Horrorctober Special #3: Menschen, Monster, Misanthropen

Zungenbrecher direkt in der Überschrift, fängt ja schonmal gut an, oder? Willkommen zur dritten Runde der Horrorctober-Wochenend-Specials. Diese Woche feiern wir Bergfest, denn bei ganzen fünf Samstagen in diesem Monat tun wir jetzt mal so als handle es sich um fünf vollwertige Wochenenden. Und am 1.10. ist ja eh für die meisten von uns frei, also: Willkommen zur Halbzeit. 

In dieser Woche richte ich meinen Blick auf ein ganz besonderes Monster. Eines das so grausam und schrecklich ist, dass einem fast die Worte dafür fehlen. Eins das auch aus reinem Spaß an der Freude quält und mordet, das undurchsichtiger sein kann als feinste Kürbissuppe im Herbst. Die Rede ist natürlich vom Menschen. Sicher, oft haben wir es im Horrorfilm mit Geistern, Dämonen, überaus großen Tieren, Mutanten oder sonstigen Figuren zu tun. Und das macht ja auch irgendwo Spaß, da muss man sich nicht groß mit auseinandersetzen. Aber sobald der Killer ein normaler Mensch ist sind wir Zuschauer gezwungen, uns damit zu befassen. Wir überlegen: wie konnte es dazu kommen? Was treibt einen Menschen an? Ein John Doe, wie er in David Finchers "Sieben" vorkommt könnte theoretisch unser Nachbar sein, wir würden über sein Doppelleben vermutlich nichts wissen. Deswegen werfen wir nun gemeinsam einen Blick auf ein paar ikonische Monster, die durch ihr Dasein als Mensch faszinieren. Danach werden wir uns Filme anschauen, in denen die Gesellschaft das wahre Monster darstellt. 

Menschen als Monster

Für diesen Artikel habe ich euch nur wirklich menschliche Monster und Mörder herausgesucht. So gerne also sicher Damien, Regan oder Dracula einen Platz hier ergattert hätten, ihre Nicht-Menschlichkeit oder ihre zeitweise Besessenheit macht ihnen da einen Strich durch die Rechnung. Schauen wir uns also ein paar der ikonischsten und gefährlichsten handelsüblichen Menschen im Horrorfilm an. Ich könnte sie unmöglich alle in eine Art Reihenfolge bringen, deswegen stellt die nachfolgende Liste keine Top 10 oder so dar. Stattdessen machen wir es uns einfach und gehen chronologisch vor.

Norman Bates - Psycho (Alfred Hitchcock, 1960)

Kein anderer hat den Eröffnungsplatz auf dieser Liste mehr verdient. Bevor "Psycho" 1960 erschien gab es im Horrorfilm größtenteils einfach nur Monster in Form von Vampiren oder riesigen Tieren, äußerlich hässlich, abstoßend und generell einfach unwirklich. Hitchcock drehte dieses etablierte Spiel um und verbannte das Monster des Films in den Kopf eines unscheinbaren Mannes. Wenn Norman seine Mutter durchs Haus trägt ist er die Versinnbildlichung der "wir tragen unsere Probleme mit uns herum" Redensart. Alles in seinem Haus erweckt den Anschein der Anwesenheit einer weiteren Person, und die Elemente des klassischen, terrorhaften Gothic Horror sind überaus dominant vorhanden und ziehen sich bis in die Erzählweise des Films. 
© Paramount
Hitchcock besaß nicht nur die für damalige Zeit beinahe undenkbare Dreistigkeit, die vermeintliche Heldin zu ermorden, er ging einen Schritt weiter. In einer Welt die von zwei großen Kriegen gebeutelt war, die den Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und den Holocaust erlebt hatte sah er keinen Bedarf mehr für fiktive Monster. Wieder und wieder hatten Menschen unter Beweis gestellt dass sie grausamer waren als jedes Monster, welches man darstellen könnte. Jeder Horrorfilm der danach entstand, jeder Horrorfilm der einen Killer wie Michael Myers oder Jason Vorhees zeigt, zieht seine Kraft aus dieser Quelle. "Freitag der 13." dreht die Mutter-Sohn Beziehung ins absolute Gegenteil. Jamie Lee Curtis, welche die Hauptrolle in "Halloween" trägt, ist die Tochter von Janet Leigh. Ob in ihrer Effizienz auch nur einer dieser Filme, die durchaus ebenfalls als Meisterwerke auf ihrem Gebiet durchgehen, an "Psycho" herankommt ist fraglich. 1960 markierte die Geburtsstunde des Menschenterrors, oder vielmehr des Terrors, der Angst vor dem Menschen im Kino. Und auch wenn wir uns alle sicher sind, dass es nur Schokoladensirup ist, der am Ende in der Dusche verschwindet: die Angst vor dem alltäglichen ist danach beim Zuschauer fest verankert.

Leatherface - The Texas Chainsaw Massacre (Tobe Hooper, 1974)

Vor wenigen Tagen lief "Blutgericht in Texas" zum ersten Mal ungeschnitten im Deutschen Fernsehen. Tobe Hoopers Film von 1974 brachte uns einen der ersten Slasher und einen wirklich abgefahrenen Killer. "Texas Chainsaw Massacre" basiert auf der schauerlichen Mordserie des Ed Gein, der nicht nur mindestens zwei Frauen entführte und ermordete, sondern auch Leichen auf Friedhöfen ausgrub und in seinem Haus verstümmelte. Leatherface trägt Masken aus Menschenhaut und wie der Titel schon nahelegt ist seine Lieblingswaffe eine Kettensäge. In den zahlreichen Filmen, die Prequels, Sequels und Remakes enthalten, geht er hauptsächlich auf Teenager und Polizisten los, die seinem abstoßenden Haus zu nahe kommen. Dieses Haus ist mit der Figur fest verbunden. Denn egal wie krass ein Maske tragender Typ mit Kettensäge auch sein mag, in seinem Haus lauert der Schrecken hinter buchstäblich jeder Tür, und vermutlich würde niemand von uns dort je einen Fuß reinsetzen wollen.
© Drop-out Cinema eG

Michael Myers - Halloween (John Carpenter, 1978)

Michael Myers beweist eine enorme Standfestigkeit. Seit 1978 treibt er sein Unwesen, und er unterscheidet sich gravierend von fast allen anderen Killern. Denn er zeigt keinerlei Emotionen. Er ist einfach da, und er mordet. Über seine Persönlichkeit erfahren wir so gut wie nichts. In zahlreichen Filmen wurde auch er mit einer Hintergrundgeschichte versehen, und so wissen wir dass er seine Kindheit in der geschlossenen Anstalt verbrachte nachdem er seine Schwester ermordete. So drehen sich dann auch viele Filme um seine diversen Ausbrüche aus verschiedenen Institutionen. Am liebsten verfolgt er Laurie Strode, in den alten Filmen gespielt von Jamie Curtis. Ihre Rolle legte den Grundstein für den Stereotyp des Final Girl, der ja vor zwei Wochen schon hier besprochen wurde. Rob Zombie fügte seine eigene Version der Geschichte hinzu, in dieser ist Laurie die Schwester von Myers. Der erste der beiden Filme von ihm wird generell noch als holprig angesehen, doch Zombies "Halloween II" ist durchaus sehenswert und bietet zahlreiche interessante Aspekte. 
© Warner-Columbia

Jason Vorhees - Freitag der 13. (Sean S. Cunningham, 1980)

Jason ist eine Art Sonderfall, denn in seinem ersten eigenen Film taucht er nicht mal auf. Der überaus große Mann mit Hockeymaske und Machete treibt sein Unwesen am Crystal Lake. Oder so ähnlich, denn eigentlich ist Jason von Anfang an tot und kehrt erst aus dem Grab zurück als seine geliebte Mutter stirbt. Jasons einzige Aufgabe im Leben ist es, dämliche und möglichst leicht bekleidete Teenager zu meucheln, und darin ist er ziemlich gut und auch kreativ. Ganz ähnlich wie Michael Myers scheint er nicht tot zu kriegen zu sein, und so haben ihn seine zahlreichen Abenteuer unter anderem in "Jason X" schon in den Weltraum geführt. Nach ganzen 12 Filmen innerhalb der Serie plant der Sender The CW momentan eine Serie, die eher in der Realität verankert sein soll.
© Paramount

Hannibal Lecter - Das Schweigen der Lämmer (Jonathan Demme, 1991)

Keine solche Liste wäre vollständig wenn unser aller Liebster Kannibale fehlen würde. Nachdem Michael Mann 1986 Brian Cox in der Rolle des Hannibal in "Manhunter" auftreten ließ war es Anthony Hopkins in "Das Schweigen der Lämmer", der den Zuschauer gleichermaßen faszinierte und ihn das Fürchten lehrte. Charismatisch bis zum Anschlag und überaus intelligent ist sein Hannibal Lecter ohne jeden Zweifel der Böse in allen Filmen, in denen er mitspielt. Und doch ist er bei den Zuschauern beliebt, und immerhin tötet er ja für gewöhnlich nur diejenigen, die es auch verdient haben. Irgendwie. Dazu kommt seine wahrlich Gentleman-ähnliche Art im Umgang mit Clarice Starling. Wir alle wissen um die Gefahr, die von Serienmördern ausgeht, und normalerweise halten wir Abstand, weil wir vernünftig sind. Die Figur des Hannibal verringert diesen Abstand, denn ob man will oder nicht: seine Cleverness, seine ganze Art ist faszinierend. In der kürzlich abgesetzten Serie "Hannibal", die in immerhin drei Staffeln die Vorgeschichte von Hannibal Lecter ausbaute zieht der dänische Darsteller Mads Mikkelsen das Publikum ebenso in seinen Bann. Es scheint fast, als ob manche Dinge uns immer wieder ergreifen können. Dieser Kannibale gehört definitiv dazu.
© Columbia

Die Gesellschaft als Monster

Nun vergrößern wir das Feld ein wenig. Statt uns auf individuelle Mörder zu konzentrieren schauen wir uns ein paar Filme an, in denen man am Ende gerne alles auf die verkommene Gesellschaft schieben kann. Wie auch schon oben handelt es sich hier nur um eine kleine Auswahl, ihr seid wie immer herzlich eingeladen weitere Filme in den Kommentaren zu hinterlassen.

 
So Finster die Nacht - Tomas Alfredson, 2008

Zu dem Film hab ich sogar eine lustige Geschichte parat, denn als ich schwedisch in der Uni gelernt habe sollten wir als Hausaufgabe einen Film aussuchen, auf Schwedisch anschauen und ein Referat darüber halten. Zwischen zahlreichen Kinderfilmen starrte mich das Cover von "So finster die Nacht" an. Ich nahm ihn mit, erwartete einen Vampirfilm und wurde so richtig überrascht. Statt eines banalen Films mit einem Vampirkind bekam ich eine wundervolle Geschichte über Freundschaft präsentiert. Oscar, der Menschenjunge, wird in der Schule ziemlich hart gemobbt, und Eli, das Vampirmädchen, freundet sich mit ihm an. Als sie mitbekommt wie es ihm in der Schule ergeht greift sie ein. Doch an sich lebt die Geschichte von der Freundschaft der beiden, die auch nicht aufhört als Oscar erfährt, was Eli wirklich ist. Oscars Umfeld ist ein einziger Alptraum. Mobbing in der Schule, die Erwachsenen ignorieren ihn oder sind sowieso den ganzen Tag entweder betrunken oder mit sich selbst beschäftigt.
© MFA+
Er ist völlig allein, bis er auf Eli trifft, der es ähnlich geht. Geschickt werden hier Coming of Age Elemente mit eingebunden und wir kriegen einen sehr intensiven Blick auf die Probleme, denen sich auch junge Schüler schon stellen müssen. Ob man sich als Erwachsener automatisch nicht mehr an das eigene Mobbing in der Schulzeit erinnert? Ob die ganze Sache zum Erwachsenwerden dazu gehört, denn "früher hat mir das ja auch nicht geschadet und deswegen ist es in Ordnung?". Hier werden viele Fragen gestellt, und sie alle treffen ins Schwarze, wenn man bereit ist zuzuhören und genau hinzuschauen. Wer will kann sich auch das amerikanische Remake anschauen, mit dem Titel "Let me In". Für ein Remake ist es erstaunlich gut gelungen, doch die dichte Atmosphäre des Originals trägt wesentlich zu dessen Genialität bei.


The Cabin in the Woods - Drew Goddard 2011

 "Cabin in the Woods" wird vorrangig wegen seiner ziemlich schicken Meta-Ebene gefeiert. Die gängigsten Konventionen des Horrorfilms werden hier auf den Kopf gestellt und der Film macht da auch kein Geheimnis draus. Um die Zuschauer draußen zu unterhalten wird eine Gruppe junger Leute den Film hindurch am erfolgreich sein gehindert. Denn im Gegensatz zu den meisten jungen Leuten in Horrorfilmen sind bei "Cabin in the Woods" die Kids ganz und gar nicht dämlich. Da braucht es dann schon besonders hinterhältige Tricks um die Teenager im Wald zum Vögeln zu bringen. Der Schrei nach immer mehr und immer härterer Unterhaltung seitens des Publikums, also uns, wird hier erfolgreich vorgeführt. Auch die Drahtzieher innerhalb des Films müssen, ganz wie auch Regisseure die sich im Horrorgenre versuchen, immer mehr und immer härteres Zeug bieten, damit wir noch zufrieden sind. "Cabin in the Woods" ist auf viele Arten Meta, aber diese ist durchaus die interessanteste, denn sie sagt eine Menge über uns, die wir zuschauen wollen, aus.
© Universum

28 Days Later - Danny Boyle 2002

Wer hier schon ein bisschen länger mitliest dürfte mitbekommen haben wie sehr ich Danny Boyle mag. Alle anderen finden hier ein kleines Special über ihn. Mit "28 Days Later" zeigt Boyle nicht nur effektiv den Horror der mit dem Ausbruch eines tödlichen und hochgradig ansteckenden Virus einhergeht. Wir sind auch in der ersten Reihe dabei wenn es darum geht dass die Menschen mal wieder ihre feinste Seite zeigen. Major Henry West hat sich seine eigene Militärblockade aufgebaut, und was zunächst Sicherheit verspricht offenbart sich rasend schnell als die wirklich hässlichste Seite des gesellschaftlichen Zerfalls. Männer werden ohne mit der Wimper zu zucken exekutiert. Frauen dienen als sexuelle Sklaven für die ausgehungerten Soldaten, denn irgendwie müssen die ja bei Laune gehalten werden.
© 20th Century Fox
Sicher, die Infizierten sind gruselig. Aber der Missbrauch einer Machtposition ist der wahre Schrecken innerhalb dieses Films. Dazu gesellt sich die im Film portraitierte Unterdrückung von Minderheiten. Der Film spielt in England, alle Hauptfiguren sind aber Außenseiter die außerhalb von London leben. Drei der vier Hauptfiguren sind leicht als Iren auszumachen, die vierte (Selena) ist farbig. Der Zombie, der zu Forschungszwecken auf der Terrasse angekettet ist (wobei vorher im Film schon deutlich wird dass er allein der Unterhaltung dient) ist ebenfalls farbig, und West redet ausführlich über seinen nicht mehr vorhandenen Wert, da er kein Teil der arbeitenden, wertvollen Gesellschaft mehr sein kann. "28 Days Later" lädt also zum Nachdenken ein und lässt sich auf viele verschiedene Arten "lesen", doch sie alle streifen irgendwann die Gesellschaft in ihrem Verhalten und ihren Auswirkungen.

Frankenstein - James Whale 1931

Die Kreatur, die Viktor Frankenstein erschafft ist in vielerlei Hinsicht ein Erzeugnis ihrer Umgebung. Da wäre zunächst die Erschaffung selbst durch den neugierigen Frankenstein. Dieser versteht dann seine Kreatur auch gleich völlig falsch, und dann wäre da noch Fritz. Der geht gerne mal mit Feuer auf das Wesen los und erschreckt es bei jeder Gelegenheit. In gewisser Hinsicht ist er wie ein Vater, der sein Kind sträflich vernachlässigt. Statt sich um das Wesen zu kümmern und ihm Dinge beizubringen verstößt er es. Dass die Leute im Dorf dann ebenfalls auf die Kreatur losgehen ist auch nicht hilfreich. Bereits in Mary Shelleys Roman werden diese Tendenzen aufgegriffen. Zuletzt hat sich vor allem die Serie "Penny Dreadful" eingehend mit der Frankenstein-Thematik beschäftigt. Auch hier vernachlässigt Viktor seine erste Kreatur sträflich, diese zieht hinaus in die Welt und muss sich selbt beibringen, wie man lebt und überlebt. Auch hier kommt der Wunsch nach Rache auf, und seine Unfähigkeit wird immer mehr zum Problem für Dr. Frankenstein. In allen Versionen der Geschichte verbirgt sich ähnliche Kritik. Frankenstein verstößt seine Kreatur, auch weil er ihren Anblick nicht ertragen kann. Diese Oberflächlichkeit begegnet uns auch heute noch viel zu oft. Auch das fehlende Mitgefühl für die Kreatur, die ihrerseits ja zunächst auch anderen hilft (und dafür nur Ablehnung erfährt) erweist sich als Problem. Frankenstein ist nicht in der Lage das Wesen zu lieben, welches er selbst erschaffen hat. Die Ablehnung und Demütigung durch andere erschafft ein Monster und sichert Frankenstein selbst den höchsten Fall: von einem der alles hatte zu einer Person, die alles verloren hat.
© Universal


Und jetzt seid ihr dran: welchen menschlichen Killer findet ihr besonders furchteinflößend? Welche Filme in diese Richtung könnt ihr empfehlen, was habt ihr hinzuzufügen? Was hat euch gefallen, was eher nicht? Die Kommentare sind in jedem Fall der richtige Ort für euch :)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bitte seid nett zueinander. Beleidigungen jeder Art, Spam und Kommentare die nichts zum Thema beitragen werden entfernt.