Horrorctober Special: Frauen im Horrorfilm

Kreischen, rennen, sterben? Frauenbilder im Horrorfilm

Besonders im englischen Sprachgebrauch ist der Begriff der Trope mittlerweile nicht mehr nur für Literatur, sondern auch für klischeebehaftete, wiederkehrende Rollen in Film und TV geläufig. Sozusagen ein anderes Wort für Stereotyp. Die meisten, wenn nicht alle Film- und Serienfiguren lassen sich in mindestens ein Schema pressen. Sei es der kernige Actionheld, der nur in Einzeilern kommuniziert oder der Komapatient, der nach einer Epidemie im Krankenhaus aufwacht: sie alle kommen in ihrem Grundprinzip aus einem Baukasten, und je nach Kreativität des Schreibers hinter der Figuren erwachen sie mehr oder weniger überzeugend zum Leben.

Nun ist es ja nicht so, dass Männer und ihre vielseitigen Tropen mich nicht interessieren. Aber wenn man nur einen ganz groben Blick über Horrorfilme wirft, dann könnte man schnell mal auf die Idee kommen dass weibliche Figuren nicht besonders gut wegkommen. Entweder rennen sie halbnackt vor einem Killer davon oder sie sind besessen. Welche Möglichkeiten außer Kettensägenfutter und außer Kontrolle geratener Dämonenhülle gibt es für Frauen im Horrorfilm? Nachfolgend stelle ich euch drei der gängigsten Klischees vor, untermauert mit zahlreichen Beispielen. Am Ende widme ich der Mutterrolle im Horrorfilm noch ein oder zwei Absätze, denn die hat sich eine gesonderte Betrachtung durchaus verdient. 

Das "final girl"

  Laurie aus "Halloween" ©Warner-Columbia
Jeder von uns kennt diesen einen Horrorfilm. Eine Gruppe Teenager wird von irgendeinem Killer heimgesucht. Die meisten stellen sich nicht besonders klug an, und das fröhliche Metzeln kann beginnen. Doch am Ende bleibt "sie" übrig. Oft ist sie dunkelhaarig, und sie ist auf jeden Fall klüger als der Rest der Gruppe, wie sich im Verlauf des Films herausstellen wird. Höchstwahrscheinlich ist sie auch moralisch über den Rest der Gruppe erhaben. Sie trinkt nicht, raucht nicht, und im Idealfall ist sie Jungfrau. Jungfräulichkeit ist ein begehrenswertes Attribut im Horrorfilm, denn Killer (meistens männlich) haben unwissentlich irgendwie Respekt davor. Das final girl lehnt sich dann am Ende gegen den Killer auf, konvertiert kurzzeitig vielleicht sogar zur Actionheldin und macht dem messerschwingenden Grobian den Gar aus.

Zum ersten Mal verwendet wurde der Begriff von Carol J. Clover in ihrem 1992 erschienenen Buch "Men, Women, And Chain Saws: Gender In The Modern Horror Film". Gibt es ein Sequel, dann hat das final girl aus dem Vorgänger eine recht hohe Chance darin umzukommen. Das final girl ist eine komplizierte Angelegenheit, denn man kann trefflich darüber streiten ob es sich nun um eine emanzipierte Figur handelt oder um eine männlich geprägte Wunschvorstellung. Abstinenz, Jungfräulichkeit, Bescheidenheit: all das sind Qualitäten die, so macht es zumindest den Anschein, gesellschaftlich geschätzter sind. Andererseits lässt sich nicht leugnen dass man geschärftere Sinne hat, wenn man nicht mit 2 Promille in der Ecke liegt. Indem man der weiblichen Figur Attribute wie Intelligenz und Wachsamkeit, also ganz traditionell männliche Attribute, zuschreibt, findet auch eine gewisse De-Sexualisierung statt.

  Mia aus "Evil Dead" © Sony
Das final girl ist bei genauerer Betrachtung außerdem eine Mischung aus verschiedenen anderen Stereotypen. Sie besitzt Anteile der Heldenfigur, wenn sie sich am Ende gegen den Killer stellt. Sie geht als das niedliche Mitglied der Gruppe durch, das sich oft mit prä-pubertären Themen beschäftigt. Gewissermaßen ist sie stellenweise auch die Jungfrau in Nöten, die am Ende ihre Rettung einfach selbst in die Hand nimmt. 

Komplizierter wird es da schon wenn man das Publikum betrachtet. Aus diversen Gründen scheint man immer noch davon auszugehen dass das Publikum für Horrorfilme größtenteils männlich ist, dementsprechend wird produziert. Nun kann man annehmen dass es dem größtenteils männlichen Publikum absolut nicht zuzumuten ist einen männlichen Mann in einer Gefahrensituation in Panik geraten zu sehen. Panik ist einfach so unmännlich, und Männer wollen dies nicht auf der Leinwand sehen. Andererseits forciert das final girl den Zuschauer, auch den männlichen, sich in eine angsterfüllte Frau hineinzuversetzen und den Terror aus ihrer Perspektive zu erleben. Inwieweit sich in diesem Fall aber vom so genannten "männlichen Blick", dem die Frau sich im Film zu unterwerfen hat, losgelöst wird ist fraglich. Denn das voyeuristische, oftmals unterstützt durch wenig/freizügige Bekleidung der Protagonistin, wird nach wie vor bedient.

 

Das "final girl" in Film und Serie

Direkt vorweg: da es sich um eine Klischeefigur handelt die am Ende des Films vorkommt lassen sich in diese Abschnitt Spoiler nicht vermeiden. Ihr wurdet hiermit gewarnt.
Stellt das Genre auf den Kopf: "Buffy" © The WB
Es gibt mehrere Möglichkeiten für ein final girl. "Halloween" und seine zahlreichen Fortsetzungen beherbergen fast immer ein final girl, Jamie Lee Curtis überlebt in der Rolle der Laurie ziemlich viele Teile. In "House of Wax" entkommt Carly am Ende. "Alien" ist eine Art Sonderfall, denn die Figuren wurden neutral geschrieben, Ripley hätte ebenso gut ein Mann sein können. Im Remake von "Evil Dead" überlebt am Ende Mia dort, wo im Original Ash (Bruce Campbell) die Flucht gelingt. "Buffy" hingegen ist eine lupenreine Subversion des Klischees. Auch wenn sie über gewisse Kräfte verfügt ist sie blond (Killer lieben blonde Frauen!), geht feiern, hat Sex, ist durchaus auch mal mädchenhaft und attraktiv. In der gleichen Serie passt Willow recht gut in die Schablone des klassischen Final Girls. Ebenfalls als Subversion geht "Hostel 2" durch, dort wird die tugendhafte Jungfrau spezifisch wegen dieser Eigenschaften als erste ermordet, während das final girl sich als ebenso skrupellos wie die anderen Killer herausstellt. Tja, der Hölle Rache kocht wohl in so manchem Herzen. Amanda aus der "Saw" Reihe fällt ebenfalls unter die Subversionen.

Der dämonische Wirt

Ein Spezialfall für besonders eifrige Exorzisten. Wie jeder weiß sind Dämonen ganz schön faule Zeitgenossen, die es sich gerne einfach machen. Wie gut dass es das schwache Geschlecht, also Frauen, gibt. Frauen haben scheinbar nicht die gleiche Disziplin und Willenskraft wie viele Männer, deswegen sind sie leichte Beute. Oder könnt ihr spontan eine Handvoll Exorzismusfilmchen aufzählen, in denen die besessene Person männlich ist? Gut, ich nämlich auch nicht, aber falls ihr welche kennt: packt sie bitte in die Kommentare, denn ich bin neugierig. Manche Frauen sind aber nicht nur mal eben so von Dämonen besessen, sondern dürfen auch noch als Brutkasten herhalten und die dämonische Nachkommenschaft austragen. Da wird aus der oftmals seelisch so wie körperlich sowieso schon fordernden Schwangerschaft schnell mal der pure Horror.

Devil's Due © 20th Century Fox
Während es in Sachen Feminismus also deutlich in die Richtung der freien Frau ging schlug eine gewisse Horrorsparte die gegenteilige Richtung ein. Die schwache, zur Hysterie neigende Weiblichkeit öffnet Tür und Tor und somit den Körper für böse Mächte, ist gierig, kopuliert mit Dämonen, bringt Schande über die Sippe und weiß der Geier. Besser, man treibt das fiese Höllengetier schnell mal aus dem Weibe aus. Was seinerzeit die Kirche übernahm ging dann später nahtlos in den Teil der Wissenschaft über, die sich mit der Hysterie auseinandersetzte. Bereits in der Antike nahm man vielerorts an, dass die Gebärmutter bei zu wenig Kontakt mit Sperma Amok läuft, sich auf den Weg durch den Körper macht und schließlich am Gehirn kleben bleibt, wo sie ihre Trägerin in den Wahnsinn treibt. Und nein, es handelt sich bei diesem Satz nicht um einen bösen Scherz. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein verheiratete man junge, hysterische Frauen, um sie zu kurieren. War frau schon unter der Haube, so kümmerte sich ein Arzt darum sie manuell zum Orgasmus zu bringen, damit sie sich entspannt. Da dies bald anstrengend wurde erfand man Hilfswerkzeuge wie Vibratoren. Dass damals auch schlicht kein Konzept des weiblichen Orgasmus bekannt war, oder zumindest medizinisch anerkannt war dürfte nicht verwundern.

 

Der "dämonische Wirt" im Film

Hier kann man eigentlich jeden Film aufzählen in dem ein Exorzismus an einer Frau oder einem Mädchen durchgeführt wird. "Der Exorzist", "Der letzte Exorzismus", "Der Exorzismus der Emily Rose"... ihr merkt worauf ich hinaus will. Filme wie "Das Omen" oder "Rosemary's Baby" präsentieren eindrucksvoll wie Frauenkörper von dämonischen Mächten oder gleich dem Satan persönlich benutzt werden, um fiese, übernatürliche Kinder auszutragen. Im Gegensatz zum final girl, bei dem man wenigstens noch darüber diskutieren kann ob es sich um ein irgendwie feministisch interpretierbares Klischee handelt ist der dämonische Wirt einfach nur ätzend.
"Der Exorzist" © Warner Bros.
Scheinbar reizt der immer wiederkehrende Dämon, der ein möglichst junges und unschuldiges Mädchen für sich in Anspruch nimmt aber entweder das Publikum, oder die Drehbuchautoren haben Freude an dieser immer wiederkehrenden Erzählung. Das Muster in diesen Filmen ist dabei stets das gleiche. Ein junges Mädchen wird in Besitz genommen. Es finden unnatürliche Verrenkungen statt, auf die jeder langjährige Yoga-Praktizierende neidisch blicken darf. Die Sprache wird vulgärer, oft kommt ein überhöhter Sexualtrieb zum Vorschein. Wir alle erinnern uns lebhaft an die Szene aus "Der Exorzist", in dem das Mädchen sich wiederholt ein Kreuz in die Scheide rammt. Ein unschuldiges Mädchen, welches zu abscheulichen Dingen gezwungen wird. Könnte auch die Beschreibung eines Pornos sein. Am Ende wartet die Erlösung von dem Bösen oftmals durch die fachkundige Hand eines Mannes. 

Die "böse, dämonische Verführerin"

  "Jennifer's Body" © 20th Century Fox
Wir alle kennen sie. Sie taucht in einem beliebigen Film auf, und verdammt, die Lady ist heiß! Endlos lange Beine, die Lippen sind leicht geöffnet, sie geht ein bisschen langsamer und jeder ihrer Schritte sagt dir: pass auf, ich bin gefährlich, aber ich will dich! Was man in der normalen Welt als Femme Fatale kategorisieren würde wird in der Welt des Übernatürlichen zur "dämonischen Verführerin". Sei es ein Vampir, ein Cyborg, ein Alien, völlig egal, das Muster ist immer gleich. Sie nutzt gezielt ihre weiblichen Attribute um Männer um den Finger zu wickeln, sie zu benutzen, und meistens endet das für den Mann tödlich. Jetzt werden vermutlich einige sagen "Ja, und? Ist doch cool, die Dame nimmt sich, was sie will, und wenn der Typ so doof ist, selber schuld!". Was ist also an der weiblichen Sexualität als Waffe so gefährlich? Leider ist der Anteil der Zuschauer, die Gesehenes im Film nicht ausreichend reflektieren recht hoch. Schaut man nun in die einschlägigen Boulevardblättchen findet man häufig Geschichte um beliebige Damen, die so dreist sind von ihrem Exmann Unterhalt zu fordern, die eine Stelle nur bekommen haben weil sie Brüste mit sich herumtragen, und so weiter. Frauen werden auf ihre sexuellen Reize reduziert, und die dienen nur dazu Männer zu manipulieren. Mit dieser Klischeerolle schlägt man also gleich zwei Fliegen. Der Zuschauer bekommt eine hübsche Frau, die er begaffen kann. Gleichzeitig kann er sich über sie ärgern, denn sie ist ja so wie alle Frauen in ihrem Inneren sind: manipulativ, verdorben, nur auf ihren Vorteil aus. Auch für weibliche, leicht beeinflussbare Zuschauer tun sich an dieser Stelle Probleme auf, denn wenn man aus allen Ecken eingetrichtert bekommt dass die eigene Sexualität nur als manipulativ wahrgenommen wird könnte man durchaus zu Komplexen gelangen. Denn keine der Figuren, die in dieses Klischee fallen hat Sex aus Spaß an der Sache. Und vom Einfluss der Gesellschaft können sich vermutlich die wenigsten von uns völlig freisprechen. Der häufig bei irgendwelchen Sexskandalen geäußerte Vorwurf der "honeytrap" untermauert dies.
  "Bram Stokers Dracula" © Columbia Tristar

Die "böse, dämonische Verführerin" im Film

In der jüngsten Filmgeschichte dürfte da vor allem Megan Fox in "Jennifer's Body" auffallen.1995 trieb Natasha Henstridge ihr Unwesen in "Species", wo sie das Verhalten der Frauen um sich herum kopierte. Keanu Reeves fällt in "Bram Stokers Dracula" den Bräuten des Vampirfürsten zum Opfer. Selbst bei "Buffy" ist man vor der dämonischen Verführerin nicht sicher, Xander trifft es sogar mehrmals. Immerhin bemerkt er das aber selbst und kann es zynisch kommentieren. Doch auch außerhalb des Horrorfilms kommt diese Figur vor. Die Meerjungfrauen in "Fluch der Karibik 4", aber manchmal auch Mystique aus den "X-Men" Filmen fallen in dieses Schema. 

Eine Sonderrolle - Die Mutter im Horrorfilm

"Carrie" © Sony
Eine ganz eigene, sehr diverse Rolle spielen Mütter im Horrorfilm. Wie auch sonst so oft in der Gesellschaft werden sie meistens extra gezählt, denn für die bisherigen Stereotypen kategorisiert man sie einfach als zu alt ein. Über die Unfairness dahinter könnte man trefflich einen eigenen Artikel füllen. Konzentrieren wir uns also auf den Horrorfilm. Von der alles überschattenden Mutterpräsenz in "Psycho" bis hin zum absoluten Wahnsinn den die Mutter von "Carrie" verkörpert, auch hier finden sich stereotyp angelegte Figuren. Pamela Vorhees beweist in "Freitag der 13." wie man als Mutter mal so richtig ausflippt. Als Beispiel für eine heldenhafte Mutter könnte man Wendy aus "The Shining" heranziehen, eine Mutter die zuerst ihre Kinder in Sicherheit bringt um sich dann dem Bösen zu stellen. Ihr merkt schon, das sind jeweils sehr einseitige Bilder, die entweder stark positiv oder eben sehr stark negativ gefärbt sind. Heldin oder Böse, dazwischen scheint es für Mütter nicht viel zu geben.

Ein komplexeres Bild der Mutterschaft zeichnet Jennifer Kent in "The Babadook". Während heutzutage oftmals von Frauen in der Mutterrolle absolute Perfektion erwartet wird sehen wir hier eine Mutter, die mit dieser Rolle einfach überfordert ist. Anfang des Jahres trendete das Hashtag #RegrettingMotherhood, und zahlreiche Mütter äußerten sich und gaben zu, dass Muttersein eben nicht immer nur zauberhaft und toll und einfach ist. Einige stellten fest dass sie vom heutigen Standpunkt aus keine Kinder mehr haben wollen würden. Der Aufschrei war entsprechend groß, aber wer sind wir, dass wir Müttern vorschreiben wollen wie sie sich zu fühlen haben? 

"The Babadook" © Capelight
Zurück zum Babadook. Mit dem Unfalltod ihres Mannes, der auf den gleichen Tag wie die Geburt ihres Sohnes fällt, hat Amelia schon vor den übernatürlichen Ereignissen rund um ihren Sohn eine Abneigung gegen eben diesen entwickelt. Sam ist darüber hinaus, wie vermutlich die meisten Kinder, nicht rund um die Uhr freundlich, friedlich und leise. Das ist keinesfalls verwerflich, Kinder haben oft eine blühende Fantasie und müssen ein Gespür für das Ticken der Erwachsenenwelt auch erst einmal lernen. "The Babadook" scheut sich nicht, diese Diskrepanz aufzuzeigen, und als Zuschauer ist man zwischen Mutter und Sohn hin und her gerissen, denn man fühlt mit beiden mit. Und eine gute Portion des Horrors, der diesen Film ausmacht kommt von einer Mutterrolle, die so nachvollziehbar ist, uns Zuschauer aber mit unserer überhöhten Erwartung an die Mutterfunktion konfrontiert. Wir erwarten, dass Mütter ihre Kinder bedingungslos lieben, egal wie stressig sie sind, egal wie laut und nervig sie sind, egal was sie anstellen. Hier wird diese Erwartung gebrochen, wird gezeigt dass auch Mütter in erster Linie Menschen sind.

Kommentare:

  1. Mir würde noch einfallen, dass man Frauen in Horrorfilmen immer den Mund zuhält oder sie sich selber den Mund zu halten um nicht zu schreien. Meistens sind es Frauen die in Horrorfilmen schreien.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, dieses hysterische Kreischen und Schreien ist wirklich schlimm. Da könnte man sicher einen kompletten Artikel drumherum basteln, aber da würde ich beim tippen vermutlich ebenfalls schreien :D

      Löschen
  2. Mir fällt jetzt im Moment nur ein Horrorfilm ein wo ein Typ geschrien hat. Die Türkische Teenie Horror Komödie Okul (heißt Schule auf türkisch).

    AntwortenLöschen

Bitte seid nett zueinander. Beleidigungen jeder Art, Spam und Kommentare die nichts zum Thema beitragen werden entfernt.