gelesen: Dunbar und seine Töchter

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Das steht drin


Sein ganzes Leben lang hat Henry Dunbar auf nichts und niemanden Rücksicht genommen, besessen von der Vision, seinen kleinen Zeitungsverlag zu einem Medienkonzern auszubauen. Auf dem Zenit seiner Macht hat nur noch einen einzigen, aber mächtigen Feind: das Alter. Dunbar weiß, er muss sein Reich in die Hände seiner Töchter legen. Nur zwei der Kinder hält er für geeignet. Doch das Leben erteilt ihm eine bittere Lektion.

Kritik


"König Lear", eine Geschichte die sich um den Untergang patriarchaler Aristokratie dreht, ist in den Händen von Edward St Aubyn gut aufgehoben. So wirklich überraschend ist das nicht, der Mann kennt sich mit destruktiven, männlich geprägten und gestörten Verhaltensmustern aus. Wo schon im Originalwerk von Shakespeare König Lear Dreh- und Angelpunkt der Geschichte war und alle anderen Figuren beinahe zu Karikaturen verkamen, wird dieser enge Fokus in der Neuerzählung im Rahmen des Hogarth-Projektes beibehalten.

Das hindert St Aubyn nicht daran, den restlichen Figuren ein zeitgenössisches und sehr willkommenes Update zu verpassen. Sorgsam werden die einzelnen Charaktere in unsere Zeit transportiert und mit einer gehörigen Portion Tragik ausgestattet. So verfolgen wir als Leser den langsamen Zerfall des Lebens eines Medienmoguls mit, den stetigen Abstieg in einen Abgrund aus Wahnsinn und Verzweiflung. Einzig für Dunbars Töchter hätte ich mehr etwas mehr Vielschichtigkeit gewünscht. Hier sind sie beide in einem Muster gefangen, das Shakespeare bereits in seinem Urwerk implementierte: Mit klar ausgeprägter Sexualität sind beide Töchter dazu verdammt, als fiese, hinterhältige Frauen beschrieben zu werden. Dass St Aubyn dies auch anders kann, hat er in seinen anderen Werken bewiesen, hier hängt er zu sehr in Shakespeares Fußstapfen fest.

Trotzdem schreitet die Geschichte zügig vorwärts und bewegt sich als Nacherzählung stets auf sicherem Grund und Boden. Als solche bleibt sie für diejenigen, die das Original kennen, zwar vorhersehbar, bewegt sich aber doch auf hohem Niveau und demonstriert eindrucksvoll, was ein fähiger Autor aus einer bekannten Geschichte herausholen kann. Und am Ende bleibt die Geschichte um den unvermeidlichen Zerfall eines großen Lebens eben doch ergreifend.

Fazit


"Dunbar und seine Töchter" adaptiert Shakespeares "König Lear" eindrucksvoll in die heutige Zeit und dokumentiert das Lebensende eines fiktiven Medienmoguls. Das kommt mit kleineren Schwächen daher, ist insgesamt aber eine packende Geschichte, die man kaum aus der Hand legen möchte.

Fakten zum Buch


Dunbar und seine Töcher von Edward St Aubyn | Originaltitel: Dunbar | Verlag: Knaus | erschienen am 20. November 2016 | Übersetzer: Nikolaus Hansen | Hardcover | 256 Seiten | € 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90

Die Werke des Hogarth - Shakespeare Projektes

Der weite Raum der Zeit - Jeanette Winterson - Das Wintermärchen
Shylock - Howard Jacobson - Der Kaufmann von Venedig
Die störrische Braut - Anne Tyler - Der Widerspenstigen Zähmung
Hexensaat - Margaret Atwood - Der Sturm
Dunbar und seine Töchter - Edward St. Aubyn - König Lear
Tracy Chevalier - Der Neue - Othello
Gillian Flynn - Hamlet
Jo Nesbø: - Macbeth