Filmkritik: London Boulevard

© GK Films
William Monahan, bisher vor allem als Screenwriter für Filme wie "The Departed" auffällig, liefert mit "London Boulevard" sein erstes Regiewerk ab. "London Boulevard" basiert auf dem gleichnamigen Buch von Ken Bruen, der hat sich beim Titel seinerseits bei "Sunset Boulevard" bedient, da hören die Gemeinsamkeiten allerdings auch schon wieder auf. Wie so oft ist das Buch umfangreicher und detaillierter als der Film, aber die Essenz einzufangen ist recht gut gelungen. Der Film stammt bereits aus dem Jahr 2010, scheint mir aber doch verhältnismäßig unbekannt. Hätten "The Departed" und "Brügge sehen...und sterben?" ein Kind gezeugt, es würde wohl "London Boulevard" heißen. Und das London sich als Bühne für kleine und große Verbrechen mehr als gut eignet beweisen die zahlreichen Filme von Guy Ritchie und Konsorten. Wer also an "Bube Dame König Gras" oder "Layer Cake" seine Freude hatte, der darf hier nur zu gerne einschalten. Doch worum geht es genau, und was hat der Film zu bieten? 



Mitchell ist eben frisch aus dem Gefängnis entlassen worden. Auf weitere Umtriebigkeiten in der Londoner Gangsterwelt hat er keine Lust, doch ein Freund namens Billy zieht ihn langsam wieder in diese Welt zurück. Dort wird Billy's Boss, ein schmieriger Typ namens Gant, auf Mitchell aufmerksam. Der hilft Billy zwar bei kleineren Aufträgen, verbringt aber auffällig viel Zeit im Haus von Charlotte. Charlotte ist Anfang 20 und Schauspielerin, und sie wird rund um die Uhr von Papparazzi belagert. Mitchell wird langsam, aber sicher ihr Bodyguard und die beiden kommen sich näher, doch Londons Unterwelt lässt ihn nicht so einfach gehen. Jede Minute die er in ihrem Haus verbringt, könnte er mit ihr fotografiert werden und so auch sie in Gefahr bringen...

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"London Boulevard" ist vor allem eins: voller Ambitionen. Munter bewegt er sich zwischen Familiendrama, Lovestory und klassischem, britischem Gangsterfilmchen hin und her. Nicht nur "Brügge" und das Gesamtwerk von Guy Ritchie, sondern auch Filme wie Kiss Kiss Bang Bang fallen einem automatisch als Inspirationsquelle ein. Leider bleibt einiges dabei auf der Strecke, was um so trauriger ist, weil deutlich wird dass der Regisseur seine Figuren mag und ihre Hintergründe und die Motive nah beleuchten will. So werden viele kleinere Geschichten angerissen, aber nicht ausführlich genug zu Ende erzählt. Und stellenweise ist der Film doch arg vorhersehbar. Man weiß, dass sich Mitchell und Charlotte verlieben werden, und man weiß auch sofort, dass  Gant etwas unternehmen wird, um diese Romanze zu stören. Überraschenderweise stresst das allerdings so gut wie gar nicht, denn es macht genug Spaß, dabei zuzuschauen.

Das liegt vor allem an den großartigen Schauspielern. Colin Farrell in einer Hauptrolle zu haben ist sowieso nie eine verkehrte Wahl. Sicher bewegt er sich auf Londons Straßen, bietet Gangsterbossen die Stirn und hat in ruhigen Minuten trotzdem Zeit, auf Keira Knightleys Figur einzugehen. Sie wiederrum spielt verletzlich, aber gleichzeitig auch selbstbewusst: ihr Leben ist nicht angenehm, aber da ist die nicht totzukriegende Hoffnung, dass es woanders besser sein könnte. Sie außerdem eine junge Schauspielerin spielen zu lassen, die permanent von Kameras verfolgt wird, ist ein netter kleiner Trick und ein deutliches Nicken in Richtung "Film imitiert das Leben". Heimlicher Star des Films ist allerdings David Thewlis als ewig im nächsten Drogenrausch befindlicher Wächter von Charlottes Haus. Pausierender Schauspieler, Abhängiger, Hausmeister, Bodyguard: es gibt nichts, was er nicht macht, und es entlockt dem Zuschauer meistes zumindest ein schiefes Grinsen. Wie auch Mitchells Schwester, gespielt von Anna Friel, ist er eine Figur die nur in einem Film vorkommen kann: gnadenlos überspitzt, aber dann doch nicht zuviel des Guten, immernoch im Rahmen des möglich-alltäglichen. Ray Winstone liefert einen herrlich schmierigen Gangsterboss ab, der eindeutig zuviel Interesse an Mitchell hat. Und Wandlungskünstler Eddie Marsan hat eine viel zu kleine Nebenrolle als Polizist. Der Film ist vollgepackt mit so vielen illustren Figuren, hier wird dann deutlich dass entweder mehr Laufzeit oder weniger Storylines gut getan hätten. Einfach nur, weil man von keiner der Figuren genug bekommen kann.

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Spätestens ab der zweiten Hälfte, wenn Colin Farrell aufbricht um sich endlich Freiraum zu verschaffen, geht es dann auch etwas brutaler zu. So richtig drauf hält die Kamera allerdings nie, was durchaus angenehm rüberkommt. Mitchell ist ein lieber Typ, doch genug provoziert ist er eine Macht, mit der man rechnen muss. Dabei verliert der Film allerdings niemals seinen zynischen, morbiden Humor. Chris Menges liefert stylische Bilder ab, die London besonders bei Nacht atemberaubend schick erscheinen lassen. Doch auch die düsteren Ecken, in denen man sich nachts nicht allein rumtreiben will, erkundet er genüsslich. Und Mitchell wird permanent von überlebensgroßen Plakaten von Charlotte verfolgt. Selbst wenn er von ihr loskommen wollen würde, es würde ihm in dieser Stadt niemals gelingen. Abgerundet wird das Ganze durch einen Soundtrack der sich mit den Rolling Stones, Dylan und Kasabian schmückt. So fällt es zeitweise schwer, den Film konkret in eine Zeit zuzuordnen, er wechselt gekonnt zwischen den 60ern und dem Heute hin und her.

Monahans Regiedebüt weiß durchaus zu gefallen. Sicher, hier und da fehlt der Fokus, einige Storylines verlaufen beinahe verschenkt im Sand. Doch ein gut gelaunter Cast, schicke Bilder von London, ein stimmiger Soundtrack, interessante Figuren und ein bissiger Humor lassen den Film doch angenehm in Erinnerung bleiben.

Infos zum Film
Originaltitel: London Boulevard
Genre: Crime, Thriller, Drama
FSK: 16
Laufzeit: 107 Minuten
Regisseur: William Monahan
Darsteller:Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan, Anna Friel
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