Filmkritik: The Babadook

Causeway Films
Horror ist in den letzten Jahren, jedenfalls ist das mein Eindruck, irgendwie vorhersehbar geworden. Wir werden brav im jährlichen Rhythmus mit einem neuen Insidious, einem neuen Conjuring oder einem neuen wasauchimmerderName gefüttert. Alles wiederholt sich, am Ende gibt es den typischen Twist. Zwischendrin gibt es Filmchen wie das Evil Dead Remake, die nur davon zu leben scheinen, dass doppelt soviel Blut und Eingeweide durch die Gegend fliegen. Der psychologische Horror, der aus dem Alltag resultiert, hat sich scheinbar aus dem Horrorgenre weitestgehend verzogen. Wie gut, dass mit "The Babadook" genau diese Elemente wieder ins Horrorkino zurückkommen. Nebenbei ist der Babadook selbst noch verdammt gruselig. Was den Film so eindrucksvoll macht, könnt ihr hier nachlesen. Ich war jedenfalls an einem Nachmittag im letzten Jahr im Kino überaus angetan von dieser kleinen Perle.



Amelia hat es nicht leicht. Auf dem Weg ins Krankenhaus, wo sie ihren Sohn zur Welt bringen wollte, gerät die junge Familie in einen Unfall. Sie und ihr Sohn, Samuel, überleben, doch ihr Mann schafft es nicht. Samuel ist ein Kind mit einer sehr, sehr reichhaltigen Fantasie. Mit seinen sieben Jahren bastelt er allerhand Waffen, um seine Mutter und sich vor den allgegenwärtigen Monstern zu beschützen. In der Schule eckt er an, seine Tante hält ihre Tochter ebenfalls von ihm fern. Amelia arbeitet in einem Pflegeheim, und den Verlust ihres Mannes hat sie nie verkraftet. So darf Samuel seinen Geburtstag nicht am richtigen Tag feiern, und ihr toter Mann schwebt wie ein Schatten zwischen Mutter und Sohn. Als dann auf mysteriösem Weg ein Kinderbuch mit dem Namen "Der Babadook" auftaucht, welches verspricht dass man den Babadook nicht mehr los wird, bis er einen umgebracht hat, geht für die kleine Familie die Hölle auf Erden los. 

The Babadook lebt oberflächlich natürlich in erster Linie von seinen Horroreffekten. Hauptsächlich spielt der Film in Amelias Haus. Dieses scheint nur in grau-blauen Farben gestrichen zu sein, dazu ist es alt und quietscht an allen Ecken und Enden. Sozusagen die perfekte Kulisse. Besonders lobenswert ist in diesem Umfeld ist die Figur des Babadook selbst. Handgemachte Effekte, eine Figur die einfach wundervoll ausgeleuchtet wird und dadurch viel von ihrer Gruseligkeit gewinnt, ein Spiel mit Licht und Schatten. Messerscharfe Zähne in einem verzerrten Grinsen, das langgezogene Röcheln, mit dem er scheinbar nur seinen eigenen Namen sagen kann: Der Babadook ist irgendwie unzeitgemäß und dadurch schwer einzuordnen, aber eindrucksvoll. Los wird man ihn nicht, und er kann überall sein, überall auftauchen. Jennifer Kent beweist hier einige Kreativität, sieht man den Babadook doch an so ungewöhnlichen Orten wie alten Filmen. Doch The Babadook als reinen Horrorfilm abzuheften, würde ihm nicht gerecht werden. 

Stattdessen verbirgt sich unter dem Deckmantel des Horrorfilms ein knallhartes Psychodrama. Natürlich ist das nicht unbedingt subtil. So sehr, wie Samuel jede Erinnerung an den Babadook aufrecht erhalten will, und so sehr wie Amelia versucht, den Babadook aus der Erinnerung der beiden zu verbannen, wird schnell deutlich worum es eigentlich geht: zwei Menschen, die auf ganz verschiedene Arten mit Verlust umgehen. So ist ab dem Moment, wo der Babadook in das Leben der beiden tritt, der Film nicht darauf beschränkt am Status Quo festzuhalten. Jede Handlung treibt konsequent das Mit- und Gegeneinander der Figuren an. Samuel zerbricht beinahe am Konflikt. Kann er seine Mutter beschützen? Kann er sich selbst beschützen? Und Amelia gelangt an die Grenzen ihres Vermögens, scheint an der Rolle der Alleinerziehenden zu scheitern. Beide werden zu einer Gefahr für den anderen und für sich selbst. Je länger das Spiel geht, desto mehr scheinen die traditionellen Rollen von Beschützer und Kind vertauscht zu werden. Allem übergeordnet steht die Angst eines Elternteils, sein Kind nicht vor allem beschützen zu können. Es dürfte eine der größten Ängste sein, denen Eltern sich stellen müssen.

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Gelobt werden müssen hier auch die Schauspieler. Noah Wiseman ist ein wahrer Glücksgriff. Wie oft wird man in Filmen mit Kinderdarstellern konfrontiert, die nuscheln, flüstern, nicht wissen was sie tun sollen. Woher auch, handelt es sich ja um Kinder. Schauspieler entstehen ja nun einmal nicht am Fließband. Doch Wiseman ist umwerfend gut. Absolut liebenswert in der einen Sekunde, und der kindgewordene Terror in der nächsten. Ob er nun den Schulterror spielt, den Jungen der im kindlichen Eifer das ganze Haus auseinandernimmt oder das verängstigte Kind, welches des Nachs zu seiner Mama ins Bett krabbelt, die Performance trifft den Nagel auf den Kopf. Ihm gegenüber steht Essie Davis als dauergestresste Mutter. Alleinerziehend versucht sie, Kind und Job unter einen Hut zu bekommen. Doch der Tod ihres Mannes bereitet ihr immense Probleme bei dieser Aufgabe. Wie sie versucht ihr Kind zu lieben, und gleichzeitig immer einen gewissen Abstand zu ihm hält, ist so fein ausnuanciert, ergänzt das Spiel ihres kindlichen Gegenparts perfekt. 

Jennifer Kent, die Regisseurin des Films, hat hier zweifelsohne ein kleines Meisterwerk abgeliefert. Beklemmend, bedrohlich und stellenweise auch einfach nur brutal, dabei aber niemals simpel. Unweigerlich müssen Vergleiche wie Kubrick's Meisterwerk "Shining" fallen. Angenehm löst Kent sich von der Unart der Filmemacher, auf Nummer sicher zu gehen. Der Babadook hat nicht nur ganz prächtige Zähne, er weiß sie auch gekonnt einzusetzen. Gänsehaut sollte hier garantiert sein. Die Auflösung mag für den ein oder anderen seltsam anmuten, ist aber konsequent durchgedacht und macht Sinn. Wem der gefühlt zehnte Teil von "Conjuring the Insidious Saw" zum Halse raushängt, darf sich gerne hieran versuchen. Wer auf gruseliges Psychokino steht und keine Angst davor hat, in den verängstigten Kopf eines kleines Kindes hineinzublicken, sollte sich ebenfalls zuhause fühlen.

Infos zum Film
Originaltitel: The Babadook
Genre: Thriller, Horror, Drama
Laufzeit: 92 Minuten
FSK:
Regisseur: Jennifer Kent
Darsteller: Essie Davis, Noah Wiseman, Tim Purcell

Trailer



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