gelesen: Der weite Raum der Zeit

© Knaus

Das steht drin


Der Londoner Investmentbanker Leo verdächtigt seine schwangere Frau MiMi, ihn mit seinem Jugendfreund Xeno zu betrügen. In rasender Eifersucht und blind gegenüber allen gegenteiligen Beweisen verstößt er MiMi und seine neugeborene Tochter Perdita. Durch einen glücklichen Zufall findet der Barpianist Shep das Baby und nimmt es mit nach Hause. Jahre später verliebt sich das Mädchen in einen jungen Mann – Xenos einzigen Sohn. Zusammen machen sie sich auf, das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen und alte Wunden zu heilen, damit der Bann der Vergangenheit endlich gebrochen wird.


Kritik


"Der weite Raum der Zeit" von Jeanette Winterson markiert den Auftakt für das Shakespeare-Projekt des Hogarth-Verlages. Als Vorlage für die britische Autorin diente eines von Shakespeares späteren Werken, nämlich "Das Wintermärchen".

Wo beim Original noch eine Menge Vertrauen in die entrückteren Aspekte, im englischen gibt es dafür den Begriff "suspension of disbelief", nötig ist, verankert Winterson die Geschichte fest in der Moderne. Mit Leo haben wir als Leser eine hypermaskuline Figur, die von Gier und Neid zerfressen ist, und deren schlechte Eigenschaften durch den Umgang mit zu viel Geld noch verstärkt werden. Leichte Kost ist das auf keinen Fall, und hier und da fühlte ich mich beim Lesen dezent an Patrick Bateman aus "American Psycho" erinnert, wenn auch Leo nicht ganz so drastisch vorgeht.

Doch Winterson hat diese problematische Hauptfigur, so wie alle Figuren, fest im Griff und lässt in geschickter, oftmals ins vulgäre abdriftende Sprache die Geschichte Schritt um Schritt eskalieren. Gleichzeitig sind sämtliche Figuren mit einer glaubhaften Hintergrundgeschichte ausgestattet, die ein ums andere Mal die ersten Ereignisse, die uns über eine Figur werten lassen, revidieren, so dass auch wir unser Urteil als Leser anpassen müssen. So wird man immer tiefer in einen faszinierenden Strudel hineingezogen und das Gefühl, dass es in der Geschichte für die Figuren wirklich um etwas Greifbares geht, verstärkt das Lesevergnügen. Wie oft leidet eine Geschichte, weil einem die Figuren egal sind? Das ist hier eindeutig nicht der Fall.

Die Dialoge sind weitestgehend geschliffen und süffisant, nur hier und da erinnern sie ein wenig an das Drehbuch eines Theaterstückes. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um eine Nacherzählung eines Stückes handelt, finde ich dies aber nicht weiter dramatisch. Das moderne London und eine Stadt, die wohl am ehesten an New Orleans angelehnt ist, fungieren als Schauplätze für diese High Society Eskalation. Wo Shakespeare in seinem Stück Interpretationsraum offen ließ, füllt Winterson diese Lücken. Die Geschichte bekommt so ihren ganz eigenen Antrieb, wer das Original für diese Offenheit und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Selbstreflexion schätze, wird sich hier vor den Kopf gestoßen fühlen.

Fazit


"Der weite Raum der Zeit" hat es als Auftaktwerk der Reihe sicher am schwersten gehabt, doch Jeanette Winterson liefert eine fulminante, dramatische und packende Geschichte ab, die den Leser in ihren Bann zieht


Fakten zum Buch


Der weite Raum der Zeit von Anne Tyler | Originaltitel: The Gap of Time | Verlag: Knaus | erschienen am 11. April 2016 | Übersetzer: Sabine Schwenk | Hardcover | 288 Seiten | € 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90

Die Werke des Hogarth - Shakespeare Projektes

Der weite Raum der Zeit - Jeanette Winterson - Das Wintermärchen
Shylock - Howard Jacobson - Der Kaufmann von Venedig
Die störrische Braut - Anne Tyler - Der Widerspenstigen Zähmung
Hexensaat - Margaret Atwood - Der Sturm
Dunbar und seine Töchter - Edward St. Aubyn - König Lear
Tracy Chevalier - Der Neue - Othello
Gillian Flynn - Hamlet
Jo Nesbø: - Macbeth

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