Horrorfilme als Ventil für reale Ängste

Horror als Genre mag von vielen Zuschauern als seichte, dumpfe Unterhaltung abgetan werden. Was soll schon gesellschaftskritisch an verrottenden Körpern und literweise Blut sein? Dabei würde es reichen, entweder ein Geschichtsbuch oder alternativ nur schon Wikipedia mal genauer anzuschauen und mit einer Liste von Horrorfilmen der letzten 80 Jahre abzugleichen. Für all diejenigen, denen die Zeit dafür fehlt, folgt nun eine nicht allzu lange Einführung in ein Genre, das völlig zu Unrecht so oft unter den Bus geworfen wird. Ich erhebe dabei keinerlei Anspruch an Vollständigkeit und möchte auch nicht allzu sehr in die Tiefe gehen. Ihr sollt am Ende einfach grundsätzlich über das Thema Bescheid wissen.


Neuanfang nach dem Ersten Weltkrieg


Gehen wir für den Anfang zurück bis in das Jahr 1920. Wir befinden uns in der Weimarer Republik, die Wirtschaft ist mehr oder weniger im freien Fall. Knapp 14 Monate nach Ende des Ersten Weltkrieges sorgen die zurückkehrenden Soldaten für einen Überfluss an Arbeitern, die Gehälter stagnieren. Die Felder werden wieder bearbeitet, so dass auch im agrarkulturellen Bereich die Preise fielen. Die Angst vor einem Zusammenbruch der Währung sorgte darüber hinaus dafür, dass die Menschen ihr Geld sparten, statt es anzulegen oder auszugeben. Was in den USA für Chaos sorgte, schwappte auch auf andere Länder über. Auch Deutschland war davon betroffen. Der Einfluss der Amerikaner, der nach Kriegsende herrschte, die eigene Wirtschaft, welche sich im Keller befand und die politische Unsicherheit fanden ihren Weg in das kulturelle Schaffen.

"Das Cabinet des Dr. Caligari" © Deutsches Institut für Filmkunde DIF

In dieser unsicheren Zeit fällt ein Film wie Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) gleich mehrfach auf. Sein unzuverlässiger Erzähler nimmt dem Zuschauenden jede Spur von Sicherheit. In die gleiche Sparte schlägt die Art, wie der Streifen gefilmt wurde, völlig ohne absichernde, stabil scheinende Aufnahmen. Eine absurde, wahnsinnig wirkende Geschichte, erzählt von einer Figur, die sich mit den gleichen Adjektiven beschreiben lässt. Gehen wir in der Zeit vorwärts, finden wir Frankenstein (1931), in dem die Figuren ziellos umher taumeln, jedem Halt beraubt.

Weltkriege, Atombomben und Mutanten


Wer sich den weiteren Verlauf der Geschichte anschaut, der wird schnell merken, dass besonders zwischen 1946 und 1950 keine Horrorfilme hergestellt wurden. Bleiben wir bei der Theorie, dass in diesem Genre das abgebildet wird, was die Menschen real in Angst versetzt, dann könnte man daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass den Horror, welchen die Konzentrationslager und der Zweite Weltkrieg an sich entfesselten, sowieso nichts übertreffen könnte. In Italien befassten sich Filmemacher mit dem Nachlass von Mussolini. Die Unbegreifbarkeit der Ära spiegelte sich im filmischen Schaffen wieder und es kann durchaus gesagt werden, dass das Monster in Menschengestalt und das Unerklärliche ihren Weg in die Giallos wie Suspiria (1977) gefunden haben.

In den 50er Jahren sahen sich die Zuschauer dann mit einer neuen Welle des Horrors konfrontiert. In den USA griff die Angst vor den Sovjets um sich und die Welt hatte in Hiroshima und Nagasaki gesehen, welche Zerstörung und welches Leid Atombomben bringen. Themen, die sich in den Filmen dieser Zeit widerspiegeln. Vielleicht mehr als sonst erfüllte Kino in dieser Zeit eine doppelte Rolle. Einerseits wollten die Zuschauer von ihren alltäglichen Ängsten abgelenkt werden, andererseits sollten diese Ängste beruhigt werden. Je häufiger man etwas sieht, desto eher gewöhnt man sich daran, wieso sollte dies also nicht auch für explodierende Bomben und Mutanten gelten?
"Suspiria" © Gloria

Obwohl die Filme dieser Zeit sich mit den Folgen von beispielsweise Strahlung beschäftigten, thematisierten sie jeweils nicht die gesellschaftlichen Grundlagen, die überhaupt erst den Weg für die Nutzung von Atombomben bereiteten. Drastisch formuliert lassen sie sich als reaktionäre Liebeserklärung an einen väterlichen Staat verstehen, der seine Bürger schon irgendwie schützen wird. Finanziell erfolgreich war diese Epoche aber trotzdem. Die Übergänge von Horror und Science Fiction sind hier fließend und Filme wie Der Tag, an dem die Erde stillstand (1951) gelten auch heute noch völlig zu Recht als Klassiker.

Godzilla (1954) lässt sich derweil als direkte Antwort der Japaner auf die USA interpretieren. Die nukleare Riesenechse gewann schnell die Sympathie der Zuschauer, die ihre Wut und den Wunsch nach Selbsterhalt und die daraus resultierende Aggression nachvollziehen konnten. Bis heute ist Godzilla eines der, wenn nicht sogar das bekannteste popkulturelle Symbol Japans und die Faszination ist ungebrochen.

I was a Teenage Werewolf (1957) befasst sich mit den Auswirkungen von Strahlung auf das menschliche Genom. Formicula (1954) markierte derweil einen Neuanfang für Monsterfilme. Während Dracula noch das Publikum in seinen Bann zog und die Zuschauer um King Kong trauerten, warteten nun neue, schreckliche Monster. Kaltblütig, gut organisiert und bösartig überschwemmten sie die Kinolandschaft. Inwieweit die filmische Auseinandersetzung mit diesen Themen nun beruhigend oder vielleicht sogar aufpeitschend wirkt, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Ein faszinierendes Gedankenspiel ist es aber allemal.


Die unsichere Nachbarschaft


In den 60ern findet erneut ein thematischer Wandel statt. Mit Psycho (1960) wird der Grundstein für die späteren Slasher gelegt. Die Angst vor Killern in der Nachbarschaft (Für Psycho war Ed Gein eine essentielle Vorlage) griff um sich, die Menschen misstrauten der Polizei und gingen davon aus, dass solche Mörder sowieso nicht gefasst werden konnten. Durch die 60er hinweg folgten zahlreiche weitere Filme. Die vier Oscarnominierungen, die Psycho erhielt, sorgten dafür, dass auch namhafte Darstellerinnen und Darsteller sich dem Genre zuwandten. Auch die Hammer Studios sprangen auf den Zug auf und produzierten einige Psychothriller.

Die Goldene Ära des Slashers wurde allerdings erst später, nämlich mit John Carpenters Halloween (1978) gestartet. In den folgenden sechs Jahren erschienen zahlreiche Filme. Für eine erneute Debatte sorgte die Wahl von Ronald Reagan zum Präsidenten der USA. Mit seinem Amtsantritt rollte erneut eine konservative Welle über das Land und Slasher sowie Exploitation wurden heftig debattiert. Im gleichen Jahr lief Freitag der 13. mit großem Erfolg und sehr zum Ärger von Kritikern, Presse und Teilen der Öffentlichkeit. Danach verschwanden die Slasher nach und nach aus dem Kino und wurden größtenteils direkt für das Heimkino veröffentlicht. Einige Filme wie My Bloody Valentine (1981) wurden für das Kino heftig geschnitten und schafften es so nicht, ein größeres Publikum anzuzuiehen.

"Halloween" © Warner-Columbia


Erst 1984 schaffte Wes Craven es mit A Nightmare on Elm Street, diese Goldene Ära des Slashers mit einem Knall enden zu lassen. Finanzieller Erfolg an den Kinokassen und die Kultfigur Freddy Krüger schafften es, der Reihe auf lange Zeit Leben einzuhauchen. Der Film markiert auch einen Wendepunkt, denn ab diesem Zeitpunkt wurden Special Effects wichtiger und eindrucksvoller. Es folgten weitere Veröffentlichungen, die häufig direkt im Heimkino landeten. 1996 gelang es Wes Craven dann erneut, dem Genre seinen Stempel aufzudrücken. Mit Scream verhalf er den Slashern zu neuem Leben in modernem Gewand. Zahlreiche weitere Filme folgten, darunter Ich weiss, was du letzten Sommer getan hast (1997) und Urban Legend (1998). Heute hat sich das Genre erneut gewandelt und typische Slasher Elemente sind häufig nur noch Beigabe in einer Mischung aus diversen Genres.

Familien, Konsum und die verdammte Jugend


Mit Night of the Living Dead (1968) traten Zombies auf den Plan und zeigten sich schnell als Sinnbild für den Verfall von traditionellen, familiären Werten. Auch Texas Chainsaw Massacre (1974) kann in diese Richtung gelesen werden. Das Haus der Familie mit seinen Blumen im Vordergarten mag halbwegs einladend aussehen, doch im Inneren herrscht der Zerfall dessen, was die heile Familie kennzeichnet. Dazu gesellt sich der Ausdruck der Angst vor Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun. Ähnlich wie später Dawn of the Dead (1978) steht auch hier schon der Konsum der jungen Opfer als ein Kernthema mit im Fokus.

Ebenfalls mit der Jugend befasste sich Eden Lake (2008), der sich als Angstparabel auf eine völlig außer Kontrolle geratene, skrupellose Welle an Jugendlichen lesen lässt. Mit It Follows (2015) und So finster die Nacht (2008) wird sich dem oftmals doch sehr abschreckenden Erwachsenwerden angenommen. Auch die unsichere Nachbarschaft spielt in beiden Filmen eine präsente Rolle.

Und was hat die Kirche beizutragen?


1973 schockierte Der Exorzist das Kinopublikum nachhaltig. Die Angst vor Dämonen und Teufeln bekam plötzlich eine große Leinwand und die Kirche versprach eine gewisse Sicherheit. Wenige Jahrzehnte später sieht dieses Bild etwas anders aus und wir sehen uns immer wieder mit Missbrauchsskandalen innerhalb der Kirche konfrontiert. The Nun (2018) greift dieses Thema recht deutlich auf. Statt sich mit dem Dämon Valak zu befassen, wird er halbherzig begraben. Hier gewisse Parallelen zum Umgang der Kirche mit immer wieder neuen Vorwürfen zu sehen, fällt nicht sonderlich schwer.

"The Witch" © Universal

Das selbstbezeichnete Folk-Tale The Witch (2016) setzt sich auf erschreckende Weise mit religiösem Fanatismus auseinander. Eine isoliert lebende Familie scheitert daran, die Situation nüchtern zu betrachten. Die Angst vor dem Unerklärlichen übernimmt die Kontrolle und isoliert ihre Tochter vom Rest der Familie. Was nicht erklärt werden kann, muss Hexerei sein und während die Zuschauer es schaffen, die Übersicht zu behalten, verliert die Familie sich im religiösen Wahn und vermag es nicht, hinter diesen zu blicken, um sich der Wahrheit zu stellen. Es ist ein durch und durch beunruhigender Film, dessen dichte Atmosphäre für Beklemmungen sorgt. Schaut man sich heute um, dann ebnet sich das Religiöse erneut eine prominente Bahn, die in einer säkularisierten Welt nicht so breit sein sollte, wie sie momentan ist.

Wenn die eigenen vier Wände nicht sicher sind


Die Angst vor dem Fremden ist ein kennzeichnendes Merkmal zahlreicher Subgenres im Horrorbereich. Darunter fällt auch die Home Invasion. Hier steht exakt auf dem Label, was am Ende auch zu sehen ist: Die Penetration der eigenen vier Wände, also des einen Ortes, an dem wir uns sicher und geborgen fühlen, sorgt dafür, dass sich nachhaltiger Terror entfalten kann. Während wir wissen, dass Zombies, Vampire und Werwölfe nicht existieren, ist die Gefahr eines Einbruchs durchaus real und traumatisch für die Bewohner der vom Einbruch anvisierten Wohnung.

"You're Next" © Lionsgate

Als Begründer des modernen Home Invasion Films kann Funny Games (1997) gezählt werden. Der maskierte und somit gesichtslose Einbrecher darf durchaus als Metapher auf Einwanderer und damit verbundene Xenophobie gelesen werden, was dem Ganzen eine neue, politische Dimension hinzufügt. Don't Breathe (2016) verdreht dieses Narrativ und konfrontiert den Zuschauer mit einem Rollentausch von vermeintlich unschuldigem Hausbesitzer und böswilligen Einbrechern. Einen weiteren Twist ins Genre bringen Filme wie You're Next (2011) und Hush (2016). Dort wehrt sich die Hauptfigur gegen die Einbrecher, während sonst häufig eine Art passives Verhalten zu sehen ist.

Der Horror holt die Zeit erneut ein


Immer wieder finden sich also aktuell diskutierte Themen auch im Horrorfilm wieder. Suicide Club (2002) reflektierte die Themen der Konformität und den Einfluss der Popkultur auf die Jugend in Japan. Mit Babadook (2014) setzte sich Jennifer Kent mit Depressionen, Trauer und mentaler Gesundheit auseinander. Themen, die uns auch in weiteren, recht neuen Filmen wie Hereditary (2018) begegnen. Auch das stetige Erstarken der extremen Rechten wird thematisiert, besonders eindrücklich gezeigt in Green Room (2016), in dem sich der Terror, den Nazis verbreiten, auf engstem Raum voll entfaltet. Eine andere Art der Auseinandersetzung mit dem nach wie vor tief in der Gesellschaft verankerten Rassismus zeigt Get Out (2017).

"Get Out" © Blumhouse Productions

Und was wird uns in der nahen Zukunft erwarten? Vermutlich wird das Thema "Kult" noch mehr Raum einnehmen. Bereits im letzten Teil der Far Cry Reihe wurde sich auf spielerischer Ebene damit befasst. Auch American Horror Story widmete eine ganze Staffel einem Kult. Und wo es sich darum dreht, ist natürlich auch Charles Manson nicht weit. Die zweite Staffel der True Crime Serie Mindhunters auf Netflix wird sich mit ihm befassen und Quentin Tarantino dreht mit Once Upon a Time in Hollywood seine eigene Version der Manson Geschichte. Schaut man sich die momentane politische Bühne an, dann verwundert die Beschäftigung mit gefährlichen, charismatischen Anführerfiguren nicht, sind diese doch in vielen Schlüsselpositionen überaus stark präsent. Dem Horrorgenre dürfte also auch auf lange Sicht der Stoff nicht ausgehen, denn eines ist sicher: Der nächste angstauslösende Faktor kommt garantiert.

1 Kommentar:

  1. Sehr cooler Artikel, in dem ja quasi nichts fehlt :) Vielleicht noch Folklore und Spiritismus wie Vodoo oder Geister/weiße Frauen/Oni in asiatischen Horrorfilmen. Aber im großen und ganzen ein perfekter Rundumschlag und ich mag die Pointe am Ende ;)

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