Filmkritik: Edward mit den Scherenhänden

© 20th Century Fox
1990 veröffentliche Tim Burton seinen vierten Spielfilm. Nach seiner Ausbildung in Kalifornien und vier unfruchtbaren Jahren bei Disney konnte er für "Beetlejuice" einen Oscar für das Beste Make-Up mit nach Hause nehmen. Danach wandte er sich mit "Batman" dem comichaften zu und erschuf mit Jack Nicholsons Joker und Michael Keatons Version des beliebten DC Helden wahre Leinwandikonen. Doch 1990 sollte es viel, viel persönlicher werden. Burton, der sich selbst schon früh als missverstandenen Außenseiter sah, lieferte mit "Edward mit den Scherenhänden" ein düsteres Märchen ab, das auch den Auftakt der Zusammenarbeit zwischen Tim Burton und Johnny Depp markierte. Werfen wir also einen Blick auf die frühe Arbeit eines Regisseurs, der für seine unendliche Fantasie bekannt wurde, den Blick auf die Andersartigen inner- und außerhalb der Gesellschaft aber niemals verloren hat.




Story: Peg kommt aus dem Staunen kaum heraus. Als Kosmetikberaterin hat sie sich zu dem geheimnisvollen Schloss aufgemacht, das über dem pastellfarbenen Kleinstädchen thront. Dort findet sie Edward, einsam und verlassen. Statt Händen besitzt er Scheren, und er war das letzte Experiment des ansässigen Forschers. Der verstarb, bevor er Edward fertigstellen konnte. Peg nimmt das Wesen mit in die Stadt und will ihn in die Gesellschaft integrieren, doch das ist leichter gesagt als getan. Als Edward sich dann in ihre Tochter Kim verliebt ist das Chaos perfekt.
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Kritik: "Edward mit den Scherenhänden" ist eines der frühesten Werke von Tim Burton, doch es destilliert die Essenz seines Schaffens nahezu kristallklar heraus. Edward wurde erschaffen und allein gelassen, es liegt an ihm selbst, seinen Platz in der Welt zu finden. Dass er keine Hände, sondern Scheren an deren Stelle besitzt, erschwert den ganzen Prozess natürlich. Dass sein Erschaffer schon längst das zeitliche gesegnet hat ist ein weiteres Problem. Und so scheitert Edward an den banalsten Dingen. Doch auch er besitzt einzigartige Talente, die Heckenskulpturen im Schlossgarten sind der eindeutigste Beweis dafür. Wenn man so will, dann hält er sich in einer sicheren Welt auf, gut geschützt vor den Menschen da draußen. 

Doch als Peg in diese Luftblase hereinbricht und Edward aus seinem gewohnten Leben herausreisst offenbaren sich menschliche Abgründe. In der pastellfarbenen Welt der geordneten Vorgärten, dem vorstädtischen Alptraum offenbart sich das Gesicht der Menschenherde. Edward gilt als Kuriosität, als etwas das zum bestaunen da ist. So richtig hinsehen will aber niemand, und das vernarbte Gesicht lädt ja auch kaum dazu ein. Aber Hecken schneiden, das darf er. Immerhin ist er dann auch abgelenkt, damit weiter über ihn gelästert werden darf. So offenbart sich nach dem märchenhaft-schaurigen Anfang des Films das wahre Drama um einen Außenseiter. Und auch um einen Jugendlichen, der sich in einer Welt voller Erwachsener zurecht finden muss, der seinen Platz finden will. 

Doch dies kann nicht gelingen. Edward, der Hybrid aus Mensch und Maschine ist ein herzensguter Kerl, der anderen hilft und keine schlechten Gedanken kennt. Doch das macht seine Umwelt mehr als nur wett. Das anfängliche Interesse legt sich, und die volle Gewalt der amerikanischen Vorstadt bricht auf ihn herein. Ablehnung, offener Hass dem andersartigen Gegenüber: es sind Themen, die niemals aus der Mode kommen werden. Das streben nach Anerkennung in einer Gesellschaft, die sich nur darin auskennt diese Anerkennung zu verweigern führt zum zerbrechen, rennt auf das unvermeidliche zu. Auch hier spiegelt sich das komplexe Thema des Erwachsenwerdens, das zurechtfinden in einer völlig fremden Welt. Diese Momente sind dann auch die stärksten des Films, der stellenweise dann doch ein klein wenig zu althergebracht wirkt mit seinem drohend erhobenen Zeigefinger in Richtung Gesellschaft. Doch die Nachricht an sich ist richtig und wichtig. 
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Johnny Depp brilliert in der Rolle des beinahe wortlosen Edward. All der Schmerz der Welt, das Leid des Erwachsenwerdens liegt in seinen Augen. Er haucht diesem nahezu leblosen Wesen eine Seele ein, drückt der Figur seinen eigenen Stempel auf. Es ist kein Wunder, dass Darsteller und Regisseur später noch oft zusammen arbeiteten, denn die beiden passen zusammen wie Topf und Deckel. Winona Ryder ist das nette Mädchen aus der Nachbarschaft, und die beiden harmonieren gut miteinander. In seinen wenigen Szenen ist Vincent Price natürlich beeindruckend. Auch der Soundtrack von Danny Elfman, der später ebenfalls zu einem regelmäßigen Gast in Burtons buntem Zirkuszelt der Skurrilitäten werden sollte weiß zu begeistern. Der musikalisch ausgedrückten Tragik stehen dabei stets aufmunternde, hoffnungsvolle Töne zur Seite, die einen dann doch irgendwie an das Gute im Menschen glauben lassen. Oder wenigstens an das Gute im Außenseiter, der so viel Ablehnung erfahren musste. 

Und auch visuell weiß der Film zu begeistern. Das düstere Schloss thront bedrohlich über der freundlichen, pastelligen Vorstadt, doch die Bedrohung kommt von der hellen Seite. Die Rückblenden auf den Erschaffer und seine Arbeiten sind herrlich skurril und der Stil, der später als "burtonesk" seinen Weg ins Allgemeinwissen fand, ist deutlich zu erkennen. Gebündelt wird all dies in einem stimmigen Gesamtpaket, dessen Magie man sich nur schwer entziehen kann.

Fazit: Man merkt sicher an der ein oder anderen Stelle, dass "Edward mit den Scherenhänden" eher ein Sammelsurium an Eigenheiten ist, und weniger eine wirklich zu 100% durchstrukturierte Geschichte. Doch das macht überhaupt nichts. Fantasy-Story im einen Moment, Drama im nächsten, und dann wieder Gesellschaftskritik: Durch alle Genres tanzt der Film nahezu unbeschwert, wie die Schneeflocken am Ende. Und so fühlt er sich auch an: fragil, sensibel, wunderschön schimmernd und doch so zerbrechlich. Es handelt sich um einen der persönlichsten Filme für Burton, der sich selbst mit den Außenseitern in seinen Werken am meisten identifizieren kann. Diese Liebe und Hingabe zu Edward ist in jeder Minute spürbar, atmet dem Film sein Leben ein und hebt ihn aus den starren Fesseln eines Märchens auf eine viel privatere und gleichzeitig doch größere Bühne. Abgerundet durch den herzerweichenden Soundtrack von Danny Elfman und überbordend mit der Kreativität seines Erschaffers durchzogen ist "Edward mit den Scherenhänden" ein Klassiker, der niemals wirklich altern wird. Ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastisches Drama, welches man immer wieder neu entdecken kann.


Infos zum Film


Originaltitel: Edward Scissorhands
Genre: Drama, Fantasy
FSK: 6
Laufzeit: 101 Minuten
Regie: Tim Burton
Darsteller: Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Vincent Price, Alan Arkin, Kathy Baker, Anthony Michael Hall
 
Trailer
 
 

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