Filmkritik: 50 Shades of Grey

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50 Shades of Grey, soviel kann man sicher behaupten, ist ein Phänomen. Begonnen hat es als Fanfiction zu den Twilight-Romanen. Die jetzt, soviel kann ich als Leser von allen vier Teilen sagen, nicht der Gipfel der literatischen Schaffenskunst waren. "Shades" hab ich dann nur in der Zusammenfassung gelesen, man will ja wissen was die komplette Umwelt wochenlang so feiert. Und der Inhalt der Bücher lies mich dann doch mehrmals zusammenzucken. Es folgt ein kleiner Aufreger, und im nächsten Absatz geht es dann mit der Kritik weiter. Wer gerne Aufreger liest: viel Spaß, alle anderen springen bitte zum nächsten Absatz. Über das darin geschilderte Frauenbild und die, und an dieser Stelle Entschuldigung für die Wortwahl, abgefuckte und kaputte Darstellung von SM haben sich vor mir bereits viele andere aufgeregt. Und sie haben Recht, mit dem was sie sagen: was dort präsentiert wird, hat mit einer einvernehmlichen SM-Beziehung nichts zu tun. SM ist auch nichts, was pathologisiert werden müsste, es handelt sich bei dieser Vorliebe nicht um eine geistige Krankheit, die man durch das richtige Maß an Liebe "heilen" kann. Weil es nichts zu heilen gibt. Und, liebe Mädchen, vertraut mir: ihr wollt keinen Typen, der euch dauernd überwacht. Der euch auf Schritt und Tritt verfolgt und den ihr mit ein bisschen kauen auf der Unterlippe so wahnsinnig macht, dass er euch auf der Stelle den Hintern versohlen muss, bevor er euch mal so richtig durchnimmt. Weil ihr ihn ja provoziert habt. Ich kann garnicht weit genug ausholen um deutlich zu machen, wie falsch ich das finde. Deswegen höre ich an dieser Stelle damit auf, und wende mich der eigentlichen Sache zu: dem Film. Und der ist, zumindest in einigen Belangen, dann doch etwas besser ausgefallen, als ich angenommen habe. Aber lest selbst. 

Anastasia Steele will eigentlich nur für ihre kranke Mitbewohnerin einspringen. Diese soll ein Interview mit einem der erfolgreichsten Unternehmer der Stadt, Mr. Christian Grey, durchführen. Ana trifft also auf Mr. Grey, und der zieht sie sofort in seinen Bann. Doch auch er ist von der schüchternen, etwas tollpatschigen jungen Frau angezogen. Die beiden kommen sich näher, doch Ana muss schnell feststellen, dass Christians sexuelle Vorlieben ihre Vorstellungskraft übersteigen. Wenn sie eine Beziehung mit ihm will, dann nur zu seinen Konditionen, denen sie sich fügen kann, oder eben auch nicht. Um seine SM-Vorlieben abzusichern, will Christian, dass Ana einen Vertrag unterschreibt. Doch sie zögert... wird sie am Ende unterschreiben und sich fügen?
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Besprechen wir doch zunächst die positiven Dinge des Films, denn da gibt es schon die ein oder andere Sache, die verhältnismäßig gut gelungen ist. Da wäre zuerst einmal Dakota Johnson. Sie spielt überraschend gut, und man nimmt ihr sowohl die naive Unschuld als auch den Konflikt am Ende sehr leicht ab. Ein weiterer Bonus ist, dass Anastasia im Film nicht annähernd so widerlich rückgratlos rüberkommt wie in den Büchern. Sie widerspricht, sie zieht zumindest kurzfristige Grenzen. Klar fällt sie dann doch wieder darauf rein, dass sie Macbooks und Autos vor die Tür gestellt bekommt, aber da blitzt wenigstens zwischendurch mal Widerstand auf. Auch wenn da ärgerlich viel Bella-mäßiges Geschnaufe stattfindet. In diesem Zuge ist gleich noch positiv anzumerken, dass es die "Innere Göttin" aus dem Buch nicht in den Film geschafft hat. Ich gehe auch schwer davon aus, dass ich spontan Amok gelaufen wäre, wenn ich alle zwei Minuten mit Anas innerer Stimme, die alles total geil findet, in Kontakt hätte treten müssen.

Positiv finde ich auch die Wahl einer Regisseurin, jedenfalls auf den ersten Blick. Sam Taylor-Johnson hatte wohl während der ganzen Dreharbeiten permanent Stress mit E.L. James, die dauernd reinreden wollte. In den meisten Punkten scheint sich aber die Regisseurin durchgesetzt zu haben. Auch das Ende bietet ein gewissen Potential, auch wenn es den restlichen Film ad absurdum führt. Im Film entwickelt sich durchaus der Eindruck, dass die Sub die mächtigere der beiden Partner ist, was zumindest ein schöner Gedanke wäre. Ich bin mir allerdings nicht sicher, inwieweit dieser Gedanke beabsichtigt war. Im Vergleich zum Buch finde ich ihn aber erfreulich, denn dort ist Ana nunmal eine vollkommen leere Hülle und eine absolut nichtssagende Person.

Hier folgen Spoiler zum Ende:
Die Fahrstuhl-Szene führt das dann wieder ad absurdum. Laut Regisseurin war zunächst beabsichtigt, dass Ana ihr Safeword benutzt. Somit wäre das Verhältnis der beiden bis zu diesem Moment Bestandteil des Spiels geblieben. Die Buchautorin hat sich aber hier durchgesetzt und lässt sie nur "stop" sagen. Das degradiert Ana dann wiederum zu einem kleinen Mädchen, dass halt doof genug war sich in den falschen Typen zu verlieben. Die Macht, die sie zumindest zuvor noch ausstrahle, war eine Illusion die am Ende zerschlagen wird. 
Spoiler Ende

Auch technisch weiß der Film zu gefallen. Die Farbgebung sticht hier besonders hervor. Die Aufnahmen von Seattle werden dem Namen "50 Shades of Grey" durchaus gerecht, die Schlafzimmerszenen hingegen sind in kühle Blautöne getaucht. Und wenn es dann mal sexy wird, so dominieren die Rottöne. Auch die Kamera arbeitet sauber und verwackelt nicht. Der Soundtrack stammt von Danny Elfman, der normalerweise als Haus- und Hofkomponist von Tim Burton durchgeht. Hier gibt es nun ein paar Tracks von ihm selbst, die irgendwie nichtssagend daherkommen, und ein paar geschickt ausgewählte Popsongs. Tut niemandem weh, fällt nicht unangenehm auf. Coversongs, gesungen von Annie Lennox, gehen sowieso immer, der Rest plätschert so belanglos vor sich hin. 
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Tja, das war es dann aber auch schon mit den positiven Seiten des Films, jedenfalls für mich.Klar, ich muss zugeben dass das Ausgangsmaterial undankbar ist wie sonstwas. Und ich gehe stark davon aus dass alle Beteiligten da das Beste rausgeholt haben. Und dennoch hatte ich selten bei einem Film, der nicht als Komödie deklariert war, so viel zu lachen. Und so sicher wie das zu Beginn des Films noch gewollt war, so garantiert ist das nach den ersten 20 Minuten nicht mehr der Fall. Doch die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist faktisch nicht vorhanden, und die schlechte Vorlage schimmert an allen Ecken durch. Die Dialoge sind kitschig, werden hölzern vorgetragen und sorgen zwischendurch echt einfach nur für Fremdscham hoch zehn. Jamie Dornan mag in "The Fall" großartig sein, aber hier ist er völlig fehl am Platz. Dass er sich zur Vorbereitung mal dazu herabließ, bei einer SM-Session zuzusehen, und danach seine Familie erst sehen wollte, nachdem er sich ausgiebig geduscht und von dem Schund gereinigt hatte, sagt alles. Was hat so jemand in so einem Film zu suchen? Also, außer Geld natürlich. 

Überhaupt ist Christian Grey in erster Linie das Gruseligste, was mir seit langem im Film untergekommen ist. Er kriegt die Frau also am Ende rum, weil er nicht nur Flugzeuge, sondern auch Helikopter fliegen kann. Und gefühlte 20 Autos besitzt (nettes Product Placement übrigens sowohl von Audi als auch Apple). Und so geplagt von seiner Vergangenheit ist, und wir wissen ja alle dass Frauen eigentlich nichts anderes wollen, als den perfekten ( also reichen) Mann mit ihrer Liebe zu heilen. Auch wenn das bedeutet dass sie manchmal ein bisschen Prügel einstecken, und immerhin hat sie ja drum gebeten, nicht wahr? Dieser Grey ist einfach ein rundum ätzender Typ. Er fordert und fordert und fordert noch ein wenig mehr, und er fühlt sich im Recht weil er mal ein Auto oder ein Macbook springen lässt. Er selbst betont aber immer wieder, wie wenig er bereit ist sich zu ändern, wie er akzeptiert werden will, so wie er ist. Was ja an sich grundrichtig ist, doch das Prinzip sollte in beide Richtungen gelten. Selbstaufgabe fordern, aber nichts zurückgeben ist einfach nur ein ekelhafter Zug. Gerechtfertigt wird das durch seine ach so mysteriöse Vergangenheit, über die er ja nicht sprechen will. Wir erfahren ja dann doch, woran es liegt, und da geht es dann schon wieder los mit der Pathologisierung von sexuellen Vorlieben und wir stehen wieder am Anfang.

Das bringt uns auch direkt zu den Sexszenen des Films. Im deutschsprachigen Raum kam er mit einer FSK 16 davon, die Franzosen sehen es noch liberaler: da darf man sich schon ab 12 im Kino langweilen gehen. Mit rund 20 Minuten Sex auf zwei Stunden Laufzeit hätte es da ordentlich Potential gehabt. Stattdessen hangelt man sich am altbekannten Schema F mühsam ab: Hier mal ein beherzter Griff ins Laken, da mal ein angezogenes Bein. Davon, dass eine Frau auf dem Regiestuhl sitzt, merkt man hier auch nichts mehr. Während Anastasia also in mehr oder weniger voller Nacktheit zu sehen ist und die Kamera sich dort genüsslich abarbeitet (Teile davon wurden gedoublet), behält Mr. Grey aus unerklärlichen Gründen permanent seine viel zu weit unten hängenden Hosen an. Dürfte auf Dauer verdammt unbequem werden, wenn ich mir das so vorstelle. Hier wird ein absolutes Standardpublikum bedient, dass scheinbar zwar Sex will, gerne auch so mit Peitschen und Handschellen, hihihi, dann aber doch lieber nicht zuviel sehen will. Wo bleibt der weibliche Blick, der Rest des Films ist doch auch eher aus Anastasias Sicht erzählt? Nicht dass ich jetzt darauf bestehen würde, unbedingt nackte Männer zu sehen, aber nach wie vor erscheint es mir unfair dass Frauen stets komplett blank ziehen müssen, während die Jungs ihre Hosen anbehalten. Wo bleiben die Schweißtropfen, die nicht aussehen als wären sie in präziser Feinarbeit mit der Pipette aufgetragen worden? Die klinische Optik, die den Aufnahmen der Stadt noch einen gewissen Reiz abluchsen konnte, wird hier zur Falle und lässt die Langeweile regieren. Alles wirkt kontrolliert, nichts und niemand lässt los. Mr. Grey spricht irgendwann darüber, wie SM für ihn bedeutet, die Kontrolle abgeben zu können, sich fallen lassen zu dürfen. Als Zuschauer hätte ich dieses Gefühl auch gewollt, stattdessen spürt man die imaginären Fesseln des Konservativismus nur zu stark.
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Kritisch anzumerken ist, wie auch bereits beim Buch, dass das Thema des Kindesmissbrauchs einfach so unreflektiert im Nebensatz fällt. Und ja, mit 15 ist man noch ein Kind. Das reiht sich ein in eine ganze Riege unerfreulicher Dinge, die diesen Film ausmachen. Neben dieser nebensächlichen Abschiebung von Kindesmissbrauch (wo bleibt da eigentlich der sonst so beliebte #Aufschrei, oder ist das ok weil es ja Fiktion ist?) ist es auch die Art der Beziehung, die dargestellt wird. Grey kontrolliert nicht nur Anastasias Handy und ihren Aufenthaltsort, er will ihr vorschreiben was und wann sie zu essen hat, mit wem sie sich zu treffen hat. Er schreibt ihr vor, die Pille zu nehmen, was mich direkt auf die nächstbeste Palme hochtreibt. Er behandelt sie wie ein kleines, unmündiges Kind, und der Gedanke daran ist nicht sonderlich schön. Mister Grey ist einfach von vorne bis hinten falsch und der Typ braucht einen Psychologen und kein weiteres Opfer für sein Verhalten. Die Tatsache, dass abertausende von Frauen scheinbar dieser Art von Mann hinterherschwärmen (auch wenn er fiktional ist), versetzt mich in Sorge.

Am Ende bleibt es dann irgendwie doch ein typischer Romantikfilm: die beiden treffen aufeinander, sie ist schüchtern und arm, er selbstsicher und scheisse reich (und er kann fliegen, Helikopter und Flugzeuge. und er hat 20 Autos, Klavier spielen kann er auch und überhaupt), es gibt ein bisschen Sex, sie passen nicht zueinander, es gibt mehr Sex, er verprügelt sie mal so richtig, sie geht. Es lässt sich herunterbrechen auf eine einzige Frage: unterschreibt sie diesen beknackten Vertrag, oder nicht? Bis der Film diese Frage mehr oder weniger elegant löst, vergehen knapp über zwei Stunden, in denen ich mich zunächst durchaus unterhalten gefühlt hab. Was an größtenteils unfreiwilligen Lachern über die Dialoge und die Schauspieler lag. Es folgen langweilige Sexszenen, ein kleines bisschen Drama, Baby, und dann ist der Film auch schon vorbei. Mr. Grey würde wohl fragen "hat das jetzt weh getan?". Und ich würde mit einem beherzten "nein" antworten, bevor ich mir einen Film über Sex anschauen gehe, der wirklich etwas vorzuweisen hat. Ich empfehle Lars von Triers göttliches Meisterwerk "Nymphomaniac" (beide Teile), Steve McQueens "Shame", in dem es unter anderem einen nackten Michael Fassbender zu bewundern gibt (der Film ist auch ein großartiges Drama, so ganz nebenbei). Und wer sich mit dem Thema SM halbwegs massentauglich befassen will, der sollte sich "Secretary" anschauen, mit einer anbetungswürdigen Maggie Gyllenhaal. Alle Fans des Films dürfen sich jetzt schon auf zwei weitere Teile freuen, in denen es vermutlich nicht besser wird.

Infos zum Film
Originaltitel: 50 Shades of Grey
Genre: Drama, Erotik
FSK: 16
Laufzeit: 125 Minuten
Regisseur: Sam Taylor-Johnson
Darsteller: Dakota Johnson, Jamie Dornan, Marcia Gay Harden, Rita Ora, Eloise Mumford, Luke Grimes

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