Wer ist eigentlich ... Danny Boyle?

Es ist ein neues Jahr, Grund genug zu sagen: Herzlich willkommen in einer neuen Rubrik hier auf meinem Blog. Kennt ihr das, wenn ihr total fasziniert über euren Lieblingsregisseur redet, aber vom Gegenüber kommt allerhöchstens so ein desinteressiertes "Hä?" daher? Oder euer Freund redet schon wieder über diesen seltsamen Regisseur, von dem ihr noch nie gehört habt? Hier will ich Abhilfe schaffen. Nach und nach werde ich euch Regisseure vorstellen, die ich aus verschiedenen Gründen für wichtig halte. Ich werde dafür nur auf Regisseure zurückgreifen, deren Gesamtwerk ich entweder komplett oder wenigstens beinahe komplett gesehen habe. Ihr werdet ein wenig aus dem Leben des jeweiligen Regisseurs erfahren, danach werde ich seine Filme vorstellen. Den Anfang macht einer meiner absoluten Lieblinge, nämlich Danny Boyle.


Danny Boyle wurde am 20. Oktober 1956 in Radcliffe, Lancashire geboren. Seine Eltern waren sehr katholische Iren, und Danny wäre, wenn es nach Meinung seiner Eltern gelaufen wäre, Priester geworden. Stattdessen wandte er sich recht früh dem Drama zu. Er studierte Drama an der Bangor Universität in Wales und arbeitete nach seinem Abschluss an verschiedenen Theatern in England. Am Theater findet man ihn auch heute noch, so inszenierte er beispielsweise Frankenstein mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle. Auch für das Fernsehen, hauptsächlich für die britische BBC, inszenierte er einige kleinere Filme. Auf seine Filme, die für das Kino konzipiert wurden, werde ich im Folgenden nun einzeln eingehen und dabei chronologisch vorgehen. 

Verleih: MFA+
Kleine Morde unter Freunden (Shallow Grave) erschien 1995. In den Hauptrollen gibt es unter anderem Ewan McGregor und Christopher Eccleston zu sehen. Eine Dreier-WG sucht einen vierten Mitbewohner. Der Einzige, der das Casting übersteht, ist Hugo. Kurz nach seinem Einzug liegt er auch schon tot in seinem Bett, gestorben an einer Überdosis Drogen. Weil eine Leiche noch nicht Problem genug ist, finden die drei Freunde unter dem Bett einen Koffer voller Geld. Sie beschließen, die Leiche verschwinden zu lassen und das Geld zu behalten. Schon bald sind ihnen sowohl die Polizei als auch andere Killer auf den Fersen. Es wird schwieriger, weitere Leichen verschwinden zu lassen. Außerdem sorgt die angespannte Lage für Misstrauen unter den Freunden, und die Lage eskaliert komplett. 
Was als leichte Komödie beginnt, entwickelt sich schnell zu einem knallharten Psychothriller. Die Überheblichkeit der drei Freunde reitet sie ins Verderben, die äußeren Umstände in Form von Koffern und Killern liefern nur die Zündung für den Konflikt. Danny Boyle beweist schon hier, dass er einen ganz eigenen Stil in Sachen Inszenierung verfolgt. Schauspieltechnisch gefallen vor allem Ewan McGregor und Christopher Eccleston, welcher im Jahr 2005 nach ewig langer Pause in die Rolle des Doctors schlüpfte und Doctor Who wieder Leben einhauchte. Freunde des gepflegten, schwarzen Humors sollten diesem Film definitiv eine Chance geben.

Verleih: Prokino
Trainspotting erscheint ein Jahr später, erneut übernimmt Ewan McGregor die Hauptrolle. In Nebenrollen finden wir Ausnahmetalente wie Robert Carlyle wieder. Es handelt sich um die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Irvine Welsh. Wir beobachten Mark, einen in Edinburgh lebenden Junkie. Sein einziges Ziel: der nächste Schuss. Irgendwie würde er aber auch gerne clean werden. Gar nicht so einfach, wenn alle Freunde ebenfalls abhängig sind. Trainspotting wechselt mühelos zwischen Komödie und Tragödie, zwischen dokumentarischem Entzug und Beschaffungskriminalität, zwischen alptraumhaften Babies und der verdammt nochmal beschissensten Toilette in ganz Schottland. Eine Milieustudie, die sich die unterste Unterschicht vornimmt, und in dieser die Randgestalten beleuchtet. Irgendwo zwischen unterhaltsam und erschreckend befindet sich Trainspotting. Für mich persönlich eines der absoluten Highlights in Sachen Film. Wer auch nur ein bisschen englisch kann gibt sich bitte die Originalfassung und genießt den wundervollen schottischen Akzent. Außerdem einer der besten Filme wenn es darum geht, zu zeigen wieso man lieber die Finger vom Heroin lässt.


Verleih: Polygram
Lebe lieber ungewöhnlich (A Life less ordinary) ist 1997 irgendwo zwischen Roadmovie und RomCom anzusiedeln, Boyle-Liebling Ewan McGregor und Cameron Diaz haben die Hauptrollen. Zwei Engel bekommen den Auftrag, ein Paar zusammenzubringen. Leider kennt besagtes Paar sich noch nicht, und beide sind auch vergeben. Doch dies wird schnell geändert. Als McGregor dann kurzerhand Diaz, welche die Tochter seines ehemaligen Chefs spielt, entführt um ordentlich Geld zu erpressen, nehmen die Dinge ihren Lauf.







Verleih: 20th Century Fox
The Beach ist erneut eine Buchverfilmung, diesmal vom gleichnamigen Buch von Alex Garland. Im Jahr 2000 schien die Welt allerdings noch nicht bereit für einen Film in dem man sowohl Leonardo DiCaprio als auch Tilda Swinton bewundern darf. Im Film begleiten wir Richard, der sich mit dem Rucksack nach Thailand abgesetzt hat. Durch mysteriöse Umstände gelangt er an eine Karte, auf der ein geheimes Paradies in Form einer Insel voller Aussteiger eingezeichnet ist. Gemeinsam mit einem französischen Ehepaar macht er sich auf die Suche nach der Insel. Dort werden die drei zwar nicht freundlich aufgenommen, aber man schickt sie auch nicht wieder weg. Doch die Idylle hält nicht lang, denn in der Gruppe bricht Streit aus, und auch die benachbarten Cannabisbauern wären ihre Nachbarschaft lieber los. Bricht man den Film auf das Wesentliche herunter, so geht es um die Suche und die darauf folgende Vertreibung aus dem Paradies. Ein Film für Leute, die mit dem Thema Rucksacktourismus und Aussteiger etwas anfangen können. Urlaubslaune ist garantiert, trotz des Konflikts, der sich am Ende im Film ausbreitet.


Verleih: 20th Century Fox
28 Days Later war 2002 ein überraschender Ausflug ins Horrorgenre. Ein paar Tierschützer befreien Affen, die mit einem hochansteckenden Virus infiziert sind. Dieser Virus verwandelt Menschen innerhalb weniger Sekunden in rasende Wahnsinnige. 28 Tage später wacht Jim nach einem Unfall aus dem Koma auf. Er verlässt das Krankenhaus, das völlig verwüstet ist. Die Straßen von London sind menschenleer, in einer Kirche findet Jim neben unzähligen Leichen einen infizierten Priester. Schnell verfolgt ihn, angelockt durch den Lärm, eine ganze Gruppe Infizierter. Die Rettung kommt in Form zweier anderer Überlebender. Ein Plan ist auch schnell herbeigezaubert: eine Radiodurchsage verspricht eine organisierte Gruppe Überlebender in Manchester. Doch die Gruppe von Militärs, die sich außerhalb von Manchester in einer Villa zuammengerottet hat, verfolgt ihre ganz eigenen Pläne. 28 Days Later zeigt die Konsequenzen einer Virusepidemie in grobkörnigen, ungeschönten Bildern auf. Angesiedelt irgendwo zwischen Horrorfilm mit schnellen Zombies (die keine Zombies sind), einer Allegorie auf das politische Geschehen und Drama, erwartet den Zuschauer hier eine post-apokalytische Welt. Verzweiflung und Einsamkeit strahlen aus dem Film und Cillian Murphy spielt, wie eigentlich sowieso immer, grenzgenial. Inmitten der Zerstörung finden sich wunderschöne Aufnahmen eben dieser. 28 Days Later begründete, obwohl es sich de facto nicht um einen Zombiefilm handelt, den Aufschwung der restlichen Zombiefilme zu Beginn des neuen Jahrtausends. Schaut man sich die vorherigen Werke von Danny Boyle an, so ist ein Horrorfilm zunächst eine überraschende Wahl. Die bisherige Distanz zu diesem Genre hat aber für einen abwechslungsreichen, angenehm andersartigen Film gesorgt, den sich eigentlich jeder ansehen sollte.Die Augen auf dem Poster jagen mir auch Jahre später noch einen Schauer über den Rücken.

Verleih: 20th Century Fox
Millions ist ein Ausflug ins Kinderfilmgenre aus dem Jahr 2004. Zwei Jungs finden eine Tasche voller britischer Pfund. Dumm nur, dass diese in zwei Tagen ihre Wertigkeit verlieren, da auf Euro umgestellt werden. Es stellt sich also die Frage, was mit dem Geld passieren soll. Der eine will einkaufen, das Geld anlegen, der andere will es lieber verschenken. Dem richtigen Besitzer des Geldes gefallen beide Ideen weniger. Ruhig inszeniert konzentriert der Film sich auf die Probleme des Erwachsenswerdens, ohne moralisch zu wirken.







Verleih: 20th Century Fox
Sunshine beschert uns 2007 ein Wiedersehen mit Cillian Murphy (der sowieso viel zu wenig Filme macht, wie ich finde). Erneut wird hier ein Script von Alex Garland verfilmt. Die Welt ist dabei, zuzufrieren weil die Sonne aufgehört hat zu scheinen. Man schickt also eine Gruppe Menschen mit einer massiven Bombe in einem Raumschiff los, um die Sonne mittels Explosion wieder zu starten. Es ist bereits die zweite Expedition, von dem ersten Schiff hat man nie wieder etwas gehört. Als kein Funkkontakt mehr zu Erde besteht, taucht das verschollene Raumschiff allerdings wieder auf. Ab diesem Moment läuft alles anders, als geplant war, und die Mission steht vor dem Scheitern. Sunshine schwächelt ein wenig, wenn es um die Charaktertiefe geht. Dafür überzeugt der Weltraumthriller auf ganzer Länge wenn es um Atmosphäre geht. Wunderschön eingefangene Bilder, ein passender Score und allerhand Verbeugungen in Richtung 2001: A Space Odyssey und Alien begleiten einen Film, bei dem die Reise im Mittelpunkt steht, mit allen Reibungen und Konsequenzen, die ein Ensemble mit sich bringt. Außerdem schafft Sunshine es, beinahe schon pervers, mit dem Zuschauer zu spielen. Wir wollen mehr über die Figuren erfahren, mehr über die Hintergründe der ganzen Mission, einfach mehr über alles. Diese Befriedigung erreichen wir im Film nicht, die Sehnsucht macht sich breit. Als kleiner Zuschauer kapituliert man vor dem großen Ganzen und macht somit eine ähnliche Geschichte durch wie die Figuren im Film.

Verleih: Prokino
Slumdog Millionär (2008) bedeutete den internationalen, endgültigen Durchbruch für Danny Boyle. Sein Drama um einen Jungen, der dank seiner ungewöhnlichen Lebensgeschichte in der indischen Version von "Wer wird Millionär" alle Fragen beantworten kann wurde unter anderem mit acht Oscars ausgezeichnet. Angesiedelt irgendwo zwischen indischem Märchen und ausgereifter Sozialkritik, kann sich der Film bisweilen nicht so recht für eine der beiden Seiten entscheiden und hängt dementsprechend manchmal in den Seilen.Großartig anzuschauen und packend ist er dann aber natürlich auf jeden Fall trotzdem.






Verleih: 20th Century Fox
127 Hours verbringt James Franco im Jahr 2010 in diesem Film eingeklemmt in einer Felsspalte. Basierend auf einer wahren Geschichte, trägt James Franco diesen Film. Regisseur und Hauptdarsteller durften vorher die bis dato geheim gehaltenen Videoaufzeichnungen, die Aron Ralston aufnahm, als er zwischen den Felsen gefangen war, ansehen. Der Inhalt wurde im Film exakt wiedergegeben. Gepaart mit der realistischen Darstellung und dem eindringlichen Spiel von James Franco wohl einer der intensivsten Filme der letzten Jahre. 







Verleih: 20th Century Fox
Trance erschien 2013 und setzt sich mit den Möglichkeiten von Hypnose auseinander. James McAvoy spielt einen Kunsthändler, der an eine Gruppe von Kunsträubern, angeführt von Vincent Cassel, gerät. Als er ein Bild verliert, dass die Gangster stehlen wollten, unterzieht er sich Hypnose, um seine Erinnerung aufzufrischen. Trance weiß von vornherein, was er kann und was nicht. Unzählige Twists verwirren den Zuschauer bis an die Schmerzgrenze, die Schauspieler haben sichtlich Freude an der Arbeit und die ganze Inszenierung wird mit fortschreitendem Filmverlauf immer abgedrehter. Als Zuschauer wird man unweigerlich hineingesogen in dieses abgedrehte Stückchen Film, am Ende sitzt man da und weiß nicht so genau, was zur Hölle da eigentlich gerade passiert ist. Grellbunt und mit passender Musik unterlegter Trip in die Untiefen der Psyche und eine absolute Achterbahnfahrt.




Momentan arbeitet Danny Boyle an mehreren Filmen. Smash and Grab befasst sich mit einer Bande von Diamantendieben, mit Jobs erwartet uns eine Biografie des Apple-Giganten vermutlich im Jahr 2015. Gerüchte kursieren immer wieder, wenn es um eine weitere Fortsetzung der Zombiereihe, die dann vermutlich 28 Months Later heissen würde, geht, ebenso warten zahlreiche Fans auf Porno, die Fortsetzung zu Trainspotting. So oder so bleibt zu hoffen, dass Danny Boyle uns noch lange Zeit mit seinen vielfältigen Filmen beehrt. 

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