Filmkritik: The Witch

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Story: Neuengland, 1630. Farmer William (Ralph Ineson) findet, gemeinsam mit Frau Katherine (Kate Dickie) und den fünf Kindern, ein neues Zuhause auf einem abgelegenen Stück Land, nahe eines düsteren Waldes.
Bald kommt es zu beunruhigenden Vorfällen: Tiere verhalten sich aggressiv, eines der Kinder verschwindet, während ein anderes von einer dunklen Macht besessen zu sein scheint. Misstrauen und Paranoia wachsen und die älteste Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy) wird der Hexerei beschuldigt. Als sich die Lage immer weiter zuspitzt, werden Glaube, Loyalität und Liebe jedes einzelnen Familienmitgliedes auf eine schreckliche Probe gestellt …

Kritik: Wenn ich mir die Liste mit Schlagworten rechts in der Leiste neben diesem Beitrag anschaue, dann rangiert "Horror" mit über 30 Beiträgen recht weit oben. Und tatsächlich bin ich diesem Genre sehr zugetan. Vielleicht, weil ich besonders schreckhaft bin. Vielleicht, weil ich eine doch recht beflügelte Fantasie habe und Horrorszenarien bei mir so gleich auf doppelt fruchtbaren Boden fallen. Der nächste große Hype in Sachen Horrorfilm ist für das laufende Jahr 2016 der beim Sundance Festival bereits ausgezeichnete "The Witch", das Regiedebüt von Robert Eggers, der gleichzeitig auch das Drehbuch verfasste. Als unkonventionell gilt der Film, gelobt wird er für seine Andersartigkeit so wie zuletzt beispielsweise der österreichische Genrebeitrag "Ich seh, ich seh". Aber was ist dran am Hype?
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Gleich in den ersten Minuten wird klar: zumindest das Setting kann auf voller Länge punkten. Mit einer Liebe für das Detail, die ihresgleichen sucht, eröffnen sich eindrucksvolle Kulissen und wunderschöne Kostüme (von Linda Muir), so dass es leicht fällt, sich in die Zeit einzufinden. Immersion ist überhaupt ein gutes Stichwort. Die Dialoge scheinen, besonders im Originalton (zur deutschen Fassung kann ich keine Angaben machen) geradewegs aus dem 17. Jahrhundert herausgezaubert. Das ist nicht immer leicht zu verstehen, trägt aber ebenfalls zur Stimmung bei. Auch dank der sattelfesten Kameraarbeit verdichtet sich die Atmosphäre enorm, jede Einstellung, in der Wald zu sehen ist, wirkt auf ihre Weise bedrohlich und zutiefst beunruhigend. Der stellenweise brutal kratzige, atonale Soundtrack von Marc Korven liefert den Rest und lässt "The Witch" stellenweise zur richtigen Folter für den Gehörgang werden.  

Auch die Darsteller spielen nahe an der Perfektion. Ralph Ineson und Kate Dickie, die den Zuschauern von "Game of Thrones" bestens bekannt sein dürften, zerreiben sich als tiefgläubige Eltern aneinander, an der Umgebung und an den Umständen, die draußen in der Einsamkeit unweigerlich entstehen. Hilflosigkeit, die Unfähigkeit die eigenen Kinder schützen zu können und das Unverständnis über die Sache an sich stürzen die Elternfiguren in einen tiefen Konflikt. Ausgebadet wird dieser von den Kindern. Neben einem herrlich gruseligen, kleinen Geschwisterpaar sind es vor allem Harvey Scrimshaw und Anya Taylor-Joy, die hier die Grundsteine für hoffentlich lange, erfolgreiche Karrieren legen. Das Spiel der beiden ist intensiv, und spätestens ab der zweiten Hälfte des Films stellt sich die Frage, wie einige Szenen mit so jungen Darstellern überhaupt gedreht werden konnten.
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Wer allerdings bei "The Witch", und der Trailer leistet in dieser Hinsicht mal wieder ganze Arbeit, einen lupenreinen Horrorfilm im aktuellen Sinne erwartet, der wird sicher enttäuscht. Blut und Gedärme fließen, wenn überhaupt, dann sehr verhalten. Jumpscares sind zwar hier und da eingestreut, fügen sich aber so harmonisch in das Geschehen ein, dass sie nicht negativ auffallen. Der Horror kommt für heutige Sehgehwohnheiten wohl eher banal daher. Ein Hase und ein Ziegenbock spielen wiederkehrende Rollen, beide sorgen für eine Menge Unbehagen. Auch im Alltag der Familie auf der kleinen Farm passieren Dinge, die sich dort niemand erklären kann, Dinge, die im zeitlichen Kontext die absolute Hölle gewesen sein müssen. Darauf muss man sich als Zuschauer einlassen, sonst funktioniert der Film schlicht nicht. Und doch gibt es vereinzelt auch ganz klassische Horrormomente zu entdecken.

Seine volle Kraft entfaltet "The Witch" dann in den Teilen der Geschichte, die sich eher dem Drama als dem Horrorfilm zuordnen lassen. Beinahe schon nebenbei erforscht Robert Eggers hier die Geschichte eines jungen Mädchens, welches langsam zur Frau wird. Die aufkommende Sexualität darf natürlich wegen der religiösen Umstände nicht thematisiert werden. Eine Spur mehr als heute noch ist die Religion der Familie durch Männer geprägt, es gilt, das Weibliche zu unterdrücken, zu kontrollieren. Und immer dort, wo etwas nicht verstanden wird, sind die Menschen so schnell mit dem Wort "Hexe". Diese Anschuldigung löst in Thomasin etwas aus. Wie kann und soll sie ihre Unschuld beweisen? Wie soll sie damit umgehen, dass die Welt so anders ist, als es stets vom Vater gepredigt wurde? Hier manifestiert sich der wahre Horror dieses Films. Die Religion und der strenge Glaube ist maßgeblich am Zerfall dieser Familie beteiligt, und zu keinem Zeitpunkt wird (und das ist erfreulich) Thomasin die Schuld an der Misere gegeben. Für jeden Zuschauer sollte klar sein, dass sie am wenigsten für all das kann, was passiert. "The Witch" bleibt dabei konsequent nah an seinen Figuren und verbreitet so Unruhe, denn wer will schon so tief in die Privatsphäre einer solchen Familie eindringen? Die Rolle des Voyeurs, welche der Zuschauer einnimmt, ist hier stärker herausgearbeitet und deutlich unbequemer einzunehmen.
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Fazit: "The Witch" ist kein Horrorfilm im herkömmlichen Sinne. Großartig gelungen ist er trotzdem, vielleicht gerade deswegen. Das intime Portrait einer Familie, die an ihrem eigenen Glauben zugrunde geht, die sich aus Hilflosigkeit gegen die eigene Tochter stellt und tiefer in den Glauben flüchtet als es gesund wäre, zieht unweigerlich in seinen Bann. Regisseur und Autor Robert Eggers spricht ein paar spannende Themen an, liefert in erster Linie aber ein atmosphärisch dichtes Portrait einer Zeit an, die einerseits längst vergangen, andererseits in manchen Teilen der Gesellschaft auch heute noch aktuell ist. Zutiefst beunruhigend, grandios geschauspielert und eine klare Empfehlung für all diejenigen, die bereit sind, sich auf einen Horrorfilm der etwas anderen Art einzulassen. 

Infos zum Film

Originaltitel: The Witch
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Horror, Drama
FSK: 16
Laufzeit: 87 Minuten
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Robert Eggers
Darsteller: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw u.a.

Trailer


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