Filmkritik: Into the Woods

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Alle Jahre wieder, so scheint es, werden mehr oder weniger berühmte Musicals aus der Kiste gezogen und filmisch umgesetzt. Und während ich eine Person bin, die jederzeit bereit ist ein gutes Musical auch mehrmals anzuschauen, gibt es auch eine Menge Leute, die dem ganzen Genre herzlich wenig abgewinnen können. Da eine Zielgruppe herauszudefinieren, dürfte schwer werden. "Into the Woods" von Stephen Sondheim (auf dessen Konto auch Sweeney Todd und die West Side Story gehen) läuft seit beinahe 30 Jahren auf diversen Bühnen. Und während diese Mischung aus verschiedenen Märchen und der Frage, was passiert wenn man sich etwas zu sehr wünscht, auf der Bühne scheinbar recht erfolgreich unterwegs ist, fehlt es dem Film an...ja, ich weiß auch nicht so genau. Irgendwas fehlt da auf jeden Fall. Oder ist einfach sehr, sehr seltsam. Mal sehen, ob in dieser Kritk herausgefunden werden kann, was da genau vor sich geht in den düsteren, alles andere als kindgerechten Wäldern. 



Der Bäcker und seine Frau haben eigentlich ein schönes Leben zusammen in einem kleinen Dorf. Doch was zum großen Glück noch fehlen würde, ist ein Kind. Doch dieses lässt auf sich warten. Eines Tages taucht die Dorfhexe im Geschäft der Beiden auf und klärt das Fernbleiben des Nachwuchses auf: Ein Fluch lastet auf dem Bäcker, und dieser kann nur gelöst werden, wenn ein paar Gegenstände besorgt werden: Goldene Schuhe, ein Cape so rot wie Blut, eine Kuh so weiß wie Milch und eine Strähne goldenes Haar. All diese Gegenstände, so sagt die Hexe, sind im Wald zu finden. Doch die jeweiligen Besitzer haben ihre eigenen Träume und Wünsche, die sie in den Wald führen. Alle müssen sich die eine Frage stellen: Will ich wirklich, dass mein Wunsch in Erfüllung geht?

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Der größte Pluspunkt an "Into the Woods" ist sicherlich sein gekonntes Casting. Meryl Streep als Hexe ist sowieso über alles und jeden erhaben. Ihr Auftreten ist stets furios, wie ein Sturm betritt und verlässt sie ihre Szenen. Auch gesanglich leistet sie Großartiges und gefällt mir hier deutlich besser als beispielsweise in "Mamma Mia". Auch Anna Kendrick als Cinderella beweist einmal mehr, dass sie Gesangstalent hat. Überrascht war ich von Emily Blunt und Chris Pine, bei beiden wusste ich bisher nicht, dass sie singen können. Wer den kleinen Jungen aus "Les Misérables" mochte, darf sich hier über ein Wiedersehen freuen. Fans von Johnny Depp werden ebenfalls zufriedengestellt. Überhaupt, gesangstechnisch liefert sich hier niemand einen Fehltritt. Allerhöchstens gibt es mittelmäßige Sangestalente wie beispielsweise Rapunzel. Das dürfte sicherlich auch daran liegen, dass die meisten Darsteller auf eine gewisse Erfahrung am Broadway zurückgreifen können. Stephen Sondheims Songs sind alles andere als einfach zu performen, und die meisten Schauspieler schlagen sich hier wacker. Johnny Depp hat seit Sweeney Todd zwar nichts dazugelernt, bringt seinen Wolf aber im gegebenen Rahmen überzeugend. Auch die Kostüme wissen zu gefallen, wenn auch der Wolf ein wenig gewöhnungsbedürftig daherkommt. Aber da die ganze Rolle so ausgelegt scheint, passt das schon irgendwie.

Worunter der Film allerdings enorm leidet, ist das zeitweise schlicht und ergreifend nicht vorhandene Talent des Regisseurs. Rob Marshall hat 2002 mit "Chicago" bewiesen, dass er auch anders kann. Hier ist sein damaliges Talent allerdings die meiste Zeit abwesend. Ab und an blitzt eine gewisse Kreativität durch, beispielsweise bei der Inszenierung von "Agony". Obwohl auch hier die größte Leistung von Chris Pine und Billy Magnusson ausgeht, die sich komplett in romantischen Klischees verausgaben. Der Humor resultiert hier aber größtenteils daraus, dass es sich um zwei absolute Frauenhelden handelt, die sich als Schauspieler auch dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet haben. Hello, Captain Kirk, sag ich da nur. Johnny Depp gibt sich auch alle Mühe, doch die Inszenierung von "Hello Little Girl" wirkt leider komplett belanglos und uninteressant. Was daraus hätte werden können, wenn ein wirklich fähiger Regisseur etwas zu sagen gehaht hätte, werden wir wohl nicht erfahren. Dieser Wolf hätte bedrohlicher, lustvoller sein müssen, doch er wirkt, als würden ihm die Zähne fehlen. Ein anderes Beispiel wäre "At the steps of the Palace" oder jede beliebige Nummer mit Meryl Streep. Diese funktionieren, weil sowohl Anna Kendrick als auch Meryl Streep genug Präsenz und Stimmtalent besitzen, um diese Nummern im Alleingang zu tragen. "Into the Woods" wirkt aber leider die meiste Zeit, als hätte man das Musical von der Bühne abgefilmt. Und während dieses klaustrophobische Feeling sicherlich im verzerrten, alptraumhaften Wald seine Berechtigung hat, wäre es wünschenswert gewesen, das Setting zu öffnen wenn man sich außerhalb des Waldes befindet. So bleibt der fade Beigeschmack, dass kein Geld für anständige Sets vorhanden war. Rühmliche Ausnahme: das Set in dem "Agony" performt wird.  Unweigerlich kommen einem sämtliche Cover aller jemals erschienenen belanglosen Romantikschmöker in den Sinn, die niemand liest, die aber seit Ewigkeiten produziert werden.
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Ungeklärt wird wohl auch für immer bleiben, ob niemand der an dieser Produktion beteiligt war, jemals einen Film gesehen hat, in dem ein Riese animiert war. Spontan würde ich sagen: das muss so gewesen sein, anders kann ich mir den Special Effect Fail des Jahres nicht erklären. Vielleicht habe ich aber auch einfach einen komplett anderen Geschmack in Sachen Optik, wer weiß. Ungewohnt ist auch die Zweiteilung des Films. Während sich die erste Hilfe alle damit befassen, ihre Wünsche erfüllt zu bekommen und sich ein Happy End anbahnt, bricht die zweite Hälfte mit diesem Streben komplett. Das Glück ist eine flüchtige Sache, und sobald man es hat, ist es auch schon wieder weg. So müssen sich dann auch alle damit auseinandersetzen, wie sie mit dem Verlust des Glücks umgehen müssen. Dieser Übergang ist eindeutig zu abrupt geraten. Ich bin gewiss keine große Freundin von Zeitsprüngen, aber hier hätte man gut und gerne eine "fünf Monate später" Tafel einblenden können. Im Vergleich zum Musical ist der Film dann auch deutlich zahmer ausgefallen. Weniger brutal und vor allem in sexuellen Untertönen beinahe zum schweigen gebracht, wirkt der Wolf in seiner offensichtlichen Lust auf Rotkäppchen unweigerlich verstörender. Während eine Diskussion über die Parallelen zwischen Rotkäppchens Reise in den Bauch des Wolfes und dem ersten Sex durchaus eine Daseinsberechtigung hat, wird dies im Film von einer offensichtlich minderjährigen Darstellerin dargebracht. Mögliche Entjungferung hin oder her, im Kontext des Films wirkt das allerhöchstens wie der gruselige Klischeepädophile aus dem dunklen Wald. Bis auf die Geschichte mit dem Wolf sind aber sämtliche sexuellen Untertöne beinahe ausgelöscht. Sogar die Prinzen sind hier treu. Kindgerechter wird der Film dadurch aber nicht.

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Nun muss man sich auch unweigerlich die Frage stellen, ob man im Jahr 2015 noch auf die längst überholte, weil tausendmal durchexerzierte Dekonstruktion von Märchen noch angewiesen ist. Einst auch der Hit in meinem eigenen Studienfach, kümmert sich selbst dort kaum noch jemand um das Thema. Die Frage nach der Verantwortung hinter dem Konzept des Wünschens ist sicherlich berechtigt, aber auch schon oft genug durchgekaut worden. So fühlt sich der Film größtenteils an, als wäre er einfach mindestens 10 Jahre zu spät veröffentlicht worden. So sind am Ende zwar alle irgendwie schlauer, haben alle verstanden dass man vorsichtig sein soll, denn man könnte bekommen was man sich gewünscht hat. Dass es bis dahin aber knappe zwei Stunden gebraucht hat, in denen es zwischenzeitlich einfach nur sterbenslangweilig ist, ist keine Glanzleistung. So kann "Into the Woods" mit ein paar positiven Aspekten, allen voran die Darsteller, aufwarten, gebraucht hätte es diese Musicalverfilmung aber nicht unbedingt. 

Infos zum Film
Originaltitel: Into the Woods
Genre: Musical, Drama, Komödie
Laufzeit: 124 Minuten
FSK:
Regisseur: Rob Marshall
Darsteller: Emily Blunt, James Corden, Meryl Streep, Anna Kendrick, Chris Pine, Johnny Depp


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