Filmkritik: Avengers - Age of Ultron

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Marvel fährt weiterhin auf Erfolgskurs und startet das persönliche Kinojahr 2015 mit "Avengers: Age of Ultron". Im Sommer wird uns dann noch Ant-Man beehren, doch schauen wir uns zunächst an, was die größtenteils erd-eigene Rächertruppe so treibt. Joss Whedon kehrt als Regisseur zurück, und auch die Besetzung ist noch identisch. Also, wenn man von den zahlreichen Neuzugängen absieht. Drei Jahre sind seit dem ersten "Avengers" vergangen, und Marvel produziert weiterhin einen Kassenschlager nach dem anderen. Besonders das zusammenhängende, stetig expandierende Universum weiß die Fans zu begeistern, und die Nachahmer sind zahlreich. Doch Marvel's Vorsprung ist groß, das Universum ist etabliert. So dürfen sich Fans einzelner Figuren auf ein frühzeitiges Wiedersehen beim Klassentreffen der Giganten freuen. Ich wage jetzt schonmal den Blick in die Zukunft und prophezeie erfreut-erschöpfte Nervenzusammenbrüche, wenn die Avengers und die Guardians of the Galaxy zusammentreffen werden. Doch wird "Age of Ultron" dem exzessiven Hype gerecht, oder sind es mittlerweile einfach zu viele Helden, die im Film auftauchen?


Nachdem der Angriff der Chitauri New York in Schutt und Asche gelegt haben, sind die Menschen nicht mehr sonderlich angetan von ihren Superhelden. Tony Stark will seinen Plan zum langfristigen Frieden umsetzen und erschafft ein Schutzprogramm, bestehend aus einer künstlichen Intelligenz namens Ultron. Ultron stellt sich allerdings prompt auf seine eigene Seite, entwickelt eine Art Gottkomplex und hat seine ganz eigene Vorstellung davon, wie Frieden auf der Welt geschaffen werden kann. Die Avengers müssen sich also erneut zusammentun, um ihn aufzuhalten. 
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Vorweg ist sicher eines empfehlenswert: Macht euch vor "Ultron" noch einmal mit den anderen Filmen vertraut. Vieles wird aufgegriffen und weitererzählt. jedoch wird sich nicht mit Erkärungen aufgehalten. Marvel-Gelegenheitszuschauer könnten hier das Nachsehen haben.Wer die Reihe bisher aufmerksam verfolgt hat, darf sich aber über ein wirklich atemberaubendes Opening freuen. Wir erleben alle Avengers im Einsatz, und das kann sich sehen lassen. Wenn Quicksilver auftaucht findet das Geschehen in Zeitlupe statt, dank des Einsatzes von Drohnenkameras ist man wirklich mittendrin im Geschehen. Sämtliche Action-Setpieces kommen in einer stark comichaften Optik daher und wissen, den Zuschauer mitzureissen. Mir gefiel vor allem die komplette Hulkbuster-Sequenz extrem gut: durchdacht, stets gut verfolgbar, übersichtlich und trotzdem so eindrucksvoll wie eine Faust vom Hulk in die Magengegend. Aber auch wenn die verschiedenen Helden zusammen arbeiten und ihre Fähigkeiten kombinieren, entwickeln sich ganz neue Dynamiken. Schon allein um all diese Details ausgiebig bewundern zu dürfen, lohnt sich der Gang ins Kino. Auch das 3D kommt sehr ansehlich daher, manchmal stellt sich tatsächlich dieses Mittendrin-statt-nur-dabei Gefühl ein.

Bei einer zweistelligen Anzahl von Helden und Gegnern besteht schnell die Chance, dass es unübersichtlich wird. Doch Joss Whedon beweist, wie fähig er ist: wirklich zu kurz kommt (fast) niemand, zu keiner Zeit wirkt der Film überladen. Zwischendrin wird das Tempo herausgenommen und mehr auf die Hintergrundgeschichte einiger Figuren eingegangen. Besonders löblich: Figuren mit einer eigenen Filmreihe treten hier in die zweite Reihe. Stattdessen werden Bruce Banner, Natasha Romanoff und Clint Barton in den Fokus gerückt. Besonders eine Szene zwischen Natasha und Bruce wird hier sicherlich für den ein oder anderen Kloß im Hals sorgen. Doch die Geschichte zwischen den beiden fügt sich stimmig in das Gesamtkonzept ein. Haltet mich für ein enormes Joss Whedon Fangirl, aber der Mann weiß, wie man Liebesgeschichten schreibt und inszeniert, die sich nicht aufgesetzt anfühlen und den Zuschauer nerven. Diese hier, zwischen diesen beiden Figuren, macht Sinn, dementsprechend ist sie umgesetzt. Bitte mehr davon! Auch Hawkeye, der den ersten Film noch gedankenkontrolliert herumlief und nicht viel zu tun hatte, darf endlich aufblühen. So rückt der Blickpunkt stellenweise weg von den Göttern und den Allmächtigen und konzentriert sich auf die menschlicheren, für den Zuschauer greifbareren Figuren. Auch der Hulk bekommt mehr Hintergrund, und so sehr ich einsehe dass er am besten im Ensemble funktioniert: ich möchte mehr von dieser Figur sehen, seine Hintergründe erforschen, wissen was er sonst so treibt.

Positiv hervorzuheben sind auch die Neuzugänge, besonders Elizabeth Olsen als Scarlet Witch und Paul Bettany als Vision können begeistern. Letzterer kommt zwar ein wenig zu kurz, ich hoffe aber stark auf ein Wiedersehen in einem weiteren Film. Paul Bettany verleiht seiner Figur etwas erhabenes, sehr edles. Seine Stimme kennen wir ja bereits von Jarvis, und die physische Präsenz passt hervorragend zur Stimme.
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Ja, und dann wäre da noch Ultron, im Original gesprochen von James Spader. Dieser liefert grandiose Arbeit ab, kombiniert mit den Mühen der Special Effects - Leute werden hier Maßstäbe in Sachen animierter Roboter gelegt. Doch Ultron besticht nicht nur durch seine Optik oder die Stimme. Da Tony Stark ihn mehr oder weniger freiwillig erschaffen hat gibt es durchaus Parallelen zwischen beiden. Es ist eine anders gedachte Vater-Sohn Beziehung, und wie so oft sind beide sich ähnlicher, als ihnen auf den ersten Blick lieb wäre. Doch Ultron entwickelt sehr zügig seinen ganz persönlichen Gottkomplex, und dieser ist nicht erfreulich. Sicher, er zitiert zwischendurch aus der Bibel, zieht berühmte Philosophen hinzu und sieht sich und seine Rolle als gerecht und notwendig an. Doch seine Lösung des Problems ist endgültig, ihm fehlt das Mitgefühl. Was nicht bedeutet, dass er gar nicht fühlt. Ultron empfindet Wut, hat Humor, und auch wenn er die Menschen nicht immer versteht, so kann er sie doch weitestgehend nachvollziehen. Es ist eine spannende Interpretation der künstlichen Intelligenz, die hier geliefert wird. Auch hier wäre aber etwas mehr Zeit mit Ultron, besonders zum Ende hin, schön gewesen. Zwar ist er weit davon entfernt, so verschwendet zu sein wie die Gegner in manchem Spider-Man Film, doch am Ende scheint ihm die Luft auszugehen.

Was den Film dann doch von den anderen Superheldenfilmchen abhebt, ist der bewusste Umgang mit der Zivilistenproblematik. Wo viele andere Filme sich darum nicht scheren, wird hier eine Menge Zeit damit verbracht, diese in Sicherheit zu bringen und den Fallout so gering wie möglich zu halten. Dies wird bereits zu Beginn thematisiert, wenn darauf eingangen wird dass die Menschen ihre Helden nicht sonderlich mögen, weil sie eben darunter leiden. Wer bereits die extrem empfehlenswerte Daredevil-Serie gesehen hat (hier findet ihr übrigens meine Kritik bei Moviebreak), ist mit dem Problem bereits vertraut. Wenn alles immer auf der epischen Bandbreite der Helden stattfindet, leiden die Zivilisten. Zwar gibt es auch hier einige Opfer zu beklagen, doch der Ansatz und die Durchführung sind in meinen Augen wirklich lobenswert, erdet es die Helden doch auf gewisse Weise, macht sie erneut greifbarer. 
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Wirklich große Kritikpunkte gibt es in meinen Augen nicht. Allerdings schleicht sich bisweilen dann doch das Gefühl ein, es hier nur mit einem Zwischenschritt zu tun zu haben. Was an sich ja auch nur berechtigt ist, handelt es sich doch um einen eben solchen. Die Geschichte um Ultron wird zwar zu Ende erzählt, die Figuren entwickeln sich ebenfalls weiter, aber das Gefühl, es weiterhin mit der (nicht ganz so ruhigen) Ruhe vor dem Sturm zu tun zu haben, bleibt. So wird Kommendes munter angeteasert, Kenner dürften ihre Freude dran haben. Persönlich hätte ich es schöner gefunden, wenn dieses Gefühl nicht ganz so präsent gewesen wäre, mir fällt allerdings auch nicht ein, wie man das anders hätte lösen können. Vor allem die Meinungsverschiedenheiten zwischen Tony Stark und dem Captain liefern einen Ausblick auf Captain America 3, in dem der Civil War portraitiert werden wird. Und auch die Infinity Gems spielen erneut eine Rolle, und die Ankündigung eines weiteren Teils am Ende macht unmissverständlich klar, in welche Richtung es gehen wird.

Auch gibt es einige vernachlässigte Stiefkinder zu bemängeln. Nachdem sicher nicht nur ich mich gefragt habe, wie man den extrem coolen Auftritt von Quicksilver bei "X-Men: Days of Future Past" toppen könnte, wird hier ja doch eine durchaus akzeptable Leistung hingelegt. Doch Quicksilver verkommt zur Randerscheinung, bleibt allzu flach charakterisiert und darf allenfalls als Ablenkungsmanöver herhalten. Da hätte mehr drin sein müssen. Auch die komplette "Iron Man 3" Storyline wird außen vor gelassen, wobei dies nicht sonderlich dramatisch erscheint. Böse Zungen könnten allerdings behaupten, es würde langsam schwierig werden bei der Vielzahl von Figuren noch die Kontinuität zu wahren. Aber wer weiß, vielleicht wird dies in einem späteren Film wieder gut gemacht, Hawkeye musste ja auch einen kompletten Film als kontrollierte Marionette verbringen bevor jemand sich um ihn gekümmert hat. Insgesamt hätten vielleicht zehn Minuten mehr gut getan, in denen noch mehr auf die Figuren eingegangen wird, stellenweise fühlen sich einige Dinge doch etwas abgehackt an. Doch all dies sind Kleinigkeiten, die das positive Gesamtbild kaum trüben können.
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Sicher, Age of Ultron revolutioniert das Kino nicht, und es erzählt auch keine wirklich neue Geschichte. Superhelden zweifeln an sich und der Sache, wollen sich trennen, müssen sich im Angesicht einer größeren Macht zusammentun um die Welt erneut zu retten. Doch was spricht gegen eine Wiederholung der Erzählung, wenn sie visuell ansprechend bis atemberaubend gestaltet ist, mit liebenswerten, vielschichtigen Figuren aufwartet und sich nahtlos in ein bereits bestehendes, von vielen geliebtes Universum eingliedert und dieses sinnvoll erweitert? Klar, wer Superhelden schon immer doof fand, der wird wohl auch hier nicht plötzlich anders denken. Fans werden immens belohnt, sei es durch mehr Hintergrundinfos zu ihren Lieblingsfiguren, den vielen Verweisen auf die anderen Filme oder einfach durch die Tatsache, einige der coolsten Marvel-Helden mal wieder auf einem Haufen erleben zu dürfen. Und alle anderen dürfen sich über etwas mehr als zwei Stunden unterhaltsames Popcornkino freuen, bei dem die Zeit wie im Flug vergeht. Mehr ist prinzipiell von einem solchen Film nicht zu erwarten, und diese Erwartungen werden definitiv erfüllt.

Zum ersten Mal in einem Film des MCU wird es übrigens keine Szene nach dem Abspann geben. Dieses Mal gibt es nur einen kleinen Ausblick auf die Zukunft nach Ende des Cinematic Abspanns, ihr müsst also nicht bis zum Ende sitzen bleiben, wenn ihr nicht wollt. Sitzenbleiben lohnt sich trotzdem, der Sountrack, an dem diesmal auch Danny Elfman mitgearbeitet hat, kann sich wirklich hören lassen.

In gar nicht so geheimer Doppelagentenmanier findet ihr diese Kritik auch bei den überaus geschätzen Kollegen von den Drei Muscheln. Besucht sie mal, es lohnt sich!

Infos zum Film
Originaltitel: Avengers: Age of Ultron
Genre: Action, Comicverfilmung
FSK: 12
Laufzeit: 142 Minuten
Regisseur: Joss Whedon
Darsteller: Scarlett Johansson, Robert Downey Jr, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Jeremy Renner, Chris Evans, James Spader, Elizabeth Olsen, Aaron Taylor-Johnson
Trailer