Recap: The Leftovers Season 1 Episode 5: Gladys

Wir alle kennen Gladys. Die Frau bei den GR, die vermutlich den bösesten Blick drauf hat. Die am längsten vor fremden Häusern steht, und die selbst noch der Hilfsbereitschaft des Reverend ihr eisiges Schweigen entgegensetzt. Während ich mich also, hauptsächlich wegen des Episodentitels, mächtig darauf gefreut habe mehr Backgroundstory zu bekommen, musste ich mir auch schon ansehen, wie Gladys nach einer kurzen Visite in Pattis Büro, in dem Tränen flossen, stirbt. Oder vielmehr: ermordet wird. Oder vielmehr: gesteinigt wird. Als ihre Kollegin kurz die Toilette der Tankstelle aufsucht, wird sie von Unbekannten, maskierten Leuten in den nahen Wald gezerrt, an einen Baum gefesselt und gesteinigt. Immer weiter fliegen die Steine, treffen ihr Gesicht, zerstören es völlig, Blut tropft auf den Boden. Die Steine hören auf zu fliegen als Gladys spricht, darum bittet und fleht, aufzuhören. Nach einer kurzen Pause trifft ein letzter Stein und tötet sie. 
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Was diese Szene beinahe unerträglich macht, ist die Tatsache, dass die Kamera zu keiner Sekunde versucht, etwas auszublenden. Dreizehn Mal hört man das ekelhafte Geräusch von brechenden Knochen und Knorpel. Je weicher Gladys Gesicht wird weil ihm die Struktur der Knochen abgeht, desto widerlicher wird dieses Geräusch. Wir sehen ein Gesicht, dass Steinwurf für Steinwurf seine Menschlichkeit verliert, herausgeprügelt bekommt. Die Nähe der Kamera zu Gladys erweckt beinahe das Gefühl, dass die Steine nicht nur auf sie, sondern auf den Zuschauer geworfen werden. Und obwohl wir als Zuschauer Gladys kaum kannten und das Letzte was wir davor von ihr gesehen haben war, dass sie an einem gefallenen Mann einfach vorbeigeht, fühlt es sich unglaublich falsch an, dass sie stirbt. Und vor allem, auf diese widerliche, entwürdigende, unmenschliche Art. Wer auch immer die Steine geworfen hat, hätte aufhören können als sie angefangen hat zu sprechen, als jedem klar wurde dass sie trotz ihres Verhaltens eben auch ein Mensch ist, der leben will. Wie wir alle. Hätte...

Was uns natürlich zur Frage bringt: wer hat Gladys getötet? Als die halbe Stadt wegen des Mordes zusammenkommt und eine Ausgangssperre verhängt wird, spricht Dean (der also wirklich real ist) an, was sich vermutlich viele dachten: Wenn Gladys am Anfang Tränen in Pattis Büro vergießt und Patti ihr verschwörerisch zunickt, tut sie das, weil sie als Märtyrer auserkoren wurde? Wir erfahren später, dass ihr Sohn im Jemen gestorben ist. Vielleicht weint sie auch deshalb. Auch der Reverend käme in Frage. Zwar hat er ein Alibi und auch sein restliches Verhalten in der Episode wäre unpassend, aber wir wissen ja alle, dass er auch anders kann. Kevin's Gespräch mit der AFTEC lässt noch die Vermutung zu, dass die Regierung damit zu tun haben könnte. Aber ich würde aus dem Bauch heraus den GR oder mindestens mal Patti die Schuld an diesem Verbrechen zuschieben. Mal sehen, ob wir dazu noch etwas erfahren werden. 
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Der Mord an Gladys bringt Kevin jedenfalls in eine für ihn ungewohnte Lage: So ziemlich als einzige Person in der ganzen Stadt will er die GR nun beschützen. Vermutlich hauptsächlich, weil seine Frau Mitglied ist. Er verhängt die Ausgangssperre, und einmal in ihrem Leben kooperiert selbst Patti. Um das Schweigegelübde zu umgehen, verteilt er außerdem Trillerpfeifen, auf welche die Polizei reagieren wird. Laurie, die auch dabei war als Gladys gefunden wurde, erleidet mittlerweile eine handfeste Panikattacke. Patti nimmt sie also kurzerhand mit auf einen Ausflug. Die beiden fahren in ein Motel und leisten sich den Luxus eines eigenen Zimmers. Laurie scheint sich seit ihrem Beitritt in keinem Spiegel mehr gesehen zu haben und genießt auch sonst die Vorzüge eines voll ausgestatteten Zimmers. Am nächsten Morgen liegen normale Klamotten neben ihrem Bett und Patti wartet im Restaurant auf sie. Und sie spricht. Ich meine mich dunkel daran zu erinnern, dass Laurie früher Psychologin war, falls dem so wäre würde ich mein letztes weißes Hemd darauf verwetten dass Patti ihre Patientin war.  

Laurie weigert sich jedoch, mit Patti zu sprechen, also bleibt Patti nur ein langer, verwirrender Monolog. Wir erfahren etwas von ihrer und Gladys Backgroundstory, und es wird deutlich dass selbst eine Anführerin wie Patti noch menschliche Züge in sich trägt. Als die beiden nach diesem langen Tag wieder nach Hause kommen, erwartet sie bereits Meg, die nun ein vollwertiges Mitglied ist und sich ebenfalls in weiß gekleidet hat. 

Kevin kämpft in dieser Folge außerdem mit seinem Kleiderschrank. Seine ganzen weißen Hemden sind verschwunden. Ein Besuch im Waschsalon bringt ihm auch keine neuen Hemden, dafür aber die Konfrontation mit einem sichtlich uninteressierten Mitarbeiter. Ähnlich wie schon in der Folge mit dem verschwundenen Bagel stattet Kevin dem Ladenbesitzer nach Feierabend noch einen angetrunkenen Besuch ab. Der verängstigte Mensch erinnert sich nun doch an die Hemden und gibt Kevin acht weiße Hemden mit nach Hause, die er auch nicht bezahlen muss. Nun haben die Arbeitshemden von Kevin diese Aufnäher an den Schultern, die man bei seinen neuen Errungenschaften nicht gesehen hat. Hat er einfach so fremder Leute Hemden mitgenommen?
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Die Einmischung in den Fall durch die AFTEC liefert ein weiteres Stück an Information zum landesweiten Umgang mit Gruppierungen wie den GR. Nachdem Kevin seinen telefonischen Kontakt ewig und drei Tage lang nicht erreicht und am Ende feststellen muss, dass einmal eingeleitete Prozesse nicht aufzuhalten sind, eröffnet sich die erschreckende Tatsache dass sich um Morde dieser Art niemand kümmern wird. In den Nachrichten, die ganz zu Beginn der Folge im Hintergrund laufen, erfahren wir von einer Art Anschlag der Regierung auf das Haus eines solchen Kults. Als der Agent ihm am Telefon anbietet, ein paar Leute vorbeizuschicken und sich "um das Problem zu kümmern, dass danach garantiert nicht wiederkommen wird", wird Kevin klar, dass er langfristig einen Kampf gegen Windmühlen führen wird, wenn er die GR verteidigen will.

Einziger Schwachpunkt in der Serie bleibt bisher für mich Jill. Wenn sie ihre Hand ins Feuer hält und Aimee fragt, ob das schon alles ist, was sie kann, bleibt mir nur, zuzustimmen. Ich bin mir nicht sicher ob es daran liegt, dass die Autoren nicht so recht zu wissen scheinen, wie man Teenager anständig schreibt, oder ob das so Absicht ist. Wobei ich ihr zugestehen muss dass sie in dieser Folge einen großen Moment hatte. Wenn Kevin in der Schule auftaucht und sie für eine Sekunde annimmt, dass ihre Mutter gestorben ist, nur um dann festzustellen, dass ihre Mutter nicht um sie weinen würde, spürt man kurz den stechenden Schmerz, den ein verlassenes Kind empfinden kann. Als ihr Vater ihr eröffnet, dass er die Scheidungspapiere unterschreiben wird, muss auch Jill feststellen dass ihre Mutter einfach nur eine Person ist, die ihre Familie verlassen hat für ein Konzept, dass vielleicht in den Ansätzen noch irgendwie greifbar ist, dessen Ausführung aber bar jeder Vernunft läuft.

Laurie, die in der ganzen Folge sichtbar unsicherer wurde, demonstriert ihre Entschlossenheit am Ende. Als Reverend Matt mit ein paar anderen vor dem Haus der GR auftaucht und eine Nachrede auf Gladys hält, während die anderen Leute schweigend Kerzen in der Dunkelheit tragen, stürmt sie hinaus. Die kurze Annahme, dass sie wieder in das normale Leben zurückfindet, wird jäh zerstört als sie Matt mit der Trillerpfeife entgegentritt. Es ist ein Duell der besten Schauspieler. Amy Brenneman, die in der ganzen Serie nicht spricht und all ihre Emotionen stillschweigend vermittelt auf der einen Seite, Christopher Eccleston, dem das Entsetzen und die Resignation ins Gesicht geschrieben steht auf der anderen. Lauries Verhalten spiegelt exakt jenes Verhalten dieser fanatisch religiösen Menschen wieder, die nicht in der Lage sind andere Meinungen auch nur anzuhören. Eine unglaublich kraftvolle Szene, die trotz ihres Schweigens am Ende Bände spricht. 
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The Leftovers entwickelt sich zur Staffelhalbzeit zu einer Serie, die den Horror derjenigen, die überlebt haben, greifbar macht. Mir ist selten eine Serie untergekommen, die so deprimierend sein kann, gleichzeitig ist es aber auch eine detaillierte Charakterstudie über den Umgang mit Verlust. Wenn der Reverend sein Bibelgleichnis auspackt wird deutlich, was die GR zu so einer Belästigung macht. Es lässt sich nunmal nicht verleugnen, dass 140 Millionen Menschen einfach so verschwunden sind. Kulte wie die GR erinnern die Hinterbliebenen jeden Tag daran, einfach nur weil es die Wahrheit ist. Und die Wahrheit lässt sich nur schwer verdrängen. Wenn selbst der Apostel Thomas damals schon erkannte, dass es einfacher ist, ruhig zu sein, dann gilt dies uneingeschränkt auch in der Situation, in der die Figuren sich befinden. Doch es wird sich gegen das Schweigen entschieden, scheinbar mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Dass selbst die Regierung vor dieser Situation kapitulieren muss, wird ebenfalls deutlich wenn Agent Kilaney anbietet, sich um das Problem zu kümmern. Es wurde schon deutlich im Umgang mit Wayne und seinen Leuten, und am Ende dieser Folge, wenn die Leichen fein säuberlich aufgereiht in der Halle liegen und wir Gladys bis zu ihrer Verbrennung begleiten. Sie werden nicht als Menschen behandelt, sondern als Abfall. Die Kapitulation ist gleichzeitig die Eröffnung eines viel schlimmeren Szenarios: Andersdenkende werden verfolgt, vielleicht noch halbherzig heimlich, aber für wie lange noch? 

Tom Perrotta, der das Buch geschrieben hat, auf dem die Serie basiert, hat selbst erklärt, dass diese Geschichte eine Allegorie auf 9/11 darstellt. Auch damals verschwanden Menschen, musste mit dem plötzlichen Verlust umgegangen werden. In der Serie gibt es scheinbar Krieg im Jemen, wir alle wissen wie es nach 9/11 gelaufen ist mit dem Krieg in anderen Ländern. Konflikte um Religion weiten sich aus. Darin wird auch die letztendliche Lösung dieser Serie liegen. Wir werden ziemlich sicher niemals erfahren, wieso diese Menschen verschwunden sind. Aber wir werden Zeuge der Veränderungen, die ein solcher Einschnitt in das Leben der Hinterbliebenen haben kann. Wir werden sehen, wie eine ganze Gesellschaft dem Abgrund entgegenschlittert im aussichtslosen Kampf um die Wiederherstellung einer Ordnung, die sie selbst geopfert hat. Schon Benjamin Franklin sagte im Jahr 1775: They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.

Wahllose Gedanken zum Schluss:
  • HBO, irgendwann reicht es auch mal damit, dauernd Leute zu zeigen, deren Köpfe zu Brei verarbeitet werden. 
  • Wer ist Neil? Wieso nimmt die die Tüte mit auf die Toilette? Gehört Patti zu den Leuten die es witzig finden, eine Tüte voller Scheisse vor die Haustür anderer Leute zu stellen? WHAT'S IN THE BAAAG???
  • Coming up on The Leftovers: Was wird als nächstes verschwinden? Erst Menschen, dann Bagel, Baby Jesus und nun Shirts. Außerdem: welche technische Errungenschaft wird Kevin als nächstes das Leben schwer machen?
  • Die Kameraarbeit während Lauries Panikattacke war wirklich grandios. 
  • Was ist das bitte für ein Arzt, der Tabletten verschreibt wie Smarties? Unfassbar.
  • "I say 'fuck', too". Ich mag den Reverend.