gespielt: What remains of Edith Finch

Screenshot aus "What remains of Edith Finch" © Giant Sparrow
Dem regelmäßig stattfindenden Steam-Sale zu so ziemlich jeder Gelegenheit verdanke ich mittlerweile eine ganze Horde an ungespielten Games, die nur auf ihre Entdeckung meinerseits warten. Pünktlich zum Beginn des neuen Jahres zog mit "What remains of Edith Finch" ein für mein sonstiges Spielverhalten eher ungewöhnliches Game in meine Bibliothek. Und was soll ich sagen, ich bin mal wieder restlos begeistert. Und überrascht. Aber lest selbst.

Story


Die 17 Jahre alte Edith Finch kehrt nach sieben Jahren Abwesenheit in das mittlerweile verlassene Haus ihrer Familie auf Orcas Island in Washington zurück. Sämtliche Familienmitglieder sind mittlerweile verstorben. Nach und nach entdeckt sie geheime Passagen im Haus und erfährt so mehr über das Leben ihrer unterschiedlichen Vorfahren.


Kritik


Ein Walking Simulator also. Ein Spiel, in dem man prinzipiell nichts anderes macht, als (langsam) herumzulaufen und ab und an etwas anzuklicken. Ungewohnt, aber irgendwie auch entspannend. Und irgendwie erfreulich, denn zwischen Platinum-Achievements und dem Zwang, permanent irgendwelche Gefechte überleben zu müssen, ist es herrlich entspannend und entschleunigend, einfach mal keine Fehler machen zu können. Alles, was getan werden muss, ist nach und nach Zimmer betreten, den Gegenstand finden, der die nächste Geschichte auslöst, und diese erleben. So kann man sich in den rund zwei Stunden Spielzeit voll und ganz auf die Geschichte konzentrieren. Oder vielmehr die Geschichten.

Screenshot aus "What remains of Edith Finch" © Giant Sparrow
Denn "What remains of Edith Finch" steckt voller kleiner Geschichten. Sie alle haben eines gemeinsam: Der Tod spielt die Hauptrolle. Jedes einzelne Familienmitglied starb auf mysteriöse Weise, und als Edith erlebt man all diese Tode. Eine kurzzeitige Depression muss man beim Spielen allerdings nichts fürchten, denn die Geschichten an sich sind unfassbar lebendig erzählt. Sicher, besonders dann, wenn Kinder sterben, geht einem als Spieler das nahe. Doch die Figuren begegnen dem oftmals absurdem, teilweise tragischem Ableben mit kindlicher Neugierde auf das, was danach kommen könnte.

Die einzelnen Erzählstränge präsentieren sich dann auch als Feuerwerk der Kreativität. Keine gleicht in ihrer Erzählweise der anderen, als Spieler erlebt man zahlreiche unterschiedliche Perspektiven und Darstellungen und auch vor Genrewechseln scheut das Spiel nicht zurück. Das lässt sich schwer beschreiben, sondern am besten einfach erfahren. Soviel sei gesagt, als Aufziehfrosch zu spielen war mein persönliches Highlight im ersten Durchlauf.

Screenshot aus "What remains of Edith Finch" © Giant Sparrow
Im stetigen Wechsel aus aktivem Erkunden und passivem Zuhören erkundet man also das Haus und seine nähere Umgebung. Auch wenn die Interaktionsmöglichkeiten beschränkt sind, so ist das Haus liebevoll und detailreich eingerichtet und erweckt tatsächlich den Eindruck, dass dort jemand gelebt hat. Wo andere Häuser in Spielen oftmals steril wirken, wie ein Möbelkatalog, atmet das Haus der Finchs seine eigene, sich wie ein langsam mäandernder Fluss entfaltende Geschichte. Denn all die einzelnen kleinen Fragmente werden nach und nach zu einem großen Ganzen zusammengesetzt und es zeichnet sich ein lebendiges, tragisches Bild einer Familie, die auf der Suche nach einem neuen Leben unfassbare Verluste erfahren hat. Kenner der nordischen Sagen dürften ebenfalls einiges zu entdecken haben, der Familiengründer heißt jedenfalls nicht umsonst mit Vornamen Odin. 

Screenshot aus "What remains of Edith Finch" © Giant Sparrow
Es empfiehlt sich, den ersten Durchlauf des Spiels in einem Rutsch zu absolvieren. Wie bereits erwähnt, ist dies in gut zwei Stunden machbar, wer es lieber langsam angehen mag, sollte in drei Stunden trotzdem gut durchkommen. Wie ein Sog zieht "What remains of Edith Finch" einen nämlich immer tiefer in seinen Bann, und diese Immersion zu brechen wäre wirklich schade. Wer die deutsche Version spielt, der bekommt übrigens trotzdem eine englische Sprachausgabe. Die eingedeutschten Texte tauchen aber gut in das Geschehen eingefügt im Bild auf, wandern mit, verschwimmen wie flüchtiger Nebel. Als eigenes Designelement ist diese Herangehensweise wunderbar gewählt, verstärkt sie doch die etwas andersweltliche Atmosphäre. Dazu gesellt sich noch ein stimmiger Soundtrack sowie eine generell sehr überzeugend und lebendig klingende Soundkulisse, die sich vor allem mit einem Surround-Headset voll entfalten kann und ihren Teil zur Immersion beiträgt. So steht dem Erleben einer wirklich ergreifenden Geschichte dann nichts mehr im Wege.


Fazit


"What remains of Edith Finch" lässt sich schwer beschreiben. Melancholisch, abenteuerlich, nachdenklich stimmend, all das trifft auf das Spiel zu. Es ist mit viel Liebe zum Detail ausgestattet und macht das Schicksal einer Familie über mehrere Generationen hinweg greif- und erlebbar. Dabei sind die einzelnen Geschichten herrlich kreativ erzählt und umgesetzt. Ein außergewöhnliches Spiel, dem man guten Gewissens auch mehrfach verfallen kann, um die volle Bandbreite aller Geschichten miteinander verbinden zu können.

Infos zum Spiel


Originaltitel: What remains of Edith Finch
Erscheinungsjahr: 2017
Plattformen: PS4, PC, XBox One
USK: 12
Entwickler: Giant Sparrow
Publisher: Annapurna Interactive