Recap: The Leftovers Season 1 Episode 9: The Garveys at their Best

Die schlechte Nachricht gleich zum Anfang: Nächstes Wochenende ist Labor Day in den USA, die Leftovers machen also eine Pause und kommen erst am 7.9. wieder zu uns, und zwar direkt nach dem Start der letzten Staffel Boardwalk Empire. Ich schlage vor die Zeit bis dahin zu nutzen und die ersten acht Folgen nochmal anzusehen, nach der letzten Folge dürfte das recht unterhaltsam werden.Kommen wir also zum Recap, in dem, und wer hätte das gedacht, so viele Fragen beantwortet werden wie in keiner Folge zuvor. Es ist also Zeit für die wöchentliche Tiefenanalyse auf dem bequemen Sofa. Also, lehnt euch zurück, schließt die Augen und erzählt...ich meine natürlich: macht es euch bequem und lest, was so passiert ist. 

Erstmal bitte: Hände hoch wer noch gedacht hat, dass der Titel der Episode nur ironisch gemeint sein kann? Dann bitte Hände hoch wer dachte, dass Kevin einen Weg gefunden hat, Pattis Tod zu verschleiern. Ich jedenfalls bin den Leftovers am Anfang dieser Folge voll ins Netz gegangen. Stattdessen ist alles ganz anders und wir erleben die letzten zwei Tage vor dem großen Verschwinden.
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Zunächst begleiten wir Kevin wieder einmal beim joggen. Aber er wirkt ungewöhnlich unbelastet. Unter einer Mailbox hat er Zigaretten versteckt, und im Wald bemerkt er ein seltsames Leuchten. Als er in ein riesiges Haus zurückkehrt und im Hintergrund eine brünette, verschwommene Frau zu sehen ist, besteht aller Grund zur Annahme dass die Serie einen Sprung nach vorn gemacht hat und Kevin jetzt mit Nora zusammenlebt und es irgendwie geschafft hat, Pattis Tod zu verbergen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Kevin lebt mit Laurie zusammen und die beiden scheinen glücklich. Am Abend steht eine Party an für die noch ein Kuchen geholt werden soll, außerdem wollen sich Laurie und Kevin bei einem Hundezüchter treffen um einen Welpen anzuschauen. Als dann noch eine Zahnspange tragende, fröhlich vor sich hinsingende Jill die Szene betritt, scheint die Idylle perfekt.

Auch auf der Arbeit läuft es ein wenig besser als es aktuell der Fall ist. Sein Vater ist Polizeichef und es entsteht der Eindruck, dass Kevin nur geduldet wird weil sein Vater Everbody's Darling ist. Aber Kevin scheint sich wenigstens selbst im Griff zu haben. Was auffällt: Lou ist schon vor der Departure ein Idiot gewesen. Er macht Witze über Kevin, wo es nur geht. Falls ihr euch fragt, wer zur Hölle der Typ ist: Er hat in der dritten Folge Matt zusammengeschlagen, ruft trotz Kevins Ansage auf eigene Faust das FBI hinzu und ist auch einfach so irgendwie ein Idiot. Wahrscheinlich wird er mal Chef von irgendwas.

Nora kämpft indes mit ihrem Leben als Vollzeitmutter. Ihr Mann ist geistig abwesend, ihre Kinder terrorisieren sich gegenseitig und sie hat scheinbar keine ruhige Minute. Wenn Doug sich am Morgen nicht daran erinnern kann dass er die Kinder zur Schule bringen soll, vergisst dass seine Frau ein Vorstellungsgespräch hat und am Abend viel zu spät nach Hause kommt und sich für seine Familie kaum interessiert, ist es nicht schwer nachzuvollziehen wieso Nora etwas eigenes haben will. Ihre Ehrlichkeit bringt ihr Pluspunkte bei Lucy, die gerade ihre Kampagne vorbereitet um Bürgermeisterin zu werden. Auch, wenn jeder davon ausgeht dass sie keine Chance hat. Lucy scheint darüber hinaus irgendetwas mit Kevins Vater am laufen zu haben, die enge Vertrautheit der beiden impliziert dies jedenfalls. Doch obwohl es ihr scheinbar zuviel ist, bleibt Nora ruhig und gibt sich Mühe, die perfekte Hausfrau und Mutter zu spielen. Doch wenn sie zu Lucy sagt, dass sie, falls sie den Job bekommt, in den nächsten vier Wochen bis zur Wahl faktisch keine Familie hat, wird deutlich wie sehr sie sich nach einem anderen Sinn und Zweck in ihrem Leben sehnt.

Tommy, der bisher anscheinend nur unterfordert war, fügt sich ebenfalls ins Familienbild mit ein. Kevin muss ihn abholen, nachdem er zum wiederholten Male seinen leiblichen Vater besucht hat. Dieser will mit seinem Sohn nichts zu tun haben und wurde scheinbar sogar handgreiflich. Kevin stellt ihn kurzerhand zur Rede, verpasst ihm einen Denkzettel und rät Tommy dann dazu, manche Dinge einfach besser zu verdrängen, damit man sich nicht damit auseinandersetzen muss. Laurie allerdings rät ihrem Sohn zum genauen Gegenteil, nämlich einer detaillierten Auseinandersetzung. Da sie, dem großen Haus nach zu urteilen, sehr erfolgreich in ihrem Job als Psychologin ist, scheint Tommy ihr ein wenig mehr zu glauben. Klar wird auch, das Tommy scheinbar der perfekte große Bruder für Jill ist, die beiden wirken absolut glücklich als Geschwister. Auch wenn Jill weiß, dass etwas mit ihren Eltern nicht in Ordnung ist, für sie scheint die Verdrängungstaktik zu funktionieren.

Schon in dieser ersten Hälfte der Folge machen sich aber einige sonderbare Situationen bemerkbar. So ist Patti eine Patientin von Laurie. Nicht nur ist sie traumatisiert da ihr Ex-Ehemann ihr anscheinend etwas angetan hat und sie sich selbst die Schuld gibt und Dinge, die ihr Mann zu ihr sagt, glaubt, sie hat auch das ungute Gefühl dass etwas passieren wird. Laurie scheint dieses Gefühl von ihr schon zu kennen und bittet sie, damit aufzuhören sich die Schuld an ihrem Schicksal zu geben. Kevin wird im Wald zuerst von einem unerklärlichen Leuchten, dann von einem Wagen voller Fremder und schließlich von einer explodierenden Gasleitung heimgesucht. Und dann ist da noch das Reh, dass verwirrt in Häuser einbricht und sich nicht fangen lässt. Die Lösung für all diese Mysterien wird in der zweiten Hälfte der Folge geliefert. Doch zunächst gibt es eine Party für Kevins Vater, der scheinbar Mapleton Man of the Year geworden ist. 

Und diese Party markiert den Wendepunkt in vielerlei Hinsicht. Nachdem Matt eine sehr ergreifende Rede hält, richtet auch Kevin einige Worte an seinen Vater. Als die beiden wenig später die Gelegenheit haben, sich unter vier Augen zu unterhalten, wird schnell deutlich, dass Kevin nicht erst seit dem Verschwinden der Menschen innerlich kaputt ist. Wenn er seinem Vater gesteht dass er keine Ahnung hat, wieso ihm ein Job, ein Haus und seine Familie nicht genug sind, und sein Vater ihn dafür in die Schranken weist ist klar, wieso Kevin auch nach dem Verschwinden so getrieben wird. Wer schon vor einem solchen Ereignis den Sinn nicht sieht, wie soll das funktionieren wenn die Dinge, die Sinn stiften sollen, zerschlagen werden? Dass es in ihm brodelt merken wir im späteren Gespräch mit Laurie. Die riecht den kalten Rauch der morgendlichen Zigaretten und stellt Kevin zur Rede. Ihr ist egal ob er raucht oder nicht, sie will nur nicht angelogen werden. Kevin nutzt die Gelegenheit direkt und macht deutlich, dass er keinen Hund will und der Sache nur zugestimmt hat, weil Laurie den Hund wollte. Er verabschiedet sich überaus freundlich mit einem "fuck you". 
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Als dann das verwirrte Reh erneut auftaucht und Kevin es sich zum Ziel gemacht hat, das Tier vor dem Tod durch die anderen Polizisten zu bewahren, trifft er auf die Frau, die das Reh letzten Endes überfährt. Und mit der er, nach einem kurzen Moment des Zögerns, im Bett landet. In einem Motel. Laurie ist derweil beim Arzt und trifft dort auf Mary. Die wiederrum wartet auf Matt, der mit erneutem Krebsverdacht beim Arzt ist. Als der Verdacht sich nicht bewahrheitet, wollen die beiden feiern gehen. Laurie ist allerdings zur Untersuchung gekommen, weil sie schwanger ist. Tommy und Jill sind bei einer Schulveranstaltung von Jill und haben dort eine Menge Spaß während sie mit anderen Schülern zusammen ein Experiment durchführen. Und Nora wartet auf den Rückruf zu ihrem Bewerbungsgspräch, während ihre Familie sie an ihre nervliche Grenze treibt. Es sind Momentaufnahmen in zahlreichen Leben, so divers wie das Leben selbst. All diese Figuren stehen an so unterschiedlichen Orten, sind in so unterschiedlichen Situationen gefangen, versuchen auszubrechen, den Sinn zu finden der sie leiten soll. Es ist die Musik, welche diese Serie eröffnete, die den Zuschauer aus dieser Momentaufnahme reisst, nur wenige Sekunden bevor sich das Leben der Menschen innerhalb der Serie für immer verändern wird. Und es ist wie ein Tritt in die Magengrube, wenn man erkennt, was die plötzliche Stille, die Hand die ins Leere greift, der Orangensaft der vom Tisch tropft, die Tatsache dass man auf einmal allein im Bett ist und der leere Blick in Lauries Augen zu bedeuten haben. Kaputt waren all diese Figuren vorher schon, jede auf ihre Weise. Das Verschwinden lastet auf diese geschundenen Schultern mehr auf, als sie tragen können. 

Ich denke, diese Folge liefert einiges an Erklärungen für das Verhalten der Figuren nach dem Verschwinden. Laurie ist im Begriff, ihre Ehe zu verlieren, und dann verliert sie ihr ungeborenes Kind. Es ist nahezu unvorstellbar wie schrecklich eine Fehl- oder Totgeburt sein muss, wie es sich anfühlt wenn das eigene Kind einfach so verschwindet...ich jedenfalls kann und will das garnicht nachvollziehen, es muss brutal sein. Denn für eine Fehlgeburt im klassischen Sinne gibt es meistens ja wenigstens noch eine medizinische Erklärung. In diesem Fall aber gibt es nichts, nur Leere. Das Laurie sich also den GR anschließt, zumal Patti ja zuvor mit ihrem Gerede davon, dass etwas passieren wird, sicherlich eine Art Vorhersehung getroffen hat, ist nachvollziehbar. Auch wenn fraglich ist, ob Patti wirklich wusste, was passieren wird. Denken wir nur mal an die Leute auf dem Jahrmarkt, die einem aus der Hand lesen wollen. So wirklich recht haben die mit ihren generellen, auf guter Menschenkenntnis basierenden Aussagen auch nie. Doch wir haben auch gesehen, wie sehr Laurie ihre Kinder liebt, und wie sie sich ein besseres Leben für die beiden wünscht, ein glückliches Leben. Ist es nicht auch irgendwo dieser Leitgedanke, der wirklich gute Eltern ausmacht? Vielleicht gelingt es Jill und Tommy gemeinsam, ihre Mutter wieder ins Leben zu holen. Denn wie Laurie selbst sagt, verdrängen funktioniert auf Dauer nicht. Und die Kettenraucherei soll zwar als lebendige Erinnerung an das Ereignis dienen, im Grunde ist es aber auch nur Stillstand und keine aktive Bewältigung des Traumas. Es wird ebenfalls deutlich, dass die Teilnehmer der GR allesamt Menschen sind, die im Grundverständnis des Verschwindens niemanden verloren haben. Gladys hatte nur ihre Welpen, Patti wurde bereits aus ihrem eigenen Haus geworfen, Meg hat noch einen Verlobten und auch Laurie hat eigentlich noch ihre Familie intakt.
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Klar wird auch, das Kevin schon vorher Probleme hatte. Er schläft schlecht und ist unruhig, und er ist unzufrieden mit seinem Leben. Um dies zu untermauern tauchen unerklärliche Risse in der Hauswand auf, außerdem scheint seine Kaffeetasse kaputt zu sein. Macht es ihm zu schaffen, das Laurie das meiste Geld nach Hause bringt? Dass er seinen Job einem eindeutigen Fall von Nepotismus verdankt? Klar wird, dass er und Laurie völlig verschiedene Menschen sind. Dies wird an ihren unterschiedlichen Verarbeitungsmechanismen deutlich gemacht, es wird aber in der Retrospektive noch deutlicher wenn es Kevin ist, der bleibt, weil er die Vergangenheit verdrängt, während Laurie den aktiven Umgang mit dem Ereignis im Beitritt der GR sieht. Klar ist auch, dass das Reh eine eindeutige Parallele zu Kevin ist. Es ist verwirrt, eingesperrt, scheinbar ziellos. Reagiert Kevin deswegen so harsch, wenn Laurie in spöttischem Ton darauf hinweist, dass er das Reh besser retten sollte? Ist es wieder ein klarer Fall von Foreshadowing, wenn Kevin das Reh einfach betäuben und in den Wald bringen will? Erkennt Kevin die Parallele zwischen ihm und dem Tier und landet deshalb mit der Fremden im Bett? Weil ihm klar wird, dass er sich selbst nicht retten kann? Klar ist, dass das Verschwinden ihn als Menschen eigentlich nicht geändert hat. Sowohl davor als auch danach ist er auf der Suche nach dem Sinn hinter der ganzen Sache.

Kommen wir noch zu Nora die besonders im Bezug zu ihrer Aussage, dass sie im Falle einer Zusage keine Familie haben wird, ein klares Beispiel dafür ist wie sehr die beiden Geschwister Jamison die Finger vom Wünschen lassen sollten. Wir alle tragen uns mit dem Gedanken durchs Leben, einen eventuellen Abschied von einer geliebten Person so glatt wie möglich hinzukriegen. Man will, dass die letzten gewechselten Worte liebevolle Worte sind, man möchte Zeit miteinander verbringen, wirklich miteinander und nicht nur zusammen. Noras Erinnerung an den letzten Moment mit ihrer Tochter wird für immer sein, dass sie die Kleine zum weinen gebracht hat. Neben der, nennen wir es mal vorsichtig generellen Schuld, überlebt zu haben, dürfte vor allem dies besonders schwer wiegen. Was sie wollte war ein Moment der Ruhe, ein Moment für sich. Auch hier gilt: sei vorsichtig was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.

Es wird aber auch mehr als deutlich, dass die Dinge schon davor im Argen lagen. Jeder war auf seine Weise unglücklich und unzufrieden mit etwas. Das Verschwinden gibt dieser Unzufriedenheit ein Ventil, lässt diese Gefühle ungefiltert an die Oberfläche kommen, wo sie sich hinter einem Vorwand verstecken können. Was bleibt ist der gespenstische Gedanke, dass scheinbar auch Menschen verschwunden sind, die in diesem Moment von jemandem als Fehler angesehen wurden. Dies mag sicher nicht auf alle zutreffen, doch im Fall von Nora, Lauries Baby und der Frau, die bei Kevin war, dürfte es sicherlich treffend sein. Erinnern wir uns auch an die Frau auf dem Parkplatz, die auch eher genervt von ihrem schreienden Baby war. Es wäre so viel einfacher, wenn es nicht solchen Spaß machen würde, solche Theorien aufzustellen. 

The Garveys at their Best ist eine eindrucksvolle Folge, die sich kurz vor dem Finale die Zeit für eine Rückblende nimmt, unter deren Einfluss man getrost die ganze Serie noch einmal von Anfang an schauen kann. Die Handlungsweisen der Hauptfiguren werden nachvollziehbarer, und zwischendrin tauchen sogar ein oder zwei scheinbar unbeschwerte Momente auf. Dieses Luftholen vor dem Finale ist wohltuend und gibt alle Zeit der Welt, sich gebührend vorzubereiten auf die Dinge, die da noch kommen werden.

 
Wahllose Gedanken zum Schluss
  • Nun wissen wir also, dass Patti tatsächlich eine Papiertüte voller Exkremente vor der Tür ihres Ex abgestellt hat. Auf Lauries Rat hin.
  • Die älteren Leute, in deren Haus das Reh eingebrochen ist, sind die Eltern des geistig behinderten Jungen, die Nora in der zweiten Folgen interviewt hat. 
  • Mary hat das Auto also nur gefahren, weil Matt feiern wollte dass er keinen Krebs hat. Das dürfte zu seiner eigenen, aktuellen Misere einiges beitragen.
  • Das Gedicht, aus dem Kevin zitiert: "A Man said to the Universe" von Stephen Crane. Der Song, den er morgens beim joggen hört: "The Girl from King Marie" von Jody Reynolds.
  • Jill hat sich The Naked and Famous mit "Young Blood"angehört und mitgesungen. Ihr kennt den Song vermutlich aus einem von gefühlt hundert Werbespots für diverse, sehr innovative Produkte die euer Leben besser machen.
  • Macht auch absolut Sinn, sein Cardiotraining mit ner Kippenpause zu unterbrechen, Kevin. 
  • "The foot feels the foot when it feels the ground" ist mal wieder deeper shit. Ein Fuß ist erst dann ein Fuß, wenn er eine Erfahrung mit seinem Ich gemacht hat, also beispielsweise den Boden berührt hat und somit weiß, dass und wie er existiert und seinen natürlichen Zweck erfüllt hat. Nimm das, du eines Semester Philosophie im Nebenfach!
  • Postboxen, Rehe und Hunde waren allgegenwärtig in dieser Folge.
  • Ob Gladys den GR beigetreten ist, weil ihre Hunde durchgedreht sind? Sie schien die Tiere so zu lieben, wundern würde es mich nicht.
  • Es ist eine beruhigenden Konstante, dass Kevin schon vor dem Verschwinden Probleme mit dem Essen auf der Arbeit hatte.
  • Lost, die 29747392ste: Kevins Musik jeden Morgen hat mich an Desmond und "play our own kind of music" erinnert. Wer gerne in süßer Erinnerung schwelgen will: *klick*

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