Filmkritik: Sicario

© StudioCanal

Story: Der Drogenkrieg beherrscht seit Jahren den Grenzbereich zwischen Arizona und Mexiko. Nachdem die idealistische FBI-Agentin Kate im Geheimversteck eines Drogenkartells einen grausamen Fund macht, meldet sie sich zu einer internationalen Task-Force um Jagd auf die Drahtzieher zu machen. Ihr erster Einsatz führt Kate direkt in das umkämpfte Grenzgebiet, wo sich ein routinierter Gefangenentransfer innerhalb von Sekunden als gefährlicher Hinterhalt entpuppt. Nur durch die Hilfe des ebenso skrupellosen wie kampferprobten Söldners Alejandro kann sie entkommen. Bei der nächsten Geheimoperation trifft sie Alejandro wieder, der wie sie Bestandteil einer Spezialeinheit ist. Doch bald wird klar, dass er zusammen mit anderen Mitstreitern eigene Pläne verfolgt. Kates moralische Überzeugungen werden einer harten Prüfung unterzogen, als die Grenzen zwischen Gut und Böse im Laufe der Operation zusehends verschwimmen…

Kritik: Denis Villeneuve mausert sich zum Garanten für Thriller, die immer ein wenig an die Werke von David Fincher erinnern, aber durchaus einen eigenen Stempel aufgedrückt haben. Nun beglückt er sein williges Publikum mit "Sicario" und schwimmt damit ganz oben auf der diesjährigen Welle um den Drogenkrieg an der mexikanischen Grenze mit. Egal ob Pablo Escobar im eher mittelmäßigen "Paradise Lost" oder in der bombenstarken Netflix-Serie "Narcos" seine Drogen unters Volk bringt oder wir uns mit "Gomorrha" nach Italien begeben, das Publikum scheint Interesse am Thema zu haben. Nach "Prisoners" arbeitet Villeneuve hier erneut mit Kameramann Roger Deakins zusammen, die beiden mausern sich langsam aber sicher zu einem meiner ganz persönlichen Dreamteams. Und "Sicario" ist dann auch ein filmgewordener Alptraum, der einen recht schnell packt und dann gnadenlos mit in den Abgrund reisst.

© StudioCanal
"Sicario" ist dabei unfassbar frustrierend anzusehen. Nicht nur ist das Thema ein äußerst unschönes, der Film hat auch eine sehr spezielle Art mit seiner Protagonistin umzugehen. Wer hier mit der Annahme herangeht es mit einer weiteren, toughen weiblichen Hauptrolle zu tun zu haben dürfte bitter enttäuscht werden. Kate, unverschämt gut von Emily Blunt gespielt, mag vielleicht zu Beginn des Films noch die Kontrolle über die Dinge haben. Doch das sieht spätestens am Ende ganz anders aus, wenn sie überhaupt nur noch zwei Möglichkeiten hat aus der ganzen Sache herauszukommen. Den ganzen Film über wird sie belogen und benutzt, und als Zuschauer lehnt man sich mit der gleichen Unwilligkeit auf die auch Kate an den Tag legt. Aber es ist vergeblich. Sie gerät beinahe zur Randfigur, und ihrem Kollegen Reggie (Daniel Kaluuya) geht es nicht anders. Und doch bleibt man fasziniert, was neben Blunts toller Leistung vor allem an Josh Brolin und Benicio del Toro liegt. Ersterer ist so dermaßen mysteriös und gleichzeitig wichtig dass er in geheimen Meetings mit Flipflops aufkreuzen kann ohne dass es jemanden stört. Del Toro ist größtenteils schweigsam und seine Rolle wird erst im Verlauf des Films klarer. Darstellertechnisch, das wird ganz schnell klar, wird hier absolut auf die richtigen Zugpferde gesetzt. Kate ist lange nicht klar wer eigentlich das sagen hat oder für wen sie nun arbeitet, und ihre Verwirrung überträgt sich auf den Zuschauer. Das ist ebenfalls frustrierend, sorgt aber auch dafür dass man sich der magnetischen Sogwirkung des Films nur schwer entziehen kann.

© StudioCanal
"Sicario" kommt allerdings nicht ganz ohne Schwächen aus. Besonders im Mittelzeit zieht sich die Geschichte ein wenig, wirkt der Soundtrack von Jóhann Jóhannsson stellenweise ein bisschen zu dick aufgetragen. Auch an den Luftaufnahmen hat man sich irgendwann satt gesehen. Doch das ist alles nur das Luftholen zwischen zwei Gewitterfronten. Denn "Sicario" zeigt gleich zu Beginn wie der Hase läuft. Bereits der erste Ausflug über die mexikanische Grenze ist pures Adrenalin. Wir befinden uns in einer Welt in der andere Gesetze gelten, in einer Welt in der Leichen am Straßenrand aufgehängt werden, als Mahnmale. Die Fahrt im Auto wird zur nervlichen Zerreissprobe, der Stau, in den die Gruppe auf dem Rückweg gerät, zu einem einzigen Alptraum. Gegen Ende des Films, wenn sich so langsam das ungute Gefühl einstellt dass man die ganze Zeit auf der völlig falschen Spur unterwegs war packt Kameramann Roger Deakins noch einmal ganz tief in die Trickkiste. Nachtsichtgeräte durchdringen kaum die Dunkelheit. Und es handelt sich auch nicht um diese seltsame Form von beleuchteter Dunkelheit, die einem so oft im Film begegnet. Ab und ab sieht man die Umrisse einer Figur vor dem nächtlichen Himmel, oft wird man aber alleingelassen. Und am Ende steht eigentlich nur eine Frage: wieviel Sinn macht es, sich an einem Krieg zu beteiligen der niemals enden wird, den man niemals gewinnen oder verlieren kann? Spätestens hier macht es auch Sinn dass die vermeintliche Hauptfigur eine Frau ist, gewinnt die Frage so doch eine beinahe hämische Doppeldeutigkeit. Denis Villeneuve verpackt diese Frage in packende Bilder, die einen so schnell nicht mehr loslassen werden.

Fazit: "Sicario" ist alles andere als leicht bekömmlich. Eine deprimierende Geschichte die den Zuschauer gemeinsam mit der Hauptfigur im Dunkeln tappen lässt breitet sich hier zu einem Flickenteppich des Horrors aus. Die Grenzen könnten nicht unklarer sein, die Einsätze sind hoch, so wie sie es seit Jahren sind. Man wird hineingeworfen in einen Krieg, besucht diesen an Kleinstschauplätzen, kann sich der Sache nicht entziehen. Unangenehmes Kino, grandios geschauspielert und noch großartiger inszeniert. Ganz klar einer dieser Filme von 2015, den man gesehen haben sollte.

Infos zum Film

Originaltitel: Sicario
Erscheinungsjahr: 205
Genre: Thriller, Drama, Action
FSK: 16
Laufzeit: 122 Minuten
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
Darsteller: Emily Blunt, Josh Brolin, Benicio del Toro, Daniel Kaluuya, Jon Bernthal, Jeffrey Donovan, Victor Garber, Raoul Trujillo, Maximiliano Hernández

Trailer

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bitte seid nett zueinander. Beleidigungen jeder Art, Spam und Kommentare die nichts zum Thema beitragen werden entfernt.