Filmkritik: Don't Breathe

© Sony Pictures
Story: Drei Jugendliche verdienen ihren Lebensunterhalt damit, kleinere Einbrüche durchzuziehen. Bargeld nehmen sie niemals mit, um härteren Strafen zu entgehen, falls sie erwischt werden. Doch ein Raubzug erweist sich als zu verlockend. Ein blinder, namenloser Kriegsveteran (Stephen Lang) hortet in seinem Haus ein stattliches Sümmchen. Rocky (Jane Levy) sieht ihre Chance gekommen, endlich mit ihrer kleinen Schwester aus ihrem kaputten Umfeld zu entkommen. Doch der Raubzug in der menschenleeren Wohngegend erweist sich als Fehler, denn die Kids haben die Rechnung ohne ihr vermeintliches Opfer gemacht.

Kritik: Fede Alvarez lieferte 2013 mit dem Remake von "Evil Dead" einen Film, der generell gut ankam und zu meinen persönlichen Favoriten gehört. Bereits da zeigte sich, dass er etwas von seinem Handwerk versteht und es schafft, unterschwellig Bedrohung aufzubauen, noch bevor dann tatsächlich die Dinge eskalieren. Bis zu einem gewissen Grad schafft er das auch mit seinem Zweitwerk, "Don't Breathe". Doch leider läuft auch so einiges einfach nicht ganz rund. Oder anders formuliert: Zu viele Chancen werden ausgelassen, zu viele Möglichkeiten bleiben ungenutzt.
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Doch bleiben wir vorerst beim Positiven. Jane Levy, die bereits die Hauptrolle in "Evil Dead" übernahm, zeigt auch hier wieder, wie man mit wenig Ausgangsmaterial eine Menge erreichen kann. Ihre Rocky zeigt emotionale Tiefe und eine ganze Bandbreite von Angstzuständen, die den Zuschauer unweigerlich mit in die Angelegenheit hineinziehen. Auch ihre Motivation ist zwar sehr einfach gehalten, sie spielt aber überzeugend genug, dass man ihr trotzdem wünscht, mit der Sache durchzukommen. Weniger überzeugend sind hingegen ihre beiden Freunde. Dylan Minette kommt als Alex niemals aus der "Netter Junge ist in unerreichbares Mädchen verliebt" Ecke heraus. Über weite Teile ist dies sein einziger Charakterzug und gleichzeitig seine einzige Motivation, überhaupt irgendwie zu agieren. Daniel Zovatto darf als Money so richtig tief in der Gangsterklischekiste wühlen. Er ist krass drauf, seine Frisur kann das bezeugen. Hier wäre mehr Charaktertiefe dringend nötig gewesen. Gottseidank taucht relativ zügig Stephen Lang auf. Er reißt seine Szenen an sich, füllt die Leinwand mit einer bedrohlichen Präsenz aus und zieht die Faszination des Publikums wie ein Magnet an sich.
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Heimlicher Star von "Don't Breathe" ist zweifelsohne Kameramann Pedro Luque. Zu Beginn des Films wird sich enorm viel Zeit genommen, um das Setting gründlich zu erforschen. Detroit darf wieder einmal als Kulisse für den Verfall herhalten, und als Zuschauer bewegt man sich langsam auf das Haus des blinden Veteranen zu. Wenn die Kids einbrechen bleibt die Kamera nah an ihnen und folgt ihnen durch die Räume und Gänge. Der Grundriss des Hauses und die Einrichtung einzelner Räume werden so greifbar, was im späteren Verlauf die Spannung enorm steigert. Hier kann "Don't Breathe" dann seine Stärken voll ausspielen. Enge Gänge und der begrenzte Raum des kleinen Hauses sorgen für klaustrophobische Gefühle. In der ersten Hälfte ist es kein bösartiges Monster, welches die Kids jagt. Stattdessen treffen sich zwei verschiedene Arten von Mensch, die sich beide in einer nachvollziehbaren, moralischen Grauzone bewegen. Als Zuschauer versteht man, dass Rocky mit ihrer kleinen Schwester abhauen will, man versteht aber auch die Trauer eines Mannes, der sein Kind verloren hat. Urängste werden bedient, denn wer will schon gerne gefangen sein, gejagt werden, und all dies in der Dunkelheit? Es sind simple Grundvoraussetzungen, die dann aber effizient umgesetzt werden und den Puls in die Höhe treiben. Wenn der Hausbewohner dann Jagd auf die Einbrecher macht und dabei vor Nichts zurückschreckt, dann werden die sonst geltenden Regeln des Home Invasion Thrillers gekonnt auf den Kopf gestellt.
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Im Verlauf der Geschichte tun sich allerdings zwei gravierende Probleme auf. Zunächst einmal bleibt die innere Logik später komplett auf der Strecke. In einem Moment ist der namenlose Veteran in der Lage, anhand zurückgelassener Schuhe zu erschnüffeln, dass weitere Personen im Haus sind, im nächsten riecht er die Leute nicht, die direkt vor ihm stehen? Laute Geräusche beeinflussen ihn manchmal, manchmal aber auch nicht. Unerklärlich taucht er in den verschiedensten Winkeln seines Hauses auf. Dabei wird, überraschenderweise, aber fast gänzlich auf plumpe Jumpscares verzichtet, was man dem Film wirklich anrechnen muss. Doch mit zunehmender Laufzeit wird eine der Figuren aus der moralischen Grauzone herauskatapultiert und entpuppt sich danach als ekelerregend bösartig. Der kurzzeitige Ausrutscher in die dämliche, vom Mottenstaub zerfressene Kiste der hilflosen Frauen, die vom starken Mann vor dem anderen, bösen Mann gerettet werden muss, passt tonal nicht zum restlichen Film. Er tut auch nichts zu irgendeiner wichtigen Entwicklung bei, es geht rein um den Schock. Dieses völlige Stoppen mitten in der rasanten Fahrt lässt "Don't Breathe" auf der Stelle treten, und zum Ende heraus will er dann auch nicht mehr wirklich in Fahrt kommen.
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Fazit: "Don't Breathe" ist über weite Teile hinweg spannend, in erster Linie aber packend klaustrophobisch inszeniert. Das tröstet darüber hinweg, dass mit fortschreitender Laufzeit die Logik bisweilen schmerzhaft und nahezu vollkommen auf der Strecke bleibt. Ein Event in der Mitte des Filmes zerstört hingegen das, was vorher so sorgsam aufgebaut wurde, und letzten Endes wird aus dem vielversprechenden Setting nicht annähernd das Maximum herausgeholt. Von einer Enttäuschung kann aber auch da nicht die Rede sein, denn wenn "Don't Breathe" seine guten Momente vor allem in der ersten Hälfte genüsslich ausspielt, dann zeigt er eindrucksvoll, zu welchen Taten das aktuelle Horrorkino bereit ist.

Infos zum Film

Originaltitel: Don't Breathe
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Thriller, Horror
FSK: 16
Laufzeit: 89 Minuten
Regie: Fede Alvarez
Drehbuch:  Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Darsteller: Jane Levy, Stephen Lang, Dylan Minette, Daniel Zovatto u.a.

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