Filmkritik: Prinzessin Mononoke

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2,4 Milliarden Yen, soviel hat "Prinzessin Mononoke" damals gekostet. Rechnet man das in Dollar um sieht man sich einem Budget von knapp 23 Millionen gegenüber. Doch der Film, an dem 16 Jahre lang gearbeitet wurde hat sich gelohnt. 18,6 Milliarden Yen spielt er in Japan wieder ein (mehr als beispielsweise "Titanic"), man wird auch im Ausland auf die Filmperle aufmerksam. Auch in Deutschland erfolgte ein Kinostart im Jahr 2001, allerdings waren  landesweit nur knapp 35 Kopien im Umlauf. Nicht einmal 100.000 Zuschauer strömten ins Kino um den größtenteils handgemalten Film (Computereffekte wurden nur eingesetzt um Übergänge fließender zu gestalten) zu bewundern. Eine anständige Veröffentlichung für das Heimkino erfolgte 2006, und 2014 erschien der Film dann hierzulande erstmalig auf Blu-ray. Als einer der wenigen Filme des Studio Ghibli mit einer FSK 12 Freigabe zeigt "Prinzessin Mononoke" einen erstaunlich vorurteilsfreien Blick auf das Zusammenleben von Mensch und Natur. Dafür hagelte es sowohl positive Kritiken als auch haufenweise Auszeichnungen. Höchste Zeit also, den Film genauer unter die Lupe zu nehmen.


Story: Japan im frühen Mittelalter. Der junge Krieger Ashitaka tötet in Notwehr einen dämonischen Eber und wird darauf mit einem Fluch belegt. Auf der Suche nach Heilung durchstreift Ashitaka das Land und stößt schließlich auf die von Wölfen großgezogene Kriegerin San. Vor langer, langer Zeit, als Japan noch von Göttern regiert wurde, lebte in einem riesigen Wald die wilde Prinzessin Mononoke bei den Wölfen. Doch das friedliche Miteinander von Mensch und Tier ist bedroht: Immer weiter frisst sich die Zivilisation in die Natur hinein. Erstmals werden Waffen aus Eisen geschmiedet, Gewehre, deren Kugeln bereits den Panzer einer Samurai-Rüstung durchschlagen können. Nun wollen die Menschen die alte Ordnung endgültig umstürzen und machen Jagd auf den mächtigen Waldgott. Die Tiere aber wollen sich nicht kampflos ergeben und sammeln sich zu einer letzten großen Schlacht. Mitten hinein in diesen tödlichen Konflikt gerät der junge Krieger Ashitaka. Er und Mononoke finden sich zwischen den Fronten wieder - und nur in ihren Händen liegt die Macht, die drohende Katastrophe abzuwenden …
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Kritik: Zimperlich geht es hier nicht zu. Bereits in den ersten Minuten kämpft Ashitaka gegen einen monströsen Eber. Sein alles überwältigender Hass betäubt das Tier emotional, der Hass manifestiert sich im tropfenden Schleim und madenähnlichen Schlieren. Der Prinz gewinnt den Kampf, doch fortan lastet ein Fluch auf ihm. Sein Arm wird von einem seltsamen Muster verziert, immer wieder bricht er in unkontrollierbare Krämpfe aus. Helfen kann ihm nur der Waldgott, also bricht Ashitaka auf zu neuen Ufern. 

Der Konflikt, in den er folglich hineingezogen wird, ist universell. In einer Stadt mühen sich die Menschen ab. Unter der Leitung der eigenwilligen Lady Eboshi, die zahlreiche Frauen aufnimmt um sie vor dem Schicksal im Bordell zu bewahren und Leprakranken eine Chance gibt ihren Teil zur Gesellschaft beizutragen, wird hier am Rande der Zivilisation nach Erz gesucht. Der Kaiser ist weit entfernt, und der Umbruch zur Industrialisierung hin ist nicht aufzuhalten. So recht will sich das Dorf unter ihrer Leitung dann auch nicht einfügen. Das Matriarchat regiert hier, und zunächst scheint es als würde es mit eiserner Hand gegen die Natur vorgehen. Es sind elementare Themen, die an diesem kleinen Dorf vorgeführt werden. Die Entwicklung einer Gesellschaft in der alle einen Platz finden können, der Umgang mit Fortschritt: Themen, die niemals an Aktualität verlieren, die auch heute noch präsent sind.

Doch so einfach ist es natürlich nicht. Auf der Gegenseite stehen die tierischen Götter und ihr Gefolge, welches den Wald bevölkert. Sture Wildschweine, majestätische und weise Wölfe sind hier zu finden. Und bei den Wölfen lebt San, ein verwildertes Mädchen welches die Menschen zutiefst verabscheut. Ihre Welt gerät aus den Fugen als Ashitaka den Wald betritt und sich schnell als Vermittler zwischen den verhärteten Fronten findet. Die animalischen Götter wollen ihr Reich natürlich nicht aufgeben und bekämpfen die Menschen. Beide Seiten fahren unentwegt Verluste ein, Deeskalation wäre dringend notwendig. Man bedient sich alter Legenden um die verfeindete Stimmung anzuheizen. Und so werden zahlreiche Spannungsfelder erschaffen, in denen sich die weitere Handlung abspielt. Mensch gegen Natur, Tradition gegen Fortschritt, Frau gegen Mann, und sie alle greifen ineinander über.
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Was sich als langweilige Variante der immer gleichen Geschichte hätte entwickeln können wird in den fähigen Händen von Hayao Miyazaki zu einer mitreißenden und vielschichtigen Angelegenheit. Keine einzige Figur bleibt eindimensional, und nach der strikten Unterteilung in Gut und Böse kann man lange suchen. Sicher, die Situation eskaliert, doch einen Schuldigen ausmachen? Dürfte hier schwer werden. Die einen Menschen sind gierig, kommen aber auch nicht sonderlich sympathisch rüber. Die anderen wollen das Beste für ihre Gemeinschaft, wer will das nicht? Und auf der anderen Seite steht die wunderschöne und noch unberührte Natur, die von teilweise recht kriegerischen und auch extrem sturen und stolzen Tieren bevölkert wird. Kommt es zum Konflikt wird auch auf explizite Darstellung von Brutalitäten nicht verzichtet und diverse Körperteile gehen in hohem Bogen verloren. Und jedes einzelne Mal sitzt der Schreck darüber tief, tiefer als man zunächst annehmen würde. Als Zuschauer sind wir ganz andere Brutalitäten gewohnt, doch hier nimmt jeder Pfeil der sein Ziel trifft mit. Unweigerlich wird man in das Geschehen hineingezogen, fiebert mit obwohl man sich nur schwer für eine Seite entscheiden kann. Die Figuren tun Schlechtes, aber die Beweggründe sind nachvollziehbar und entziehen sich somit wenigstens anteilig einer Bewertung von außen. Das Bedürfnis nach einem Kompromiss wird unerträglich hoch, einfach weil man mit jeder Fraktion mitfiebern kann.

Erzählt wird all dies in Bildern, die als Standbild in jedem großen Kunstmuseum dieser Welt unterkommen könnten. Prächtige, intensive Farben untermalen den Konflikt, dessen Lösung im Zugehen aufeinander liegen würde. Die Welt innerhalb des Films ist unglaublich lebendig, bevölkert von faszinierenden Wesen. Doch der Fokus liegt nie auf ihnen, und man sieht sich dementsprechend an keinem Bild jemals satt. Hervorzuheben ist hier auch die Detailgenauigkeit in der Bewegung der Figuren. Dazu gesellen sich Landschaftsaufnahmen, die das Prädikat "episch" bei aller Überstrapazierung des Wortes wirklich verdient haben. Der verträumte, aber auch dramatische Soundtrack von Joe Hisaishi umspielt das Geschehen und lädt durchaus auch zum Träumen ein.
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Fazit: "Prinzessin Mononoke" lässt sich Zeit mit dem Aufbau und der Einführung der Figuren. Strikt darauf bedacht keine Partei zu ergreifen präsentiert Hayao Miyazaki ein Epos, welches seinesgleichen sucht. Visuell atemberaubend gestaltet wird der Zuschauer auf eine Reise mitgenommen, die er nicht ohne Veränderung durchmachen kann. Was am Ende bleibt und auch immer wieder vom Soundtrack unterstrichen wird ist die Hoffnung. Auf Linderung des Schmerzes, auf ein friedvolles Miteinander, eine Lösung für diesen ewig anhaltenden Konflikt. Auf wessen Seite man sich hier letztendlich schlagen will, oder ob man neutral bleibt? Das wird jedem selbst überlassen.

Infos zum Film

Originaltitel: Mononoke Hime
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Animation, Abenteuer, Fantasy
FSK: 12
Laufzeit: 134 Minuten
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Darsteller: Originale Stimmen: Yoji Matsuda, Yuriko Ishida, Yuko Tanaka u.a. Deutsche Stimmen: Alexander Brem, Stefanie von Lerchenfeld, Marietta Meade u.a.


Trailer: 


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