, wirklich atemberaubend schön gelungen.Da stört es auch kaum, dass die Geschichte sich doch das eine oder andere Mal unnötig selbst ein Bein stellt. Schön wäre es gewesen, einen etwas bedrohlicheren Gegenspieler zu erschaffen, Kai wirkt doch relativ häufig eher harmlos. Andererseits steht natürlich die Frage im Raum, wie böse es in einem Familienfilm zugehen darf.   
© Twentieth Century Fox
Infos zum Film

Originaltitel: Kung Fu Panda 3
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Abenteuer, Animation
FSK: 0
Laufzeit: 96 Minuten
Regie: Jennifer Yu, Alessandro Carloni
Drehbuch: Glenn Berger, Jonathan Aibel
Sprecher: originale Stimmen: Jack Black, Bryan Cranston, J.K. Simmons, Dustin Hoffmann, Angelina Jolie, Lucy Liu, Seth Rogen, David Kross, Jean-Claude Van Damme u.a. deutsche Sprecher: Hape Kerkeling, Gottfried John, Bettina Zimmermann, Cosma Shiva Hagen, Ralf Schmitz u.a.

Trailer

Filmkritik: X-Men: Apocalypse

© 20th Century Fox

Story: Seit Anbeginn der Menschheit wurde er als Gott verehrt: En Sabah Nur, genannt Apocalypse, der erste und mächtigste Mutant des Marvel X-Men Universums, vereint die Kräfte vieler verschiedener Mutanten und ist dadurch unsterblich und unbesiegbar. Nachdem Apocalypse nach tausenden von Jahren erwacht, ist er desillusioniert von der Entwicklung der Welt und rekrutiert ein Team von mächtigen Mutanten – unter ihnen der entmutigte Magneto (Michael Fassbender) – um die Menschheit zu reinigen, eine neue Weltordnung zu erschaffen und über alles zu herrschen. Als das Schicksal der Erde in der Schwebe ist, muss Raven (Jennifer Lawrence) mit Hilfe von Prof. X (James McAvoy) ein Team junger Mutanten anführen, um ihren größten Erzfeind aufzuhalten und die Auslöschung der Menschheit zu verhindern.

Kritik: Und da sind sie wieder, unsere liebsten Mutanten. Dieses Mal geht es zurück ins Alte Ägypten, wo Oscar Isaac in Gottgestalt über die Erde herrschen will. Doch wer große Ziele hat, der macht sich auch Feinde, und so geht der Übermutant erst einmal verschütt. Zeit für einen Auftritt der X-Men. Die haben sich nach den Ereignissen aus "Days of Future Past" aufgeteilt. Raven sucht nach anderen Mutanten, Charles bildet junge Mutanten aus, und Eric lebt zurückgezogen und als normaler Mensch getarnt mit seiner Familie in Polen. In ihren jeweiligen Einführungsszenen wird dann auch schnell klar, dass diese Darsteller selbst die dünnste Geschichte mühelos schultern könnten, denn sie sind allesamt fast schon gespenstisch überzeugend. Besonders Michael Fassbender liefert eine Gänsehautperformance ab. Dazu ist der selbst in 3D überzeugende Film herrlich bunt und geht in seinen Comicwurzeln voll auf.
© 20th Century Fox
Doch auch die Neuzugänge schlagen sich wacker. Sophie Turner als junge Jean Grey sticht besonders heraus, aber auch der Rest muss sich nicht verstecken. Der heimliche Favorit aus dem letzten Teil, Evan Peters als Quicksilver, bekommt eine gesteigerte Version seiner coolen Zeitlupensequenz spendiert. Das mag ultimativer Fanservice sein (wie er an einigen Stellen im Film passiert, mit bestem Gewissen wird stellenweise auf die Kontinuität innerhalb der Reihe geschissen), aber es macht eben auch Spaß, zuzusehen. Letztendlich liegen die Probleme des Films, und die hat er eindeutig, an anderer Stelle.

Denn nach mittlerweile 14 Jahren kommt das Franchise nicht mehr vom Fleck. Bereits zu Beginn wurde prinzipiell immer der gleiche Konflikt neu aufgerollt: Einige Menschen sind anders, verstecken sich, werden an die Hand genommen und ermutigt und stehen dann für sich (und die Menschheit) ein. Ein löblicher Ansatz, der gewiss auch so schnell nicht an gesellschaftlicher Relevanz verlieren wird. Doch das immer gleiche Thema wird auf Dauer eben auch langweilig. Bestes Beispiel hierfür ist die Figur des Magneto. Brillant gespielt, keine Frage. Doch wie oft muss man als Zuschauer noch mit ansehen wie Magneto gute Ziele hat, von irgendwem davon abgebracht wird, sich auf einen ausgiebigen Rachetrip begibt um dann am Ende doch wieder klare Gedanken zu fassen? "Apocalypse" bringt diese Redundanz auf ein ganz neues Level, wenn Gespräche zwischen Magneto und Professor X aus den beiden vorherigen Filmen zusammengeschnitten werden und im ersten Moment gar nicht klar wird, dass es sich um verschiedene Filme handelt.
© 20th Century Fox
Auch die Figur des Apocalypse selbst ist viel zu generisch geraten. Vom Talent des Oscar Isaac merkt man unter all der Maske so gut wie gar nichts, dazu kommt eine teilweise fies übertriebene Stimmverzerrung. Eine Rolle, die eigentlich auch jeder Statist aus der zweiten Reihe hätte übernehmen können. Dafür haut der alte Gott dann wenigstens ordentlich auf den Putz wenn es darum geht, die Menschheit zu bestrafen, bringt aber auch dabei nicht mehr als lahme Plattitüden heraus. Als Adaption der Comics wird ein einziger Film, zumal er so vollgepackt mit Figuren ist, dem Charakter sowieso niemals gerecht werden, und es stellt sich die Frage, wie viel Bösewicht man von einem knapp zweistündigen, in sich abgeschlossenen Werk man als Zuschauer überhaupt erwarten darf.

Diese Austauschbarkeit zieht sich durch den restlichen Film, denn die meisten Szenen sind so in sich abgeschlossen, dass man sie alle zusammen in den Mixer stecken könnte und nach kräftigem Durchschütteln immer noch einen funktionierenden Film hätte. Die persönlichen Momente funktionieren dabei tatsächlich am besten, denn der Rest ist zwar nett anzusehen, aber selbst für einen solchen Film am Ende zu viel. Das Ausmaß der Zerstörung ist so groß, so umfassend, dass unweigerlich die Frage im Raum steht, wie die Welt jemals wieder zur Normalität zurückkehren soll. Dieser Gedankengang wird vermutlich irgendwie in Vergessenheit geraten, spätestens mit dem nächsten Teil der Reihe. Doch es stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit, wenn immer wieder die gleiche Geschichte erzählt wird, ohne dass jemals Konsequenzen daraus folgen.
© 20th Century Fox
Fazit:  "X-Men: Apocalypse" erfindet das Superheldengenre nicht neu. Muss er tatsächlich aber auch nicht, denn mittlerweile ist die Reihe so etabliert, dass Fans eh auf ihre Kosten kommen. Visuell ist "Apocalypse" ein Spektakel, auch die Darsteller überzeugen. Sie sorgen auch für die stärksten Momente im Film: Die, in denen es persönlich wird. Denn Apocalypse als Bösewicht bleibt trotz blauer Farbe schrecklich blass. Und auch die Mutanten leider unter der im Superheldengenre weit verbreiteten Krankheit der Konsequenzlosigkeit. Denn hier hat wirklich fast nichts Auswirkungen auf irgendwas, und das macht "Apocalypse" am Ende nett anzusehen, aber eben auch ein wenig zu irrelevant, um innerhalb der Hauptgeschichte wirklich mitreißen zu können.


Infos zum Film

Originaltitel: X-Men: Apocalypse
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Western, Drama, Action
FSK: 12
Laufzeit: 145 Minuten
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Simon Kinberg
Darsteller: Michael Fassbender, James McAvoy, Oscar Isaac, Sophie Turner, Jennifer Lawrence u.a.

Trailer


Filmkritik: Victor Frankenstein

© 20th Century Fox
Story: Der radikale Wissenschaftler Victor Frankenstein (James McAvoy) und sein ebenso brillanter Schützling Igor Strausman (Daniel Radcliffe) teilen eine noble Vision: durch ihre bahnbrechenden Forschungen wollen sie der Menschheit zur Unsterblichkeit verhelfen. Aber Victors Experiment geht zu weit und seine Obsession hat grauenvolle Konsequenzen. Nur Igor kann seinen Freund am Rande des Wahnsinns erreichen und ihn vor seiner monströsen Kreation retten.

Kritik: Im Zuge des anhaltenden Revivals klassischer Horror-Literaturvorlagen bekommt nun auch der gute Doktor Frankenstein ein Make-Over. Und wie schon bei beispielsweise Guy Ritchies "Sherlock Holmes" ergibt sich auch hier eine Mischung aus quirligem viktorianischem Setting, gesprenkelt mit ein paar modernen Einschüben. Aber taugt dieser Ansatz etwas?
© 20th Century Fox
Die klare Antwort darauf lautet: Jein. "Victor Frankenstein" hat einige Aspekte, die wirklich wunderbar funktionieren. Wer auch immer James McAvoy für die Hauptrolle besetzte sollte ein dickes Lob dafür bekommen, der gute ist ganz und gar entfesselt. Nichts ist ihm zu cheesy, nichts zu überdreht. Mit einer leichten Überdosis Wahnsinn brüllt und zürnt er sich durch den Film, nur um im nächsten Moment einen manischen Lachanfall zu bekommen. Seine Schwächen und Stärken werden von einem zurückhaltenden, aber ebenso überzeugenden Daniel Radcliffe vollumfänglich gespiegelt. Die beiden haben sich klar gesucht und gefunden. Auch wenn Radcliffe leider nicht zu den begabtesten Darstellern gehört und über die Mitleidsschiene nicht hinauskommt. Und dann ist da noch Andrew Scott, meine liebste Inkarnation von Moriarty in "Sherlock" von der BBC. Als fanatischer Polizist erdet er das Geschehen, macht Dinge greifbar und dient als Ankerpunkt für die Zuschauer. Und natürlich ist er überzeugend, wie könnte es auch anders sein. In einer Nebenrolle taucht Charles "Tywin Lannister" Dance auf, um die Hauptfigur mit einem wohldosierten Maß an Verachtung zu strafen. Was er eben am besten kann. Und irgendwo rennt Jessica Brown Findlay herum und...naja, macht gar nichts außer nett auszusehen.

Das Script von Max Landis hat ebenfalls seine Momente. Der Aspekt des Menschen, der sich anmaßt Gott zu spielen, wird schön ausgespielt. Auch der wissenschaftliche Fortschritt im Angesicht religiöser Überzeugungen findet seinen Platz. Dies alles spielt sich in merklich handgemachten Sets und mit schönen, praktischen Effekten ab. Leider fällt der Einsatz von CGI dann umso mehr auf, doch ein erschaffenes, kleines Monster kann trotzdem auch optisch überzeugen. Das Londoner Stadtbild muss sich nicht verstecken, und die liebevollen und detailreichen Kostüme sind eine Augenweide. Der Soundtrack ist ebenfalls angenehm im Ohr, leicht verspielt stellenweise und an den richtigen Ecken gehörig dramatisch. Nein, handwerklich ist hier wirklich nichts zu bemängeln.
© 20th Century Fox
Doch wo viel Licht ist, ist naturgemäß auch eine Menge Schatten. Jessica Brown Findlays Rolle hätte man sich sparen können, die wahre Romanze läuft (natürlich getarnt als Bromance) zwischen Igor und Frankenstein ab, die Dame stört da nur. Zumal zwischen ihr und Radcliffe exakt null Chemie herrscht. Die Rolle des Antagonisten ist im wahrsten Sinne des Wortes farblos und hätte komplett gestrichen werden können. Darüber hinaus ist der Film ein wenig zu lang geraten. Vorhersehbarkeit möchte ich einer Frankenstein-Variante allerdings nicht vorwerfen, auch wenn der Erzähler gleich zu Beginn deutlich macht, dass diese Geschichte anders ist. Natürlich muss Igor auch genormt werden, um in die Gesellschaft zu passen. Und auch wenn die Darsteller das Beste aus dem Script herausholen, bleiben die Figuren doch zu blass gezeichnet, um wirklich Tiefe entstehen zu lassen. So fällt es dann auch schwer, sich wirklich für das Schicksal der Beteiligten zu interessieren, und "Victor Frankenstein" erliegt dem unerträglichen Dasein im absoluten Mittelmaß.

Fazit:"Victor Frankenstein" sieht famos aus, die Sets, Kostüme und das Feeling sind stimmig. Auch die Darsteller geben ihr Bestes. Doch das Drehbuch ist zu vorhersehbar, die Figuren bleiben zu oberflächlich und stellenweise gleich ganz überflüssig. Wer die Geschichte um den Doktor mag, sich für steampunkiges, viktorianisches London und einen völlig entfesselten James McAvoy interessiert, könnte hiermit aber glücklich werden.

Infos zum Film

Originaltitel: Victor Frankenstein
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Horror, Abenteuer
FSK: 16
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: Paul McGuigan
Drehbuch: Max Landis
Darsteller: James McAvoy, Daniel Radcliffe, Andrew Scott, Jessica Brown Findlay  u.a.

Trailer

Filmkritik: Gods of Egypt

© Ascot Elite
von Philipp M.

Ganz besonders viel Medienaufmerksamkeit konnte Gods of Egypt bereits bei der Veröffentlichung seiner ersten Trailer im November 2015 generieren. Allerdings handelte es sich dabei nicht unbedingt um jene Art von Aufmerksamkeit, die sich Studio und Vertrieb dringend gewünscht hätte: das Projekt wurde unrühmlicherweise mit dem – spätestens jetzt allseits bekannten – Begriff des „Whitewashings“ in Verbindung gebracht. Dass sich Regisseur Alex Proyas nach anfänglicher (und meiner Meinung nach durchaus ehrlich gemeinter) Entschuldigung für dieses „Whitewashing“ nun doch für einen etwas impulsiven Rundumschlag gegen alle Filmkritiker entschieden hat, wird die Ausgangslage des Films für weitere Kritiken nicht verbessert haben.
Trotz dieser ungünstigen Faktoren möchte ich möglichst objektiv an "Gods of Egypt" herangehen und zuerst kurz die vieldiskutierte „Whitewashing“-Thematik ansprechen, denn dabei handelt es sich meiner Meinung nach durchaus um eine problematische Tendenz. Ridley Scott musste für "Exodus: Gods and Kings" (2014) schon ganz ähnliche Kritik einstecken. Dabei hat er zurecht angemerkt, dass häufig auch finanzielle Prozesse des Hollywoodsystems mitverantwortlich sind, die sich massgeblich auf Castingentscheidungen auswirken. Über Sinn und Unsinn solcher Rechtfertigungen lässt sich natürlich streiten. Wo letztlich die Veränderung beginnen muss, bei den Studios oder bei den Castingverantwortlichen, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten. Eine umfassende Analyse des Problems ist im Rahmen einer Filmkritik kaum möglich, auch wenn dies gerade im Fall von "Gods of Egypt" oft und vergeblicherweise versucht wurde.

Story: Horus (Nikolaj Coster-Waldau), Gott der Luft und des Himmes, soll die Herrschaft über das Land Ägypten von seinem Vater Osiris (Bryan Brown) übernehmen. Am Tag der Krönungszeremonie will jedoch Seth (Gerard Butler), Gott der Wüste, dies vereiteln. Kurzerhand marschiert er mit seiner Armee auf, tötet seinen eigenen Bruder Osiris und entreisst seinem Neffen Horus die frischerlangte Macht sowie beide Augen. Diese sind gerade für Horus speziell wichtig, da ein Grossteil seiner göttlichen Macht in ihnen begründet liegt und er sie unter anderem für die Transformation in seine geflügelte göttliche Mythengestalt benötigt.
Gleichzeitig wird auch die Geschichte des jungen menschlichen Pärchens Zaya (Courtney Eaton) und Bek (Brenton Thwaites) eingeführt. Diese konnten bis anhin glücklich unter der Herrschaft von Osiris leben, was sich jedoch durch Seths Machtergreifung gründlich verändert hat. Götter und Menschen müssen sich dessen neuem grausamem Regime fügen, und so geschieht es, dass Zaya zur Sklavin von Seths menschlichem Chefarchitekten Urshu (Rufus Sewell) wird, während Bek – eigentlich wie schon zuvor – als geschickter und unbemerkter Dieb über die Runden kommt. So gelingt es Letzterem auch, eines von Horus Augen aus Seths Schatzkammer zu entwenden. Aber wie sieht Seths endgültiger Plan aus und kann Horus aus dem Exil zurückkehren und den Frieden in seinem entrissenen Königreich wiederherstellen?
© Ascot Elite
Kritik: Ohne gross abzuschweifen, möchte ich zuallererst die Verwendung und Qualität von computergeneriertern Bildern ansprechen. Bereits mit der Veröffentlichung erster Promobilder und Trailer im letzten Jahr wurde eines unmissverständlich klargestellt: "Gods of Egypt" sollte ganz klar ein visuell betonter und CGI-lastiger Streifen werden. Diese Entscheidung mutet etwas seltsam an, denn gerade noch hat "Star Wars: Episode VII - The Force Awakens" (2015) damit von sich Reden gemacht, dass CGI nur dort eingesetzt wurde, wo es unumgänglich war (zugegebenermassen im Falle von Star Wars immer noch recht häufig). Im Allgemeinen wurde eine solche Rückbesinnung von Fans und Kritikern positiv aufgenommen. Demgegenüber stehen CGI-Feste wie "Star Wars: Episode II - Attack of the Clones" (2002), "Clash of the Titans" (2010) oder "Jupiter Ascending" (2015), die unter anderem wegen dem unvernünftigen Ausmass (und der teilweise unzureichenden Qualität) von CGI harsch kritisiert wurden.
In diesem Kontext muss angemerkt werden, dass es bei Gods of Egypt nicht nur Schlechtes zu berichten gibt. Lässt man sich erst einmal auf den 3D-CGI-Klamauk ein, gibt es einige schöne Sequenzen zu bewundern. Seths Pyramide der Sande wurde visuell ebenso hochwertig umgesetzt wie Thoths Bibliothek. Und so übertrieben der allnächtliche Kampf von Ra (Geoffrey Rush) gegen den Dämonen Apophis im Weltall auf der dunklen Seite der flachen Erdscheibe auch erscheinen mag, ich mochte die Szene dennoch.
Tatsächlich scheint der Film aber eine gewisse qualitative Konsistenz des CGIs, die bei einem solchen Unterfangen absolut notwendig wäre, nicht wirklich zu erreichen. Viele Effekte sind – wie bereits erwähnt – durchaus qualitativ in Ordnung, einige sogar hochwertig. Das Problem kommt aber genau dann ins Spiel, wenn einige andere Effekte die Immersion des Zuschauers brechen. Insbesondere empfand ich die Bewegungsanimation der Götterwesen, in die sich die beispielsweise Horus und Seth verwandeln, als holprig. Wohlgemerkt meine ich damit nicht ihre Textur oder den doch recht eindrücklichen Detailreichtum, mit dem sie designt wurden, sondern simpel und einfach ihre Animation, und darunter insbesondere die Sprung- und Flugbewegungen. Da die bedeutendsten Actionsequenzen des Films solche Götterwesen beinhalten, wird das Problem nur allzu deutlich sichtbar.
© Ascot Elite
Damit kommen wir auch zum nächsten Punkt, nämlich der Story. Wie bei solchen spektakelgeladenen Filmen üblich, tritt sie meist in den Hintergrund und ist eher ein Vehikel, das die Protagonisten von einer Actionszene zur nächsten bringt. So ist es dann auch unumgänglich, dass deren Charakterentwicklung eher unzureichend bleibt. Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass es sich hier um reines Actionkino handelt, weshalb ich auch nicht versuche, diesen Umstand als absolutes No-Go-Kriterium gegen den Film anzuführen.  Generell wurde die Story jedoch über eine viel zu lange Laufzeit hinweggestreckt (127 Minuten), wodurch sich bei mir gewisse Ermüdungserscheinungen ergaben. Die schiere Anzahl an Actionsequenzen (und teilweise auch deren Länge) wirken extrem forciert. Man fragt sich beispielsweise, welchen Zweck die Szene mit den überdimensionalen, feuerspeienden Kobras erfüllen sollte. Sie zeigt meiner Meinung nach gut die Prämisse des Films auf: Eine wahrheitsgetreue Abbildung ägpyptischer Mythologie war nicht nur nie beabsichtigt (falls das dem Zuschauer nach der Einführung der vier Meter grossen, gestaltwandelnden Götter mit goldenem Blut noch nicht aufgefallen war), sondern sollte einer stark überhöhten und auf Hollywood-Actionkino heruntergebrochenen Repräsentation dieser Mythenwelt weichen. Grundsätzlich also genau das, was "Clash of the Titans" zuvor mit griechischer Mythologie versucht hatte. 
Aber kommen wir  noch einmal auf die Figuren und damit auch auf die Schauspieler zurück. Falls so etwas wie eine Charakterentwicklung im Film stattfindet, dann wäre sie bei Horus zu suchen. Dieser ist zwar von Beginn an auf der guten Seite angesiedelt, muss jedoch im Verlauf des Filmes seine Arroganz und sein Überlegenheitsgefühl gegenüber seinem Volk ablegen. Ein Schelm wer in dieser Entwicklung Parallelen zu Coster-Waldaus Rolle des Jaime Lannister aus HBOs "Game of Thrones" sieht. Goldene Rüstungen, fehlende Körperteile (ob nun Augen oder Hände) und Coster-Waldaus Schauspiel stellen sicher, dass man die Ähnlichkeiten nicht übersehen kann. Für mich persönlich hatte dies den merkwürdigen Effekt, dass ich die Figur von Horus besser nachvollziehen konnte, da er für mich effektiv fast zu Jaime Lannister wurde. Es bleibt jedoch höchst fraglich ob dieser Effekt nun als positiv oder negativ zu bewerten ist. Gerard Butler, Courtney Eaton und Brenton Thwaites machen ihre Sache grundsätzlich solide. Dass ihre Figuren eindimensional bleiben ist wohl eher dem Drehbuch als ihrem schauspielerischen Können anzulasten. Was den Humor anbelangt, so wurde die Inkonsistenz des CGIs hier nahtlos weitergeführt. Einige Sprüche brachten mich wirklich zum schmunzeln, andere waren eher grenzwertig oder klischiert.
© Ascot Elite
Fazit: Die Kritik wirkt abschliessend sicherlich etwas unversöhnlich. Ich will jedoch "Gods of Egypt" nicht als durchwegs schlechten Film einordnen. Wen ab und zu ein überwältigendes Bedürfnis nach Action und visuellen Effekten überkommt, das auch mal mehr als zwei Stunden anhalten kann, der wird dem Film sicherlich positive Seiten abgewinnen können. Man sieht durchaus, wo die 140 Millionen Dollar hingeflossen sind, auch wenn das CGI teilweise Schwachstellen aufweist. Die 3D-Umsetzung empfand ich als gelungener als bei den meisten vergleichbaren Filmen. Während ich bei "Clash of the Titans" diesbezüglich nicht viel mehr als ungläubig den Kopf schütteln konnte,  wirkte das 3D hier deutlich angenehmer. Wenn man ohne grosse Erwartungen an "Gods of Egypt" herantritt, kann man sich den Film durchaus zu Gemüte führen, denn es gibt definitiv schlechtere Beispiele aus dem Bereich der Mythologie-Action-CGI-Kracher.


Infos zum Film:

Originaltitel: Gods of Egypt
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Fantasy, Action, Abenteuer
FSK: 12

Laufzeit: 127 Minuten
Regie: Alex Proyas

Drehbuch: Matt Sazama, Burk Sharpless
Darsteller: Brenton Thwaites, Nikolaj Coster-Waldau, Gerard Butler, Geoffrey Rush, Courtney Eaton, Elodie Yung, Chadwick Boseman u.a.



Trailer

Filmkritik: Deadpool

© 20th Century Fox
Story: Bei Wade Wilson (Ryan Reynolds) läuft es eigentlich gut. Der Söldner verdient sein Geld auf leichte Art und Weise und dann lernt er mit Vanessa (Morena Baccarin) die Liebe seines Lebens kennen. Doch dann wird bei ihm Krebs im Endstadium diagnostiziert. Er entschließt sich zur Teilnahme an einem geheimen Programm, welches Heilung verspricht. Doch stattdessen mutiert er unter der Behandlung von Ajax (Ed Skrein) und verfügt ab sofort über rasend schnelle Selbstheilungsfähigkeiten. Es ist also Zeit für einen Rachefeldzug, denn Ajax verfolgt ziemlich finstere Pläne.

Kritik: Lange mussten die Fans des Söldners mit der großen Klappe auf einen eigenen Kinofilm warten. Der missglückte Auftritt in "X-Men Origins: Wolverine" entpuppte sich vor Jahren als Debakel. Wie gut, dass Ryan Reynolds an der Sache dran geblieben ist und beinahe 10 Jahre damit verbracht hat, für eine Umsetzung des derben Comicmaterials zu sorgen. Ein paar Minuten geleaktes Testmaterial, unzählige Trailer und Videokampagnen später strömten die Fans nur so ins Kino. Bereits einen Monat nach Kinostart blickte der Film mit der hohen Altersfreigabe (ab 16 bei uns, R-Rating in den USA) bereits auf fast 670 Millionen Dollar Umsatz. Es scheint also einiges richtig zu laufen für 20th Century Fox. Da Deadpool theoretisch zu den X-Men gehört liegen die Rechte an dieser Marvel-Figur nämlich bei Fox. Das hindert Deadpool allerdings nichts daran, Seitenhiebe in alle möglichen Richtungen auszuteilen. Aber gehen wir der Reihe nach.
Fassungslos: Deadpool © 20th Century Fox
Die grobe Marschrichtung wird gleich in den ersten Minuten des Films klar. Zu oberkitschiger Musik gibt es die Eröffnungsszene in Zeitlupe. Statt den Namen der Beteiligten bekommen wir locker flockige Beschreibungen ihrer Arbeit zu lesen. Eine Zeitschrift mit Ryan Reynolds und dem Vermerk "Sexiest Man Alive" fliegt durch das Bild. Und ehe wir uns versehen sind wir mittendrin im Geschehen und begleiten Deadpool auf seinem Rachefeldzug. Zwischenzeitlich wird in Rückblenden aufgearbeitet wie es zur aktuellen Lage kam. "Deadpool" macht dabei eine Menge richtig. Der Soundtrack von Junkie XL (der auch bei "Fury Road" schon für erfreute Lauscher sorgte) fetzt. Die restliche Auswahl an Songs ist eigenwillig, aber eindrücklich. Die ersten Überraschungen lassen auch nicht lange auf sich warten. Wer hätte innerhalb eines solchen Filmes schon eine der angenehmsten Liebesgeschichten der letzten Zeit erwartet? Wade und Vanessa pokern mit ihrer traumatischen Kindheit um Mitleid, leben eine völlig entspannte Beziehung in jeder Hinsicht und verstehen sich blendend. "Your crazy matches my crazy" hält als Erklärung her, und wenn wir mal ehrlich sind: aus viel mehr besteht das Geheimrezept für eine funktionierende Beziehung doch nun wirklich nicht. Man findet jemanden der zu einem passt, der einen akzeptiert und im besten Fall gleich bescheuert ist. Bingo, Bahn frei für ein Happy End. Dass der Film darüber hinaus die Beziehung der beiden in einer schrägen Montage aus Sexszenen, angepasst an verschiedene Feiertage im Jahr, präsentiert, ist erfrischend: endlich ist Sex in einem Film mal nichts, was sich unter Bettdecken und Tonnen von Scham zu verstecken hat.

Beste Lovestory ever! © 20th Century Fox
Natürlich kommt vor allem der Spaß hier wirklich nicht zu kurz. Der eine oder andere wirklich infantile Witz hat sich eingeschlichen, keine Frage. Vor allem die unendlich vielen popkulturellen Referenzen zünden aber. Da darf man sich auch schon mal fragen ob die Eltern aus "Taken" 1-3 nicht einfach die miesesten Eltern überhaupt sind, wenn jeden Film jemand aus der Sippe entführt wird. Auf Deadpools Beziehung zu den X-Men wird ebenfalls eingegangen. Colossus (gesprochen von Stefan Kapicic) und Negasonic Teenage Warhead (benannt nach einem Song von Monster Magnet, gespielt von Brianna Hildebrand) vertreten die restlichen Mutanten. Colossus würde Deadpool wirklich gerne für die X-Men rekrutieren, Negasonic Teenage Warhead ist eigentlich einfach nur eine gelangweilte Teenagerin. Die Darsteller gehen allesamt in ihren Rollen auf und es tut gut, Leuten zuzusehen die Spaß an ihrer Arbeit haben. Wer im dritten Akt aufpasst bekommt noch ein, zwei mächtige Seitenhiebe aufs Marvel Cinematic Universe mit auf den Weg, und eine Szene nach dem Abspann darf natürlich auch nicht fehlen. Beim freizügigen Einsatz von derbem Humor lässt Deadpool es sich natürlich nicht nehmen, regelmäßig mit dem Publikum zu sprechen. Auch bekannt als das Durchbrechen der vierten Wand (im Theater die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum), wird effektiv jede Distanz zum Film weggebrochen, die Sache ist direkt persönlich. Das sorgt natürlich für weitere Gags. Die mögen nicht immer alle sitzen, aber eine Komödie mit so hoher Gagdichte, bei der jeder Witz tatsächlich zündet muss auch erst noch gedreht werden.

Zwei weitere Dinge sind ebenfalls angenehm. Zum einen verzichtet "Deadpool" auf den Bombast, den die meisten anderen Comicverfilmungen mittlerweile mit sich herumschleppen. Hier geht es nicht darum die Welt zu retten. Es geht darum dem Typen eins reinzuwürgen, der dein Leben über den Haufen geworfen hat. Keine Aliens, keine Superwaffe, keine sonstige Art von massiver Bedrohung. Und während sich darüber lustig gemacht wird wie missglückt Deadpool nach seiner Transformation aussieht ist es doch relativ vielsagend dass ein Großteil seiner Krise daraus resultiert dass er denkt, er wäre nicht länger gut aussehend genug für seine Freundin. Vielleicht ist es zu viel Interpretation für eine Comicverfilmung, aber mir gefällt diese Idee ausgesprochen gut. 


Lustlose Teenager © 20th Century Fox
Ganz rund läuft bei "Deadpool" dann aber doch nicht alles. So fesselnd die Geschichte ist, am Ende haben wir es doch nur mit einer weiteren Origin-Story zu tun. Innerhalb dieser Geschichte ist die Handlung dann auch recht schmal: Typ verliebt sich in tolle Frau, wird mit Krebs diagnostiziert, wird zum Mutanten und kämpft, um seine Frau zu beschützen. Mit Ajax, gespielt von Ed Skrein (bei dem ich mir nicht sicher bin ob er neuerdings undeutlicher redet oder sein britischer Akzent als Witz so dermaßen übertrieben ist dass man ihn teilweise nicht versteht) reiht sich dann noch der nächste, recht farblose und generische Bösewicht in den Reigen der Comicverfilmungen ein. Der Typ schiebt sich einen Film, weil jemand seinen richtigen Namen erfahren hat? Ich schätze, Leute sind schon wegen unbedeutenderer Dinge ausgeflippt. Das sind aber letzten Endes Kleinigkeiten, die man "Deadpool" nicht wirklich zur Last legen kann, denn Spaß macht der Film allemal.


Fazit: "Deadpool" ist laut, hat ein freches und extrem loses Mundwerk, sitzt mit dem Finger viel zu schnell am Abzug und teilt 100 Minuten kräftig in alle Richtungen aus. Fans des Comics kommen also voll auf ihre Kosten. Wer den bisherigen, doch eher kuscheligen Kurs den die X-Men gefahren sind schon als zu hart empfindet, der wird hier Probleme kriegen. Alle anderen bekommen zwar in ihren Grundzügen nur eine weitere, dafür aber extrem kurzweilige Superhelden-Origin-Story, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Inwieweit da jetzt der Hype um einen Publikumsliebling, das clevere Marketing oder die Altersfreigabe dran schuld ist? Völlig nebensächlich wenn das fertige Produkt so viel Laune macht.

Infos zum Film
Originaltitel: Deadpool
Erscheinungsjahr: 2016
Genre:Comicverfilmung, Action, Komödie
FSK:16
Laufzeit:109
Regie: Tim Miller
Drehbuch: Paul Wernick, Rhett Reese
Darsteller: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Ed Skrein, Gina Carano, T.J. Miller, Brianna Hildebrand, Stefan Kapicic u.a.

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Filmkritik: Kikis kleiner Lieferservice

© Universum Film GmbH
Story: Dies ist die Geschichte der kleinen Hexe Kiki, die sich gemäß der uralten Hexentradition mit ihrem schwarzen Kater Jiji aufmacht um ein Jahr lang alleine an einem anderen Ort zu leben, damit sie dort ihre Hexenkräfte vervollkommnen kann.
Ihre neue Wahlheimat ist eine große Stadt am Meer, wo sie durch einen glücklichen Zufall bei einer Bäckerfamilie eine Unterkunft findet. Das Haus wird Dreh- und Angelpunkt ihres ersten eigenen kleinen Lieferservices, der nach ein paar Startschwierigkeiten sehr gut läuft. Allerdings macht Kiki die Einsamkeit in der Großstadt und die Tatsache, dass sie anders ist als andere Kinder schon bald zunehmend Probleme.

Kritik: "Kikis kleiner Lieferservice" ist Hayao Miyazakis erstes Werk innerhalb des Studio Ghibli nach "Mein Nachbar Totoro" gewesen, und auch wenn es keine direkte Fortsetzung von Totoro ist, so könnten beide Filme doch Geschwister im Geiste sein. Denn wo Totoro sich der Kindheit annimmt erinnert Kiki uns alle daran, wie sich der Beginn der Pubertät angefühlt hat. 

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Dabei ist die Geschichte an sich simpel. Kiki folgt einem alten Brauch und zieht mit 13 Jahren für ein Jahr in eine fremde Stadt, um ihre Zauberkräfte zu vervollständigen. Hayao Miyazaki erschafft hier erneut eine fantastische Welt, in der beide Weltkriege niemals stattgefunden haben und in der Hexen etwas Alltägliches sind. Das Ausblenden der Weltkriege führt vor allem bei den Fortbewegungsmitteln zu wunderschönen Anachronismen, und typisch für Miyazakis Werke wird dem Fliegen als ultimative Form der Freiheit in vielerlei Hinsicht große Bedeutung beigemessen. Tombo, der übereifrige Junge und Verehrer von Kiki könnte sicher als Parallele zu Miyazaki selbst interpretiert werden, denn Kikis Fähigkeit zu fliegen ist was ihn zunächst zu ihr hin zieht. Wie auch bei Totoro steht also auch hier eine junge Frau im Mittelpunkt, doch während bei Totoro zwei Mädchen langsam eine magische Welt kennen lernten reist Kiki von einer magischen Welt in eine Welt in der Magie nicht ganz so alltäglich ist. Hier setzen nun verschiedene Erzählebenen ein. 

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Zum einen wäre da eine kindgerechte Geschichte. Kiki lernt im Verlauf des Films an sich zu glauben, in ihre Kräfte zu vertrauen. So weit, so gut, eine wirklich besondere Angelegenheit ist das nicht, denn diese Form der Erzählung lässt sich vermutlich in jedem beliebigen Disneyfilm ebenfalls finden. Interessanter wird es, wenn man sich eine Schicht tiefer begibt. Dort beginnt "Kikis kleiner Lieferservice", Jugendliche anzusprechen. Kiki wird von außen sozusagen in die Unabhängigkeit gezwungen, gleichzeitig ist sie getrieben vom Willen sich zu behaupten. Sie muss ihren Platz in einer Welt voller Erwachsener finden. Sie spürt, dass sie nicht zu den anderen Kindern passt, die ihr Kindsein noch in vollen, lauten Zügen genießen. In gewisser Weise zahlt Kiki den Preis, den wir alle gezahlt haben als wir erwachsen wurden: die Kindheit in all ihrer Unbeschwertheit wird immer mehr zu einer Erinnerung. Gleichzeitig kämpft sie dafür das tun zu können, was sie liebt. Als Erwachsener sind all dies Dinge an die man sich erinnert, doch Kiki wohnt noch eine weitere Ebene inne. Mit ihrem Lieferservice macht sie nicht nur schöne Erfahrungen, einige Kunden sind extrem unfreundlich zu ihr. Der Alltag und die Routine schleichen sich ein und zehren im wahrsten Sinne des Wortes an ihren Kräften. Streng genommen ist Kikis Leben nichts Besonderes: es gibt keine magische Prophezeiung die ihr ein großes Schicksal vorhersagt. Sie ist keine Nachfahrin einer berühmten Persönlichkeit, es gibt kein Erbe welches sie antreten könnte. Kiki ist, zumindest in ihrer magiedurchzogenen Welt, ein ganz normales Mädchen. Ein Mädchen, das sehr schnell lernt dass der Arbeitsalltag größtenteils aus Wiederholungen besteht, garniert mit unfreundlichen Menschen. Ein Alltag, in dem aufmunternde Worte einer fremden Person schnell mal zum Highlight der Woche werden können. 

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Ungewöhnlich, zumindest für westliche Zuschauer, dürfte auch die Tatsache sein dass es in Kikis Welt nichts wirklich Böses gibt. Sicher, einige Menschen sind unfreundlich. Doch Kiki selbst ist immer freundlich und hilfsbereit, und auch ihre Umgebung reflektiert dieses Verhalten. Sie wird von Osono freundlich aufgenommen, und selbst Momente wie die erste Begegnung mit Ursula im Wald verlaufen positiv. Das Ausbleiben eines Antagonisten sorgt für ein gemächliches Erzähltempo, und würde man gemein sein wollen könnte man Kiki sicher vorwerfen langweilig zu sein. Aber dafür müsste man eben auch all die feinen Schichten unter der Oberfläche ignorieren. Und selbst dann würde noch immer eine wunderschön gezeichnete Welt voller feinsinnigem Humor bleiben. Besonders die teilweise vor Sarkasmus triefenden Kommentare von Kater Jiji (natürlich, stilgerecht für eine Hexe kohlrabenschwarz) sind wunderbar pointiert. Spuren von Melancholie sind ebenfalls zu finden, spätestens wenn Jijis Scharfzüngigkeit mit Kikis schwindender Kraft einem unverständlichen Miauen weichen muss leidet der Zuschauer mit. Und Kikis Konflikt mit der eigenen Bestimmung, oder vielmehr deren Ausbleiben, bietet leichte Identifikationsfläche für die meisten Zuschauer. Innerhalb dieser ruhigen Inszenierung fühlt sich nicht einmal der Showdown überladen an, er ist für Kiki nur ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Die Form der Bestätigung im Alltag, nach der sich so viele von uns sehnen. Ebenfalls subtil präsent ist die Entwicklung vom traditionellen hin zur Moderne. Kiki ist besonders zu Beginn der Geschichte mit Traditionen behaftet: sie übernimmt den Besen ihrer Mutter, sie kleidet sich, ganz wie die Hexentradition es verlangt, in schwarze Gewandung. Doch sie durchbricht diese starren Muster, bindet sich eine rote Schleife ins Haar und sticht so deutlich aus der Masse heraus. Gänzlich gebrochen wird hingegen das traditionelle Verständnis von Hexerei und Magie, die nur dem Selbstzweck dient und das Leben leichter macht. Kiki hat magische Kräfte, diese sorgen aber nicht dafür dass sie von Kummer und Problemen verschont bleibt. Das macht sie, trotz ihrer Fähigkeiten, zu einer extrem humanen Figur. Dazu trägt auch ihre Verletzlichkeit bei, die am Ende nicht als Schwäche ausgelegt wird, sondern Kiki hilft ihre Probleme zu überwinden. Es reicht eben nicht, eine besondere Fähigkeit zu haben. Man muss auch lernen, wie und wofür man diese einsetzen kann, um sich nicht selbst zu verlieren.

Fazit: Wie so oft wirkt "Kikis kleiner Lieferservice" oberflächlich betrachtet wie ein reiner Kinderfilm. Doch unter der gewohnt schönen Animation verbergen sich erneut zahlreiche Themen, die ein erwachsenes Publikum auf durchaus emotionale Art ansprechen. Der direkte Nachfolger von "Mein Nachbar Totoro" entpuppt sich als dessen logische Fortsetzung im Geiste, statt der unbeschwerten Kindheit steht nun die Adoleszenz mit all ihren Problemen im Fokus. "Kiki" ist dabei herzensgut und fliegt gemeinsam mit Katerchen Jiji geradewegs ins das Herz des Zuschauers. Ruhig, aber umso charmanter ist "Kikis kleiner Lieferservice" ein Film, der auf seine ganz eigene Weise zu begeistern weiß.  



Die Blu-ray: Gewohnt schick kommt die Studio Ghibli Blu-ray Collection aus dem Hause Universum Anime daher. Die Kanten des Pappschubers sind leider arg anfällig für Dellen und auch die FSK-Aufkleber lassen sich nicht immer rückstandslos entfernen. Doch die Optik ist überzeugend. Das Bild der Blu-ray ist scharf und die Farben wirken lebendig. Neben der japanischen Sprachfassung liegt natürlich auch die deutsche Tonspur bei (beide in DTS-HD MA 2.0), die Sprecher machen einen guten Job. Auffällig ist, dass Jiji in der Originalfassung deutlich weniger sarkastisch wirkt, da scheint man sich bei der amerikanischen Synchronisation (übrigens mit Kirsten Dunst als Kiki) orientiert zu haben. Untertitel in deutsch liegen ebenfalls vor. Besonders toll sind die Extras: 137 Minuten werden mit Storyboards zum kompletten Film gefüllt, obendrauf gibt es den japanischen Originaltrailer so wie weitere Trailer zu anderen Ghibli-Werken. Einen detaillierten Blick auf Ursulas Gemälde bekommt man ebenfalls.

Infos zum Film
Originaltitel: Majo no takkyûbin
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: Ohne Altersfreigabe
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Minami Takayama, Rei Sakuma, Kappei Yamaguchi, Keiko Toda u.a. Deutsche Stimmen: Melina Borcherding, Jochen Bendel, Petra Einhoff u.a.

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Filmkritik: The Revenant

© 20th Century Fox

Story: Im Jahr 1832 wird der Trapper Hugh Glass (DiCaprio) bei einer Expedition in Nordamerika von einem Bären angegriffen. Seine Begleiter wollen ihn nicht zurücklassen, können aber in der Gruppe auch nicht zu lange für den Heimweg brauchen, da sie von Ureinwohnern verfolgt werden. Captain Andrew Henry (Gleeson) kehrt mit einem Großteil der Truppe zurück, während Fitzgerald (Hardy) und Bridger (Poulter) bei Glass bleiben. Doch Fitzgerald lässt Glass zum sterben zurück um seine eigenen Interessen zu verfolgen. Niemand hat allerdings mit dem Überlebenswillen von Hugh Glass gerechnet, der sich plötzlich mit der unendlichen Weite der Rocky Mountains konfrontiert sieht. 

Kritik: Viel Wirbel herrschte vor der Veröffentlichung von "The Revenant". Das Studio sah sich gezwungen klarzustellen dass Leonardo DiCaprio im Film nicht von einem Bären vergewaltigt wird. Die Dreharbeiten zogen sich über sieben Monate hin, die Darsteller betonten in Interviews, wie sehr sie an die Grenze des menschlich machbaren gegangen sind. Immer wieder wurde Personal ausgetauscht weil die Leute einfach nicht mehr konnten. Es wurde bekannt dass Iñárritu, der zuletzt mit "Birdman" auf sich aufmerksam machte, nur mit natürlichem Licht drehen wollte und deswegen nur knapp zwei Stunden Drehzeit pro Tag zur Verfügung standen. Kleinere Skandale um verspeiste Bisonlebern gesellten sich hinzu und machten "The Revenant" vermutlich schon vor dem Kinostart zum Lieblingsfilm von Bear Grylls. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Michael Punke war also schon vorher klar dass den Zuschauer hier kein Zuckerschlecken erwarten würde. Nimmt man Iñárritus Vorliebe für das menschliche Leiden hinzu scheint die Mischung perfekt zu sein, handelt es sich doch um ein wiederkehrendes Thema in all seinen Werken, welches hier nun wohlmöglich auf die Spitze getrieben wird. 

© 20th Century Fox
Ich erinnere mich an einen Urlaub in Schottland, bei dem ich das Culloden Battlefield besuchte. Keine Angst, das wird keine Geschichtsstunde. Jedenfalls steht dort ein Museum, in dem man eine der beklemmendsten Erfahrungen überhaupt machen kann: der komplette Raum ist eine Leinwand, auf der Schlachtsequenzen projiziert werden, als Zuschauer steht man sozusagen mitten auf dem Schlachtfeld, zwischen den Fronten. Ich war zunächst wenig beeindruckt, doch nach den wenigen Minuten, in denen man diese Erfahrung macht, war ich emotional erschöpft und nervlich am Ende. So fühlt sich der Einstieg in "The Revenant" an. Die Gruppe Trapper wird von Indianern angegriffen, und die Kamera ist mittendrin im Geschehen. Doch statt Hektik herrscht Ruhe und die Kamera findet Wege um das Geschehen einzufangen, die man schlicht nicht für möglich gehalten hätte. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend, brutal und dabei so schrecklich konsequent. Schnell wird klar was für ein Glücksgriff Kameramann Emmanuel Lubezki ist, der sich hier nach "Gravity" und "Birdman" bereits das dritte Mal als starker Kandidat für einen Oscar positioniert. 

Dazu gesellen sich Szenen bei denen einfach nicht klar wird, wie sie zustande gekommen sind. Während niemand hier von einem Bären vergewaltigt wird findet doch ein Bärenangriff statt, und die Szene, gedreht in einer von zahlreichen wundervollen Plansequenzen, ist unerträglich. Ich kann das Making-Of kaum erwarten und aktuell würde es mich nicht wundern wenn DiCaprio tatsächlich mit einem Bären gekämpft hat während einfach jemand mit der Kamera draufgehalten hat. Es gibt nur eine bestimmte Menge an Brutalität, die ein Zuschauer ertragen kann, und der Realismus dieser Szene stellte zumindest für mich persönlich eine neue Grenze auf und es handelte sich nicht um die einzige Szene, bei der ich am Ende völlig fertig auf meinem Platz saß und nicht mehr weiterschauen wollte. "The Revenant" nimmt dem Zuschauer die passive Rolle des Beobachtens, er zieht in das Geschehen hinein, zerreisst alle Barrikaden und vernichtet jede Distanz, die man zu diesem Film aufbauen könnte. Es gibt kein Entkommen, man muss bis zum Ende durchhalten, auch wenn man wegschauen will. Die Anspannung ist so unerträglich und man braucht den klaren, sauberen Bruch der mit einem Ende einhergeht. 

© 20th Century Fox
Die Geschichte dreht sich in erster Linie um Rache. Glass ist in einer Situation deren Bandbreite nur er vollständig erfassen kann, und er hat guten Grund sich an Fitzgerald rächen zu wollen. Der Rachegedanke treibt ihn an, treibt ihn um und ist das Einzige, woran er denken kann, denn er hat ja nichts anderes mehr, alles wurde ihm genommen. Dem stehen die Indianer gegenüber, die jedes verdammte Recht auf ihre eigene Rache haben, leider aber permanent die falschen Leute verfolgen. Es ist frustrierend und es zeigt eindrucksvoll auf, wieso Rache meistens einfach keine gute Idee ist. Man braucht einen Plan, sonst ist man verloren, man verliert sich in seinem Vorhaben. Und so beginnt die Reise eines Mannes, dessen Körper und Geist gebrochen sind, der sprichwörtlich aus dem Grab zurückkehrt um sich zu rächen. So haftet dem Film dann auch ein etwas Andersweltliches Flair an. Das Vorhaben, nur in natürlichem Licht drehen zu wollen macht sich bezahlt, die Bilder sind atemberaubend spektakulär. Die endlos weite Landschaft wirkt bisweilen nahezu unwirklich schön und wie aus einem Traum, und doch liegt unter all der Schönheit immer auch etwas Bedrohliches. So ganz greifen lässt sich dies aber nicht, doch die Bedrohung zehrt an den Nerven und entwickelt sich zu einer belastenden Angelegenheit. Auch der Soundtrack verstärkt dieses Gefühl.

Reden wir über die Darsteller. Persönlich freut es mich das Domhnall Gleeson so ein gutes Händchen für seine Rollenauswahl besitzt und er entwickelt sich immer mehr zu einem Darsteller der mich wie in Trance Tickets für jeden seiner Filme kaufen lässt. Tom Hardy hat diesen Status schon lange erreicht, und auch wenn er hier bisweilen etwas dick aufträgt (wobei man das durchaus der Regie anlasten kann), selten habe ich eine Figur in einem Film so sehr verabscheut wie Fitzgerald. Beide gehen in ihren Rollen auf und vollbringen diese rare Leistung, ihr eigenes Ich vollkommen verschwinden zu lassen. Es gibt nur noch die Rolle, der Schauspieler dahinter ist verschwunden. Doch das hier ist Leonardo DiCaprio's Show, und er trägt "The Revenant" auf seinen Schultern durch unvorstellbare Qualen. Mit nur einer Handvoll Dialog ausgestattet zeigt er mit Blicken und Körperhaltung was in ihm vorgeht, saugt die Umgebung auf wie einen Schwamm und wird zum Spielball der Naturgewalten. 
© 20th Century Fox
Doch "The Revenant" kommt nicht ohne Makel aus. Wer die Buchvorlage kennt wird einige Änderungen bemerken, und ab einem gewissen Punkt, an dem man sich von der Vorlage löst und eine eigene Geschichte erzählt, wird es konfus. Figuren verhalten sich nur noch bedingt nachvollziehbar und das Finale kommt recht plötzlich um die Ecke. Das ist zwar sauber ausgeführt und fesselt ungemein, auf dem Weg dorthin wird aber deutlich dass hier vor allem der Style im Vordergrund steht. Die Figuren bleiben erschreckend blass gezeichnet und haben außer Plattitüden kaum etwas zu sagen. Das steht im starken Kontrast zu den überwältigenden Bildern, welche die meiste Zeit auch gut darüber hinwegtäuschen können. Hier wäre eine Straffung der Laufzeit um vielleicht 20 Minuten wünschenswert gewesen. Auch die esoterischen Einschübe werden wohl nicht jedem gefallen, auch wenn sie sich wunderbar in die Vielzahl von interpretierbaren Momenten im Film einordnen. 

Fazit: "The Revenant" fordert seine Zuschauer heraus. Atemberaubend schöne Bilder und eine viszerale Brutalität, die nur schwer zu ertragen ist verschmelzen zu einer Tour de Force durch die Rocky Mountains. Das ist sowohl grandios gespielt als auch grandios gefilmt, aber leider auch mit dem einen oder anderen Mangel behaftet und im Endeffekt minimal zu langatmig geraten. Den Gang ins Kino sollte man trotzdem wagen, handelt es sich hier doch weniger um einen Film und mehr um ein Erlebnis, welches seine Zuschauer nicht unbeschadet davonkommen lässt.


Infos zum Film

Originaltitel: The Revenant
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Thriller, Abenteuer, Western
FSK: 16
Laufzeit: 151 Minuten
Regie: Alejandro González Iñárritu 
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Mark L. Smith
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck u.a.
Trailer

Filmkritik: Mission: Impossible 5 - Rogue Nation

© Paramount
Story: Nachdem das Pentagon die IMF (Impossible Mission Force) aufgelöst hat, ist Ethan Hunt ohne jegliche Unterstützung der Regierung dem geheimnisvollen „Syndikat“ auf der Spur. Dieses erweist sich bald als sein bislang mächtigster Gegner. Oberstes Ziel der Untergrundorganisation aus hochqualifizierten Spezialagenten ist es, die ehemaligen Mitglieder der IMF auszulöschen und durch skrupellose Anschläge eine neue Weltordnung zu schaffen. Um das „Syndikat“ aufzuhalten, muss Hunt sein einzigartiges Team erneut versammeln.

Kritik: Tom Cruise. Entweder man hasst ihn, oder man liebt ihn. Egal zu welcher Gruppe man sich zählt, es ist kaum zu bestreiten dass der Mann für seine Filme alles gibt. Motorrad fahren, auf Hochhäuser klettern, sich an Flugzeuge hängen: Kein Thema für Cruise. Der "Mission Impossible" Reihe tut das ziemlich gut, weil man sich kaum fragen muss wie die Actionszenen nun zustande kamen, man hat zu keiner Zeit diese nervigen "und das haben jetzt 20 Stuntmen für ihn machen müssen" Gedanken. Und mit "Rogue Nation" wird natürlich wieder bewiesen, was Cruise alles kann. Es handelt sich aber keinesfalls um eine One-Man-Show, und auch das ist erfreulich. 

© Paramount
Die Story ist dabei natürlich irgendwie nebensächlich. Eine große Organisation taucht auf, niemand glaub Ethan Hunt und ehe er sich versieht ist der IMF aufgelöst, er ist staatenlos und wird gesucht. Aber Tom Cruise lässt sich nicht so einfach fangen. Bei seiner eigenen Mission trifft er auf Ilsa Faust, mit viel Raffinesse von Rebecca Ferguson gespielt. Sie ist ein perfektes Ebenbild für Ethan Hund, ähnlich vielseitig begabt wie er. Zu Beginn spielt die Oper "Turandot" eine wichtige Rolle, und die Musik daraus wird im weiteren Soundtrack immer wieder verwendet. Eine schöne Idee, die das Verhältnis der beiden Figuren gut wiederspiegelt. Überhaupt, die Oper. Bereits der unterschätzte "Ein Quantum Trost" nutzte das Opern-Setting gekonnt für sich aus, und auch hier wird der Opernbesuch zur nervenzerfetzenden, sekundengenau getakteten Angelegenheit. Regisseur McQuarrie hat verstanden wie man eine Kulisse wirklich gut nutzt und es macht verdammt viel Spaß zuzuschauen. Hier wurde auch schon bei der Werbung clever gehandelt. Die Flugzeugszene aus dem Trailer eröffnet den Film und sie ist natürlich einfach nur da um zu zeigen dass Tom Cruise nicht nur an Wolkenkratzern hochklettern kann, sondern eben auch an einem Flugzeug hängen kann. Man behält in den Actionszenen einen guten Überblick, selbst wenn es in ein Gefecht mit Messern geht weiß man jederzeit wo man gerade ist. Die Schnitte sind schnell, aber nicht zu hektisch, und man fiebert mit, hat aber nicht dieses ätzende Gefühl gleich vom Stuhl zu kippen weil die Hektik sich mal wieder unkontrolliert ausbreitet. Für möglichst spektakuläre Kulissen wird natürlich wieder um die halbe Welt gereist, was eigentlich ja totale Nebensache ist. Aber wenn man schon die Chance hat eine spektakuläre Verfolgungsjagd in Casablanca zu inszenieren, wieso sollte man dann woanders hingehen? Eben.

© Paramount
Natürlich dreht sich aber nicht alles um Cruise. Sein Team braucht zwar einen Moment bis es vollzählig um ihn herum versammelt ist, das Zusammenspiel stimmt dann aber. Simon Pegg darf als Benji auch mal ins Feld. Jeremy Renner ergänzt sich vor allem mit Alec Baldwin sehr gut und legt einen herrlich trockenen Humor an den Tag. Ving Rhames ist irgendwie anwesend, seine Rolle bleibt ein wenig schwammig. Sean Harris ist ein aalglatter Gegenspieler, der einem durch seine schleimige Art die Haare zu Berge stehen lässt. Besonders schön ist das allen Beteiligten bewusst ist was für ein Drahtseilakt Agentenfilme sind. Mit den kunstvollen Portraits die Hunt in zehn Sekunden von seinen Gegnern anfertigen kann, den Masken, den Gadgets und der Tatsache dass Cruise nicht der größte aller Menschen ist (also, rein auf die Körpergröße bezogen, niemals würde ich mich trauen Tom Cruise irgendwie zu beleidigen. Der Mann hängt sich an Flugzeuge, verdammt!) wird eine ganze Armada an potentiell lächerlichen Begebenheiten aufgefahren. Aber genau wie die Figuren im Film nimmt man die meisten Sachen einfach als gegeben hin, immerhin ist Ethan Hunt seit 20 Jahren im Geschäft und vermutlich kann er mittlerweile wirklich alles. Ich bin mir nicht sicher ob irgendein anderer Schauspieler diese Rolle übernehmen könnte und sie glaubwürdig rüberbringen könnte. Hier und da wird dann auch eine etwas schräge Schiene von Humor bedient, so wird die ganze Sache dann zu einer recht lockeren Angelegenheit, bei der man entweder mit der großartigen Action mitfiebert oder wirklich mal was zu lachen bekommt. Ein Sommerblockbuster durch und durch, da verzeiht man auch gerne dass zum Finale hin die Luft ein wenig fehlt und die Action sich teilweise zu wiederholen droht.

Fazit: "Mission Impossible: Rogue Nation" fährt große Geschütze auf. Die Action ist stimmig inszeniert, Cruise macht seine Stunts wie gewohnt selbst. Sein Team harmoniert wunderbar mit ihm und sorgt dafür dass aus "Rogue Nation" keine Ein-Mann-Show wird. Neuzugang Rebecca Ferguson überzeugt ebenfalls, der Gegenspieler ist zwar austauschbar, das wird aber durch einige durchaus pointierte Aussagen, die der Film machen will, gut wettgemacht. Nein, um die unmöglichen Missionen muss man sich wirklich keine Sorgen machen, hier wird viel geboten und etwaige Schwächen werden gekonnt einfach ignoriert. Spaß macht die Sache auch noch, was will man mehr?

Die Blu-ray: Die englische Tonspur kommt in DTS-HD MA 5.1 Ton daher, die deutsche (und zahlreiche weitere) Tonspuren liegen in Dolby Digital 5.1 vor. Beide Tonspuren sind aber klangstark gelungen und nutzen alle gegebenenfalls vorhandenen Boxen raumfüllend aus. Die Abmischung ist ebenfalls gut gelungen und die Dialoge sind klar verständlich und werden kaum von der Musik übertönt. Untertitel gibt es in zehn verschiedenen Sprachen. Das Bild ist schön scharf, die Farben sehr kontrastreich, auch die Schwarztöne sind satt und dunkel gelungen und flimmern vor allem nicht. Auch mit Extras wird nicht gegeizt. Mehr als 45 Minuten Bonusmaterial warten darauf, entdeckt zu werden. Es gibt Audiokommentare von Tom Cruise und Regisseur Christopher McQuarrie, besonders sehenswert sind aber die zahlreichen Featurettes die sich unter anderem mit den verschiedenen Stunts des Films beschäftigen. Für Sammler liegt darüber hinaus ein Wendecover bei.


Infos zum Film

Originaltitel: Mission: Impossible 5 - Rogue Nation
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Action, Abenteuer, Thriller
FSK: 12
Laufzeit: 132 Minuten
Regie: Christopher McQuarrie
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Bruce Geller
Darsteller: Tom Cruise, Simon Pegg, Jeremy Renner, Rebecca Ferguson, Ving Rhames, Alec Baldwin, Sean Harris

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