Filmkritik: Apocalypse Now Redux

© Kinowelt
Story: Mitten im Wahnsinn des Vietnamkrieges erhält Captain Willard (Sheen) den Auftrag für eine waghalsige Mission: Er soll sich mit einer Hand voll Soldaten zum Lager des sadistischen Colonel Kurtz (Brando) im kambodschanischen Dschungel durchschlagen. Der brutale Kurtz lässt sich nicht mehr von der Militärführung kontrollieren und richtet von seinem Hauptquatier aus ein unglaubliches Blutbad nach dem anderen an. Willard hat den ausdrücklichen Befehl, den Sadisten zu liquidieren. Auf ihrem Weg begegnet die Truppe dem sonderbaren Colonel Kilgore, der seine Hubschrauberpiloten ihre Attacken zu den Klängen der "Walküre" fliegen lässt. Je tiefer das amerikanische Boot in den Dschungel eindringt, desto blanker liegen die Nerven der Besatzung. Ihre Mission führt die fünf Soldaten geradewegs in die Abgründe der menschlichen Seele...

Kritik: "Apocalypse Now" ist ein Film den wohl jeder irgendwie kennt, selbst wenn er oder sie ihn noch nie gesehen hat. Meine erste Begegnung mit dem Film hatte ich vor 14 Jahren, als ich selbst eben 14 war und Filme für mich noch primär zum reinen Unterhaltungszweck da waren. Dementsprechend irritiert war ich von diesem 202 Minuten langen Trip durch die Hölle. Ich fand absolut keinen Zugang. Doch Wiedersehen macht bekanntlich Freude, also bekam "Apocalypse Now" in der Redux-Fassung von 2001 eine zweite Chance. 
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"Apocalypse Now" basiert auf dem Roman "Heart of Darkness" von Joseph Conrad. Die Geschichte spielt im Kongo, Francis Ford Coppola transferierte sie für seinen Film in den ewigen Schrecken des Vietnam-Krieges. Lässt sich das nun in ein spezielles Genre pressen? Schwerlich. Wenn je ein Antikriegsfilm gemacht wurde, dann wohl am ehesten dieser hier. Und doch sind die strengen Grenzen eines einzigen Genres nichts, in dem sich "Apocalypse Now" aufhalten kann und will. Abgrundtiefes Drama verbirgt sich hier, schiere Hoffnungslosigkeit und der pure, ungefilterte Wahnsinn der vollendeten Desillusion. Es bleibt nicht beim Anschauen, "Apocalypse Now" fühlt man. Wie eine eiskalte Hand, die sich langsam zum eigenen Herzen vortastet. Eine aufziehende Dunkelheit, die einen ergreift. Die 200 Minuten durchzuhalten ist anstrengend, für mich persönlich vielleicht der anstrengendste Film mit dem ich je zu tun hatte. Aber man wird belohnt. Mit schauspielerischen Leistungen, die an die Grenze des Machbaren gehen. Mit einer Verflechtung von Bild und Ton, die ihresgleichen sucht. Egal ob man dem passiven Martin Sheen zusieht, ehrfürchtig den Worten von Marlon Brando lauscht oder den Männern auf dem Boot zusieht: es sind Darstellungen die sich in die Erinnerung einbrennen. Auch die Bilder brennen sich ein. Die ersten sieben Minuten des Films sind ein flammendes Inferno im Dschungel, unterlegt mit "The End" von The Doors. Der Anfang setzt den Maßstab für den restlichen Film, es bleibt kein Zweifel dass hier ein Trip in die völlige Finsternis des menschlichen Abgrundes auf den Zuschauer wartet.  

Kilgore ist nicht beeindruckt © Kinowelt
Wer sich ein wenig mit der Produktion des Filmes beschäftigt wird schnell merken, dass der Wahnsinn, der dem Film innewohnt, sich eben dort widerspiegelt. Martin Sheen erlitt einen Herzinfarkt, Marlon Brando brachte die Kollegen mit seinen Starallüren um den Verstand. Aus den veranschlagten 16 Wochen wurden über 200 Tage Drehzeit, Coppola griff in die eigene Tasche um das Werk zu finanzieren. Ein Taifun suchte das Set heim, das Militärequipment wurde zwischenzeitlich vom philippinischen Militär gebraucht um Marxisten zu jagen. Drogen und Alkohol waren am Set vorhanden, um einige Szenen realistischer wirken zu lassen. Durch und durch eine Tour de Force. "Redux" ist näher dran an dem, was Coppola schon 1979 ins Kino bringen wollte, dann aber als Zugeständnis an das Publikum doch lieber kürzte. In seiner aktuellen Fassung ist "Apocalypse Now" noch fragmentierter. Die einzelnen Episoden hängen nicht unbedingt zusammen, ergeben am Ende aber doch eine schlüssige Geschichte. Aber wer wäre auch so verwirrt, im Krieg nach sinnvollen Zusammenhängen zu suchen? Nur in einer solchen Welt können Figuren wie Kilgore überhaupt erst existieren. Kilgore greift am frühen Morgen ein ganzes Dorf an und macht es mit genug Napalm (es riecht so schön nach Sieg) dem Erdboden gleich, während Wagners "Ritt der Walküren" aus den Helikoptern dröhnt, denn der Feind surft nicht. Er und seine Männer aber schon, und die Wellen vor diesem speziellen Dorf sollen besonders gut sein. In diesem Wahnsinn bleibt auch Platz für Menschlichkeit, und so wird Kilgore zum Sinnbild für einen Krieg, der schon längst aus dem Ruder gelaufen ist. Ein Krieg, in dem Playboy-Playmates irgendwo in einem matschigen, halbverlassenen Zeltlager zur Belustigung der Männer gegen ein bisschen Benzin getauscht werden. Auch an anderer Stelle laufen die Dinge aus dem Ruder. Eine Gruppe Franzosen sitzt tief im Dschungel. Sie sind die Überreste eines Kolonialisierungsversuches, nun können sie beobachten wie die Amerikaner scheitern. Genau wie sie selbst, vielleicht eine Spur heftiger. Es gibt kein Vor und kein Zurück für sie. Nach Hause können sie nicht, also bleiben sie im Dschungel. Silberbesteck und Schlamm, Spitzenkleider und saftige Pflanzen vermischen sich zu einer homogenen Masse, in der die Sinnfrage schon längst nicht mehr gestellt wird. Eine Brücke wird zum letzten Pfeiler einer Idee von der Zivilisation, dahinter wartet die Leere. 

Wird Willard seine Mission erfüllen? © Kinowelt
Still ist es dort, archaisch, beinahe schon andächtig. Der Mythos rund um Colonel Kurtz, der über den Film hinweg aufgebaut wurde, findet in dieser letzten halben Stunde seine Auflösung. So wie Captain Willard sich mit jeder Meile auf dem Fluss näher an diese Figur herangezogen fühlte geht es wohl auch den Zuschauern. Das erste Aufeinandertreffen beider Figuren ist wundervoll in Szene gesetzt. Die Kamera bleibt an Willard, wir hören Kurtz bevor wir ihn überhaupt zu Gesicht bekommen. Und selbst wenn er sichtbar wird, befindet er sich die meiste Zeit im Schatten. Die ganze Art der Inszenierung lässt ihn überirdisch wirken. Coppola spielt mit den Erwartungen des Zuschauers. Wer würde schon erwarten dass diese Figur sich über Blumen am Ufer des Flusses unterhalten will? Marlon Brando haucht Kurtz auch durch seine Bewegungen Leben ein. Jede einzelne Geste spricht Bände über das Innenleben dieser Figur. Kurtz' Gewalt über Worte wird deutlich wenn er T. S. Eliot's "The Hollow Men" in die Unterhaltung einbindet. Kurtz verfügt über eine erschreckend klare Sicht auf den Stand der Dinge. Ihm ist bewusst was schief läuft. Wenn der Wahnsinn um dich herum regiert macht es Sinn, ebenfalls wahnsinnig zu werden. Auf diese Weise entsteht eine perverse Form von Klarheit. In einer irren Umwelt ist derjenige normal, der sich dem Irrsinn angepasst hat. Kurtz mag wahnsinnig wirken, doch alles was er sagt, alles was er tut ergibt perfekten Sinn im Rahmen seiner Umgebung. Die wirkliche Klarheit kommt erst mit dem letzten Satz, den Kurtz spricht. Meint er sich und seine Handlungen, oder ist es eine Beobachtung seiner Umwelt? Kurtz bleibt bis zum Ende des Films ein Mysterium, so wie auch die Frage nach dem "warum" niemals geklärt werden kann. Wer würde sich schon anmaßen irgendwie zu rechtfertigen, was für Gräueltaten im Krieg Menschen so mutieren lassen?

Fazit: "Apocalypse Now" setzt Maßstäbe in Sachen Antikriegsfilm. Selten schaffte es ein Film das betäubende, destruktive Gefühl der Hilflosigkeit so gekonnt einzufangen. Ergreifende Leistungen der Darsteller, ein eindringlicher Soundtrack und eine gewaltige Bildsprache finden hier zusammen. Nur anschauen ist hier beinahe nicht möglich, "Apocalypse Now" will gefühlt werden. Das ist nicht angenehm oder schön, aber eine Erfahrung die man sich gönnen sollte. 

Die Full Disclosure Blu-ray: Als erstes fällt die hochwertige Verpackung ins Auge. Stabiler Karton mit geprägtem Aufdruck lässt erste Vermutungen auf den hochwertigen Inhalt zu. Im Inneren warten 3 Discs: auf der ersten ist sowohl die Kinofassung von 1979 als auch die Redux-Version von 2001 zu finden. Beide wurden digital überarbeitet und sind in HD zu bewundern. Und der Transfer ist wunderbar gelungen, die Bildschärfe ist klasse und auch die Farben sind stark. Beide Fassungen werden in 2.35:1 Ratio präsentiert, dies entspricht der originalen Kinofassung. Auch der Sound ist wahnsinnig gut und kristallklar. Die englische Tonspur liegt in beiden Fassungen in DTS-HD MA 5.1 vor. Zu den restlichen Tonspuren kann ich leider nichts sagen, da die Box in England gekauft wurde. Die Ausstattung entspricht aber der deutschen Fassung. Auf einer weiteren Disc gibt es die Dokumentation "Hearts of Darkness" in Spielfilmlänge zu sehen. Eleanor Coppola, die Frau von Francis Ford Coppola, führte hier Regie. Als Zuschauer bekommt man einen detaillierten Einblick in die widrigen Umstände am Set. Die dritte Disc bietet über neun Stunden Bonusmaterial. Interviews, Castings, Screen Tests, eine Radiovorlesung von "Heart of Darkness", gelesen von Orson Welles: hier bleibt kein Wunsch unerfüllt. Abgerundet wird die Box durch ein paar hochwertige Fotografien als Postkarten, eine Replik des Kinoprogramms von 1979, welches den Zuschauern als Orientierung bei den ersten Aufführungen mitgegeben wurde, und einem Sammler-Booklet. In diesem erzählt Francis Ford Coppola über die Entstehung des Films. Selten bekam man so guten Einblick hinter die Kulissen wie mit dieser Box.


Infos zum Film

Originaltitel: Apocalypse Now - Redux
Erscheinungsjahr: 1979/2001
Genre: Drama, Antikriegsfilm
FSK: 16
Laufzeit: 153/202 Minuten
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Francis Ford Coppola, John Milius
Darsteller: Martin Sheen, Marlon Brando, Robert Duvall, Lawrence Fishburne, Harrison Ford, Frederic Forrest, Albert Hall, Dennis Hopper, Sam Bottoms u.a.

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