Filmkritik: Ex Machina


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Story: Der 24-jährige Web-Programmierer Caleb gewinnt einen firmeninternen Wettbewerb - sein Preis: eine Woche Aufenthalt im privaten Bergdomizil des zurückgezogen lebenden Konzernchefs Nathan. Vor Ort muss Caleb allerdings an einem ebenso seltsamen wie faszinierenden Experiment teilnehmen und mit der weltweit ersten, wahren künstlichen Intelligenz interagieren: einer bildschönen Roboterfrau. Die packende Story verwickelt Caleb in ein kompliziertes Liebesdreieck, in dem es um die großen Fragen der menschlichen Natur geht: Worin unterscheiden sich Wahrheit und Lüge? Was ist das Wesen von Bewusstsein, Emotion und Sexualität?

Kritik: Wie investiert man knapp über 10 Millionen Euro möglichst beeindruckend? Klare Sache, zumindest wenn man Alex Garland fragt. Der hat sich bisher eher als Romanautor (The Beach) und Drehbuchautor von Filmen wie "28 Days Later" betätigt, und mit "Ex Machina" liefert er nicht nur das Drehbuch, sondern führt auch gleich Regie. Nun könnte man ja theoretisch hingehen und sagen dass zum Thema Künstliche Intelligenz schon alles gesagt wurde. Und in den letzten Jahren taucht das Thema ja auch vermehrt im Film auf. Was nicht verwundern muss, ist künstliche Intelligenz doch in unserem Alltag mittlerweile recht präsent. Unser Smartphone versorgt uns mit klugen Antworten, Sprachsoftware generell hat einen riesigen Sprung nach vorne gemacht und in zahlreichen Universitätslaboren spielen Roboter alle möglichen Spiele. Während Kubricks "2001" noch Intelligenz an sich behandelte stellte beispielsweise Spielberg die Frage nach den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz in "AI". "Her" lässt einen einsamen Typen und ein Betriebssystem zusammenkommen, "Transcendence" stellt Singularität her und die Avengers kloppten sich kürzlich ebenfalls mit einer künstlich erschaffenen Intelligenz.. Braucht es da wirklich noch einen Film der sich mit den Befindlichkeiten eines Roboters befasst? Die Frage kann man, zumindest nachdem man "Ex Machina" gesehen hat, nur mit einem klaren Ja beantworten. 

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Schauplatz ist ein abgelegenes Haus in Island. Was Sinn macht, denn Island ist nicht nur atemberaubend schön sondern vor allem landschaftlich größtenteils unberührt. In diese Unberührtheit, diese Perfektion tritt nun ein scheinbar ebenso perfektes, aber künstliches Gebäude. Nathans Haus scheint auf den ersten Blick perfekt durchgeplant, doch der Schein, der scheint zu trügen. Hier und da befinden sich Ungereimtheiten im Gebäude, die schnell den Eindruck entstehen lassen dass es sich weniger um ein Haus als vielmehr um ein Gefängnis handelt. Doch für wen eigentlich? Vielleicht für Ava, die im Keller "lebt". Ava ist eine künstliche Intelligent, erschaffen von Nathan. Caleb soll anhand von Gesprächen herausfinden ob sie über ein Selbstbewusstsein verfügt oder eben doch nur eine Maschine ist. Es ist nur eine von vielen Fragen, die "Ex Machina" stellt: was ist Leben, wo fängt es überhaupt an? Lässt es sich über die Intelligenz definieren, und wie darf man als Erschaffer damit umgehen? Darf, sollte man überhaupt eingreifen? Man lässt der Natur ihren Lauf, aber Ava ist nicht natürlich. Oder ist künstliche Intelligenz nur der nächste Schritt in der Evolution, der die Menschen langfristig vom Spitzenplatz vertreiben wird? Wohin führt das Streben nach Perfektion? All diese Fragen werden aufgeworfen, beantworten muss man sie selbst. In gewisser Weise ist es die Rückkehr zum Ursprung von Science Fiction, denn Ideen stehen hier im Vordergrund. 

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Aber "Ex Machina" hört an dieser Stelle noch lange nicht auf. Hinterfragt wird auch die Rolle von Mann und Frau, und wie letztere durch erstere geformt, beeinflusst werden. Nathan agiert aus niederen Beweggründen, spielt Gott und ist doch die denkbar falscheste Person dafür. Garland behandelt dieses Thema nicht zum ersten Mal, man denke nur an das Ende von "28 Days Later" und den Umgang der Männer mit den Frauen, die sie auf einmal als in ihrer Macht befindlich betrachten. Nathan benimmt sich wie ein übereifriger Student, der eine Verbindung leitet. Eigentlich zu alt für den Job, aber solange man die anderen Jungs "Dude" oder "Bro" nennen kann passt das schon irgendwie. Er hat zu viele Männerzeitschriften gelesen und Ava nach den sorgsam recherchierten Mittelwerten der perfekten Pornodarstellerinnen erschaffen. Ein einziger Alptraum, präsentiert als die einzig richtige Fantasie jedes einzelgängerischen Kellerkindes, was natürlich niemandem irgendwie zweckdienlich ist. Dem steht Caleb gegenüber: unscheinbarer, auf jeden Fall. Nathan ist trainiert, trinkfest, selbstsicher, gutaussehend. Caleb ist auf den ersten Blick sympathisch, aber eben auch ein bisschen blass. Hilflos. Und doch ist er es, der Mitgefühl für Ava entwickelt. Der die ganze Angelegenheit hinterfragt. Ist Weiblichkeit, wie wir sie betrachten, nicht letzten Endes auch nur ein Konstrukt, etwas Künstliches? Macht Ava vor diesem Hintergrund nicht beinahe schon pervers viel Sinn? Die großen Augen, die scheinbare Hilflosigkeit, diese perfekte, als solche erschaffene Frau? Sinnbild der Erotik, wenn sie scheinbar erwachsen wird, beginnt sich für Caleb zu interessieren, wenn doch gleichzeitig so ein Alphatier wie Nathan anwesend ist? Wunschvorstellung? Oder doch manipulativ und bösartig? Wenn man Frauen hasst, dann besteht eine große Chance diesen Film zu feiern, natürlich aus gänzlich falschen Gründen, aber wer so denkt, der denkt eh nur recht begrenzt, wenn überhaupt. 

Oscar Isaac spielt Nathan herrlich ambivalent. In seltenen Momenten wirkt er beinahe sympathisch, in anderen kommt eine wirklich ekelhafte, abschätzige Ader zum Vorschein. Gewürzt wird das Ganze mit einer großzügigen Portion Wahnsinn, und die Szene in der er mit der anderen, schweigsamen Frau im Haus zu überdrehter Musik tanzt ist an Absurdität kaum zu überbieten. Domhnall Gleeson haucht seinem sympathischen Charakter durch subtile Mimik ein ganz eigenes Leben ein, beide sind beinahe perfekte Gegensätze zueinander. Doch die Show wird ihnen von Alicia Vikander gestohlen. Den Drahtseilakt zwischen kalter, berechnender KI und emotionaler, menschlicher Wucht meistert sie grandios, und es ist nie ganz klar in wessen Auftrag, und ob überhaupt in irgendjemandes Auftrag, Ava handelt. Ergänzt wird dieser Eindruck durch die makellosen Special Effects. Eingangs erwähnte ich die knapp 10 Millionen Dollar, und man sieht hier, wie gut man eine solche Summe anlegen kann. 

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Der Soundtrack von Ben Salisbury und Geoff Barrow passt sich dem visuellen Spektakel an. Ruhig fließt er dahin, beinahe schon lasziv, so wie der Fluss neben Nathans Haus. Nur langsam baut sich ein bedrohlicher Unterton aus, den man nie so ganz festmachen kann. Die Bilder gleichen sich dem an, die Kamera ist ruhig, genau wie das Erzähltempo. Man nimmt sich Zeit alles sorgsam zu erkunden, und zu keinem Zeitpunkt wird man als Zuschauer gehetzt oder ausgegrenzt. Es ist eine kleine, aber besondere Stärke des Drehbuchs, auch komplexe Sachverhalte simpel zu erklären. Nicht nur liefert Isaac mit seiner Darstellung einen glaubhaften klugen Kerl ab, die Dialoge sind darauf angelegt auch dem technisch eher unbewanderten Zuschauer die Dinge verständlich zu machen. Wer Action erwartet, der ist hier gänzlich an der falschen Adresse. Wer Antworten vorformuliert haben will darf sich gerne woanders umschauen. Am Ende stellt sich dann ein Gefühl der Befriedigung ein, denn dass eine Geschichte so schlüssig und vor allem konsequent erzählt wird ist mittlerweile selten geworden. Noch seltener sind Filme, die direkt dazu einladen, sie noch einmal anzusehen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, aus allen erdenklichen Winkeln. So ein Film ist "Ex Machina".

Fazit: Science Fiction, so wie es sein sollte. Im Vordergrund steht eine Idee, gestellt werden alle erdenklichen Fragen, die damit einhergehen. Doch man bekommt hier nichts serviert, man muss seine eigenen Antworten finden. "Ex Machina" ist klug, ohne auf den Zuschauer herabzublicken. Wundervoll inszeniert, mit einem tollen Drehbuch und großartigen Schauspielern. Ein Film, den man sich nicht entgehen lassen sollte, weil er genau die richtigen Fragen stellt. 

Infos zum Film

Originaltitel: Ex Machina
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Thriller
FSK: 12
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Alex Garland
Drehbuch: Alex Garland
Darsteller: Alicia Vikander, Oscar Isaac, Domhnall Gleeson, Sonoya Mizuno u.a.

Trailer

1 Kommentar:

  1. Gut, dass Du den hier noch vor den Filmtipp-Awards nachgeholt hast! ;) Gehört für mich zu den absoluten Highlights des Jahres. Gerade weil er Film auf so vielen Ebenen funktioniert: Als Spannungsfilm, als philosophischer Kommentar, als wissenschaftliches und literarisches Zitatefeuerwerk, als Kammerspiel zwischen drei bzw. vier hervoragenden Schauspielern.

    Überraschenderweise hat Ex Machina viele Erwartungen enttäuscht...Aber der reift noch: Bin überzeugt, dass der Film am Ende des Jahrzehnts zu den besten Sci-Fi-Streifen der Dekade gehört. Falls Du Interesse hast: Wir hatten den Film einerzeit im Podcast besprochen: http://www.medien-nomaden.de/die-module-spielen-verrueckt-ex-machina-der-podcast/.

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