Filmkritik: Whiskey Tango Foxtrot

© Paramount
Story: TV-Reporterin Kim Baker (Tina Fey) sucht nach einer neuen Herausforderung in ihrem Leben: Thunfischsalat im Großraumbüro und Beziehungsweichei an ihrer Seite können doch nicht alles gewesen sein. Als der Kabelsender, für den sie arbeitet, unter den unverheirateten, kinderlosen Mitarbeitern kamerataugliches Kanonenfutter für die Berichterstattung von der afghanischen Reporter-Front sucht, meldet sie sich kurzerhand freiwillig. Völlig überfordert von sich und Kabul, erlebt die Journalistin, dass es irgendwann keinen Unterschied mehr macht, ob man den Presseausweis um den Hals oder auf der Kevlar-Weste trägt. Fest entschlossen, die beste Story zu finden, lässt sich Kim auf die neuen Regeln ein.

Kritik: Manchmal sitzt man vor einem Film und weiß einfach nicht, was man davon halten soll. "Whiskey Tango Foxtrot" ist so ein Fall. Denn sein Potenzial ist beinahe unerschöpflich. Tina Fey beweist mit jedem Auftritt, was für ein grandioses Gespür für Comedy sie hat. Martin Freeman habe ich bisher auch in keiner schlechten Rolle gesehen, Margot Robbie aktuell nicht in einem Film zu haben scheint auch wie ein Verbrechen. Kriegsfilme erfreuen sich aktuell auch großer Beliebtheit, und ein Film über Journalisten hat zuletzt den Oscar gewonnen. Dieser hier beruht dann auch noch auf einem Buch ("The Taliban Shuffle"), man könnte also meinen, hier kann nur ein wenigstens guter Film herauskommen.
Erst mal schön alle in Gefahr bringen. © Paramount
Dem ist leider nicht so. Stattdessen entwickelt sich "Whiskey Tango Foxtrot" bereits in den ersten Minuten zu einem abstrusen Selbstfindungstrip einer Frau in ihren Vierzigern. Kinderlos und Unverheiratet, der Freund ist ebenfalls häufig unterwegs und sowieso nicht wirklich vertrauenswürdig. Wie geschaffen also für einen dreimonatigen Aufenthalt in Afghanistan. Jetzt ist Afghanistan an sich bereits ein schwieriges Pflaster in Sachen Filme, denn mittlerweile sind andere Schauplätze im Bewusstsein der Allgemeinheit relevanter. Immerhin ist New Mexico ein schöner Kulissenersatz, das war es dann aber auch schon. Denn statt sich mit den sicherlich spannenden Problemen einer Reporterin im Nahen Osten zu befassen, geht der Film den einfachen Weg. Und der führt über dämliche Klischees, jede Menge Anzüglichkeiten, aber keinesfalls über irgendeine Form von Charakterentwicklung. Positiv könnte man höchstens anrechnen, dass wirklich jeder hier auf nervig-dümmliche Art sein Fett wegkriegt. Sobald Figuren hier sprechen dürfen, geben sie flachen Unsinn von sich. Wenn Kim in Kabul ankommt und von einer verschleierten Frau angebrüllt wird, sie solle sich doch bitte verhüllen, sie Hure, dann soll das vermutlich witzig sein, irritiert allerdings in höchstem Maße. Alfred Molinas Charakter fällt ohne weitere Umschweife in das "alle muslimischen Männer sind wilde Tiere, die nur vögeln wollen und sich dabei dumm benehmen" Klischee. Davon, dass die beiden afghanischen männlichen Sprechrollen mit weißen Darstellern besetzt wurden, will ich eigentlich gar nicht erst anfangen. Scheinbar reicht es, sich einen langen Bart wachsen zu lassen, ein bisschen afghanische Kleidung (was auch immer das sein soll) anzuziehen und drei bis vier dicke Schichten Bronzer aufzutragen, um zu überzeugen.
Eine 15, weil sie weiß ist. © Paramount
Das wirklich ätzende ist allerdings, dass ich mich tatsächlich mies fühle, diesen Film auseinanderzunehmen. Das beruhen auf wahren Tatsachen, auf der Autobiografie einer tatsächlichen Journalistin, macht es schwierig, mit dem Thema umzugehen. Das Buch habe ich bisher nicht gelesen, doch diverse Besprechungen im Internet deuten auf eine Lektüre, die voller Selbstbewusstsein für das eigene Privileg steckt. Auf eine kluge Frau, die mit messerscharfem Verstand ihre Umgebung und ihr Wirken darin versteht. Nun vertragen sich Buch und Film nicht immer, vieles geht verloren. Aber wäre es wirklich so schwer gewesen, nicht permanent die Fickbarkeit (sorry, not sorry) der beiden weißen Frauen in diesem Film zu thematisieren? Ist es zu viel verlangt, nicht permanent hören zu müssen, dass Tina Fey "fast eine 10 ist", weil um sie herum nur vollverschleierte und somit scheinbar automatisch hässliche Frauen sind? Muss betont werden, dass nur weiße Frauen wirklich schön sein können, dass es eine Art geografische Grenze für etwas subjektives wie Schönheit gibt? Ist es wirklich notwendig permanent zu wiederholen, dass die beiden Journalistinnen die Finger von ALLEN Männern im ganzen Land lassen sollen? Braucht es automatisch Rom-Com Elemente, nur weil die Hauptfigur eine Frau ist? Ist das die Message, die wir an junge Frauen senden wollen? Hey, du kannst sicherlich eine Reporterin in einem Krisengebiet sein, es wird dich fickbarer machen als du es zuhause je warst! Dass die einzige andere Frau im Film dann auch gleich zur beruflichen Konkurrenz wird ist da nur logisch, denn jeder weiß ja, dass Frauen nicht gemeinsam arbeiten können, weil sie einfach gemeine Biester sind, die sich nur gegenseitig ausstechen wollen. Für die anwesenden Männer sind die beiden ja sowieso keine Konkurrenz, sondern nur niedliche kleine Mädchen, die sich auch mal an einem Job für richtig harte Jungs versuchen wollen.
Doctor Watson ist wieder in Afghanistan. © Paramount
Richtig bitter wird diese Mischung, weil an anderen Ecken, wenigstens in ein, zwei Augenblicken, durchaus sowas wie Spaß hervorblitzt. Allerdings kommen die Witze, die wirklich zünden, hauptsächlich von Missverständnissen, egal ob in sprachlicher oder kultureller Hinsicht. Abgesehen von den zahlreichen Problemfeldern, die der Film erfolglos beackert, liefern die Darsteller durch die Bank weg gute Leistungen. Billy Bob Thornton ist herrlich emotionslos, Martin Freeman darf mal so richtig frech sein. Natürlich verliebt Frau sich dann ausgerechnet in das Arschloch, aber hey, wir Mädchen können halt einfach nicht anders. Doch die Mischung aus Kriegsfilm, Drama und Romanze sowie Komödie erweist sich als unmöglich. Die wenigen Actionsequenzen sind unterirdisch schlecht gemacht. Die Drama-Elemente werden wahllos eingestreut, während das Timing in Sachen Comedy an eine Katastrophe grenzt. Der Film sorgt nicht einmal dafür, dass man am Ende mehr über den Afghanistankonflikt wissen will. Und das ist vielleicht das schlimmste daran: bei all den negativen Aspekten, die hier zutage kommen, ist er einfach nur vergessenswert.

Fazit: Nichts anderes als "Eat Pray Love" vor Kriegskulisse, setzt sich "Whiskey Tango Foxtrot" einfach selbst in den Sand. Eine Bindung zu den Figuren will so gar nicht gelingen, mit einer Ausnahme, nämlich dem Fahrer von Kim. Dämliche Klischees werden munter in jede erdenkliche Richtung reproduziert, es gibt keinerlei Grundlagen für die Handlungen der Figuren. Eine Frau in der Hauptrolle bedeutet scheinbar immer noch, dass der Film automatisch zu einer Romanze werden muss. Dass es scheinbar auch keine Nicht-Weißen Darsteller für afghanische Sprechrollen gab verkommt da schon fast zum Nebenschauplatz, denn hier stimmt auch sonst schon einfach nichts. Möglicher Alternativtitel: Foxtrot.Uniform.Bravo.Alfa.Romeo. 

Infos zum Film

Originaltitel: Whiskey.Tango.Foxtrot
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Biopic, Drama, Kriegsfilm, Romanze
FSK: 12
Laufzeit: 112 Minuten
Regie: Glen Ficarra, John Requa
Drehbuch: Robert Carlock.
Darsteller: Tina Fey, Margot Robbie, Martin Freeman, Billy Bob Thornton, Christopher Abbott, Alfred Molina u.a.

Trailer


Kommentare:

  1. Sehr schöner Verriss - wenn ein Film solch offenkundige Fehler macht, dann hat er es auch verdient, so auseinander genommen zu werden ;)

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    1. Ich bemüh mich ja wirklich immer, irgendwie noch was nettes zu sagen. Immerhin haben sich Menschen Mühe gegeben, als sie den Film gemacht haben. Aber manchmal reicht das einfach nicht, und der ist so ein Fall wo es einfach nur schlimm war.

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  2. Ich hab mir sowas schon fast gedacht. Das ist vielleicht auch klischeehaft, aber mittlerweile denke ich: wenn Amerikaner über den Nahen Osten Filme machen, kommt da selten was guckbares bei raus. Ich bin aber auch nicht der größte Fan von Tina Fey.

    Aber deine Kritik war sehr gut und auch unterhaltsam zu lesen :) Jetzt kann ich wenigstens ganz sicher sein, dass ich den nicht gucken will.

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    1. Dankeschön :) ich habs ja mit (amerikanischen) Kriegsfilmen und schau mir die auch eigentlich gerne an, mindestens ist es ja irgendwie belustigend wie sehr die sich permanent selbst feiern. Aber so undifferenziert wie WTF hab ich's bisher selten erlebt. Der macht einfach alles falsch, was man falsch machen kann.

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