Filmkritik: Suspiria

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Manchmal geschehen ja noch Zeichen und Wunder. Nach mehr als drei Jahrzehnten (31 Jahre um genau zu sein) auf dem Index ist Dario Argentos "Suspiria" nun seit Anfang Oktober 2015 ungeschnitten im Handel erhältlich. Wenn auch an dieser Stelle vor der Einzel-Blu-ray gewarnt werden muss, denn dort ist der Film trotz "frisch vom Index" Aufkleber noch immer in seiner geschnittenen Version zu finden und kommt völlig ohne Extras daher. Also gilt: Finger weg und stattdessen entweder warten oder zum allerdings auch nicht ganz perfekten, limitierten Mediabook vom Label  '84 greifen. Vermutlich wird "Suspiria" auch als normale Blu-ray erhältlich sein, sobald dieses abverkauft ist. Doch warum so viel Wirbel um einen Film? "Suspiria" gilt als Klassiker im Horrorgenre, als einer der stärksten Vertreter des Giallo-Genres (auch wenn er dessen Grenzen gerne verlässt) und gemeinhin auch als einer der Höhepunkte des recht großen Werkes von Dario Argento, der sich in diesem Genre schon vor "Suspiria" austobte. Ich habe mir den Film anlässlich des Horrorctober 2015 zum ersten Mal angesehen, was zusammen mit der Index-Angelegenheit ein wirklich guter Zeitpunkt war. 


Story: Ein junges Mädchen kommt aus Amerika nach München, um sich in einer Ballettschule als Tänzerin ausbilden zu lassen. Doch vieles in dieser Internats-Schule ist mehr als merkwürdig: die beiden megärenhaften Leiterinnen, ein offenbar geistesgestörter Diener, der blinde Pianist – und immer wieder diese seltsamen Geräusche, Stöhnen und Ächzen, das aus den Wänden zu kommen scheint. Eines Morgens liegen zwei Mädchen ermordet in ihrem Blut...
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Kritik: "Suspiria" wie einen normalen Film zu behandeln würde der Sache keinen Gefallen tun. Denn dann müsste man sich damit befassen dass die Geschichte hier eigentlich nicht sonderlich gut erzählt ist. Sie ist nicht stringent, selten logisch. Auch sonst könnte man sicher einiges an Kritik üben, wenn man denn wollte. Das ist aber gänzlich egal, denn hier geht es weniger um die Geschichte. Dario Argento konzentriert sich hier auf die Atmosphäre, und die ist so dicht dass man nicht mal mit einer Kettensäge eine Chance hätte durchzukommen. So könnte man dann auch schnell auf die Idee kommen "Suspiria" weniger als Film und eher als ein Kunstwerk zu betrachten. Da erscheint es nur passend, dass der Film zwar in Freiburg spielt, aber in München gedreht wurde. Sogar das berühmte "Haus zum Walfisch" in Freiburg wurde detailgetreu nachgebaut. Hier ist eben nicht so, wie es zu Anfang scheint.

Wir begleiten Suzy Bannion, gespielt von Jessica Harper, auf ihrer Reise von Amerika nach Deutschland. Gut 30 Jahre vor "Black Swan" offenbart sich bereits hier der Terror in der Balletschule. Der Terror des Tanzes wird deutlich, fast wirkt es als müssten die Tänzer sich auf Biegen und Brechen den Konventionen der eigentümlichen Schule anpassen. Vom befreienden und lebensfrohen Konzept des Tanzes an sich ist hier nichts mehr übrig. Suzy, durch und durch unschuldig, jung und vielleicht ein wenig naiv, wird in diese Welt geworfen. Man könnte nun interpretieren dass es sich hier um den Übertritt von der Jugend ins Leben als Erwachsener handelt, aber will "Suspiria" überhaupt interpretiert werden? Jedenfalls schreitet Suzy immer tiefer voran in die unergründlichen Gänge der Schule, ähnlich wie Alice immer tiefer in den Kaninchenbau vordringt. 

Dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht wird schon in den ersten Minuten des Films klar. Sobald Suzy den sicheren Flughafen verlässt setzt die Musik der italienischen Band Goblin ein. Es ist ein schrecklicher Klangteppich, der sofort deutlich macht das uns hier kein angenehmer, entspannter Film erwartet. Eine an sich schöne Melodie wird komplett verzerrt, ähnlich eines schönen Gesichts das sich zu einer hässlichen Fratze verzieht. Die Musik geht durch Mark und Bein, die Haare im Nacken stellen sich auf, die Fingerspitzen kribbeln. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nichts passiert, die Protagonistin sitzt einfach nur in einem Taxi und wird durch die Nacht gefahren. Ergänzt, um nicht zu sagen komplettiert wird die Musik dann durch die visuelle Komponente. 

Wer sich an Gewalt ergötzen will dürfte hier nur bedingt auf seine Kosten kommen. Natürlich, sie ist vorhanden. Giallo-typisch sehen wir auch am Anfang noch einen unbekannten Killer, der mit großer Freude sein weibliches Opfer erlegt. Lange bevor "Saw" sich anschickte Menschen mit Stacheldraht zu ärgern gibt es auch hier eine ähnliche Szene zu finden. Hier werden Kehlen durchtrennt und Fleisch wird zerrissen, doch das ist niemals voyeuristisch, wird niemals zelebriert. Dafür dass es sich um einen Film über Hexen handelt ist all das enorm untypisch, doch es ist nur ein weitere Beweis dafür, wie sehr "Suspiria" das Genre geradezu transzendiert. Bereits 1977 wurde also das moderne Slasher- und Torture Porn Kino schon vorweggenommen. 
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Worüber man unweigerlich reden muss, wenn man über "Suspiria" spricht ist aber letzten Endes die visuelle Gewalt, die Argento auf den Zuschauer loslässt. Farbe wird hier mehr als alles andere zum Erzählmittel. Kräftige Rottöne dominieren das Geschehen während kühle Blautöne eine vermeintliche Sicherheit erzeugen, die sich dann doch als trügerisch herausstellt. In dieser Welt voller Kontraste ist niemand sicher, und dieses Gefühl überträgt sich auch auf den Zuschauer. Man weiß nicht wem man trauen kann, man weiß nicht was genau eigentlich los ist. Gemeinsam mit den anderen Farben, die sich ab und an ins Bild mischen entsteht so ein kaleidoskopisches, surrealistisch-expressionistisches Gemälde. Zeitweise wirken die Farben wie Zuckerwatte, dann wieder wie Blut, frisch von der Halsschlagader weg. Es ist ein ewiges hin und her, ein wiegen in allen falschen Sicherheiten, eine ganz und gar fremde Welt, die sich in der Balletschule eröffnet. Hier ist selbst die Nacht noch voller vibrierender Farben, jeder noch so versteckte Gang in den alten Gemäuern farbdurchflutet und furchteinflößend. Es ist eine Traumwelt, und dementsprechend können wir uns nie sicher sein dass das Gezeigte auch real ist. Doch wen stört das schon, wenn das was man sieht so eindrucksvoll ist?

Fazit: Wer gekommen ist um sich an spektakulären Morden zu erfreuen, der ist hier gänzlich falsch. "Suspiria" sprengt das Horrorgenre und bringt es auf eine andere Ebene. Ein Alptraum den man sonst nur mit lebensbedrohlich hohem Fieber erreichen könnte offenbart sich hier. Gleich in den ersten Minuten wird man in eine andere Welt transportiert aus der man nicht entkommen kann, bevor der Film endet. Musik und Bilder entwickeln sich zu einem Strudel, der einen unweigerlich nach unten reißt, man spürt förmlich wie sich die haarigen, eisernen Klauen mit festem Griff um die eigene Kehle legen und immer fester zupacken. Suspiria ist weniger ein stringent erzählter Film als ein grauenerregendes Erlebnis, von dem man sich nicht so schnell erholt. Völlig zu Recht gilt er als Meisterwerk und wer ihn uncut in die Finger bekommt sollte sich auf jeden Fall auf diesen Film einlassen. 

Infos zum Film

Originaltitel: Suspiria
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Horror
FSK: 18
Laufzeit: 92 Minuten in der geschnittenen Fassung, 99 Minuten in der uncut Version
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento, Daria Nicolodi
Darsteller: Jessica Harper, Alida Valli, Joan Bennett, Stefania Casini, Rudolf Schündler, Udo Kier
 
 
 

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