Filmkritik: Paddington

© Studiocanal
Kurz bevor "Paddington" in den britischen Kinos gestartet ist, habe ich für eine kleine Weile in London gelebt. Und ja, der kleine Bär ist dort drüben wirklich eine Art Nationalheld. Entsprungen aus einem Buch, konnte man ihn in den Wochen vor Weihnachten an jeder Ecke in London antreffen. Zahlreiche Promis haben ihre eigenen Skulpuren designed, namhafte Kaufhäuser haben ganze Ecken für Bären-Allerlei eingerichtet. Stofftiere saßen neben Gläsern voller Orangenmarmelade, daneben gab es blaue Mäntel zu kaufen. An der Paddington Station steht permanent eine Skulpur, die an ihren berühmtesten Besucher erinnert. Und nun hat der höfliche Bär aus Peru seinen eigenen Film. Und auch wenn der Trailer irgendwie grell, laut und vor allem nervig wirkt: der Film ist ein richtiges Juwel sowohl für Kinder (schätze ich jetzt mal) als auch für Erwachsene (da bin ich mir sicher) geworden.Nebenbei gibt sich hier das Who is Who des britischen Kinos die Klinke in die Hand. Gefühlt ist die halbe Darstellerriege aus "Harry Potter" anwesend, der aktuelle Doctor hat eine kleine Rolle und Paddington selbst wird in der Originalversion von Ben Whishaw, der aktuell Q bei James Bond spielt, gesprochen. Der Film kommt diese Woche frisch für eure Heimkinosammlung heraus.

Paddington lebt mit seiner Tante und seinem Onkel im dunkelsten Peru. Vor vielen Jahren war dort ein britischer Entdecker zu Besuch, und seitdem sind die Bären große England-Fans. Besagter Entdecker versprach ihnen auch, dass sie jederzeit in London willkommen wären. Nach einem schrecklichen Erdbeben sieht Tante Lucy sich gezwungen, Paddington nach London zu schicken, bevor sie selbst in ein Heim für alte Bären geht. In London wird Paddington von Familie Brown gefunden und zunächst für eine Nacht in deren Haus aufgenommen. Doch die Ereignisse überschlagen sich, und eine Mitarbeiterin des Naturkundemuseums hat es auf Paddington als besonderes Ausstellungsstück abgesehen...

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Der Anfang von "Paddington" erinnert zunächst stark an Bambi. Wer also von dort noch ein unverarbeitetes Kindheitstrauma herumschleppt sollte sich vorbereiten. Wenn der kleine Bär dann von seiner Tante mit einem Schildchen um den Hals ("Bitte passen Sie auf diesen Bären auf, Danke") nach London geschickt wird, dann ist das offensichtlich an die Massenverschickung der britischen Kinder im Zweiten Weltkrieg angelehnt. Hier bedient der Film sich sehr an der Buchvorlage, später wandelt er sich dann zu einer Art Origin-Geschichte, in der nach und nach die typische Paddington-Kleidung gesammelt wird. Hier wird schon deutlich, dass der Film bei allem Humor durchaus auch einen ersten Unterton aufweist.

Sobald Paddington dann in London angekommen ist, wird er von Familie Brown, wohnhaft im bunt gemischten Stadtteil Notting Hill, aufgenommen. Während Miss Brown dem Bären aufgeschlossen begegnet und die Kinder sich sowieso eher gleichgültig verhalten (sie sind beide schwer damit beschäftigt, ihre Eltern soooo uncool zu finden), ist Mister Brown gar nicht angetan vom neuen Mitbewohner. Als Risikoplaner ist ein Bär im Haus natürlich auch jenseits von gut und böse und schlicht und ergreifend ein unfassbares Risiko. Es wird also beschlossen, ein neues Zuhause für den pelzigen Gast zu finden. Paddington kennt nur den Entdecker, weiß aber dessen Namen nicht. So versucht die Familie also, den Mann zu finden. Schnell wird aber klar, dass der Bär der Familie wirklich gut tut.

Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass der Film unglaublich viel Spaß macht. Paddington selbst ist richtig gut animiert, man merkt wirklich gar nicht, dass es sich um ein Wesen aus dem Computer handelt. Sein Gesicht zeigt eine Menge Emotionen, und er wirkt nicht wie ein Fremdkörper zwischen all den Menschen. Stattdessen fügt er sich einfach in den Film ein, und es steht zu keinem Zeitpunkt zur Debatte, dass dort ein Bär in London unterwegs ist. Miss Brown stellt das direkt zu Beginn des Films fest, und das Thema ist danach durch. Auch humortechnisch geht es hoch her. Dabei bedient der Film sich nicht nur einer Stilrichtung, sondern geht mal in Richtung liebenswert-niedlich, um dann im nächsten Moment ziemlich krasse Witze zu präsentieren. Paul King, der vor einer ganzen Weile für die grandiose BBC-Produktion "The Mighty Boosh" als Regisseur tätig war, kann sich hier richtig austoben.
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Auch die Schauspieler haben eine Menge Spaß. Michael Gambon und Imelda Staunton sprechen Paddingtons Onkel und Tante, und auch Julie Walters als Mrs. Bird und Jim Broadbent dürften von Harry-Potter-Fans wiedererkannt werden. Whovians können sich über eine Nebenrolle von Peter Capaldi freuen, der hier den kauzigen Nachbarn raushängen lässt. Sally Hawkins als Miss Brown ist purer Zucker. Hugh Bonneville hat die Ehre, die Wandlung vom zugeknöpften, viel zu ernsten Vater hin zu einem richtigen Helden für seine Kinder durchmachen zu können. Was an sich ja ein schwieriges Thema ist, aber hier funktioniert das wunderbar. Das liegt nicht nur an der schrägen Rückblende, welche uns die Browns vor ihrem Dasein als Eltern zeigt. Es klappt vor allem so gut, weil der Auslöser für die Wandlung erkannt wird und darauf aufgebaut wird. Und überhaupt, die Kinder sind klasse. Beide sind sie ziemlich clever, kein Stück nervig, dafür aber greifbar und nachvollziehbar. Mrs. Bird ist die neutrale Seele im Haus, welche das Geschehen beobachtet und kommentiert. Und Ben Whishaw spricht Paddington im Original einfach herzerweichend. Freundlich, ein bisschen naiv, sehr höflich und arg gutgläubig; spätestens nach 10 Minuten will man diesen besonderen Bären im eigenen Heim willkommen heißen und ihm ein leckeres Marmeladensandwich anbieten. Oder auch zwei. Oder ein ganzes Tablett voll. 

Aber auch darüber hinaus hat der Film einiges zu bieten. So darf eine Karibikband als äußerst unterhaltsamer, griechischer Chor herhalten. Der restliche Soundtrack fügt sich ebenfalls passend ein: irgendwie verspielt, mal fröhlich, mal dramatisch. Und auch im optischen Bereich gibt es einige Leckerbissen. So scheint man sich die ein oder andere Idee bei Wes Anderson geholt zu haben. Das Haus der Browns wird in der Übersicht gerne mal als aufklappbares Puppenhaus präsentiert, komplett mit Innenleben. Als Kulisse für das unvermeidbare Chaos welches entsteht, wenn ein Bär einzieht, ist es jedenfalls perfekt geeignet. Und im Treppenhaus der Browns befindet sich ein an die Wand gemalter Baum. Dieser wechselt das Aussehen, verliert beipielsweise die Blätter, wenn die Stimmung im Haus auf dem Tiefpunkt ankommt. Es sind diese Kleinigkeiten die Paddington so besonders machen.
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Der einzige Tiefpunkt in der ganzen Geschichte ist dann tatsächlich die Rolle von Nicole Kidman. Vermutlich wurde sie an Bord geholt, um Zuschauerzahlen außerhalb des UK zu ziehen. Doch ihre Rolle ist im besten Fall einfach nur komplett überdreht, im schlimmsten Fall einfach bösartig. Klar, innerhalb des Films hat sie sehr persönliche Gründe für ihr Verhalten, doch ich persönlich empfand das Verlangen, den Bären zu fangen um ihn auszustopfen und in einem Museum zu präsentieren besonders im Hinblick auf ein junges Publikum doch etwas heftig. Vielleicht wäre es besser gewesen, Peter Capaldi als garstigen Nachbarn die zentrale Rolle des Antagonisten einnehmen zu lassen. Stattdessen arbeiten beide teilweise zusammen und sind somit komplett überzogen. Doch dem Film an sich tut das dann doch keinen Abbruch und es ist wirklich Nörgelei auf kleinstmöglicher Ebene.

Was bleibt ist ein zutiefst britischer Film, der sowohl als lustiger Familienfilm und auch als Migrationsparabel für Erwachsene funktioniert. Das große Kunststück, einen Film für wirklich jeden zu machen, gelingt sehr, sehr selten. Aber dieses knuffige Bärchen schafft diesen Spagat ganz leicht. Tatsächlich mal ein Film bei dem man sagen kann: Groß und Klein werden hier ihren Spaß haben. Wie auf dem Schildchen gefordert wurde, sollte sich um den Bären gekümmert werden. Das schafft dieser Film ganz vorzüglich.

Infos zum Film
Originaltitel: Paddington
Genre: Komödie, Familie
FSK: 0
Laufzeit: 95 Minuten
Regisseur: Paul King
Darsteller: Ben Whishaw, Sally Hawkins, Nicole Kidman, Hugh Bonneville, Peter Capaldi, Julie Walters, Jim Broadbent
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