Filmkritik: Sing Street

© Studiocanal GmbH Filmverleih
Story: Irland in den 1980er Jahren. Vor dem Hintergrund von Rezession und Arbeitslosigkeit wächst der jugendliche Conor in Dublin auf. Als Außenseiter in der Schule gebrandmarkt, flieht er in die Welt der Popmusik und träumt nebenbei von der unerreichbaren, schönen Raphina, die mit auffälligem Make-up, extravaganter Frisur und einer guten Portion eigener Meinungen und Träume bezaubert. Seine Idee: Er lädt Raphina ein, im Musikvideo seiner Band aufzutreten. Sein Problem: Er hat gar keine Band. Doch das hält ihn nicht auf, und er gründet mit ein paar Jungs aus der Schule kurzerhand seine eigene Gruppe und schreibt seine ersten Songs.

Kritik: Wohlfühlkino. Spätestens, seit in regelmäßigen Abständen völlig inhaltsloses Zeug (viel Romantik, bisschen Sexismus, bisschen Rassismus, unbekannte Darsteller und generischer Soundtrack sind das Grundrezept) in viel zu heller Belichtung den Kinomarkt überflutet, will man diesen Begriff eigentlich ja vermeiden. Wohlfühlkino scheint synonym zu sein für Inhaltsleere, und wer schaut sich schon gerne völlig inhaltsloses Zeug an? Also, außer mir, wenn es um irgendwelchen Low Budget Horror geht, versteht sich von selbst. "Sing Street" schickt sich an, dem in Mitleidenschaft gezogenen Begriff wieder zu einer Daseinsberechtigung zu verhelfen. Denn, und das kann man selten so festhalten, hier stimmt einfach Alles.
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Das fängt bei den Darstellern an. Mit einer Mischung aus bekannten Gesichtern (Aidan Gillen aus "Game of Thrones", Maria Doyle Kennedy aus "The Tudors") und neuen Darstellern punktet "Sing Street". Besonders Ferdia Walsh-Peelo als Conor schafft es, den Film auf seinen noch jungen Schultern zu tragen. Und das in einer Debütrolle. Ferdia hat aber nicht nur tolle Ausstrahlung und eine vielseitige Mimik, sondern auch eine tolle, angenehme Stimme, wenn es ums singen geht. Ebenfalls toll geschrieben ist die Rolle von Conors älterem Bruder, gespielt von Jack Reynor. In den 80er lief es in Irland wirtschaftlich mal so gar nicht gut, und der Film nimmt sich viel Zeit, die Auswirkungen der finanziellen Krise auf der Familienebene aufzuzeigen. Jedes Familienmitglied geht anders mit der Situation um, alle Figuren bleiben aber nachvollziehbar. John Carney schafft es, jederzeit Ruhe in seiner Geschichte zu verankern, so kriegen emotionale Treffer den vollen Wirkungsfreiraum. "Sing Street" geht so in seinen kleinsten Momenten richtig ans Herz. Kinder der 80er werden außerdem eine Menge Freude an den herrlichen Retro-Eskapaden haben. Das damalige Wunder der ersten Musikvideos, der Stil verschiedener Bands, das Wochenendritual, bei dem alle gemeinsam "Top of the Pops" schauen, all dies sind Erinnerungen, die ab einem gewissen Alter der Zuschauer automatisch vorhanden sind, Erfahrungen, die beinahe jeder gemacht hat.
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In erster Linie ist es aber ein Film für und über Träumer. Konfrontiert mit der harschen Außenwelt, in der die Mitschüler größtenteils mobbende Idioten und die Lehrer brutale Ignoranten sind, und in der die eigene Familie langsam, aber unaufhaltsam an sich selbst zerbricht, versucht Conor, auszusteigen. Und hier offenbart sich die größte Stärke des Films: er blickt nicht auf diese Figuren herab. Wie leicht ist es doch, sich über heranwachsende Teenager lustig zu machen. Wie oft hört man, wenn man aufwächst, dass man sich nicht so anstellen soll, dass der eigene Weltschmerz lächerlich ist? Viele scheinen zu vergessen, wie unsicher man sich damals fühlte, was für Träume man hatte. "Sing Street" nimmt seine jungen Figuren ernst, lässt ihnen Raum, sich zu entfalten. Da wird es dann auch möglich, eine Band zu starten ohne wirklich Ahnung von Musik zu haben. Oder das unerreichbare Mädchen anzuquatschen. Oder im toxischen Umfeld der Schule seinen eigenen Selbstfindungstrip durchzuziehen. Angeleitet von seinem älteren Bruder, der sich in seine Plattensammlung flüchtet, entdeckt Conor nach und nach prägende Bands, die ihm helfen, herauszufinden, wer er selbst ist. Musik wird in vielerlei Hinsicht zur Ausdrucksplattform, und die Szenen, in denen er gemeinsam mit einem anderen jungen Songs schreibt, sind einfach pure Schönheit. Das wunderbar umgesetzte Feeling eines Irlands, das sich tief in der Krise befindet und von seinen Einwohnern in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Scharen verlassen wird, verdient ebenfalls Lob. Wer kann, sollte hier ganz klar zur Originalversion greifen, dort wird stimmungsmäßig nochmal eine Schippe draufgelegt.
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Doch auch Träume können scheitern, und so bleibt ein Anker zur Realität immer vorhanden. Die erste Liebe, Ablehnung, Probleme in der Schule, nicht ernstgenommen werden, die Ungewissheit die mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt, all das sind Themen, die angeschnitten werden. Doch dem stehen Freundschaft und Vertrauen gegenüber, die Sicherheit, die einem Familie geben kann. Und die Gewissheit, dass Träume wahr werden können, wenn man sich nur im richtigen Moment traut, nach den Sternen zu greifen. Selten traf die Bezeichnung "richtig was fürs Herz" so zu wie auf diesen Film.

Fazit: "Sing Street" entpuppt sich als eine der Überraschungen des Jahres. Voller Liebe und Respekt für seine Figuren und ihre Träume, randvoll mit tollen Darstellern und einem Soundtrack, der sich mit seiner Mischung aus Eigenkompositionen und bekannten Songs ganz fest im Gehörgang einnistet. Wohlfühlkino, ganz so wie es sein sollte und eine klare Empfehlung für alle Träumer, Musikliebhaber und Irlandfans.  

Infos zum Film

Originaltitel: Sing Street
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Coming of Age, Drama, Musikfilm
FSK: 6
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: John Carney
Drehbuch: John Carney
Darsteller: Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton, Aidan Gillen, Maria Doyle Kennedy, Jack Reynor u.a.

Trailer


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