Filmkritik: Spotlight

© Paramount

Story: Im Jahr 2001 erhält Walter „Robby“ Robinson, der Leiter des Investigativ-Teams des Boston Globe, einen besonderen Auftrag. Der neue Chefredakteur Marty Baron setzt ihn auf die Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche an, von denen schon lange hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Doch als Robby und seine Kollegen Michael Rezendes, Sacha Pfeiffer, Matt Carroll und Ben Bradlee jr. die ersten Opfer interviewen, decken sie Schicht um Schicht einen viel größeren Skandal auf: Seit Jahrzehnten wurden in der Erzdiözese Boston immer wieder Kinder von Priestern missbraucht – und die Taten von höchsten Würdenträgern gedeckt und vertuscht. Die Spuren führen direkt zum Kardinal, doch die Reporter stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Die Opfer schweigen aus Angst, hochbezahlte Anwälte spielen auf Zeit. Die kostspielige Recherche der Zeitung droht zu scheitern.

Kritik: Ich spreche da jetzt mal nur für mich, aber: Ich arbeite als Journalist, in der Lokalpresse. Meine tagtäglichen Highlights sind Vereinsmeldungen, Spatenstiche und Tiere im Tierheim, die ein Zuhause suchen. In erster Linie gebe ich Informationen weiter, filtere ein Zuviel an Eigenwerbung heraus, stelle Informationen leicht aufbereitet zur Verfügung. Hauptsächlich digital, Print ist zu einer Art Best-of verkommen, nicht mehr aktuell ab dem Zeitpunkt, ab dem die Nachricht zum Druck freigegeben wurde. Die Art und Weise, wie wir Nachrichten konsumieren verändert sich, und so ändert sich auch die Art und Weise, wie sie produziert werden. Kommt etwas Neues rein, wird es erst einmal schnell weiterverarbeitet, man könnte die Meldung ja vor allen anderen bringen, die meisten Leser an Bord holen. Korrigieren lässt sich später immernoch. "Spotlight" bringt uns also zurück in eine Zeit, in der für große Geschichten noch ausgiebig recherchiert wurde. Ihr wisst schon, die Art von Geschichte, die heute kaum noch jemand liest, weil alle nach der Überschrift wieder aussteigen um sich weiter unten im Kommentarfeld die Beleidigungen in Form von Buchstaben um die Ohren zu hauen. Aber auch eine Geschichte, deren Ausgang wir alle kennen, wenn wir nicht die letzten zehn Jahre unter einem Stein gehaust haben. Dass sie als Film funktioniert liegt einerseits an dem großartigen Drehbuch, andererseits an den Darstellern, die sich nicht in den Vordergrund spielen, sondern diese dramatische Geschichte mit allem unterstützen, was sie haben.
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"Spotlight" bringt mit minimalistischer Charakterisierung seine Figuren in die Geschichte. Als Zuschauer erfahren wir beinahe nur Kleinigkeiten über die einzelnen Journalisten, die Kirchenmänner, die Anwälte und auch die Opfer. Diesen fehlen teilweise die Worte um überhaupt zu beschreiben, was ihnen angetan wurde. Doch diese Herangehensweise funktioniert, denn das wenige, was gesagt wird, spricht Bände. Einzelne Darsteller hier besonders zu loben wäre grundfalsch, denn sie alle tragen ihren Teil zum Gelingen bei. Auch hier sind es die kleinen Gesten, subtile Wandlungen, die alles greifbar machen und einen Konflikt von so unvorstellbarem Ausmaß auf den Boden der Tatsachen holen. Im wahrsten Sinne des Wortes wird hier eine Geschichte erzählt, fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem großen Ganzen zusammen. In einem besonderen Geniestreich schafft "Spotlight" es, die Trennung zwischen Glauben und Kirche zu zementieren, den Konflikt zwischen "an Gott glauben" und dem teilweise desaströsen "Bodenpersonal" auszuarbeiten. Dies, ohne respektlos zu werden, während all die richtigen Fragen gestellt werden. Wie kann es angehen, dass die Priester sich alle gegenseitig decken? Wie kann es sein, dass die Kirche als Institution davon weiß und trotzdem ihr Personal deckt? Wie geht es an, dass die missbrauchenden Priester besonders dort zum Einsatz kommen, wo die Lage für Kinder prekär ist, wo es an Vaterfiguren mangelt? Wieso gibt es Anwälte, die Druck auf die Opfer ausüben und sich diese Drecksarbeit auch noch von der Kirche entlohnen lassen? Wie wenig Gewissen haben einige Menschen in Schlüsselpositionen?

Der Erzählton bleibt dabei fast durchgehend ruhig. Die Journalisten fungieren als Ermittler, als Zuhörer, als Anlaufstelle, während sie selbst ihre Wandlungen durchmachen. Obwohl man weiß, wie die Geschichte ausgehen wird, baut sich unterschwellig Spannung auf. Es kommen Zweifel auf: Werden die Journalisten es schaffen, dass ihre Story gedruckt wird? Wer wird ihnen Steine in den Weg legen? Was bringt es, eine solche Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen? Im Abspann wartet eine Liste mit allen Städten, in denen ähnliche Skandale passiert sind. Vermutlich noch immer passieren. "Spotlight" schafft, was viele Filme nicht vollbringen können: er schärft das Bewusstsein für ein Unrecht von gigantischem Ausmaß, das mitten unter uns passierte und passiert. Er zerrt den Horror, den die Opfer durchlebten und durchleben, in den Fokus, ohne sie auszuschlachten. Man könnte dem Film sicher vorwerfen, er wäre emotionslos, doch vielleicht ist gerade diese Nüchternheit die Stärke von "Spotlight".

Fazit: "Spotlight" erzählt ruhig und unaufgeregt, aber dafür umso eindrucksvoller, wie die Geschichte um einen der größten Missbrauchsskandale der Kirche aufgedeckt wurde. Eindringliche, ruhige Leistungen aller Darsteller geben dieser wichtigen Geschichte Raum, sich zu entfalten. "Spotlight" zeigt darüber hinaus, zu welchen wichtigen Leistungen guter Journalisus jenseits von Boulevardpresse und unhinterfragt kopierten Meldungen möglich ist. Ein Film, der all die richtigen Fragen auf genau die richtige Art und Weise stellt.

Infos zum Film

Originaltitel: Spotlight
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Thriller
FSK: 0
Laufzeit: 129 Minuten
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer
Darsteller: Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Michael Keaton, Liev Schreiber u.a.

Trailer

1 Kommentar:

  1. Den hab ich damals im Kino verpasst. Ist aber eh mehr ein Film fürs Heimkino, um danach besser darüber reflektieren zu können. Vorgemerkt ist er jedenfalls schon länger. Mal sehen, wann ich Muse für solch harten Tobak habe.

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