Horrorctober Special #2: Ist der Horrorfilm am Ende?

Ja ok, die Überschrift mag ein bisschen polemisch gewählt sein. Denn wenn man sich umguckt, dann erscheinen ja doch sehr viele Horrorfilme. Manche schaffen es ins Kino, viele landen direkt im Heimkino, aber für gewöhnlich hat man eine doch recht große Auswahl. Diese Woche möchte ich ihm Rahmen des Horrorctober einen Blick auf all die Dinge werfen, die im Horrorfilm meiner Meinung nach falsch laufen. Geht mal kurz in euch und überlegt: wann hat euch ein Film das letzte Mal so richtig schockiert? Wann habt ihr euch zum letzten Mal so richtig gegruselt und wolltet zum Schlafen das Licht anlassen? Wann habt ihr in einer Gruppe im Kino so eine richtig heftige Mini-Massenpanik erlebt? 

Bei mir ist das schon eine Weile her. Ich hab mich letztes Jahr im Kino beim "Babadook" mit der Gruppe gegruselt, und das letzte Mal so richtig erschreckt habe ich mich Anfang des Jahres bei John Carpenters "Das Ding aus einer anderen Welt". Klar, wie die meisten falle ich gern auf Jumpscares rein, aber sind wir mal ehrlich: Nur weil die Musik plötzlich bis zum Anschlag aufgedreht ist und irgendeine hässliche Geisterfratze in die Kamera springt bedeutet das noch lange nicht dass man es mit qualitativ hochwertigem Horror zu tun hat. In diesem Special schauen wir uns gemeinsam an, was im Genre momentan so alles schief läuft. Dazu gibt es dieses Mal jede Menge Videos zur Veranschaulichung, aber Vorsicht: sie sind alle gruselig.

Jumpscares

Und da wären wir auch schon bei meinem größten Kritikpunkt an den meisten modernen Horrorfilmen. Die verdammten Jumpscares. Ehrlich, nichts, nicht mal 50 Liter Kunstblut in einer durchtrennten Halsschlagader sind so dermaßen faul und überstrapaziert wie Jumpscares. Nichts daran ist gruselig, man erschreckt sich nur. Man erschreckt sich aber für gewöhnlich nicht weil etwas besonders schlimmes passiert, sondern weil das Schema immer gleich abläuft: Es wird still, der Protagonist begibt sich in eine vorhersehbare Situation, und während die Musik in Sekundenbruchteilen irre laut wird taucht irgendwo ein Geist auf und grinst in die Kamera. Ist der Filmemacher besonders faul gibt es nicht mal einen Geist zu sehen, sondern es war nur ein Kind/Hund/Katze/Vogel. Das Herz schlägt kurz schneller, aber man hat schneller vergessen was passiert ist als man "Candyman" sagen kann. 
Großartiger Film, aber vor Jumpscares nicht sicher: "Evil Dead" © Sony
Das soll natürlich nicht bedeuten dass Jumpscares immer schlecht sind, keinesfalls. Vielleicht habe ich im Absatz vorher ein bisschen übertrieben. Es gibt reihenweise gut ausgeführte Jumpscares, die nachhaltig Eindruck hinterlassen. Aber sie sind super selten. David Fincher zeigt in "Sieben", wie man es richtig macht: Die Szene baut sich langsam auf, man wird in falscher Sicherheit gewogen, so dass der Schock umso tiefer sitzt. Offensichtlich besteht Spoilergefahr, aber hier könnt ihr euch die Szene ansehen: 

Wer gerne nach einem neueren Beispiel suchen will wird im ersten Teil der "Insidious" Reihe fündig. Ein Klick auf den Link bringt euch jeweils zum Video bei Youtube. Die Szene am Esstisch funktioniert so enorm gut, weil die Unterhaltung so lange läuft dass man nicht mehr davon ausgeht, dass nun noch ein Schocker folgt. Außerdem sieht der Dämon einfach verdammt gruselig aus. Auch Martin Scorsese beweist in "Shutter Island" wie man es richtig macht. Als Zuschauer hat man genug Zeit die Spannung aufzubauen, und ein gut ausgeführter Jumpscare lässt diese Anspannung niemals komplett weichen, sondern hält den Adrenalinlevel des Zuschauers erhöht. Erst am Ende des Films kann man sich nach einem letzten, großen Schocker erholen. Zu viele Jumpscares sorgen dafür dass die Zuschauer nach einer Weile abstumpfen und sich irgendwann gar nicht mehr erschrecken. Im schlimmsten Fall verlieren sie das Interesse am Film. Mir ging es zuletzt bei "Die Frau in Schwarz 2" so. Der erste Teil gefiel mir außerordentlich gut, er war atmosphärisch und auch angemessen gruselig. Doch Teil 2 lebt das Motto "laut, lauter, am lautesten" und hält dem Zuschauer alle drei Minuten unter zu lauter Musik eine Geisterfratze ins Gesicht. Um Sherlock zu zitieren: Langweilig!

Mieses Marketing

Machen wir weiter mit Horrorfilmen die ich verdammt gut fand, die aber von vielen anderen Zuschauer mit Enttäuschung aufgenommen wurden. Schauen wir uns schnell den Trailer für "Der Babadook" von 2014 an. Eure Aufgabe: denkt beim Anschauen des Trailers darüber nach, was ihr von dem so beworbenen Film erwartet:


"Der Babadook" wurde, wenn man sich so auf einschlägigen Seiten umschaut, von vielen Zuschauern so nicht erwartet. Über verschenkte Lebenszeit wird gemeckert, der Film ist nicht brutal und blutig genug und sowieso kein Horrorfilm, und die Protagonisten sind unsympathisch. Außerdem gibt es ja gar kein richtiges Monster. Und da offenbart sich das Problem von miesem Marketing. Sei es "der Babadook", Shyamalans "The Village" oder "Oculus" von 2014, all diese Filme wurden in der Werbung als Horrorfilme beworben, in denen mindestens ein Monster vorkommt. Dass "The Village" eher eine Liebesgeschichte ist, dass "Oculus" ganz wunderbar zeigt wie Kinder damit umgehen dass die Eltern komplett durchdrehen (statt den Spiegel einfach munter morden zu lassen) und dass "Der Babadook" ebenso ein psychologisches Portrait einer alleinerziehenden Mutter ist: völlig egal, denn das Publikum kam, um Monstergemetzel zu sehen. 

Weitergeführt wird diese Unart eigentlich nur dann, wenn man im Trailer schon den ganzen Film zu sehen bekommt. Ich gehe mal davon aus dass die Regisseure keinen oder wenig Einfluss darauf haben, was im Trailer zu sehen sein wird. Aber wenn der Trailer mir schon die halbe Geschichte verrät, oder in anderen Fällen sogar schon den Twist eines Films in seinen 2 Minuten unterbringt, wieso sollte ich mir dann überhaupt noch einen Film ansehen? Hier handelt es sich nicht mal um ein Problem, welches exklusiv für Horrorfilme besteht. 

Alternativ kommt es immer wieder vor, dass sich im Trailer Szenen befinden, die absolut ikonisch sind. Im fertigen Film sucht man danach vergeblich. Schauen wir uns den RedBand Trailer, also das explizitere Material, zum Remake von "Evil Dead" an. 

Damit da ja kein Zweifel aufkommt: ich liebe das Remake, es liefert wunderbare neue Ansätze, transportiert das Thema gut in die Neuzeit und es ist verdammt brutal. Doch ein paar Szenen haben es nicht in den Film geschafft, den man sich heute ansehen kann. Mias gruseliges "We're gonna get you" Gesinge fehlt, die Szene in der ihr Bruder mit der Kettensäge losmetzelt ist ebenfalls nicht im Film. Aus ihrem "cut it, cut it!" wurde im Film "Don't cut it". Kleinigkeiten, die spätestens mit dem Extended Cut der aus Versehen im UK lief behoben wurden, doch kaufen kann man den bis heute nicht. Wer sich näher für die satten 4:50 Minuten mehr interessiert darf sich gerne bei Schnittberichte umschauen. 

Zu viel, zu schlechte CGI

© United International Pictures GmbH
Ich will keinesfalls gegen CGI generell wettern. Ich bin im Allgemeinen froh über die technischen Möglichkeiten die dafür sorgen dass ich Dinge wie "Pacific Rim" im Kino erleben darf. Doch CGI kann auch ganz furchtbar daneben gehen. Zuletzt durfte sich beispielsweise Peter Jackson massive Schelte für seine "Hobbit" Reihe anhören, in der zu viele Dinge einfach zu künstlich aussahen. Und auch im Horrorfilm ist das ein Problem. Solang du nicht mit dem durchschnittlichen Budget für einen Porno arbeitest und Filme wie "Piranha 3D" machst, an denen jeder Spaß hat weil sie so besonders trashig sind, lass die Finger von zu viel Computerkram. Niemand braucht das x-te farblich entsättigte, gruselige kleine Mädchen mit langen schwarzen Haaren. Niemand braucht deinen absolut unrealistisch aussehenden Geist, der so abstrus konstruiert ist dass er nur billig wirken kann. Fast niemand braucht deine abertausend Liter blödes Kunstblut. Natürlich muss man hier auch einen Blick auf die Entstehungszeit des Films werfen. Filmen wie "Anaconda" von 1997 eine schlecht aussehende Schlange vorzuwerfen klappt nur bedingt, denn in den letzten 20 Jahren hat die Technik sich einfach enorm weiterentwickelt. Aber schon für die extrem billig aussehenden Viecher in "I am Legend" gibt es keine Entschuldigung mehr. Und 2013 brachte uns "Mama" ein weiteres Filmmonster, das die meisten Zuschauer vermutlich lieber aus ihrem Gedächtnis löschen würden. In den letzten Jahren sind die Möglichkeiten schier unermesslich groß geworden, und scheinbar fühlt sich nun jeder dazu berufen seine eigenen Alpträume am Computer entstehen zu lassen um dann die Zuschauer mit einer grafisch unterwältigenden Vision zu terrorisieren. Bereits "Alien" zeigte 1979 wie gruselig ein Xenomorph sein kann wenn ein Mensch in einem Kostüm steckt, und gegen den Terror den dieses eine, wirkliche Alien inspiriert kommen auch hunderte Aliens aus dem PC in den "Alien VS. Predator" Filmchen nicht an.

Schlagen wir den Bogen zurück zum "Evil Dead" Remake. Groß war die Angst, dass man sich in einem Effektgewitter wiederfinden würde. Und ja, "Evil Dead" ist voller Special Effects. Doch Regisseur Fede Alvarez wurde nie müde zu betonen, dass es sich nicht um computergenerierte Effekte handelt. Stattdessen arbeitete man mit Masken, mit allen möglichen Tricks. Wer sich dafür interessiert darf gerne hier einen Blick riskieren. Nun gibt es keine Garantie dass nicht doch irgendwo CGI im Film vorhanden ist, doch das kurze Video zeigt eindrucksvoll, was man alles ohne Computereffekte auf die Leinwand zaubern kann. 

Und 1982 zeigte John Carpenter eindrucksvoll mit "Das Ding aus einer anderen Welt", wie man ganz ohne Computereinsatz Kreaturen erschafft, die auch heute noch dem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren lassen:
Lecker! Carpenters "Das Ding aus einer anderen Welt" © UIP
Kein Wunder dass Rob Bottin, damals erst 23 Jahre jung, nach über einem Jahr Arbeit an den Monstern im Film erstmal eine Pause machte. Vielleicht mögen die Effekte auf CGI-verwöhnte Zuschauer seltsam wirken, ein bisschen zu feucht und zu offensichtlich als cleveren kleine Maschinchen, die sie nun mal sind. Doch es sind handgemachte Effekte, und als solche sind sie eindrucksvoller als alles, was ein Computer erschaffen könnte. 

Auch sonst gibt es natürlich Horrorfilme, die heutzutage produziert wurden und nicht auf Effekte setzen. Zu Recht über alle Maßen gelobt wurde dieses Jahr "It Follows", der nicht nur im Horrorgewand eine ganz wunderbare, angsterfüllte Coming of Age Geschichte erzählt, sondern auch mit minimalem Einsatz einer konkret greifbaren Monstrosität arbeitet. Was uns zum Abschluss des Artikels bringt, denn: 

"Wir sind hier nicht in Vietnam. Es gibt Regeln."

Kann nicht machen was es will: Das Monster in: "It Follows"© Weltkino
Bleiben wir bei "It Follows". Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen, die ihr großes böses Monster bis zum Ende aufsparen kriegen wir hier schon sehr früh einen Einblick in die Art und Weise wie das Monster funktioniert. Wir lernen schnell wie es übertragen wird, wir wissen was es kann und was es nicht kann. Selbst wenn wir es nicht wollen würden, wir fiebern automatisch mit, überlegen ob die Protagonisten in einer Situation sicher sind und können das sofort abgleichen. Im Gegensatz dazu gibt es zu viele Filme die ihrem Antagonisten einfach keinerlei Regeln auflegen. Monster, die im wahrsten Sinne des Wortes Alles können sind langweilig. Man rechnet permanent mit ihnen, und zu oft resultiert die ganze Chose dann wieder in Jumpscares oder mutmaßlichen Last-Minute-Schockern. Gleichzeitig ist es enorm cool wenn man ein Monster den ganzen Film über beobachten kann, statt es bis zum Ende aufzusparen. Es bietet die Möglichkeit, kreativ zu werden und mit der Prämisse zu spielen, und wenn Horror als Genre eines vertragen kann, dann Kreativität. 

Und wie soll es weitergehen?

Tja, gute Frage. Wünschenswert wären natürlich mehr innovative Horrorfilme. Horrorfilme die nicht nur aus lauter Musik und Geisterfratzen bestehen, die in die Kamera springen. Horrorfilme die mit Sinn und Verstand die Aspekte des Lebens betrachten, die wirklich gruselig sind. Denn kaum ein Genre ist so vielseitig wie Horror, und doch werden gerade hier immer und immer wieder Chancen so richtig in den Sand gesetzt. Doch natürlich kann keine Rede davon sein, dass der Horrorfilm am Ende ist, denn hin und wieder erscheinen ja doch Filme, die innovativ sind, die uns das fürchten lehren und die das Genre mit neuen Impulsen versorgen.

Und jetzt seid ihr dran: Was nervt euch am meisten an Horrorfilmen? Welche Filme umschiffen die größten Fehler des Genres weitläufig und sind so richtig, richtig gruselig? Welchen Aspekt des Genres würdet ihr nächste Woche gerne lesen? Schreibt es in die Kommentare!

Kommentare:

  1. Der Gedanke nach richtig guten Horrorfilmen aus der jüngeren Vergangenheit ist mir bei der Auswahl für den #horrorctober auch gekommen. Und ich bin zu dem Schluss gelangt, dass ich dem Genre insgesamt entwachsen bin. Als Filmfan hat man mittlerweile zu viel gesehen, um sich leicht schocken zu lassen. Die alten Shantys wie Alien, The Fog etc., die funktionieren noch bei mir. Aber sonst...? The Babadook möchte ich noch sehen.

    Aber vielleicht kommt es drauf an, was man unter Horror konkret versteht. Du hast Dich jetzt im weitesten Sinne auf Geister- und Monsterfilme beschränkt. Ich kann übernatürlichen Phänomenen ganz klar was abgewinnen. Aber das Fürchten kommt mir eher, wenn ich in die menschlichen Abgründe blicke. True Detective oder der erst gestern gesehene Sicario (zumindest in der ersten Hälfte) sind Beispiele, bei denen es mich zuletzt arg fröstelte.


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    1. Ich denke man stumpft irgendwann auch einfach ab, besonders auch weil ja mittlerweile nichts mehr unmöglich und fast nichts mehr Tabu ist.

      Den Babadook kann ich wirklich empfehlen, aber eben vor allem wegen der psychologischen Komponente. Ich denke, der wird dir gefallen :)

      Dein letzter Absatz bietet dann schon Inspiration für das nächste Wochenende... Die menschliche Psychologie im Horrorfilm wär eine Komponente die man da näher betrachten könnte. Das lass ich mir mal durch den Kopf gehen, denn im Prinzip hast du vollkommen recht: die schlimmsten Dinge passieren im Alltag, überall um uns herum. Der Mensch ist in vielerlei Hinsicht das größte Monster.

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    2. Das wäre auf jeden Fall ein interessantes Thema. Mit der Sloth Scene aus Sieben hast Du ja bereits einen Anknüpfungspunkt. Klar ist John Doe völlig over the top. Aber es ist durchaus vorstellbar, dass da draußen ein fanatischer Irrer schlummert.

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