Filmkritik: Conjuring 2

© Warner Bros.
Story: Lorraine (Vera Farmiga) und Ed Warren (Patrick Wilson), die beiden Geisterjäger, werden von der Kirche nach London beordert. Dort gehen im Haus der Familie Hodgson seltsame Dinge vor sich. Vor allem die elf Jahre alte Janet (Madison Wolfe) steht im Zentrum der Aufmerksamkeit eines fiesen Geistes. Können die Warrens helfen, oder täuscht die Familie die Heimsuchungen vielleicht nur vor, um aus dem alten Haus ausziehen zu können?

Kritik: "Conjuring" wurde weitläufig wohlwollend aufgenommen, und so war es vermutlich eine Frage der Zeit, bis Regisseur James Wan das hungrige Publikum mit einer Fortsetzung beglücken würde. Mir persönlich gefiel "Conjuring" wirklich gut, James Wan hat diese Eigenart, eigentlich abgenutzte Tricks und Spielereien in seinen Filmen zu verwenden, die dann aber so sauber ausgeführt werden, dass sie funktionieren. Nun bin ich, das muss vorher klargestellt werden, sowieso ein äußerst schreckhafter Mensch, und ich schaue schon seit einigen Jahren keine Horrorfilme mehr im Kino. Ich warte brav, bis ich mich in der sicheren Umgebung meines Bettes, Bettdecke stets griffbereit, terrorisieren lassen kann. Für "Conjuring 2" habe ich eine Ausnahme gemacht und mich ins Kino begeben, vermutlich hat das zum überaus positiven Eindruck ein wenig beigetragen. Denn Grusel funktioniert anders, wenn andere Menschen mit im Raum sind. Doch ist "Conjuring 2" wirklich gruselig, oder einfach nur ein weiterer Fall für die Akte "langweilige Fortsetzung"?
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Man muss sicher festhalten, dass James Wan das Horrorgenre nicht neu erfindet. Muss er aber auch gar nicht, denn was er hier abliefert ist hochgradig unterhaltsam. Mit 134 Minuten Laufzeit erschaffen sich alle Beteiligten hier eine gigantische Spielwiese in heimgesuchten Häusern. In dieser Fortsetzung werden beispielsweise die Ereignisse in Amityville ebenfalls zum Thema, doch sie dienen nur zur Eröffnung der eigentlichen Handlung. Das gibt einerseits James Wan die Möglichkeit, den wohl bekanntesten Fall von Besessenheit kurz abzuarbeiten, er setzt damit aber auch den Ton für den restlichen Film, denn Lorraine hat hier eine Vision, die sie später noch einmal einholen wird. Kurze Zeit später geht es dann auch schon nach London, wo sich der berühmt-berüchtigte Enfield Poltergeist in einer Familie einnistet.

Zunächst fällt auf, wie viel Mühe und Arbeit in das Setdesign gefallen sein muss. Die etwas offensichtliche Wahl von "London Calling" als Soundtrack entlockt ein Grinsen, verankert gemeinsam mit ein paar wenigen Aufnahmen und einem Blick auf die Kostüme die ganze Angelegenheit aber sicher und vor allem effizient in den 70ern. Das Motto "Show, don't tell" wird hier sehr ernst genommen. Wir lernen die Familie kennen, die später durch die Hölle gehen wird. Eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern. Viel erfährt man nicht über sie: eine Tochter möchte vor ihren Freundinnen als cool dastehen, einer der beiden Jungs wird gemobbt weil er stottert. Doch die Kinder halten zusammen, die Mutter gibt sich Mühe, ihre Panik vor dem Nachwuchs zu verbergen. Eine sympathische Familie, der man nichts Schlechtes wünscht. Aber das Böse hat natürlich andere Pläne. Und wie könnte man nicht mitfühlen, wenn das Ziel des Dämonen, ein elf Jahre altes Mädchen, sich im Gespräch Lorraine anvertraut? Sie fühlt sich alleine, sie weiß nicht was mit ihr passiert, sie hat Angst vor dem Unbekannten, die anderen haben Angst vor ihr. Mit niemandem kann sie reden und sie hat das Gefühl, mit ihrem Problem allein auf der Welt zu sein. Das lässt sich einwandfrei auf all die Ängste übertragen, die jeder von uns in diesem Alter durchmacht, es verankert den übernatürlichen Horror simpel und effektiv in etwas, das jeder von uns durchgemacht hat.

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Über die Handlung an sich möchte ich gar nicht so viel reden. Aufmerksame Zuschauer werden gegen Ende hin kaum überrascht, doch da Wan sich eine Menge Zeit nimmt, um das Finale aufzubauen, geht das voll in Ordnung. Die verhältnismäßig lange Laufzeit sorgt dafür, dass eine große Anzahl verschiedener Sets besucht werden kann, und sie alle tragen ihren Teil zum Aufbau der Geschichte weiter. Mit den Gruselmomenten werden aber auch kurze, teilweise sehr private Gespräche unter den Figuren verknüpft. Das grenzt manchmal hart an der Kitschgrenze, doch die Darsteller machen ihren Job gut, wirken sympathisch und man nimmt ihnen ihre Handlungen jederzeit ab. Vor allem Madison Wolfe legt hier eine Leistung aufs Parkett, die mich wirklich neugierig macht, wie man so junge Darsteller in Horrorfilmen so überzeugend einsetzen kann. Die Vermischung des Horrors, dem sich alle Figuren ausgesetzt sehen, und der immer wieder aufkommenden Romantik zwischen den Warrens funktioniert ebenfalls ausgezeichnet. In Szenen, die mit anderen Darstellern wohl unerträglich schleimig gewesen wären, wird mit kleinen Gesten deutlich, wieso die Beziehung dieser beiden auch einer Horde fieser Dämonen trotzen kann. Und eben weil so viel Zeit mit den Figuren verbracht wird, sitzt jede Gruselsequenz umso besser.

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Und wenn es gruselig wird, dann aber so richtig. In vielerlei Hinsicht ist "Conjuring 2" die Perfektion dessen, was James Wan bisher schon immer geliefert hat. Gemeinsam mit seinem Kameramann Don Burgess wühlt er sich durch die Trickkiste und fährt ein sattes Gruselkabinett auf. Lange, ununterbrochene Kamerafahrten mit den Figuren durch die Räume des Hauses bauen Spannung auf. Raumdetails verändern sich, während die Kamera an den Gesichtern der Beteiligten klebt. Man erlaubt sich, den Grusel unscharf im Hintergrund passieren zu lassen, während die Kamera im Vordergrund auf einen der Geisterjäger fokussiert. Angereichert wird all das durch die üblichen Verdächtigen, die sich in einem Gruselhaus so aufhalten: Wehende Vorhänge, sich von selbst bewegende Objekte, knarrende Türen. Zwischenzeitlich werden die beliebtesten Argumente von Anti-Gruselhaus-Fans entkräftet, so kann die Familie Hodgeson nicht einfach umziehen, da sie in einem staatlichen Haus leben und "mein Haus ist von Geistern besessen" bei Ämtern und Behörden schon in den 70ern keinen Eindruck macht. Wan erlaubt sich auch den Luxus, uns einen wirklich guten Eindruck von den Räumlichkeiten zu geben. Der Aufbau des Hauses wird schnell deutlich, die Wege bleiben nachvollziehbar. Das wird im Finale wichtig, und all die investierte Zeit in kleine Details macht sich dann bezahlt. Mag es in der Machart auch an "Poltergeist" erinnern, mit "Conjuring 2" beweist James Wan, dass er das Spiel auf der Gruselklaviatur perfektioniert hat.

Fazit: James Wan hat sein Publikum fest im Griff. Wirklich etwas Neues liefert er mit "Conjuring 2" nicht ab. Der sorgfältige Aufbau, die liebevoll ausgestatteten Kulissen, großartig aufgelegte Darsteller und miteinander verwobene, emotional nachvollziehbare Geschichten liefern gemeinsam mit meisterhaft umgesetzten Gruselmomenten das Fundament für einen der effektivsten Haunted House - Filme seit Langem.

Infos zum Film

Originaltitel: Conjuring 2
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Horror, Drama
FSK: 16
Laufzeit: 134 Minuten
Regie: James Wan
Drehbuch:  James Wan u.a.
Darsteller: Vera Farmiga, Patrick Wilson, Frances O'Connor, Madison Wolfe, Simon McBurney, Franka Potente u.a.

Trailer


1 Kommentar:

  1. Ich habe Conjuring 1 zuhause, nachts um 2:00 Uhr alleine im Zimmer geschaut und ich war sofort wach. Es gab keinen Film der mich so schnell, so mitgenommen hat, wie Conjuring 1.
    Aufgrund dessen wollte ich Conjuring 2 natürlich auch sehen und begab mich auch sogleich ins Kino.
    Leider muss ich sagen, dass ich ab ca. der hälfte des Filmes die genauen Zeiten der Schreckmomente ausmachen konnte. Ich wusste jedesmal wann der "Schocker" einsetzen wird, was ich als sehr schade erachte.
    Ich bin mir unsicher ob es aufgrund des Kino Flairs so war oder ob ich einfach zu viel Zeit zum nachdenken hatte.

    Allerdings fand ich den Film dennoch gut und werde ihn mir bestimmt noch ein weiteres mal anschauen. Dann allerdings zuhause und wieder um 2:00 Uhr nachts ;)

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