Filmkritik: Ant-Man

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Marvel baut sein Cinematic Universe stetig aus, und nachdem zunächst natürlich die ganzen "Großen" wie Iron Man und Captain America ihre Auftritte hatten, kommen nun auch die Helden zum Zug, die bisher nicht so im Rampenlicht standen. Letztes Jahr hat uns das mit "Guardians of the Galaxy" einen der charmantesten Einträge des MCU überhaupt gebracht. Und dieses Jahr ist nach dem großen Spektakel "Avengers: Age of Ultron" nun erneut ein kleinerer Held an der Reihe. Und das gleich im doppelten Wortsinn, denn Ant-Man kann sich schrumpfen. Außerdem kommuniziert er telepathisch mit Ameisen. Viel Aufheben wurde im Vorfeld um den Film gemacht, denn Edgar Wright, der Regie hätte führen soll und nun wenigstens noch für das Drehbuch mitverantwortlich war, verließ das Projekt mitten in den Vorbereitungen. Oder anders gesagt: man warf ihn nach den berühmten kreativen Differenzen raus. Nachdem sich schon Joss Whedon mit den Vorgängen rund um "Age of Ultron" nicht erfreut zeigte und auch Alan Taylor mitteilte, dass die Arbeit an "Thor 2" nicht sehr erfreulich war, galt es also das Schlimmste zu befürchten. Doch die Credits am Ende, und vor allem der Film an sich beweisen: seine eigenwillige Handschrift verteilt sich über den ganzen Film. Lest also nun die Kritik zu Marvels neuester Charme-Offensive, diesmal mit Ameisen statt Waschbären.
                                                                                                                                                                 

Story: Scott Lang (Paul Rudd) hat es nicht einfach. Wegen Einbruch saß er im Gefängnis, doch bei seiner Entlassung steht fest: die kriminellen Tage liegen hinter ihm. Denn seine Exfrau Maggie (Judy Greer) verweigert ihm den Kontakt zu seiner kleinen Tochter Cassie (Abby Ryder Fortson). Und ihr neuer Freund Paxton (Bobby Cannavale) hat ein besonderes Auge auf Scott geworfen, denn er ist Polizist. Doch die guten Vorsätze halten nicht lang. Dadurch wird Doktor Hank Pym auf Scott aufmerksam. Um seine Firma vor dem durchgedrehten Darren Cross (Corey Stoll) zu retten sieht Pym nur eine Möglichkeit: er muss seine Vergangenheit wieder aufleben lassen. Und dann ist da noch Pyms Tochter, Hope (Evangeline Lilly), die ebenfalls ihre eigenen Pläne verfolgt...
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Kritik: Mit "Ant-Man" schickt Marvel sich an, den weirdness-Faktor um einiges nach oben zu schrauben. Immerhin handelt es sich um einen Helden, der auf Ameisengröße schrumpft, dabei seine Kraft behält und darüber hinaus telepathisch mit Ameisen kommuniziert, um ihnen Befehle zu erteilen. Doch scheinbar war man sich dessen vorher bewusst, und so wird sich überraschend viel Zeit genommen, um die Figuren einzuführen und die Geschichte vorzubereiten. Auch die obligatorische Einbettung in das MCU findet statt. Die üblichen Verdächtigen in Gestalt von Agent Carter, Howard Stark, Hydra und Shield tauchen kurz auf oder werden erwähnt, und einen witzigen Cameo gibt es ebenfalls (also, neben dem von Stan Lee natürlich). Nach wie vor bietet es sich also an, die anderen Filme ebenfalls zu kennen, um das Gesamtbild zu verstehen. Aber auch die Seitenhiebe auf den teilweise durchschimmernden Größenwahn der anderen Filme bleiben nicht aus, und sie fühlen sich durchaus berechtigt an. Neulinge im MCU sollten sich aber keinesfalls abschrecken lassen, denn die vielen Seitenhiebe sind zwar witzig für Kenner, aber elementar für diese Geschichte sind sie weniger bis gar nicht.

Nicht wenige dürften wohl auch bei der Besetzung von Paul Rudd ihre Zweifel gehabt haben. Zwar hat er schon rund 90 Filme und Serien in seinem Lebenslauf stehen, doch zur richtigen A-Liga gehörte er wohl bisher eher nicht. Dies ändert sich nun hoffentlich, denn er macht seinen Job hier wirklich fantastisch. Sympathisch bis zum Gehtnichtmehr, mit einem Humor der sich schwerlich beschreiben lässt, aber irgendwo zwischen todernst abgeliefert und albern hin und her pendelt. Auch den Konflikt mit seiner Exfrau und seine Motivation in Form seiner Tochter nimmt man ihm ab. Auch Michael Douglas überzeugt in der Rolle als Mentor und ehemaliger Ant-Man. Evangeline Lilly wirkt zu Beginn des Films arg distanziert, der Grund dafür klärt sich aber im Verlauf der Geschichte. Vor allem zwischen ihrer Figur Hope und Scott stimmt die Chemie. Corey Stoll ist mit der etwas undankbaren Rolle des typischen Marvel-Bösewichts betraut worden und meistert diese durchaus gut. Freundlicherweise wird auf sentimentale Flashbacks verzichtet, die uns erklären wollen wie aus einem anständigen Menschen ein Wahnsinniger wurde. Die notwendigen Infos finden in Gesprächen ihren Weg zum Zuschauer, passend eingebettet in den restlichen Film. Auch die obligatorische Trainingsszene ist überraschend unterhaltsam geworden, unter anderem beinhaltet sie Schlüssellöcher und Ameisen, die Zuckerwürfel transportieren.
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Spaß machen vor allem aber auch die Nebenrollen, besonders die Knast-Freunde von Scott haben die Lacher auf ihrer Seite, ohne sich dabei der Lächerlichkeit preiszugeben. Die übersichtliche Anzahl der Darsteller betont ebenfalls den persönlicheren Touch des Films. Statt die Welt zu retten geht es vor allem um die gestörten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Und spätestens hier triumphiert das Casting unter der fähigen Hand von Regisseur Peyton Reed, denn die inneren Sorgen, die intrinsische Motivation die Beziehung zum eigenen Kind zu verbessern, die nimmt man sowohl Rudd als auch Douglas ab ohne mit der Wimper zu zucken.

Auch die Effekte stimmen. Da es sich wohl um den persönlichsten Marvel-Film seit langem handelt und der Protagonist ziemlich klein werden kann, fallen auch die Actionszenen angepasst aus. Nach dem destruktiven Overkill des letzten Avengers-Ausflugs ist es geradezu erfrischend wenn Ant-Man beispielsweise durch eine Modellstadt läuft, in einem Serverraum Chaos stiftet oder ein Showdown in einem Kinderzimmer stattfindet. Die verschiedenen Perspektiven wissen ebenfalls zu gefallen und der stetige Wechsel zwischen lebensbedrohlicher Epik und banalen Dingen wie umfallenden Bauklötzchen sorgt wieder und wieder für herzliches Lachen. Dem passt sich der Soundtrack an, und auch hier sind einige Lacher zu finden, man achte beispielsweise auf Songs wie "Disintegration" von The Cure, wenn der Antagonist androht, jemanden im wahrsten Sinne des Wortes zu disintegrieren. Überhaupt, der Humor! Schwer zu beschreiben ist er, aber es gibt einige Szenen im Film die auf herrlich verrückte Weise so übertrieben sind, dass man nicht anders kann als zu lachen. Bevor es im kommenden Jahr mit dem "Civil War" also wieder todernst wird kommt dieser Beitrag hier gerade recht zur Entspannung. 

Die obligatorischen Post-Credit Szenen sind auch dieses Mal wieder zu finden. Ohne zuviel verraten zu wollen lässt sich sagen: besonders die erste dieser beiden Szenen dürfte einem Großteil des Publikums ein "hell yeah" entlocken, und auch auf der Meta-Ebene kommt man zu einer absolut richtigen und wichtigen Aussage. Die zweite Szene erfreute dann das Fangirl-Herz zutiefst und schließt den Bogen zum MCU, sitzen bleiben lohnt also auf alle Fälle. 

Zu bemängeln gibt es eigentlich nur, dass die einzelnen Charaktere trotz aller Sympathie dürftig gezeichnet sind. Sie wirken schablonenhaft, wenig detailliert und bisweilen sehr stereotyp. Dies wird vor allem durch die Leistung der Darsteller und die schmissigen Dialoge abgefedert, ins Auge fällt es aber trotzdem. 
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Fazit: So langsam überrascht mich wirklich nichts mehr, was aus dem Hause Marvel kommt. Nachdem man den Zuschauern äußerst erfolgreich einen sprechenden Waschbären präsentierte war es eigentlich keine Frage, dass auch ein Typ, der Ameisen kontrolliert, irgendwie funktionieren würde. Doch "Ant-Man" ist bei weitem kein langweiliger Einschub, der auf die hinterletzte Bank abgeschoben gehört. Stattdessen ist der Film die pure Charme-Offensive. Das liegt weniger an den doch eher schablonenhaft geschriebenen Figuren als an den großartig aufgelegten Darstellern, allen voran Paul Rudd. Auch die Regie und das Script, die wohl größten Garanten für Sorgen seitens der Fans von Edgar Wright, sind wasserdicht. Der Humor ist erfreulich anders, als es sonst bei Marvel der Fall ist, und auch das Weglassen von außerirdischen Bedrohungen tut dem Film gut. Mit Sicherheit der bisher persönlichste Eintrag ins MCU, ist "Ant-Man" fest in dessen Mitte verankert. Zwei Post-Credit Szenen, von denen eine so dermaßen Meta ist dass der halbe Kinosaal vor Freude jubelte, gibt es ebenfalls. Es zeigt sich hier erneut wieso Marvel die Zügel in Sachen Comicverfilmungen bisher fest in der Hand hält.


Infos zum Film

Originaltitel: Ant-Man
Genre: Action, Abenteuer, Comicverfilmung
FSK: 12
Laufzeit: 117 Minuten
Regie: Peyton Reed
Darsteller: Paul Rudd, Evangeline Lilly, Corey Stoll, Michael Douglas, Michael Peña, Bobby Cannavale, Judy Greer
Trailer