Filmkritik: Grand Budapest Hotel

© Twentieth Century Fox
Grand Budapest Hotel lief schon im letzten Jahr im Kino, was bedeutet dass der Film schon für das Heimkino zu haben ist. Was gut für uns alle ist, denn so kann man sich den Film schick ins Regal stellen. Nach nahezu einstimmiger Meinung der zugänglichste Film von Wes Anderson, handelt es sich um ein irgendwie schrulliges, verrücktes, äußerst liebenswertes Loblied auf romantischere, vergangene Zeiten. Bis in die letzte Nische hochkarätig besetzt (und das ist nicht nur so dahergesagt, in diesem Film scheint wirklich jeder wenigstens mal durch's Bild zu huschen), kann der Film nun auf zahlreiche Preise, darunter allein vier Oscars für den Soundtrack, Kostüme, Make-Up und Production Design, blicken. Doch worum geht es denn eigentlich, und wie gut ist der Film nun wirklich? Hier gibt's die Antworten.





In dem fiktiven (aber irgendwie an Ungarn erinnernden) Land Zubrowska befindet sich der Friedhof der Stadt Lutz. Dort setzt sich eine junge Frau auf eine Bank und beginnt, ein Buch zu lesen. Eine Büste des in Lutz sehr verehrten Schriftstellers steht neben ihr, verziert mit allerlei Gedenkstücken. Das Buch, welches sie liest, wurde 1985 geschrieben und erzählt von einer Schreibblockade, die den Autor im Jahre 1968 zu einer Reise in das Grand Budapest Hotel animierte. Dort trifft er auf Zero Mustafa, den geheimnisvollen Besitzer des Hotels. Dieser erzählt wiederrum beim Abendessen seine Geschichte, die sich um sein Leben als Lobbyjunge unter der Fittiche des exravaganten Monsieur Gustave dreht. Monsieur Gustave ist der Concierge des Hotels, und voll und ganz den Bedürfnissen seiner Gäste verschrieben, noch bevor diese überhaupt wissen, was sie eigentlich wollen. Als eine ältere Dame, regelmäßig zu Gast im Hotel, plötzlich stirbt, reisen Monsieur Gustave und Zero zu ihrem Schloss, um Abschied zu nehmen. Das Testament offenbart, dass Monsieur Gustave ein wertvolles Gemälde erben soll. Doch es kommt ja immer anders, als man denkt, und eine abenteuerliche Reise zieht die beiden in ihren Sog.

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Klingt zunächst verwirrend, was uns Mastermind Wes Anderson da als Geschichte vorsetzt? Keine Angst, es wird noch besser, denn diese Geschichte sieht garnicht ein, wieso man sich nur auf eine Erzählung beschränken sollte. So entsteht ein irrsinniges Abenteuer, gespickt mit Überraschungen. Nun ist Wes Anderson sicher kein Regisseur, zu dem jeder Zuschauer direkt einen Zugang findet. Und doch ist der Film, trotz seiner zunächst kompliziert klingenden Geschichte, vermutlich der Anderson, mit dem man am leichtesten zurecht kommt.

Bereits die ersten Minuten des Films offenbaren dabei, um was für ein kleines Juwel es sich hier handelt. Mir sind selten so liebevolle Szenenbilder untergekommen, teilweise wirken sie wie Gemälde, teilweise wie nachträglich colorierte, sehr alte Filmaufnahmen. Die Kamera lässt sich dabei alle Zeit, jedes Bild genau zu erkunden, es geht niemals hektisch zu. So kann man als Zuschauer in Ruhe in der bonbonfarbenen Welt des großen und ehrwürdigen Grand Budapest Hotel zu seinen besten Zeiten schwelgen, kann die Umgebung erkunden und mit den Figuren auf Reisen gehen. Dabei ist wirklich jedes Set extrem detailverliebt, aufwändig dekoriert und es gibt auch bei einem zweiten oder dritten Sehen immer etwas neues zu entdecken. Schon allein aus diesem Grund macht "Grand Budapest Hotel"enormen Spaß. Auszeichnungen in Form von zahlreichen Oscars gab es absolut zu Recht.

Doch am meisten Spaß machen vermutlich die Darsteller. Ich wusste beispielsweise nicht, dass Ralph Fiennes so ein Gespür und Talent für Comedy besitzt. Doch er gibt den Concierge, der so sehr um das Wohl seiner Gäste besorgt ist, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Stets mit einem Lächeln im Gesicht, äußerst resolut und immer unter vollstem Körpereinsatz regelt er sein Hotel, seine Gäste und die Angestellten. Ohne sein Parfum "Air du Panache" ist er aufgeschmissen, seine Kleidung gehört zu ihm wie eine zweite Haut. Weil er jeden kennt, kann niemand ihm widersprechen, und die ganze Welt scheint ihm mindestens einen Gefallen schuldig zu sein. Doch er ist auch eine tragische Figur, ein Mensch der weiß, dass die Zeiten sich ändern. Der Film spielt zwischen zwei Weltkriegen, und das Gefühl des Wandels ist der Hauptfigur ins Gesicht geschrieben. Fiennes steht Newcomer Toni Revolori  als Page in Ausbildung in Nichts nach. Die beiden ergänzen sich wunderbar, spielen sich die Witze und Gesten wie Bälle hin und her. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wann wir mehr von diesem  jungen Talent sehen werden. Der Film ist darüber hinaus bis in die kleinste Nebenrolle prominent besetzt. Tilda Swinton beweist eindrucksvoll, wie man jemanden mit Make-Up altern lassen kann. Adrien Brody ist ein Fiesling, wie er im Buche steht und Willem Dafoe spielt hier so gruselig und kaputt dass es einem unweigerlich jedes Mal ein Grinsen ins Gesicht zaubert, wenn er auftaucht. Faszinierenderweise wirkt niemand so, als müsste er sich hier tatsächlich Mühe geben, eine Rolle zu präsentieren. Eher hat man den Eindruck, dass sich alle irgendwie zufällig getroffen haben, um einfach mal Unsinn zu treiben. Untermalt wird dies mit der wundervollen Musik von Alexandre Desplat. Mal verspielt, mal tragisch, immer passend und sehr eigenwillig.

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Große Teile des Humors ergeben sich aus den zeitgenössischen Dialogen, die durchzogen sind mit Schimpfwörtern. Dies mag im ersten Moment etwas befremdlich wirken, entfaltet aber recht schnell einen ziemlich speziellen Charme. Hier kommt auch wieder das enorme Timing von Fiennes zum Zuge, wenn er unter vollster Auferbietung seiner Würde eine Situation unter Kontrolle halten will, nur um im nächsten Moment mit einem "ah well, fuck it" zu resignieren. Doch auch einige Action-Setpieces haben es in den Film geschafft, und diese bieten teilweise recht überdrehten körperlichen Slapstick. Doch dem regen Treiben auf der Leinwand ist eine Ruhe gegenüber gestellt, die den Bildern jeweils innewohnt. Fast ist es, als würde man eines dieser weihnachtlichen Modelldörfer von oben beobachten, vollgestopft mit allerhand Figuren die beschäftigt scheinen. Das Geschäftige ist eine Illusion, und damit befasst sich letztendlich auch der Film: mit dem aufrechterhalten von Illusionen. Und Monsieur Gustave, das wird klar, ist der Meister in Sachen Illusionen. 

In "Grand Budapest Hotel" stimmt einfach Alles. Wundervolle Bilder treffen auf perfekt passende Musik. Eine witzige, tragische und zeitweise absurde Story wird von liebenswerten, schrulligen Charakteren zum Leben erweckt. Wes Anderson erweist sich als überaus fähiger Regisseur einer ganzen Riege gut aufgelegter Schauspieler. Eine klare Empfehlung für dieses liebenswürdige Bonbon von einem Film.


Infos zum Film
Originaltitel: Grand Budapest Hotel
Genre: Drama, Komödie
FSK: 12
Laufzeit: 101 Minuten
Regisseur: Wes Anderson
Darsteller: Ralph Fiennes, Jude Law, Tilda Swinton, Jeffrey Goldblum, Willem Dafoe, Adrien Brody, Saoirse Ronan, Léa Seydoux, Toni Revolori und so ziemlich jeder andere Schauspieler überhaupt


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