gesehen: Fantastic Beasts: The Crimes of Grindelwald

© Warner Bros. Ent.
David Yates entführt uns erneut und somit schon zum sechsten Mal in seiner Funktion als Regisseur in die magische Welt, die wir seit Harry Potter kennen und lieben. Und Crimes of Grindelwald gibt dem Zuschauer keine Minute, um sich erst einmal in Ruhe zurechtzufinden. Nein, stattdessen wirft er uns mitten in die Handlung hinein und legt einen im wahrsten Sinne des Wortes turbulenten Start hin. Denn Gellert Grindelwald, gespielt von Johnny Depp, macht sein Versprechen aus dem ersten Film wahr: Das Ministerium für Magie in den USA ist nicht in der Lage, ihn in Gefangenschaft zu halten. Und so fällt es Newt Scamander (Eddie Redmayne) zu, den bedrohlichen Zauberer zu stoppen. Auf die richtige Spur wird er von Albus Dumbledore (Jude Law) geschickt, und natürlich sind auch seine Freunde aus dem ersten Teil wieder mit von der Partie.

So ziemlich das Erste, was ins Auge fällt, ist die vorherrschende Dunkelheit. Ja, sie ist gut ausgeleuchtet, so dass man zumindest in der 2D Variante sieht, was passiert, doch die Zeiten haben sich ganz eindeutig geändert; und nicht zum Besseren hin. Thestrale peitschen über aufgewühltes Wasser und gleich zu Beginn stellt Johnny Depp klar, dass viele von uns ihn zu Unrecht abgeschrieben hatten. Er verschwindet vollkommen in seiner Rolle und portraitiert Grindelwald mit einer durch ihre Ruhe bedrohlich wirkenden Präsenz. Schnell wird deutlich, was sein Plan ist, doch das Drehbuch verpasst ihm ausreichend Tiefe, so dass er ein nachvollziehbarer Antagonist ist, dessen anziehende Wirkung auf die Zaubergemeinde auch für uns glaubhaft ist.
Johnny Depp als Gellert Grindelwald © Warner Bros. Ent.
Ihm gegenüber steht der junge Dumbledore, und es wird schnell deutlich, dass die beiden eine gemeinsame Geschichte haben. Beide wirken dadurch menschlicher und besonders Grindelwald profitiert davon immens. Ich hoffe wirklich, dass der nächste Film näher darauf eingehen wird. Im Vergleich zu Depps Darbietung verblasst Jude Law allerdings ein wenig, auch wenn seine Interpretation des liebgewonnenen, legendären Zauberers überaus charmant gelungen ist. Er verkörpert Wärme und Fürsorge gegenüber seinen Schülern und hier und da blitzt wunderbarer Humor auf, der mich gespannt sein lässt, was wir von Dumbledore noch sehen werden. In der Zwischenzeit muss sich allerdings Newt daran machen, Grindelwald aufzuhalten. Eine Aufgabe, die erschwert wird, da er das Land nicht verlassen darf und auch nicht bereit ist, dem britischen Magieministerium entgegenzukommen, um diese Einschränkung wenigstens teilweise aufzuheben. Auch sein dort angestellter Bruder Theseus (Callum Turner) kann ihm nicht helfen.

Die titelgebenden fantastischen Tierwesen spielen natürlich auch wieder eine Rolle. Der diebische Niffler und der anhängliche Bowtruckle tragen ihren Teil zur Geschichte bei und niemand dürfte überrascht sein, dass Newts Haus quasi wie sein Koffer, nur eben in etwas größer, aufgebaut ist. Neue Kreaturen sind ebenfalls mit von der Partie und der Film schafft es, ihnen mit wenigen Handgriffen und Tricks eine eigene Persönlichkeit zuzuschreiben, die sie zu mehr als nur schön anzusehender Dekoration macht. Hier und da werden Rückblicke eingestreut und sie dienen für Newt auch dazu, zu unterstreichen, wieso er eine solch innige Verbindung zu seinen Tierwesen hat. Es sind ruhige, dafür aber umso kraftvollere Szenen, die den Zuschauer durchatmen lassen, bevor es zurück ins eigentliche Abenteuer geht.
Jude Law als Dumbledore und Eddie Redmayne als Newt Scamander © Warner Bros. Ent.
Bei den menschlichen Neuzugängen weiß vor allem Zoe Kravitz als Leta Lestrange zu begeistern. Eine Art mystische Aura umgibt sie, und nach und nach wird ihre tragische Geschichte offenbart. Der Film arbeitet in kürzester Zeit heraus, wieso Leta und Newt zueinander gefunden haben und macht ebenso effektiv deutlich, wieso diese Beziehung nie hätte Bestand haben können. Nagini (Claudia Kim) geht leider etwas im Tumult unter und viel zu sagen hat sie nicht, dafür ist ihre Mimik umso intensiver und ich bin sehr gespannt, wie ihre Geschichte, dessen Ende nur zu gut bekannt ist, weitergehen wird. Denn wenn eines deutlich wird, ist es, dass Nagini in Freiheit leben will und anderen helfen möchte. Für mich persönlich eine der größten Überraschungen, da ich zunächst von der Idee, Nagini überhaupt eine so detaillierte Geschichte zu schreiben, nicht sonderlich begeistert war. Allerdings muss ich auch festhalten, dass es sich als Zuschauerin nicht besonders gut anfühlt, Nagini so zu sehen und im Hinterkopf permanent "ok, aber später ist sie das loyale Haustier von Voldemort und frisst Menschen" laufen zu haben. Es ist ein zweischneidiges Schwert, auf die hoffentlich erfolgende Erklärung bin ich allerdings doch gespannt. Ihre Transformationsszenen zur Schlange sind rein vom technischen her überaus gelungen und machen deutlich, zu was Spezialeffekte heute gewachsen sind.

Etwas flach fallen Newts Freunde aus New York, wobei Queenie (Alison Sudol) hier klar die größte Wandlung durchmacht. Ihre Geschichte ging mir wirklich nah und mitten im Film hat sie eine eindrückliche Szene, die direkt ins Herz zielt. Jacob (Dan Fogler) lockert das düstere Drehbuch hier und da mit ein paar Witzen auf, doch auch er wird von Tragik befallen und hat ein paar Szenen, die wirklich unter die Haut gehen. Der Film spielt hier mit spannenden Fragen und fokussiert auf die Schwierigkeiten, welche die Beziehung zwischen den beiden mit sich bringt. Ezra Miller leidet meistens stumm vor sich hin und wirkt dabei furchtbar unterfordert. Es bleibt zu hoffen, dass er in den kommenden Teilen wieder mehr zu tun bekommt, denn sein Talent wird in diesem Teil wirklich vergeudet.

Begleitet wird all das von wunderschön dekorierten und detailverliebten, lebendig wirkenden Sets. Die magische Seite von Paris allein ist atemberaubend schön gelungen und auch London weiß zu überzeugen. James Newton Howard steuert passende Musik bei und es wird deutlich, dass die Verantwortlichen für die Special Effects hier ihre Freude hatten und sich austoben konnten. Doch unter all dem Bombast steckt eine packende Detektivgeschichte, die auf den ersten Blick vielleicht zu weit gestreut ist, sich dann aber immer weiter verdichtet und effektiv ihre Schachfiguren für die weiteren Filme in Position bringt. Randvoll mit politischen Statements, einige davon beinahe schon brutal direkt, hat alles, was in den knapp zwei Stunden Laufzeit passiert, Gewicht und Konsequenzen.

Erfrischend ist auch, dass weitergeführt wird, was der erste Teil schon so wunderbar umgesetzt hat. Wir haben es mit einem lupenreinen Fantasyfilm zu tun, und die Hauptfigur ist ein ruhiger, tierlieber, empathischer, verletzlicher Zauberer mit einem starken, moralischen Kompass und einem Talent für Deeskalation. Er ist ein Hufflepuff, wie er im Buche steht und für mich so eine erfrischende Abwechslung vom "typischen" männlichen Hauptcharakter in solchen Filmen. Er sucht nicht nach Wettbewerben, er ist nicht arrogant, alles was er möchte, ist Bücher über das schreiben, was er am meisten liebt: Magische Tierwesen. Er findet Freunde, die ihn akzeptieren, wie er ist, er muss sich nicht erst verändern, um Akzeptanz zu erfahren. Auch Jacob fällt aus der typischen Rolle, er liebt Queenie aufrichtig, ist völlig fasziniert von dieser neuen Welt, die sich ihm eröffnet hat, warm, liebenswert und herzlich, wirkt aber nie lächerlich. Ich kann nur hoffen, dass Newt als Protagonist erhalten bleibt, denn diese Reihe wäre nicht die gleiche, wenn Newt nicht im Mittelpunkt stehen würde.
Katherine Waterston als Tina Goldstein und Eddie Redmayne als Newt Scamander © Warner Bros. Ent.
Die Schwierigkeit, mit der diese neue Reihe sich in meinen Augen konfrontiert sieht, ist die fehlende Verbindung zu dem, was die ursprünglichen Filme so großartig machte: Das Publikum wurde mit den Hauptfiguren erwachsen und fand sich, zumindest in Teilen, darin wieder. Damit verlässt sich Crimes of Grindelwald schon fast ein bisschen zu sehr darauf, die Nostalgiekarte auszuspielen. Wunderschöne Aufnahmen von Hogwarts und ehrfürchtig geflüsterte Namen, die sich dann als simples Plotelement herausstellen, kommen hier häufiger vor, als noch im Vorgänger. Hogwarts wirkt in all der Düsternis des restlichen Films gleich doppelt wie ein magischer, von Sonnenlicht durchfluteter Ort. Für unsere Hauptfiguren hier ist er allerdings nicht mit besonders schönen Erinnerungen gefüllt, was im klaren Gegensatz zu unseren Erinnerungen als Zuschauer steht.

Da außerdem wirklich deutlich wird, in welche Richtung Grindelwald mit seinem Verhalten und seiner Rhetorik zielt, ist es beinahe schon schmerzhaft zu sehen, wie lange Newt Scamander passiv bleibt. Zu keiner Zeit hat Passivität Faschismus aufgehalten, dass es hier so lange dauert, bis die Hauptfigur Stellung bezieht, wäre vermeidbar gewesen. Da wir aber noch mindestens drei weitere Filme zu sehen bekommen, besteht ja durchaus die Chance, dass es sich im Verhältnis dann doch um eine kurze Episode des Zögerns handeln wird. Und dass Newt, soweit wir wissen, einfach ein ganz normaler Zauberer ist, der einfach das Richtige tun will, ist erfrischend genug, um ihm dabei weiter zusehen zu wollen.

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