Filmkritik: The Neon Demon


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Story: Los Angeles – Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, Glamourwelt, Schauplatz zahlloser Träume und Abgründe. Als das junge aufstrebende Model Jesse (Elle Fanning) nach L.A. kommt, kann sie nicht ahnen, dass ihre Jugend und Lebendigkeit schon bald den Neid einer Gruppe schönheitsfanatischer Frauen auf sich ziehen wird. Und die scheuen keinerlei Mittel, um das zu bekommen, was Jesse hat…

Kritik: Nicolas Winding Refn, nach Lars von Trier vermutlich das nächste Enfant Terrible aus Dänemark, liefert mit "The Neon Demon" erneut ein Werk ab, das mehr Erfahrung als reiner Film ist. "Valhalla Rising" ging in eine ähnliche Richtung, und "Drive" lockte seinerzeit die Massen ins Kino, um sich danach in deren Wutausbruch zu ergötzen, weil der Trailer wieder mal all die falschen Versprechungen machte. Nun ist also die glitzernde Welt der Models seine neue Zielscheibe. Und natürlich übertreibt er, überspannt den Bogen und verschiebt vermutlich die Realität soweit ins Alptraumhafte, dass der geneigte Zuschauer sich verarscht vorkommen könnte. Es passiert wenig, das Wenige fühlt sich an wie ein Traum, der ab und an durch Dialoge unterbrochen wird. Doch unter der glänzenden Oberfläche pulsiert es. Nicht schön, sondern wie eine Ansammlung von Maden, etwas abstoßendes, perverses, das sich normalerweise dem Blick entzieht.
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Nun bezeichnet Refn sein Werk selbst als Horrorfilm. Wer sich davon Gore verspricht, der wird sich 90 von 120 Minuten langweilen. Der Horror hier ist ein anderer. Auf den ersten Blick mag "The Neon Demon" als Rundumschlag gegen die Frau an sich gelten. Konkurrenzkampf, der Körper als Gefahr und Waffe: Der Film suhlt sich in diesen Themen, hat sie an sich kleben wie Jesse das Blut und den Glitter in der Eröffnungsszene. Doch es bringt nichts, darüber zu lamentieren, dass der Umgang, die reine Diskussion mit solchen Themen, schlecht und frauenfeindlich wäre. Nicht, wenn gleichzeitig genau diese Themen das sind, was uns allen von der Jugend an mitgegeben wird.

Jesse, die Hauptfigur, ist im Film erst 16 Jahre alt. Nun kann ich als Frau keine Aussagen darüber machen, wie sich 16 anfühlt, wenn man ein Junge ist. Aber ich kann mich an meine eigene Jugend zurückerinnern. Wie ich mir die Cosmopolitan und andere Blätter am Kiosk kaufte. Mit Bewunderung in den Augen durch die Seiten dieser Hochglanzmagazine blätterte. "25 Wege, Ihn mit Kleidung um den Verstand zu bringen", "Die schönsten Dessous-Sets für den Herbst", "15 Gerichte, die als Vorspiel für grandiosen Sex taugen" und natürlich "wie bringe ich ihn am effektivsten um den Verstand?" Durchgestylt von oben bis unten, nichts an diesen Bildern war echt. Ich lernte früh, dass mein Körper defizitär war, nicht genug um mit dieser fremden Welt mithalten zu können. Ich lernte dafür aber, wie eine Frau zu sein hat. In einer Zeit, in der Diskussionen um Victimg Blaming und Rape Culture nicht präsent waren, auch wenn sie bereits damals dringend gebraucht wurden.
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Der doppelte Standard, der jungen Frauen noch heute eingetrichtert wird, tat sein Übriges. "Zieh ein anderes Shirt an, man sieht ja deinen Ausschnitt", "Willst du so vor die Tür gehen? Du könntest..." Ja, was? Ich lernte, dass mein Körper eine Gefahr war. In diesem Spannungsfeld zwischen Gefahr und Macht kämpfte ich gegen mich und meinen Körper, erlebte die von der Allgemeinheit propagierten Konsequenzen eines zu lockeren Kleidungsstils. Wollte gesehen werden. Der unerreichbare Traum von der Perfektion entpuppte sich als Minenfeld, in dem ich nicht bestehen konnte, in dem jeder Schritt ein Fehltritt war. Vielleicht spricht "The Neon Demon" mich deshalb so sehr an: Er zeigt mir, was ich kenne, verpackt in Schönheit. Lässt mich teilhaben an dem Traum der mir als Normalität verkauft wurde, bis er unerträglich wird, ich nicht mehr hinsehen will und kann. Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen. 

Mit dem Selbstzweifel geht die Suche nach Bestätigung einher. Jesse weiß, dass sie sonst nicht über viele Talente verfügt. Schönheit, das "gewisse Etwas" ist ihr gegeben. Sie will gesehen werden, spürt, dass sie über eine Form von Macht verfügt. Diese Macht zu nutzen ist schwierig, und sie übertreibt. Alles, was Frauen permanent eingetrichtert wird, kumuliert in den Figuren des Films, zeigt seine hässliche Fratze. Doch niemals wird über sie gewertet, keine einzige Figur im Film wird für ihr Handeln verurteilt. Erfrischend und angenehm, denn wer könnte ihnen Vorwürfe machen? Die beiden anderen Models spüren, wie ihre Schönheit, ihre Macht, mit einem Verfallsdatum markiert ist, sie wollen ihren Status nicht zu Gunsten einer Jüngeren aufgeben. Die Make-Up Artistin steht im Schatten der konventionellen Schönheit, abseits, ungesehen, unbegehrt, mit zu wenig Macht. Es sind rohe Kräfte dort am Werk, das pure Begehren, der Wille, Alles zu geben, die sich in dieser Konstellation gegenseitig ihre hässliche Seite zeigen. Aber können wir jemandem Vorwürfe machen wenn er oder sie das tut, was sozusagen verlangt wird?
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"The Neon Demon" verkörpert dabei eine seltsame Form von Style over Substance. Der Zugang wird leichter, wenn wir Kunst als eigenständige Sache sehen. Nicht jede Form von Kunst muss eine Aussage über Etwas treffen. Sicher, der betörende Soundtrack von Cliff Martinez spinnt sein ganz eigenes Netz um seinen Zuschauer. Und ja, die Bilder sind, wie wir es von Refn gewohnt sind, durchgestylte Perfektion in wunderschön aufeinander abgestimmten Neonfarben. Jede einzelne Kameraeinstellung sitzt und "Neon Demon" ist nicht nur ein Titel, sondern eine Entität, die in beinahe jeder Einstellung spürbar ist, auch wenn sie niemals sichtbar wird, in all den verlassenen Hinterhöfen, abgewrackten Motelzimmern und anderen Hässlichkeiten, die LA so hergibt. In dieser Hinsicht ist der Film klar über Schönheit als Thema, doch er braucht keine kohärente Erzählung, um dieses Thema dem Publikum nahe zu bringen. Selbst wenn man nichts mit dem Werk anfangen kann wird man wohl zugeben müssen, dass "The Neon Demon" spektakulär aussieht. Seine Themen sind hässlich bis aufs Mark, doch Hässlichkeit war nie so wunderschön wie hier.

Schönheit tropft aus jedem Millimeter der Leinwand, wird zu einer sinnlichen Erfahrung, bleibt nicht auf der Ebene eines Gedankenspiels. Jesse erfährt die Schönheit ihres eigenen Körpers in einigen Szenen, beispielsweise auf dem Catwalk, auf dem sie umgeben von rosa-rotem Neonlicht, sich selbst endlich erkennt. Lustvoll gibt sie sich dem eigenen Bild hin. Lässt sich von den vergoldeten Händen des Fotografen anbeten. Die Erkenntnis, die Manifestation des Begehrens Anderer zu sein ist "Alles". Es ist diese, allgemein als verwerflich angesehene Wahrheit, die in so vielen von uns existiert. Nichts ist hässlicher als das versteckte Begehren tief aus dem eigenen Inneren so offensichtlich auf der Leinwand dargestellt zu sehen. Nichts ist erschreckender, als seinem ungeschönten Ich im Spiegel zu begegnen und nicht wegschauen zu können. Es verzehrt einen, und am Ende kann Schönheit in dieser Welt nicht bestehen. Refn als Regisseur versteht das, er ist aber über den Punkt hinaus, an dem er sich noch dafür interessieren könnte, was das Publikum von seinem Werk hält. "The Neon Demon" ist "Suspiria", "Blade Runner", jeder Film von Lynch und die fiesesten Folge "Germanys Next Topmodel", zusammengeschmolzen zu einem Amalgam, betrachtet durch Refns verzerrenden Spiegel hindurch. Aufwühlend, unbequem und ein unvergessliches Erlebnis.
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Fazit: Die Geschichte von "The Neon Demon" an sich ist rasend schnell erzählt. Und fast könnte man meinen, dass es noch zu viel Dialog gibt, denn hier sprechen die Bilder wirklich für sich selbst. Doch NWRs neuer Geniestreich hat so unendlich viel zu sagen. Darüber, wie wir aufwachsen. Wie unser Selbstbild von außen geformt wird. Wie hässlich die Dinge werden können, wenn ungesundes Konkurrenzdenken die Überhand nimmt. Exzessiv auf die Spitze und darüber hinaus getrieben entsteht ein Blick auf die Modelwelt, ein Haifischbecken, welches auch in unserer Realität seine hässlichen Wurzeln langsam um uns schlingt. Befreit ist davon wohl nur, wer noch nie die Nase, das Sixpack oder die wohlgeformten Schenkel seines Nächsten an den eigenen Körper gewünscht hat. "The Neon Demon" treibt diese Sehnsucht nach Perfektion im Spannungsgefüge zwischen Macht und Schönheit in ungeahnte, hässliche Höhen, garniert mit wunderschönen Bildern und erdrückendem Sound.

Infos zum Film

Originaltitel: The Neon Demon
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Horror, Thriller
FSK: 16
Laufzeit: 110 Minuten
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch:  Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham
Darsteller: Elle Fanning, Jena Malone, Abbey Lee, Bella Heathcote, Christina Hendricks, Desmond Harrington, Keanu Reeves u.a.

Trailer


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