Horrorctober Special #4: Warum schauen wir Horrorfilme?

Wir nähern uns mit Siebenmeilenstiefeln Halloween, der #Horrorctober läuft in vollem Gange, ich hänge gnadenlos mit meinen Filmen hinterher und draußen fallen die Blätter von den Bäumen. Ein ganz normaler Oktober also. Nachdem wir uns in der letzten Woche gemeinsam angeschaut haben was eigentlich normale Menschen im Horrorfilm so alles anstellen bleiben wir auch diese Woche mehr oder weniger beim Thema Mensch. Was ich letzte Woche schon beim Text zu "Cabin in the Woods" angemerkt habe, nämlich unsere Schaulust, soll dieses Mal im Zentrum stehen. 

Wieso schauen wir uns Horrorfilme an? Was fasziniert uns an Mördern, übernatürlichen Phänomenen, an Folterpornos und an durchgedrehten Tieren? Wieso schauen wir uns an, wenn in Zeitlupe die Gedärme fliegen und das Blut in meterhohen Fontänen aus der Halsschlagader pocht? Sind wir eigentlich noch ganz dicht, haben wir noch all unsere Frösche im Teich und Latten am Zaun? Warum haben wir so einen Spaß daran, Angst zu haben? Ist das nicht eigentlich total paradox? Schauen wir uns doch diese Woche mal an, was die Medien, die Philosophie, die Psychologie und die Zuschauer selber dazu sagen. Im Text findet ihr ein paar Hinweise auf lesenswerte Bücher und die ein oder andere Studie, wer sich also auch über den Text hinaus bilden will findet hier ein paar Wegweiser.Alle anderen bekommen nützliche Informationen, verpackt in einen hoffentlich kurzweiligen Text. Am Ende findet ihr dann noch ein Gewinnspiel, dranbleiben lohnt sich also diese Woche ganz besonders.
Szene aus "Hostel", 2005 © Sony

Eine Frage der Angst?

Siegbert A. Warwitz schrieb 2006 in "Vom Sinn des Wagens. Warum Menschen sich gefährlichen Herausforderungen stellen." über eine Art positive Angst, die wir erfahren wenn wir uns einer Gefahrensituation stellen und als Gewinner daraus hervorgehen. Ab dem Moment wo man die Angst besiegt hat fühlt man sich besser und mutiger und auch selbstsicherer. Das lässt sich relativ leicht auch auf Horrorfilme umdenken. Ich erinnere mich immernoch lebhaft an "Paranormal Activity 2" im Kino, wo der ganze, randvolle Saal still wurde, sobald es im Film dunkel war, und die Anspannung merklich gelöst wurde wenn es wieder Tag wurde. Eine Art Gemeinschaftsgefühl stellte sich ein, alle wussten: wenn es wieder Tag wird haben wir eine weitere Nacht geschafft, ohne dass etwas passiert ist. Ein simples, aber effektives Muster. Die "Paranormal Activity" Reihe nutzte diesen Effekt bereits in der Werbung für den ersten Teil der Reihe. Ich habe euch den Trailer für den Film herausgesucht. In diesem sieht man nur wenige Szenen des Films, dafür wurde ein Testpublikum beim sehen des Films aufgenommen. Beobachtet also das Publikum mal genau: 

Dass Horrorfilme in der Gesellschaft anderer so effektiv funktionieren hat auch einen anderen Grund. Neben einer Vielzahl von körperlichen Reaktionen wie höherer Blutdruck, angespannte Muskulatur, empfindlichere Nerven und vielleicht auch unkontrollierbares zittern produziert der menschliche Körper bei Angstzuständen Pheromone, die andere Menschen ebenfalls wahrnehmen. Kurz gesagt: wenn einer Angst hat merken alle anderen das auch und bekommen auch Angst. Es ist also nicht verwunderlich dass wir im Kino nicht nur dann unweigerlich zusammenzucken wenn der Sitznachbar vor lauter Schreck laut schreit. Wir fühlen uns auch so im Verlauf des Films immer angespannter. Wenn wir einen Horrorfilm schauen, dann befinden wir uns in Alarmbereitschaft. Wir wissen dass das Gesehene nicht echt ist, aber manchmal lässt sich unser Gehirn dann eben doch austricksen, kriegt den Unterschied zwischen Film und Realität nicht mit und eskaliert im Angesicht von Blut und Gedärmen auf der Leinwand. Und je mehr wir uns gruseln, je spürbarer unsere körperliche Reaktion auf den Film war, desto besser finden wir ihn am Ende. In gewisser Hinsicht sind Horrorfilme eine Art Mutprobe, und wer will vor seinen Freunden nicht gern mutig sein? Man hat sich nahezu unvorstellbares auf der Leinwand oder im TV angesehen, und dann kann man hingehen und damit prahlen. Damals auf dem Schulhof gehörte man zu den ganz Harten, wenn man bestimmte Filme schon gesehen hatte. Natürlich viel zu früh und natürlich heimlich, ohne dass die Eltern etwas davon mitbekommen. Dass man damit kaum reflektiert umgehen konnte? Völlig uninteressant, denn man gehörte dazu! In einem noch die Eltern ein bisschen mitprovozieren? Aber immer gerne, nur her damit! Mit den teilweise desaströsen Effekten von Horrorfilmen auf Kinder und auch Jugendliche hat sich dann beispielsweise Joanne Cantor in ""Mommy, I'm scared": How TV and Movies Frighten Children and what we can do to protect them" befasst, ein Buch das generell sehr lesenswert ist.
Szene aus "Es", 1990 © Warner Bros. Television
Faszinierend ist dabei dass es durchaus Studien gibt, die sich mit den Reaktionen innerhalb des Gehirns beim Konsum von Horrorfilmen befassen. An der Uni Jena gab es beispielsweise Versuche zum Thema, wer sich gerne einlesen will kann hier das Abstract finden. Dabei kam heraus dass wir nicht unbedingt wirklich mit Angst auf die gezeigten Bilder reagieren. Vielmehr reagieren die Teile des Gehirns die für die Verarbeitung von visuellen Prozessen, das Selbstbewusstsein und das Lösen von Problemen zuständig sind. Horrorfilme fordern uns also, aber anders als man zunächst vermutlich denken würde. 


Was sagt eigentlich Aristoteles dazu?

Schauen wir doch mal was Aristoteles zum Thema zu sagen hat. Der hat sich zwar sicher keine Horrorfilme angeschaut, aber er hat sich zum Thema Gruselgeschichten geäußert. Hier kommt der Begriff der Katharsis ins Spiel. Aristoteles ging davon aus dass die Leute sich in gruselige und dramatische Geschichten flüchten um mit negativen Gefühlen klarzukommen. Wenden wir das auf Horrorfilme an, dann schauen wir Horrorfilme, hören aggressive Musik und spielen gerne Shooter, damit wir Aggressionen abbauen. Dumm nur für den guten Aristoteles dass die Forschung sich mittlerweile einig ist, dass es sich bei dieser Theorie um Unfug handelt. Sogar das Gegenteil scheint der Fall, brutales macht die meisten Nutzer nur noch wütender. Da sich aber in regelmäßigen Abständen scheinbar sämtliche Forscher uneinig darüber sind ob deswegen nun mehr Gewalttaten begangen werden oder die Spiele und Filme doch als Ventil gelten, und ich nun für beides zahlreiche Studien anführen könnte, belasse ich es erstmal bei der reinen Feststellung. 

Schlagen wir nochmal den Bogen zum Anfang zurück. Dort war die Rede davon, dass wir uns vor allem im Jugendalter Horrorfilme ansehen, um "dazu zu gehören". Bereits 1909 formulierte der Kulturwissenschaftler Arnold von Gennep den Begriff der so genannten "rites de passage", also Übergangsriten. Gennep forschte an indigenen Völkern, doch das Konzept lässt sich auch heute noch auf unsere Gesellschaft anwenden. So gibt es bestimmte Riten, die eingehalten werden. Dinge, zu "zum Erwachsenwerden" dazu gehören, Riten die den Übertritt in eine andere Form der Gesellschaft begleiten. Religiöse Hintergründe sind ebenfalls möglich, so gehören Kommunion, Konfirmation und so weiter zu den Übergangsriten. Zillman, Weaver, Mundorf und Aust führten dies in der so genannte "gender socialisation theory" fort und untersuchten in diesem Zusammenhang schon 1996 auch den Einfluss von Horrorfilmen. Dazu brachten sie jeweils einen männlichen und einen weiblichen Versuchsteilnehmer, in diesem Fall junge Studenten, zusammen und ließen die so entstandenen Paare Horrorfilme schauen. Ziel des Versuchs war es herauszufinden, wann Horrorfilme am meisten Spaß machen. Und zur Überraschung von vermutlich niemandem hatten die Männer am meisten Spaß am Horrorfilm, wenn ihre Partnerin sich angstvoll an sie kuschelte. Die Theorie wird deswegen auch gerne Kuscheltheorie genannt. Im Gegenzug dazu hatten die Frauen am wenigsten Spaß an der ganzen Sache, wenn die Männer deutlich zeigten, dass ihnen das Gesehene Angst bereitet. Ebenfalls hatten die Männer weniger Freude am Film wenn die Frau sich entspannt, nicht verängstigt und überhaupt der Situation gewachsen zeigte. Daraus könnte man nun schließen dass auch Horrorfilme gerne als eine Art Übergangsritus gelten, zumindest wenn man noch etwas jünger ist und sich und einer potentiellen Partnerin etwas beweisen will. 
Szene aus "Die Nacht der Lebenden Toten", 1968 © Cinema Service

Horrorfilme als Spiegel der Geschichte?

Einen weiteren Grund für das Konsumieren von Horrorfilmen könnte das soziale Umfeld bieten. Hierzu ist ein kleiner Geschichtsexkurs notwendig, aber ich verspreche, ich halte mich kurz. Schauen wir uns die 50er Jahre an. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sorgten weltweit für Angst und Misstrauen. Im Horrorgenre häuften sich in dieser Zeit Filme mit Mutanten und anderen deformierten Monstern. Sie spiegelten die Angst der Bevölkerung vor dem, was nach den Bomben folgen könnte. Die 60er waren dominiert vom traumatischen Vietnamkrieg und im Horrorfilm tauchten die ersten Zombies auf. Der unter US-Präsident Nixon gelaufene Watergate-Skandal der 70er brachte ein tiefes Misstrauen gegenüber Autoritätspersonen mit sich. Das reflektierte sich in Filmen wie "Nightmare on Elm Street". Und in den frühen 2000ern griff die Angst vor globalen Pandemien und biologischer Kriegsführung um sich, und die Zombies wurden wieder populär. Die Welt nach 9/11 muss mit mehr Filmen aus dem Torture Porn Genre zurechtkommen, denn scheinbar interessieren sich seitdem vermehr Menschen für die Grenzen des menschlichen Körpers und deren systematische Überschreitung. 

Nun muss man anmerken dass es gefühlt hunderte Horror-Richtungen gibt die nicht in dieses Muster passen, aber der Gedanke lässt sich durchaus auch gut an den genannten Beispielen nachvollziehen. Besonders Filmemacher wie Wes Craven verstanden es meisterhaft, in ihren Horrorfilmen auch politische Kommentare unterzubringen. All diese Richtungen verbindet eine Art archetypischer Angst, der sich mittels Horrorfilmen gestellt werden kann. All die oben genannten Monster entziehen sich größtenteils unserem alltäglichen Verständnis und bedrohen uns auf eine Weise, mit der wir nur schlecht umgehen können. Mittels der Filme können wir uns also auch unserer eigenen, oft nicht näher definierbaren Angst stellen. Wir können "was wäre, wenn" Szenarien durchspielen, das Handeln der Protagonisten bewerten und mit unserem eigenen, hypothetischen Verhalten im Ernstfall abgleichen. Wir können in einem sicheren Umfeld eine Gefahrensituation in Ruhe wieder und wieder durchspielen.
Szene aus "Hügel der Blutigen Augen", 1977© United Artists



Kommentare:

  1. Ich selbst schaue eigentlich eher selten Horrorfilme, da ich ein kleiner Angsthase bin. Aber mein Papa liebt sie und würde sich über diesen tollen Film in seiner Sammlung sicherlich freuen!

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  2. Ich schaue Horrorfilme am liebsten im Dunkeln mit meinen Freunden. Nicht das ich alleine Angst hätte, ich mag es nur wenn man mit mehreren Personen mitfiebert und sich zusammen gruselt und sobald einer erschreckt einfach alle einstimmen. :D
    Wenn ich alleine schaue muss Wie bei allen anderem auch alles stimmen: trinken, kuscheldecke, evtl. Paar snacks. :)
    Danke für die Möglichkeit am gewinnspiel teilzunehmen. Mach weiter mit deinem grandiosen blog!

    Lg WhiteTulip (von Moviepilot ;) )

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  3. Hallo Sandra,

    ich schaue Horrorfilme lieber alleine, wenn ich sie mit Freunden schaue, driftet das schnell ins Lächerliche ab. Das ist zwar auch gut, aber nicht der wirkliche Sinn eines Horrorfilms... irgendwie...
    Deine schöne Verlosung habe ich auf meiner Gewinnspielseite eingetragen.

    Liebe Grüße
    Samuel

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  4. Ein schöner Artikel, der eine wichtige Frage behandelt. Vor allem Menschen, die mit Horror gar nicht klar kommen haben ja oft null Verständnis für die Beweggründe der Genre-Liebhaber. Ich denke deine Ansätze gehen allesamt in die richtige Richtung. Spannend ist auch, dass der soziopolitische Ansatz sich generell auf Genrefilme übertragen lässt - da ist ganz sicher was dran. In der Sci-Fi z.B. kann man auch wunderbar verschiedene Wellen klassifizieren, die mit den Ängsten vor (in der jeweiligen Zeit) neu aufkommender Technologie resonieren, etc.

    Nun zum Gewinnspiel:
    Ich gucke Horror aus verschiedenen Gründen gerne und würde da in drei Kategorien einteilen:
    1. Suspense/Atmosphärischer/Psychologischer Horror, oft an der Grenze zum Psychothriller. Ich will ein beklemmendes, ungutes Gefühl der Spannung und "Angst" erfahren, demnach gucke ich diese Filme am liebsten in vollkommener Stille und Dunkelheit, also nachts und allein. Gruppendynamik stört mich eher und wirft mich raus (deswegen schaue ich solche Filme auch selten im Kino)
    2. Groteske/Effekthorror/Fun-Splatter. Blut spritzt, Gedärme purzeln, alles ist over-the-top, oder einfach sehr auf Effekte, Masken, etc. ausgelegt. Diese Filme machen in Gesellschaft eine Menge Spaß, gern auch im Kino, weil man sie in lockerer Stimmung guckt.
    3. Torture/harter Horror. Gucke ich tatsächlich um mich selbst einer gewissen Form der emotionalen Folter auszusetzen. Menschen dabei zu zu sehen, wie sie Dinge tun, die so grausam sind, dass einem schlecht wird, justiert immer wieder die eigene Weltsicht und die Grenzen der Wahrnehmung nach. Im Optimalfall schwingen ja sogar moralische Fragen mit, die dabei helfen sich zu gewissen Dingen zu positionieren. Wenn letzteres eintrifft empfinde ich diese Sparte des Genres übrigens als genial, wenn nicht als schlecht und abartig.

    So viel von mir, danke für das Gewinnspiel :)

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  5. Als Kind war es klar der Reiz des Verbotenen. Nun, im reiferen Alter, ist es vor allem die Atmosphäre die für mich einen guten Horrorfilm ausmacht. Spaß machen darf er natürlich auch.

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