Filmkritik: Baymax

© Disney
Disney befindet sich schon eine ganze Weile auf dem aufsteigenden Ast, wenn es um Animationsfilme geht. Müsste ich schätzen, dann würde ich sagen dass bereits "Bolt" diesen Aufwärtstrend ins Rollen gebracht hat. Während "Ralph reicht's" sich mit den bösen Jungs aus Computerspielen auseinandergesetzt hat, waren "Rapunzel" und "Die Eiskönigin" zwei erfrischende Versuche, das Thema Disney-Prinzessin ein wenig zeitgemäßer zu verpacken. Und auch sonst läuft es gut im Haus mit der Maus. Superhelden hat man mit den "Unglaublichen" ja eigentlich auch schon mit an Bord. Der Nachfolger dazu steht auf meiner "muss ich unbedingt haben" Liste übrigens ganz weit oben. Als Disney dann Marvel gekauft hat, durften sich wohl ein paar Leute durch deren Katalog arbeiten und Comics finden, die man verfilmen könnte. Irgendjemand ist dabei wohl über die vermutlich relativ unbekannte Reihe "Big Hero 6" gestolpert und hat sich gedacht: Das sieht gut aus, da machen wir einen Film draus. Jetzt handelt es sich natürlich oberflächlich betrachtet um nichts weiter als eine weitere, lupenreine Origin-Story um ein paar unfreiwillige Helden. Also sowas wie Avengers oder die Guardians of the Galaxy, nur für eine jüngere Zielgruppe. Macht das trotzdem Spaß? Ich sage: auf jeden Fall!

Hiro lebt in der Metropole San Fransokyo. Er ist zwar ein ziemlich cleverer Junge, aber auf High School hat er trotzdem nicht so viel Lust. Viel lieber bestreitet er in zwielichten Hinterhöfen Roboterkämpfe. Als er dabei erwischt wird, beschließt sein älterer Bruder Tadashi, Hiro mit in die Schule zu nehmen. Dort trifft er eine ganze Reihe Schüler, die ihre Zeit damit verbringen spannendes Zeug zu erfinden. Für Hiro steht fest: dort möchte er auch hin. Zutritt bekommt aber nur, wer etwas wirklich beeindruckendes erfunden hat. Hiro erfindet die so genannten Mikrobots, die sich durch Gedanken steuern lassen. Doch als er nach einem tragischen Unfall beinahe allein dasteht, lässt er alle Hoffnung fallen. Der einzige, der ihm helfen will, ist Baymax, der große, freundliche und extrem kuschelbare Erste-Hilfe-Roboter...

Sooooo kuschelig. © Disney
Vormachen muss man sich da nix: Am Ende ist "Baymax" auch nur Standardware, über weite Teile vorhersehbar und im großen und ganzen nicht immer so originell, wie er gern wäre. Der deutsche Titel (wer denkt sich so Wörter wie "Robuwabohu bitte aus?), liest sich auch erstmal gewöhnungsbedüftig. Wobei auch der Originaltitel "Big Hero 6" nicht sonderlich innovativ klingt. Aber Baymax, der sticht da angenehm heraus. Groß und offensichtlich zum knuddeln ist der knuffige und freundliche Ersthelfer gebaut worden. Man sieht ihn auf der Leinwand, und eigentlich möchte man nur mal kurz testweise gaaaanz vorsichtig mit einem Finger pieksen, um zu schauen wie weich und knuddelig genau er nun ist. Da er vermutlich knuddeliger und weicher und bequemer ist als alles andere, geht es garnicht anders und man fühlt sich gezwungen, zu kuscheln. Ja, so in etwa. Aber ok, ich schweife ab. Zurück zum Thema. Baymax hat also einen hohen Kuschelfaktor. Ansonsten kann er medizinische Hilfe leisten, Leute auf Probleme scannen und suuuper knuddelig sein. Das Roboter es schaffen, ihr Publikum im Griff zu haben, hat vor einigen Jahren ja bereits Wall-E eindrucksvoll gezeigt. Baymax allerdings interagiert mit den Menschen und seiner Umgebung, und das sorgt für einige Lacher. Teilweise ist es ein sehr physischer Humor, weil Baymax eben groß und etwas sperrig ist. Oft sind es aber auch seine Versuche, mit einem Teenager zu kommunizieren, Stichwort "Fistbump". Doch im Ernstfall ist Baymax zur Stelle und weiß genau, was gebraucht wird. In manchen Momenten wirkt das so, als hätte Disney sich bei der Konkurrenz umgeschaut und einen gewissen Wikingerjungen mit seinem Drachen zum Vorbild genommen, immerhin gibt es auch bei "Baymax" eine sehr eindrucksvolle Flugszene und eine ungewöhnliche Freundschaft. Aber Disney drückt diesen beiden Vorgaben dann letztendlich doch einen eigenen Stempel auf.

Baymax bietet neben einem tollen Hauptdarsteller-Duo aber auch eine Menge weitere Feinheiten. So ist die Optik von San Fransokyo wirklich beeindruckend geraten. Alte Cable Cars fahren durch eine Stadt voller futuristischer Wolkenkratzer, die Golden Gate Bridge hat einen eindeutig asiatischen Anstrich bekommen. Das wäre definitiv eine Stadt, von der ich mehr sehen wollen würde. Spaßig aufgezogen sind auch die Roboterkämpfe zu Beginn des Films, auch davon hätte es gerne mehr sein dürfen. Schön, vor allem da es sich ja um einen Film mit der Zielgruppe Kinder handelt, finde ich, dass ohne einen hohen Bodycount ausgekommen wird. Im Marvel-Universum ist das ja durchaus an der Tagesordnung, und auch bei DC werden gerne mal ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht. Auch "Baymax" liefert ordentliche Action, doch ist das simple Umbringen des Gegners niemals das Mittel der Wahl. Erfrischend ist auch, dass keiner der Teenager irgendwelche besonderen Fähigkeiten hat. Es handelt sich einfach um normale, clevere Kids, die Dinge erfinden und ihr Hirn nutzen, um Probleme zu lösen. Ein sehr gelungener Ansatz, den ich gerne häufiger im Film sehen würde. Lobenswert ist weiterhin, dass nicht zwischen Jungs und Mädchen unterschieden wird. Mädchen sind hier einfach ebenso Forscherinnen, sie sind nicht als langweiliger Love-Interest (der im schlimmsten Fall noch gerettet werden muss) im Film vorhanden, sie treten genauso Hinterteile wie die Jungs. Im Vordergrund steht die Freundschaft, und jeder Einzelne bringt etwas für das Team mit. So gefällt das! Eindrucksvoll ist auch, dass alles was Hiro im Verlauf des Films unternimmt, immer seine Begründung im Verlust des Bruder hat. So wird "Baymax" zwar gegen Ende hin immer mehr zum Einheitsbrei-Superheldenfilm, aber die Motivation des Protagonisten bleibt vorhanden und ist auch für den Zuschauer immer nachvollziehbar.
 San Fransokyo © Disney
Zu den deutschen Synchronstimmen kann ich nichts sagen, doch in der Originalversion sind diese stimmig und lassen sich gut voneinander unterscheiden. Die Bewertungsskala, die Baymax seinen Patienten anbietet, erinnert darüber hinaus ein wenig an den Roboter aus "Moon", den Kevin Spacey synchronisiert hat. Und wer Marvel bereits kennt, der weiß schon Bescheid: Nach dem Abspann kommt noch eine Szene, diese bietet einen wirklich gelungenen Cameo-Auftritt. Also unbedingt sitzen bleiben und noch ein wenig den stylischen Soundtrack genießen, der mit einer gelungenen Mischung aus klassischer Musik, unterlegt mit Electro-Klängen ganz wunderbar zum Film passt. "Baymax" ist, ganz Disney-typisch, ein Film an dem jeder etwas finden kann, was ihm gefällt. Vor allem aber macht er eines, nämlich eine ganze Menge Spaß. Bah-la-la-la-la!

Infos zum Film
Originaltitel: Big Hero 6
Genre: Animationsfilm, Superhelden, Komödie, Action, Drama
FSK: 6
Regisseur: Don Hall, Chris Williams
Synchronsprecher: Ryan Potter, Scott Adsit, Jamie Chung, Genesis Rodriguez, T.J. Miller, Damon Wayans Jr., Alan Tudyk
Trailer


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