Filmkritik: Inherent Vice

© Warner Bros. Pictures
So, heute fangen wir mit dem Review mal anders an, nämlich mit einem Erfahrungsbericht. Ab und an muss man sich auch mal etwas gönnen. Zum Beispiel einen schicken Ausflug in eine Institution, in der man auch Filme anschauen kann. Da ich mich momentan in Dublin befinde, lag also ein Ausflug in das Irish Film Institute, kurz IFI nahe. In London hatte ich schon die Freude, das British Film Institute, BFI, zu besuchen. In Dublin ist aber alles ein wenig persönlicher und kleiner. Hach, geheiligte Hallen. Mitten im Szeneviertel Temple Bar gelegen, grüßt eine alte, aber ehrwürdige Fassade. Innendrin kommt man an einem Shop vorbei, in dem Film um Film im Regal steht. Zu gerne hätte ich mich einmal durch das ganze Sortiment gewühlt, aber die Zeit fehlte. Vielleicht komm ich aber noch dazu. Im Institut selbst werden auch Filme gezeigt, eine schicke Mischung aus Irischem Film, Arthouse und auch ein bisschen Mainstream. Also, so weit Mainstream wie man Inherent Vice oder Birdman als Mainstream bezeichnen kann. Inherent Vice war für diesen Abend mein Film der Wahl. Zur Einstimmung gab es leckeres (und recht günstiges!) Essen aus dem Restaurant, und pünktlich um 18 Uhr ging der Saal auf. Innendrin erwarteten uns Zuschauer flauschige, samtig weiche und sehr rote Sitze. Ein bisschen abgenutzt wirkt es, aber irgendwie auch heimelig. Popcorn und andere Fressalien werden garnicht erst verkauft, Getränke kann man in Plastikbechern mit in den Saal nehmen. Ruhe war also garantiert. Beinfreiheit ist zwar nicht so gegeben, jedenfalls wenn man über 1,80 groß ist, aber egal. Pünktlich ging dann auch der Film los, und über den berichte ich dann jetzt. 

Bücher von Thomas Pynchon galten bisher aus diversen Gründen als unverfilmbar. Wie gut, dass Paul T. Anderson auf diesem Planeten verweilt, denn der hat sich jetzt der Sache angenommen und präsentiert uns die erste Verfilmung eines Pynchon-Werkes. Klären wir doch zunächst mal, worum es eigentlich geht. 
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Larry "Doc" Sportello lebt in den irgendwie entspannten, aber dann doch nicht ganz so entspannten 70ern. Eigentlich ist er Privatdetektiv, hauptberuflich ist er aber lieber high. Eines Tages steht Shasta Fay Hepworth, seine Exfreundin, in seinem Wohnzimmer. Erzählt ihm, dass ihr aktueller Freund, der ziemlich reiche und ziemlich bekannte Bauunternehmer Mickey Wolfman, von seiner Frau und ihrem Geliebten in eine Irrenanstalt eingewiesen werden soll. Shasta findet das garnicht gut und bittet Doc um Hilfe. Der kann unmöglich nein sagen, eigentlich kann er garnicht so viel sagen. Er nimmt sich des Falles an, doch dann verschwindet auch Shasta. Als er neben einer Leiche aufwacht, ist nicht nur sein spezieller Freund, ein Cop namens "Bigfoot", auf ihn aufmerksam geworden, auch andere Leute wenden sich mit scheinbar anderen Fällen an ihn. Doch je mehr Doc ermittelt, desto verworrener wird die ganze Angelegenheit, wenn du verstehst was ich sagen will...

Klingt ein wenig ziellos, wenn man sich das so durchliest, oder? Ist es auch. Wer gerne Filme sieht, die von vorne bis hinten anständig strukturiert sind, in denen jederzeit klar ist was eigentlich grad abgeht, und in denen man am Ende weiß, was zur Hölle da eben passiert ist, der wird hier wohl nicht glücklich werden. Wer sich aber auch mal treiben lassen kann, nach einem Nachmittag an dem man nur irgendwo rumgesessen hat um die Leute zu beobachten wunschlos glücklich ist, der könnte diesen Film mögen. Im Vorfeld drängte sich oft der Vergleich zu dem Cohen-Meisterwerk "The Big Lebowski" auf, das würde ich so nicht unbedingt unterschreiben. Inherent Vice ist zwar auch ein Stonerfilm, aber irgendwie dann doch anders. Die 70er, das hat schon schon Hunter S. Thompson vorausgesagt, sind nicht so unbeschwert wie die späten 60er. Manson ist allgegenwärtig, die positive  Stimmung durchzogenmit Angst und Paranoia. In der Schule hat mein Mathelehrer immer versucht, dafür zu sorgen dass alle das richtige Ergebnis kriegen, natürlich nur mit der Methode, die er zuvor beigebracht hat. Ich fand den Matheunterricht immer besonders schlimm, weil meine einzige Fähigkeit war, die Aufgaben anders zu lösen, als der Lehrer es wollte. Zum Ergebnis bin ich oft genug gekommen, nur eben nicht auf dem "richtigen" Weg, und noch lang nicht immer. Inherent Vice gefällt mir auch deshalb: Die Lösung ist doch am Ende völlig egal, wir sollten nicht so fixiert darauf sein sie andauernd zu finden. Völlig überbewertet, das ganze Zeug. 
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Inherent Vice als Film hat einiges an Ähnlichkeiten mit dem durchschnittlichen High, welches nach dem Genuss gewisser Pflanzen für gewöhnlich nicht allzu lang auf sich warten lässt. Manche Dinge machen plötzlich Sinn, andere sind egal. Manches wiederholt sich, manches ist neu, wird aber nicht aufgenommen. Andere Dinge weiß man eben schon, auch wenn sie vorher nie erklärt wurden. Die Prioritäten sind anders. Sogar der unvermeidliche Fressflash lässt nicht lang auf sich warten, wenn auch in anderer Form als zunächst gedacht. Aber ich hab gehört, man entwickelt grad eine Sorte, bei der man nach dem Konsum nicht das Bedürfnis hat, den ganzen Kühlschrank auf einmal zu leeren. Haltet die Augen offen, Leute.

Sortilege, die Erzählerin des Films, in der dritten Person, aber manchmal auch auf Docs Beifahrersitz (wenn da nicht grad Denis sitzt, der manchmal auch beim Ermitteln hilft), navigiert den Zuschauer mit Hilfe von Horoskopen, Planeten und Erinnerungen durch diesen Trip. Sie hilft irgendwie auch, mit den ganzen Leuten klarzukommen. Inherent Vice hat unfassbar viele Leute. Wer also, wie eingangs erwähnt, gerne Leute anschaut, der wird hier seine Freude haben. Josh Brolin als prinzipientreuer Cop Bigfoot, der sich ein zusätzliches Taschengeld mit Werbespots verdient, ist brilliant wie selten. Innere Zerrissenheit, Regeltreue, Unzufriedenheit, alles spiegelt sich in seinem Spiel wieder. Muss auch wirklich schlimm sein, wenn man so auf Regeln und Ordnung steht, und an jeder Ecke diese verdammten Hippies dabei sind, irgendwelche satanischen Kulte zu formen. Gefrorene Bananen mit Schokoüberzug werden niemals wieder so unschuldig auf mich wirken wie vor dem Film. Reese Witherspoon schaut mal kurz vorbei. Owen Wilson mit einem Saxophon und im ewigen Flüsterton gefangen beweist erneut, was er eigentlich kann. Und Martin Short bekommt von mir an dieser Stelle die Extratüte Paranoia für seine Version eines verrückten Zahnarztes (Ist er ein Zahnarzt?) auf Koks verliehen. Zwischendurch taucht noch Jena Malone auf, und ein Baby, dessen heroingeschädigten ersten Monate wohl besonders appetitlich waren. Teufelszeug aber auch. Katherine Waterston ist mir zuvor noch nie irgendwie aufgefallen, aber sie passt als Shasta perfekt in diesen Film. Verträumt, irgendwie unwirklich, nicht so wirklich greifbar. Ich bin gespannt, wann wir sie wiedersehen werden. Aber auch in allen weiteren Rollen ist der Film Top besetzt. Star der Show ist aber eindeutig Joaquin Phoenix. Unglaublich liebenswert taumelt er durch den Film, bestrebt, das Richtige zu tun. Leider ist er ein wenig zu verpeilt und zu gerne high, und so enden zahlreiche Unterhaltungen mit ihm in langem, bedeutungsschweren Schweigen. Er ist der Typ Mensch, der auf jeden Satz mit einem "right" antworten kann, und es ist einfach immer passend. Macht er auch ziemlich oft. Sein Notizbuch wäre eigentlich ein eigener Darsteller, macht sich aber auch in Joaquins Händen sehr, sehr gut mit all dieser Paranoia und dem spanischen Zeug. Oh, und hab ich erwähnt dass Benicio del Toro einen Anwalt für Marine-Recht spielt, der scheinbar auch ganz gerne mal drauf ist? Oh yeah, Baby.
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Robert Elswitt legt einen Mordsjob als Cinematographer hin. In keiner einzigen Filmsekunde hatte ich das Gefühl, es mit Kulissen zu tun zu haben. Sonnen- und nebeldurchzogene Strandbilder vermischen sich mit den Aufnahmen der Stadt, verschiedener Büros. Symmetrie spielt eine nicht unwichtige Rolle, man achte nur mal direkt auf die erste Einstellung. Inherent Vice ist Leute beobachten auf sehr, sehr schickem Niveau. Wer möchte, sollte die Augen offenhalten nach Bildern, die dem letzten Abendmahl ähneln und schicken Aufnahmen im Regen ohne irgendwelche Schnitte dazwischen. Passend dazu fügt sich die Musik ein. Sowohl die extra von Johnny Greenwood für den Film komponierten Stücke, die zum entspannen einladen und teilweise herrlich gegen den Strich gehen, als auch die für den Film ausgesuchten Musikstücke sind auf schräge Weise passend. Sicher, im Buch laufen noch ein paar mehr Charaktere rum und es ist alles noch ein wenig unübersichtlicher. Tut dem Film aber keinen Abbruch, weil genau die richtigen Figuren dann eben doch vorkommen. Tz, Änderungen von Büchern... Does it ever end? of course it does. It did. Paul T. Anderson hat ein liebevolles Händchen für seine Charaktere, die nur allzu oft in Gedanken, was-wäre-wenn-Spielchen und der Vergangenheit festhängen. Aber wer tut das denn, wenn auch nur manchmal, schon nicht? Doch untereinander verstehen sie sich, egal wie gegensätzlich sie auch sein mögen. Als Zuckerguss auf der ohnehin schon feinen Torte befindet sich dann ein wirklich seltsamer Humor. Aber am Ende, und das müssen wir uns vor Augen halten, geht es um den Respekt. Der muss stimmen. Und der stimmt hier. Auch wenn du erst gegen Ende hin merkst, dass du eigentlich einen ganz anderen Film gesehen hast, als du zu Beginn dachtest. Aber es wird Sinn machen. Oder auch nicht. Wer weiß das schon?


Infos zum Film
Originaltitel: Inherent Vice
Genre: Comedy, Drama, Stoner, Detektivstory
Laufzeit: 149 Minuten
FSK: 16
Regisseur: Paul T. Anderson
Darsteller: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherin Waterston, Reese Witherspoon, Owen Wilson, Benicio del Toro, Martin Short, ein ganzer Haufen sehr cooler Leute

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