Recap: Hannibal 3.5: Contorno

Momentan schaue ich Hannibal mit einem eher wehmütigen Gefühl, irgendwo so in der Magengegend. Es ist nie schön wenn man weiß, dass etwas Gutes bald zu Ende geht. Doch wenn die Serie so weitermacht, dann wird sie vermutlich (und hoffentlich nur vorerst) sicher mit einem Knall enden. "Contorno" selbst verhält sich bis kurz vor Schluss recht ruhig, doch die letzten Minuten wirken danach umso eindrucksvoller. Vor allem zeigen sie, dass unter der diabolischen Hülle des Kannibalen doch nur ein Mensch steckt. Sicher, ein Mensch der allen anderen stets voraus ist, und der nie wirklich ungewollt einstecken muss. Nur mit Jack Crawford hat Hannibal wohl nicht gerechnet. Doch was ist da genau los gewesen?

Will und Chiyo sind gemeinsam im Zug unterwegs nach Florenz. Doch beim anfänglichen Dream Team kriselt es ganz gewaltig. Nach einer guten Runde Selbstmitleid hält Chiyo dann fest "If you don't kill him, you are worried you are going to become him.". Doch wer nun gedacht hat, dass es das für diese Woche war, der hat sich geirrt. Die beiden gehen an das Ende des Zuges, Chiyo verpasst Will einen Kuss und schmeißt ihn dann vom Zug. Ich dachte zunächst, es handle sich hier wieder um ein Hirngespinst von Will (die Sache mit Chiyo und den Geweihen war ja ganz nett), aber der Gute ist nun tatsächlich ganz allein gestrandet. Also, nicht ganz allein, denn sein treuer Freund, der imaginäre Hirsch, ist natürlich bei ihm. Chiyo hat ihn außerdem falsch eingeschätzt. Wenn sie sagt dass Gewalt das einzige ist was er versteht, das einzige Bindeglied zwischen ihm und Hannibal, dann liegt sie falsch. Hannibal hat Will das Gefühl gegeben, vollständiger zu sein, und ich bin mir ziemlich sicher dass es vor allem der Verlust dieses Gefühls ist, der Will zu Hannibal zieht.
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In Florenz hat Hannibal allen Grund, sich geschmeichelt zu fühlen. Jack ist da, Will ist unterwegs, Mason und Alana jagen ihn aus den USA. Und dann ist da noch Pazzi. Der hat sich zwar mit Jack angefreundet, ist aber auch davon überzeugt dass die Polizei kein Interesse daran hat, Hannibal das Handwerk zu legen. Wie praktisch, dass Mason Verger ein sattes Kopfgeld verspricht. Pazzi wird gierig und versucht, Hannibal zu fangen. Doch Hannibal gefällt das gar nicht. Alle anderen haben anständige Motive: sie wollen Rache, wollen seine Freundschaft, eine Mischung aus beidem. Pazzi ist nur gierig, und diese Gier überdeckt seine Rachegelüste. 

Also macht Hannibal, was jeder anständige Kannibale tun würde: er spielt ein bisschen mit seinem Essen. Dass es nicht die beste aller Ideen war, ihn allein aufzusuchen, ist natürlich jedem außer Pazzi selbst sofort klar, doch der lässt sich nicht beirren. Er bringt Hannibal sogar eine schicke Maske als Geschenk mit. Der gute Doktor revanchiert sich mit einem Holzschnitt, welcher ein Familienmitglied der Pazzis zeigt, dass ohne Eingeweide unter einem Fenster hängt. Nachtigall, ick hör dir trapsen, aber sowas von. 

Wie zu erwarten war endet Pazzi genau so wie sein Vorfahre. Während der Vorbereitungen wird er von Alana angerufen, die ihn warnen will. Doch dafür ist es offensichtlich zu spät, und so kommt sie in den Genuss, kurz mit Hannibal reden zu können. Der freut sich offensichtlich über das kurze Gespräch, muss sich dann aber wichtigeren Dingen zuwenden: "bowels in, or bowels out?". Die Antwort ist natürlich "out". Und so dürfen wir uns von Rinaldo Pazzi verabschieden, der an einem Strick um den Hals aus dem Fenster befördert wird. Der plötzliche Ruck, als das Seil zu Ende geht, sorgt dafür dass all seine Eingeweide durch den von Hannibal gesetzten Schnitt in seinem Bauchraum ihren Weg auf den Asphalt unter ihm finden. Kein schönes Ende, aber sicherlich endgültig. 
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Doch Hannibal hat nicht mit Jack Crawford gerechnet. Seit Ewigkeiten terrorisiert er dessen Arbeitskollegen, mordet sich munter durch die Gegend und schickt dann auch noch Beileidsbekundungen an Bellas Sarg? Irgendwo muss eine Grenze gezogen werden, und Jack entscheidet sich für die geradlinigste aller Möglichkeiten: er poliert Hannibal so richtig schön, nach Strich und Faden das Fressbrett. Der versucht zwar am Anfang noch, Jack verbal zu provozieren, doch die Worte bleiben ihm recht fix im Hals stecken. Jack prügelt ihn durch diverse Glasvitrinen, schnappt sich einen rostigen Haken und verankert ihn solide in Hannibals Bein und bricht ihm mit einem alten Holzrad den Arm. Jack hat definitiv schlechte Laune. Dann schmeißt er ihn aus dem gleichen Fenster, aus dem auch schon Pazzi einen unfreiwilligen Abgang gemacht hat. Doch Hannibal kann sich kurz an dessen Leiche festhalten und seinen Fall so ein wenig abmildern. Jack muss am Ende zusehen, wie Hannibal schwer verwundet von dannen humpelt. Dass durch die ganze Szene hinweg Rossinis "La Gazza Iadra" läuft, welches auch schon bei "Clockwork Orange" eine anständige Schlägerei musikalisch untermalte, unterstreicht die Freude, die Jack offensichtlich spürt. Sieht so aus als wäre auch er absolut bereit für ein bisschen gute, alte Ultra Violence gewesen. 

Zuvor hat Jack buchstäblich Alles hinter sich gelassen. Bellas Asche hat er in Florenz, wo die beiden sich kennenlernten, verstreut. Seinen Ehering hat er in den Fluss geworfen. Übrig ist nur noch der Mann, der sich rächen will. Es ist eine kathartische Szene, als Zuschauer spürt man förmlich wie befreiend das alles auf Jack wirkt. Und sind wir mal ehrlich, Hannibal hat sich eine ordentliche Tracht Prügel durchaus auch verdient. Dass Jack dies auch für Pazzis Witwe erledigt ist ein netter kleiner Wink, denn das Gefühl verwitwet zu sein, das kenn Jack. Vor der Szene ist es noch Hannibal, der auf Jack herunterblick, am Ende sind die Verhältnisse umgekehrt. Es ist auch das erste Mal dass wir erleben dass Hannibal jemandem unterliegt. Dass er entkommt ist reine Glückssache, aber die Kontrolle über seine Lage, die hat er verloren. Unwissentlich zieht er seine Feinde zu sich: durch sein Verhalten, durch seinen erlesenen Geschmack. 

Dieser ermöglicht es Alana, ihn zu finden noch bevor Pazzi sich meldet. Mason gibt sich alle erdenkliche Mühe, Alana verbal aus dem Konzept zu bringen, doch sie ignoriert ihn und sein loses Mundwerk weiterhin. Doch dann ruft sie Pazzi an, um ihn zu warnen, und zum ersten Mal schimmert die alte Alana, die sich um andere Menschen sorgt, unter der Fassade hervor. Was die berechtigte Frage aufwirft, ob sie sich mit Mason zusammengetan hat weil sie wirklich Rache will, oder weil sie nur das Gefühl braucht, eine Aufgabe zu haben.

Nach vier Episoden voller Exposition konzentriert sich "Contorno" nun vollends darauf, die Geschichte in Gang zu bringen. Ich finde die Szenen mit Chiyo ein bisschen holprig, bisher scheint ihr einziger Sinn und Zweck darin zu liegen, Will Graham noch ein bisschen länger von Florenz fern zu halten. Ihre Motive sind unklar, und bisher interessieren sie mich auch herzlich wenig. Hier hoffe ich auf eine Überraschung im weiteren Verlauf der Staffel. 
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Problematisch erschien mir in dieser Episode vor allem das von Mason Verger ausgesetzte Kopfgeld auf Hannibal. Die Serie fordert uns Zuschauer immer wieder heraus, unsere Ungläubigkeit willentlich auszusetzen (der englische Begriff "suspension (oder suspense) of disbelief klingt irgendwie weniger holprig, deswegen werde ich darauf umsteigen). Hannibal ist ein mehrfacher Mörder, und zuletzt hat er mehrere FBI-Agenten schwer verletzt. Dass er nun einfach nach Europa gehen kann und dort unerkannt eine öffentliche Position bekleiden kann wäre ja noch irgendwie denkbar, wenn innerhalb der Serie das Internet keine wirkliche Rolle spielen würde. Doch genau das ist in dieser Folge passiert, als Pazzi online auf Masons Anzeige trifft. Es ist beinahe unmöglich dass er der einzige ist, der nachforscht. Da stellt sich unweigerlich die Frage, wieso die Behörden aus den USA nicht eingreifen? Interessieren sie sich nicht für Hannibal? 

So oder so, die Geschichte ist nun in vollem Gang und wir dürfen gespannt sein, wie es nun weitergeht. Das ein oder andere Ass haben Bryan Fuller und sein Team sicher noch im Ärmel.

Menü des Tages:
  • Das Familienerbstück, welches Pazzi mitbringt erinnert doch sehr stark an eine gewisse, sehr ikonische Maske aus einem gewissen Film über einen Kannibalen.
  • Rezept der Woche: Contorno bedeutet "Beilage", wir kochen diese Woche also Carciofi al forno - Überbackene Artischocken. War Pazzi als Beilage gedacht?
  • Aaron Abrams (wie ich ihn vermisse!) hat sich diebisch darüber gefreut, dass eine gewisse Zeile es in die Serie geschafft hat. Zu bewundern bei Twitter. Auch Bryan Fuller hatte seine Freude dran. 
  • Hannibal spielt "Mozart, Sonata No. 13 in B-flat major - III. Allegretto grazioso".
  • Bryan Fuller schon wieder: SEXY TIME POST COITAL MUNCHIES.  
  • Chiyo kennt sich aus mit Schnecken, und die Tierchen sind krass überlebensfähig: Beweis dass Schnecken ultrakrass sind
  • So langsam wird es Zeit dass Richard Armitage auftaucht und uns seine Version von Francis Dolarhyde zeigt, oder?
  • "It would be convenient for me to leave without my dinner."

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